18
Apr
2016

Alles klar?

„Einen Klaren, bitte“, sagte sie und dann blickte sie tief ins Glas. Langsam wurden die Konturen scharf. Sie sah die alten Bilder. Präzise bis ins kleinste Detail. Hochaufgelöst, sagte man ihr. Sehen, sie hatte viel gesehen, immer schon. Die Stäbe des Gitters mit ihren Augen, Legosteine, die sie in präzisen Mustern Stunde um Stunde aufschlichtete in stets neuen Ordnungen, den Teller, der nicht zu den anderen passte, die Unordnung im Bücherregal, die ungleichen Kuchenstücke auf der Geburtstagstorte, Botschaften, Buchstaben, Augen, Münder.

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„Du siehst alles“, sagte die Mutter – wütend. Sie schämte sich und konnte gleichzeitig das Gesehene nicht ungesehen machen; es schien stets abrufbar in großer Schärfe. Sie las alles. Sie sah Briefe und die finanziellen Schwierigkeiten der Familie, die kleinen Geheimnisse ihrer Mama, die nackte Angst ihres Vaters beim Telefonieren, sie sah die Blicke, die niemand sehen hätte sollen, die geballten Fäuste, die feuchten Lippen. Sie sah ungeweinte Tränen und Zähne, die Worte vom Entkommen abhielten, sie sah Schultern sich hochziehen und kaum merkliches Zittern. Sie las in den Menschen. Klar. Sie sah all die Bücher, die sie las in Technicolor, 3 D, Seite für Seite mit dem gesamten Text. Klar. Ins Kino ging sie nie. Und trotzdem sah sie all die alten Filme auf dem kleinen Fernseher, den sie aus ihrem Kinderzimmer mitgenommen hatte. Sie hatte auch einen Videorekorder. Irgendwann hörte sie auf Filme zu sehen. Zu viele Bilder zu den eigenen.

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Für alle war es klar, dass sie Fotografin werden musste. „Bei deinem Blick“, meinten sie. Schon als kleines Mädchen war sie für ihr „Auge“ gelobt worden. Ihr Talent wurde gefördert. Die Menschen ließen sich gerne von ihr fotografieren, sie waren stolz auf die Bilder. „So schön bin ich ja gar nicht“, kicherten ihre Freundinnen. „Klar bist du das.“ Sie versuchte sich mit Makrofotografie am Gartenteich der Eltern. Sie liebte die Klarheit der Wassertropfen und Libellenflügel. Und den Tod, dort groß im kleinen. Die Mutter ließ die Bilder vergrößern fürs Wohnzimmer – später ersetzte sie sie durch Familienbilder. „So glücklich sind wir doch gar nicht“, kicherte sie. „Klar sind wir das“, - sie sah die zuckenden Mundwinkel, die nie geweinte Träne, das Beben der Halsschlagader. Und sie hatte die Mutter gesehen; letzte Woche, klar das Teleobjektiv half, aber sie hatte es nicht gebraucht, um sie zu erkennen.

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Sie wurde Fotografin. Studierte auf der Angewandten. Arbeitet für Agenturen und Zeitungen und manchmal gab es auch eine Ausstellung. Und irgendwann wich das „So schön ist das gar nicht“ dem „Mach das schöner“. Photoshop. Alles war möglich. Klar, dass ihre Fähigkeiten weniger gefragt waren, sie konnte nicht verändern, wollte es nicht, wollte das Schöne, den Augenblick sehen und nicht erschaffen. Eine Zeitlang versuchte sie sich als Portrait- und Eventfotografin. Alles von der Hochzeit über die Taufe, den 30er, 40er, 50er, 65er usw. bis zum Begräbnis. „So schön war das ja gar nicht“, sagten die Leute noch immer und während sie „Klar war es das“ log, sah sie all die anderen Augenblicke, in denen sie nicht abgedrückt hatte. Die verheulten Augen, das hämische Grinsen, die sich berührenden Beine unterm Tischtuch, der weiße Staub im Nasenloch, den Onkel mit der 14-jährigen.

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Abends taten ihr die Augen weh, aber die Bilder hörten nicht auf. Nicht einmal wenn sie vögelte die Augen fest aufeinander gepresst, um nur ja keine Schatten, Konturen, Spinnen, Lichtspiele wahrzunehmen; selbst dann liefen die Bilder Amok in ihrem Kopf, bevor sie sich endlich in eine gewaltige Explosion in dunklen Tönen auflösten. „Wie das Gegenteil von Heroin“, hatte Adrian gesagt. Ihr Drogenprinz, gezeichnet von Gift, Verderbnis und doch so schön. Irgendwo lagen noch die Kisten mit den Aktfotos in Schwarz-Weiß. In ihrem Kopf waren sie klarerweise stets in voller Farbe präsent. Das Ozeangrün der Augen, das blonde struppige Haar, die Zähne, bevor die Droge ganze Arbeit geleistet hatte. Adrian malte, sehr abstrakt. Ihre Liebe beruhte darauf, dass sie anders sehen als alle anderen und ging daran zugrunde, dass sie sich nie wahrnehmen konnten. Sie hatte den Hass in seinem Gesicht gelesen. Nach sechs Jahren.

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Später tat sie sich immer härter mit längerem Partnerschaften. Sie hatte zu viel gesehen, jeden Seitenblicken, jedes verborgene Augenrollen, die Botschaften auf den Handy – egal wie schnell sie sich zwang wegzusehen – die Bilder, die Worte blieben klar vor ihren Augen. Nur des Nachts, da schlief sie traumlos, da ließen sie die Bilder in Ruhe. Man hatte ihr erklärt, dass sie sich bloß nicht mehr an die Träume erinnern können – wie auch, ihr Tag begann indem sie die Augen öffnete und tausende Bilder, alte und neue in ihren Kopf strömten. Manchmal sogar zukünftige bildete sich ein.

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So hatte sie wohl die Arztpraxis gesehen, heute Morgen. Auch den Arzt mit den Befunden und den Bildern in seinen Händen, den Lichtkästen, die für Kundige den Unterschied zwischen krank und gesund signalisierten und für Unkundige unglaubliche Gemälde zeigen konnten. Sie sah Krebse und Wolken, Dämonenfratzen und Gesichter. Der Arzt sagte was von trüben Aussichten und „So schlimm wird das hoffentlich gar nicht.“ „Klar“, sagte sie.

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„Alles klar?“, der Barkeeper stand vor ihr. Sie sah das Brandloch auf der Theke und den feinen Schmutzrand auf ihrem Glas. Sie blickte ihn an, er sah müde aus, kurz zuckte sein Mundwinkel verächtlich, bevor er breiter, unechter, grinste. Sie lächelte unwillkürlich und er erwiderte ihren Blick. Sie trank jeden Abend hier. „Klare“ erst im letzten Jahr. Die Bilder wurden ihr zu viel, sie musste sie wegschwemmen, runterschlucken, den „Klaren“ als Zerrspiegel für das benutzen, was hier an weiteren Bildern auf sie einströmte. Die Spur eines Eherings, verwischter Lippenstift, eine geheime Umarmung, der Schmerz vergangenen Ruhms, Lüge, Betrug, Sehnsucht. All das sah sie bis der „Klare“ endlich sein Werk tat und ihren Blick trübte. Dann ging sie. „Solange ich noch das Schlüsselloch finde.“

„So klar ist das noch gar nicht.“ „Klar ist es das.“ „Ach, nur kein Trübsal blasen.“

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Trüb – das vierte Wort für Dominik Leitners wunder-volles Projekt *txt 2016.
1100 mal erzählt

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datja - 18. Apr, 19:52

hui.


katiza - 19. Apr, 14:02

speedhiking - 18. Apr, 20:59

Ich mag diesen Text (& Bilder).

katiza - 19. Apr, 14:41

wortmischer - 18. Apr, 23:14

Das ist wirklich sehr, sehr gut. Bin ganz hin und weg. Und außerdem: Kinski! - Diesen Text sollte man sich auf Lesezeichen legen und noch ein paarmal zu verschiedenen Tageszeiten lesen. Ich bin sicher, man fängt da immer wieder etwas anderes ein.

katiza - 19. Apr, 14:33

Ich erröte und danke, verehrter Gedankenschmied und murmel was von berufenem Munde - ach ja, hach Kinski!
la-mamma - 19. Apr, 09:12

ein text mit enormer sogwirkung. alle achtung!

katiza - 19. Apr, 14:43

Ich danke, Madamme LaMamme, es schrieb sich ...
testsiegerin - 20. Apr, 10:46

Ein wunderbarer Text. Danke!

diefrogg - 16. Mai, 17:09

Schöne Geschichte!

Man will ersticken von der Hoffnungslosigkeit - und doch zu Ende lesen! Und die Bilder sind sehr schön!

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