8
Feb
2016

Heimat

Ich wurde mitten hineingeboren. Früh nahm ich sie wahr – nicht bewusst. Später dann an den Sonntagen in fröhlicher Erkundung, schnellen Schritts – auch jammernd und klagend, aber doch voller eindrucksvoller Erlebnisse. Einen Schritt vor den anderen setzen, manchmal vorlaufen und wieder zurück, mit den Erwachsenen reden, mit den Kindern tollen. Sich verirren, verloren gehen in nasser Kälte am Rande des Abgrunds. Die Eltern weit weg. Und doch gerettet – was für ein Glück. Wie das Glück manchmal, wenn sich die Natur in aller Schönheit zeigt, wenn sie mit Silberdisteln und Walderdbeeren belohnt, mit Eichkatzeln und Rehen, mit Hüttenrast und Gipfelsieg, mit Würfelpoker und Waldtschick, mit wundervoller Aussicht. Weit, ganz weit, aber dann muss man wieder hinunter, wenn man zu den Menschen will. Oben ist es einsam. Oder auf Schiern, erst hinauf getreten, dann hinauf gefahren, hinunter geglitten. Weniger einsam. Was für ein Erlebnis. Ein wenig klettern – nicht extrem, nicht wie die Cousins, die mit der Gefahr, der Angst, dem Tod kokettieren. „Vermisst du sie nicht?“, wurde ich in Wien gefragt – von den Daheimgebliebenen und den dortigen. Nein, ich vermisse sie nicht. Allzu oft haben sie mir das Gefühl gegeben am Boden der Suppenschüssel zu sitzen, den Blick nach oben wenden müssen, um Himmel zu sehen und Anstrengungen zu überwinden um frei zu sein. Und außerdem: Ich verzichte nicht auf sie, ich habe sie nur aus meinem Alltag verbannt, ihre Omnipräsenz, hart und rau und immer mit Trutz verbunden, mit Kanten, Ecken, scharf, jeder Sturz tut weh, Steine bohren sich in Hände und Knie, die Natur verdreht einen, bringt einen zu Fall. Immer ein bisschen im Schweiße deines Angesichts – immer ein bisschen kalt auch. Nein, ich vermisse sie nicht. Wie die Sprache, immer wieder sind scharfe Kanten da, unter den Alpenrosen verborgen, unter Blumen, zwischen sprießendem Gras. Schon schön auch, aber irgendwie gefährlich. Bei Föhn ganz nah, klar, ein wenig auch wie die Spiegelsplitter des Teufels verzerrend. Schöne Welt, böse Leut, bis zum Kopfschmerz. Sie waren immer da oder ich war immer dort. Erst immer, dann oft, dann seltener, dann lange, dann öfter, jetzt länger nicht mehr. Ich denke an sie, sehr Bilder von ihnen, in den sozialen Medien, in meinen vier Wänden, in meinem Kopf. Ich bin mir bewusst, dass sie die Landschaft meiner Seele formten. Steine, Kupfer, wie aus der Spenglerwerkstätte des Großvaters, Silber, wie die Olympiamünzen, die der Vater gegen Neujahrswünschte verschenkte, Feldspan, Quarz und Glimmer, das vergess‘ ich nimmer, Kristallin, da und dort ein Bergkristall, Granaten, Schiefer, Katzengold, Werkzeug und Waffe in naturgegebener Schärfe, glucksendes Wasser, verborgen, sprudelnd, sich einen Weg bahnend, wie schön die Steine im Wasser, wie verblassen sie im Rucksack. Die Hände in einer Quelle baden, Speckknödelsuppe ans warme Dach einer Hütte gelehnt, die Aussicht von dort oben, die Heldinnen und Helden, mitten drin aufwachsen, den Kopf nach oben richten, schon schön, Wälder, abgetrotztes Leben, scheinbarer Überblick bis zum Nächsten. Und doch Abstand. Und trotzdem viel zu eng. Über allem der Herrgott, dort oben. Ich liebe sie, irgendwie, immer schon, noch, wieder. Nein ich vermisse sie nicht. Sie sind immer da, seit Menschheitsgedenken. Die Berge Tirols.

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Berg, das Zweite Wort für Dominik Leitners wunder-volles Projekt *.txt.
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