O(h)ral befriedigt
Der Erstgeborene hat ein Projekt, eine selbst gewählte Aufgabe, ein großes Ziel, eine Sonderleistung, wie er es selbst nennt. In ungezählten Stunden, Tagen und Nächten stellt er 100 Jahre Musik und Zeitgeschehen zusammen, beginnend 1877 mit Thomas Alva Edison. Richtschnur und wohl Ursprung des Werks sind Schallplatten seiner Kindheit. Nutznießerin bin ich. Denn diese sorgfältigen, teilweise auf der guten alten Revox zusammengeschnittenen Tondokumente öffnen mir Türen, Räume, ja Welten.
Das kleine Mädchen, das ich einmal war, hörte auf seinem fliegenden Teppich oft Sprechplatten: Simpl, „Hackl vorm Kreuz“, „Gehört sich das?“, Karl Schönherrs „Erde“, „Jazz&Lyrik“ – Benn gelesen von Gert Westphal, Oskar Werner, Qualtinger, natürlich der Travnicek. Schon mit sieben hatte ich mein eigenes Radio, Philips mit Kassettenrekorder. Damit konnte ich nicht nur Hörspiele produzieren sondern bei richtiger Einstellung auch den Funkverkehr des Innsbrucker Flughafens und FS 2 – das zweite Fernsehprogramm hören. Ich weiß noch heute, wie es war, im Halbdunkeln zu liegen und Bilder im Kopf wachsen zu lassen.
Und dann saß ich am Mittwoch in einem anderen Halbdunkel und hörte. Ich hörte die beiden Kaiser Wilhelm und Franz Josef, Alessandro Moreschi, den letzten Kastraten, die Callas und Onkel Satchmo‘s Lullaby, die Beatles, und einen Hundechor, meinen geliebten Bert Brecht und Ingeborg Bachmann, Otto Reuter mit „Bevor du sterbst“ und Else Lasker Schülers blaues Klavier, Mondflüge und Geschichtsdramen, Seemannslieder, Reden, Reportagen, Heinz Erhard und Hazy Osterwalds Kriminaltango. Und zur Abrundung noch ein wenig Rotbäckchen und Frauengold. Über das Ohr drang all das in mich ein und schleuderte mich in wilder Fahrt durch Zeit und Raum.
Fünf CDs sind es mittlerweile, die der Erstgeborene aus alten Aufnahmen komponiert hat. Zusammengehalten von der Stimme Wolf-Dieter Stubels, teilweise in raffinierter Schnitttechnik dem veränderten Inhalt angepasst. Erst vor Kurzem hat der Erstgeborene dem Sprecher sein Werk zukommen lassen. Wie seltsam muss es wohl diesem anmuten, eine späte Hommage aus Österreich zu bekommen, welche Bilder wachsen in ihm, der die Schallplatten vor 30 Jahren besprochen hat?
Zwei Stunden lang war ich ganz Ohr, wortlos, sprachlos, wie fast immer, wenn ich mit der Sonderleistung konfrontiert bin. „Das war alles schon tot und begraben“, sagte der Erstgeborene: „Und jetzt lebt es wieder.“ Und so viel anderes damit, dadurch.
Seitdem geht es mir wieder besser, ich taumle weniger, mein Tritt ist sicherer. Joachim-Ernst Berendt fällt mir ein – auch so ein gemeinsames Idol – und die Welt ist Klang.
Und ich weiß wieder: Der Gleichgewichtssinn sitzt im Ohr.

Das kleine Mädchen, das ich einmal war, hörte auf seinem fliegenden Teppich oft Sprechplatten: Simpl, „Hackl vorm Kreuz“, „Gehört sich das?“, Karl Schönherrs „Erde“, „Jazz&Lyrik“ – Benn gelesen von Gert Westphal, Oskar Werner, Qualtinger, natürlich der Travnicek. Schon mit sieben hatte ich mein eigenes Radio, Philips mit Kassettenrekorder. Damit konnte ich nicht nur Hörspiele produzieren sondern bei richtiger Einstellung auch den Funkverkehr des Innsbrucker Flughafens und FS 2 – das zweite Fernsehprogramm hören. Ich weiß noch heute, wie es war, im Halbdunkeln zu liegen und Bilder im Kopf wachsen zu lassen.
Und dann saß ich am Mittwoch in einem anderen Halbdunkel und hörte. Ich hörte die beiden Kaiser Wilhelm und Franz Josef, Alessandro Moreschi, den letzten Kastraten, die Callas und Onkel Satchmo‘s Lullaby, die Beatles, und einen Hundechor, meinen geliebten Bert Brecht und Ingeborg Bachmann, Otto Reuter mit „Bevor du sterbst“ und Else Lasker Schülers blaues Klavier, Mondflüge und Geschichtsdramen, Seemannslieder, Reden, Reportagen, Heinz Erhard und Hazy Osterwalds Kriminaltango. Und zur Abrundung noch ein wenig Rotbäckchen und Frauengold. Über das Ohr drang all das in mich ein und schleuderte mich in wilder Fahrt durch Zeit und Raum.
Fünf CDs sind es mittlerweile, die der Erstgeborene aus alten Aufnahmen komponiert hat. Zusammengehalten von der Stimme Wolf-Dieter Stubels, teilweise in raffinierter Schnitttechnik dem veränderten Inhalt angepasst. Erst vor Kurzem hat der Erstgeborene dem Sprecher sein Werk zukommen lassen. Wie seltsam muss es wohl diesem anmuten, eine späte Hommage aus Österreich zu bekommen, welche Bilder wachsen in ihm, der die Schallplatten vor 30 Jahren besprochen hat?
Zwei Stunden lang war ich ganz Ohr, wortlos, sprachlos, wie fast immer, wenn ich mit der Sonderleistung konfrontiert bin. „Das war alles schon tot und begraben“, sagte der Erstgeborene: „Und jetzt lebt es wieder.“ Und so viel anderes damit, dadurch.
Seitdem geht es mir wieder besser, ich taumle weniger, mein Tritt ist sicherer. Joachim-Ernst Berendt fällt mir ein – auch so ein gemeinsames Idol – und die Welt ist Klang.
Und ich weiß wieder: Der Gleichgewichtssinn sitzt im Ohr.

katiza - 19. Jun, 17:49
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