18
Jul
2017

Der Tod und das Grätzl: Adieu Elisabeth!

Eine Freundin ist gestorben. Und ich weiß nicht einmal, ob ich sie Freundin nennen kann, darf, soll. 1.100 Freunde habe ich auf Facebook, manche würde ich auch im wirklichen Leben so bezeichnen. Sie gehörte nicht dazu, sie war nicht auf Facebook. Ich hatte keine Telefonnummer von ihr und keine E-Mailadresse. Ich weiß nur ungefähr, wo sie wohnte. Wir waren in einem ähnlichen Alter. Dass sie heuer 50 geworden wäre, habe ich erst nach, durch ihren Tod erfahren.

Wir haben uns auf der Gasse kennengelernt, im Grätzl, meinem physischen Lebensmittelpunkt. Irgendwann redeten wir ein wenig, wenn wir uns im PoC oder im 28 trafen. Zuletzt vor etwa zwei Wochen, auf der Alserstraße im Baustellenlärm. Vielleicht hat Wolf damals am Anfang das Gespräch eröffnet. Es waren immer Wolf und Elisabeth, manchmal Wolf wartet auf Elisabeth, seltener Elisabeth wartet auf Wolf. Vertraut war das und gut anzusehen und mitzuspüren, während der 1. Offizier und ich gerade erst die Segel setzten. Von meinem Fenster im 4. Stock aus konnte ich sehen, wenn die Beiden auf dem kleinen Bankerl vor dem PoC saß, Kaffee, Zigarettchen, Fahrräder. Manchmal beeilte ich mich dann, um unten mit ihnen noch einen Kaffee zu trinken, während oben der Brotteig ging. Im Lauf der Jahre – etwa sechs - führten wir mehr, oft gute Gespräche, manchmal über Rezepte, Lokalempfehlungen, immer öfter Persönliches. In der Zeit des langen Abschieds meiner Mutter war ich froh, wenn ich bei meinen Heimatbesuchen Elisabeth und Wolf in unserem Kaffeehaus traf. Wir sprachen über viel, vielleicht sprach auch mehr ich als sie – wie es meine Art ist. Elisabeth Huemer war fein – ganz und gar nicht in der Art von foin, sondern fein im Sinn von gut, von angenehmer Gegenwart, im Sinn von zart und doch nicht zerbrechlich. Ein feiner Mensch. Ich kam mir vor allem Anfangs oft zu viel zu laut vor in ihrer Gegenwart - ich glaub sie mochte mich trotzdem, vielleicht auch ein bisschen deswegen. Fein war es neben ihr zu sitzen, klug und überlegt ihre Worte mit feiner sicherer Sprache und Stimme.

„Ich habe eine Freundin, ich kenne eine Frau, die unterrichtet auf einem islamischen Gymnasium Biologie“, erzähte ich manchmal fast stolz. NaturwissenschafterInnen imponieren mir, im religiösen Kontext erschien mir das besonders spannend. Sie lehrte aber mehr, lehrte wohl auch Leben, sie kochte mit den jungen Menschen, sie erzählte von einem Musical, sie berichtete mit leuchtenden Augen von Aktionen und vorwissenschaftlichen Arbeiten. Ich bewunderte sie, wenn sie von ihren SchülerInnen sprach, voll Anerkennung und Klarsicht. Sie war eine jener LehrerInnen, die Leben verändern, glaube ich, behutsam, respektvoll, achtsam, fördernd. Das ahnte ich, wissen konnte ich das nicht. Manche der Postings unter ihrer Todesnachricht auf Facebook bestätigen das. Sie bedeutete vielen Menschen sehr viel.

Einmal waren wir Essen zu Sechst, ein-, zweimal waren sie beim Salon. Sie und der Wolf, gut in ihrer Wirsamkeit. Nie haben wir uns allein getroffen. Sie hat uns geholfen die Küche auszuräumen. Den Gewürzkoffer, auch der Feinheit ihrer Sinne wegen. Eine, die zupackte, in die Pedale trat. Ich seh das Rotkäppchen T-Shirt, den grauen Haarhelm und immer wieder das Lächeln und die Augen. Und dieses Lächeln. Und diese Stimme.

Biologie ist die Lehre vom Leben. Der Tod gehört dazu. Eine Lektion, die wir immer wieder lernen müssen. Und wenn wir in diesen Tagen in unserer Gasse in unserem Grätzel einander in die Augen sehen, dann teilen wir diese Erkenntnis in Schmerz und Trost. Biologie und Umweltkunde, Elisabeths rascher, plötzlicher Tod lehrt mich – und andere – zu leben, zu lieben. Jetzt und so lange wir sind.

RIP Elisabeth Huemer und lebe weiter in unseren Herzen.

Elisabeth
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Weberin - 3. Aug, 13:56

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