Aus dem Schatzkästchen der Mock Turtle

13
Apr
2008

Vom kleinen Prinzen

(für Anousch O.)

Das Schaf hat die Blume nicht gefressen. Glaub ich zumindest. Weil der kleine Prinz damals nämlich nicht auf seinen Planeten zurückgekehrt ist. Sondern eines Tages am 25. Geburtstag der Mock Turtle, der sich ein wenig wie der 250ste anfühlte, in ihrem Bett gelandet ist. Irgendwie war er ihr vom Feste übrig geblieben, damals in der brechtigsten Zeit ihres Lebens, als sie verletzt, bereit war das Messer zu nehmen, das Mann ihr reichte. Der kleine Prinz war aber kein Mann, mehr Knabe und von einem anderen Stern.

Und so warnte sie ihn und küsste ihn trotzdem. Sie beschwor ihn, ihr fern zu bleiben, und zog ihn fest an sich. Dann zog sie ihn aus, streifte das seidene Hemd vom schmalen Körper und nahm ihn mit in ihr quietschendes Messingbett. Am nächsten Tag hatten beide blaue Flecken an den Hüften. Und obwohl gewarnt, kehrte der kleine Prinz immer wieder.

Die Mock Turtle rezitierte Brecht für ihn und er erzählte ihr von Zeppelinen. Sie fotografierte ihn auf Friedhöfen. Sie küssten sich und manchmal fürchtete sie, dass er sie zähmen könnte. Aber er versprach ihr, sie nicht zu lieben.

An manchen Tagen war sie Königin und er ihr Untertan. "Küss mich", befahl sie: "Ich habe das Recht, Gehorsam zu fordern, weil meine Befehle vernünftig sind."

An anderen Tagen war sie eitel und er ihr Bewunderer. "Ich bewundere dich", sagte der kleine Prinz, indem er ein bisschen die Schultern hob, "aber wozu nimmst du das wichtig?"

Manchmal trank sie, um zu vergessen, dass sie sich schämte, weil sie soff.

Oft, wenn sie gemeinsam tranken, zahlte sie für beide. Und sie erklärte ihm, dass er nicht ewig von Luftschiffen träumen könne, sondern dass er auch daran denken müsse, Geld zu verdienen: "Wenn du als erster einen Einfall hast und du lässt ihn patentieren, so ist er dein. Und ich, ich besitze die Sterne, da niemand vor mir daran gedacht hat, sie zu besitzen."

Wenn die Tage wie Minuten vergingen und die Mock Turtle herum wirbelte, versuchte er ihr beizuspringen: "Weißt du ... ich kenne ein Mittel, wie du dich ausruhen könntest, wenn du wolltest..." »"ch will immer", sagte die Turtle.

Doch letztendlich war es aussichtslos. Irgendwann erklärte ihm die Mock Turtle, dass ihre Küsse und die Nächte in dem quietschenden Messingbett vorbei gehen würden, dass auch die Nicht-Liebe vergänglich sei. "Aber was bedeutet 'vergänglich'?", wiederholte der kleine Prinz, der in seinem Leben noch nie auf eine einmal gestellte Frage verzichtet hatte. "Das heißt von baldigem Entschwinden bedroht'."

Schließlich bewegte sie sich weiter und weiter weg von ihm. Und küsste einen anderen, der mehr Mann war und weniger zerbrechlich. Als der kleine Prinz sie wieder einmal besuchen wollte, verschlief sie sein Klingeln in ihrem Messingbett. Sie traf sich noch einmal mit ihm, bevor der andere in dieses Bett einzog. "Du hast es doch gewusst, kleiner Prinz, dass du mich nicht lieben sollst, Ich hab dir doch vom Messer erzählt", erklärte die Mock Turtle, Und er lachte wieder. "Und wenn du dich getröstet hast (man tröstet sich immer), wirst du froh sein, mich gekannt zu haben. Du wirst immer mein Freund sein", versprach sie.

Ein Jahr später war die Mock Turtle eingeladen zur Jungfernfahrt eines silbernen Zeppelin.
Der kleine Prinz hatte ihn gebaut. Doch der Prototyp stürzte ab.
Dann ist der kleine Prinz aus ihrem Leben entschwunden.

Das Schaf lebt bei der Mock Turtle und ihrem Mann.
Der kleine Prinz streichelt hoffentlich den Fuchs, der seine Liebe mehr verdient als alle Rosen.
Und mögen seine Zeppeline fliegen.

 


 

Wie sagte Anousch 0.: Prototypen können so rührend sein. 

158 mal erzählt

21
Mrz
2008

21. März

Ich spreche vom Mond
und von glitzerndem Glas
von Lust und von Träumen
und von was, weiß ich was.

Von roten Lippen
Zur blauen Stunde,
Von dunklen Gedanken
Verbreit ich die Kunde.

Ich singe von Liebe
Und Sehnsucht wie nie,
Denn heute ist schließlich
Welttag der Poesie.

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151 mal erzählt

27
Feb
2008

Holger

Wie ein warmer ausgestreckter Arm legte sich ein Blick um Susannas Schulter, während sie ein Pils zapfte. Sie wusste gleich, wer ihr diesen Blick gesendet hatte, sie musste sich nicht umdrehen. In den letzten 20 Jahren hatte sie gelernt, Blicke zuzuordnen, ohne sie erwidern zu müssen. Auch wenn sie weniger geworden waren. Es war auch diese Sehnsucht der nachts Streunenden, die sie von Anfang an für diesen Job, der ein Beruf geworden war, begeistert hatte.

Sie konnte sich noch genau an jenen Abend erinnern, als Peter sie gebeten hatte, die Seiten zu wechseln – vom Stammgast an der Theke zur Aushilfe hinter der Theke. Drei Stunden hatten gereicht, um ihr Leben zu verändern, um sie erkennen zu lassen, was ihre wahre Bestimmung war. Als sie in den frühen Morgenstunden heimgekehrt war, hatte sie sich an Holger geschmiegt und ihm von all den Blicken, den Scherzen, den Menschen erzählt. Zwei Tage später stand sie wieder hinter der Bar. Sie war glücklich.

Susanne genoss die Zuneigung der Stammgäste, ihren Respekt, der scheinbar gewachsen war, seit sie die magische Schranke aus Holz überwunden hatte. Sie gab sich der Arbeit hin, versuchte das perfekte Bier zu zapfen, merkte sich die Vorlieben ihrer Gäste, und das kleine Einmaleins der Wein-Achteln. In nur einem Monat eroberte sie die sechs Quadratmeter zwischen Schank und Küche, machte sie zu ihrer Bühne. Sie flirtete, war schlagfertig und hörte zu. "Zuhören ist das Wichtigste", erklärte sie Holger bei ihren frühmorgendlichen Berichten. Und weil er immer zu Hause blieb, beschrieb sie ihm alles detailliert. Er war ein fantastischer Zuhörer

Schon bald wurde Susanne zur Projektionsfläche der Einsamen, zur Zielscheibe der Sehnsucht. Wie eine Psychotherapeutin erlegte sie sich die Pflicht auf, mit ihren Klienten, mit ihren Gästen, keine sexuellen Beziehungen zu beginnen. Und da war ja auch noch Holger, ihr Schutzschild. Mehr als einmal warf sie frühmorgens einen Blick auf die Uhr: "Oh - so spät schon, ich muss heim, Holger wartet." Es waren seine Augen, die sie sich vorstellte, wenn die Gefahr bestand in anderen Augen zu ertrinken, wenn fremde Blicke sie zu fest berührten.

Aus zwei Wochendiensten wurden fünf, das Aufstehen wurde immer schwieriger und schließlich gab sie ihr Studium auf. Lehramt Deutsch und Englisch war lächerlich gegen all das, was das Leben sie dort in dem kleinen Lokal lehrte. "Das musst du verstehen", erklärte sie Holger eines Tages. Er sah sie an, ja, er brummte ein wenig, mehr aber nicht. Ihre Eltern brüllten. Sie sei nicht mehr ihre Tochter, tobte die Mutter, sie würde schon sehen, wo sie ende, erklärte der Vater. Susanne war traurig deswegen. Aber ihr blieb Holger.

Irgendwann küsste die dann doch einen Gast. Sie hatte ihre Schutzschilder nicht rechtzeitig ausgefahren und ehe sie sich versah, war sie in seinen Augen versunken. Seine Blicke zogen sie aus, seine Worte hüllten sie ein und je mehr sie sich wehrte, desto mehr verstrickte sie sich in ihnen. Sie erzählte Holger nichts von ihm und ihm nichts von Holger. Nachdem sie mit, bei ihm geschlafen hatte, duschte sie lange und gründlich. So als könnte sie ihre Schuld mit seinem Geruch abwaschen. Es war schon mittags als sie heim kam. Holger stellte keine Fragen. Als dieser Gast kurz darauf fern blieb, war sie erleichtert.

Ein anderer war hartnäckiger. Er wollte einen Stammplatz an der Bar und einen Fixplatz in ihrem Leben. Seine Blicke waren Übergriffe, taten ihr Gewalt an, nahmen sie in Polizeigriff. Deswegen gab sie ihm ursprünglich nach, deswegen hatte sie dann genug. Manchmal hatte sie Angst, dass Holger die blauen Flecken entdecken würde, die seine Sehnsucht hinterließ. Vielleicht wollte er sie bloß nicht bemerken. Was sie anfangs fasziniert hatte, stieß sie bald ab. Da tat einer wie ein Stammgast und war keiner. Sie warf Worte wie Steine nach ihm, um ihn zu verjagen. Es gelang.

Einmal verliebte sie sich in einen androgynen Prinzen. Wegen dem hätte sie sogar Holger verlassen. Ein Schweigen gegen das andere eingetauscht. Monatelang vereinigte sie sich mit ihm in jenen seltsamen Phasen zwischen Wachheit und Traum. Immer schuldbewusst, weil sie ja den wahren Geliebten in ihrem Armen hielt, während ihr Kopf fremdging. Abende lang schlug ihr Herz höher, wenn sich die Tür zur kleinen Bar öffnete. Er hätte ja kommen können. Irgendwann kam er auch wieder, eine Schönheit im Schlepptau. Das half.

Als Susanna an diesem Abend das Lokal zusperrte, stand Karl neben ihr. Seit 20 Jahren war er Stammgast. Seit seiner Scheidung vor zwei Monaten war er täglich in der kleinen Bar und ließ sie nicht aus den Augen. Seit zwei Wochen begleitete er sie nach der Sperrstunde jeden Tag bis zu ihrer Wohnung. Als sie einmal ein wenig gefröstelt hatte, hatte er seinen Arm um ihre Schulter gelegt. Seitdem tat er auch das wie selbstverständlich. Vor der Haustüre verabschiedete er sich für gewöhnlich mit zwei Wangenküssen: "Grüß Holger, unbekannterweise."

An diesem Abend aber nahm er nach den beiden Küsschen Susannas Kopf in seine großen, warmen Hände. Er sah ihr in die Augen. Obwohl seine Blicke ihr so wohl vertraut waren, hatte sie nie gewusst, wie schön seine Augen waren, dachte sie, als er sie endlich küsste. Sein Biergeschmack vermischte sich mit ihrem Fernetgeschmack. Nach dem langen Kuss verbarg Karl sein Gesicht an ihrer Schulter: "Bitte, bitte, nimm mich mit rein." Seine Stimme war leise und rau. "Holger…", stammelte sie. Dann sperrte sie auf. Es wurde eine leidenschaftliche Nacht, vielleicht die leidenschaftlichste Nacht ihres Lebens.

Susanne erwachte eng an Karl gepresst. Sie hörte seinen Atem, spürte seine Haut, ihre linke Hand hielt sich an seinem Brusthaar fest. Sie mochte seinen Geruch. Noch wagte sie nicht die Augen zu öffnen. Hinter geschlossenen Lidern beschwor sie noch einmal die Bilder der letzten Nacht. Erst jetzt machte sie vorsichtig die Augen auf, Wo war Holger? Und da sah sie ihn. Karl hatte ihn mit seiner rechten Hand fest an sich gepresst, ihren alten abgeliebten Stoffbären. Holgers Augen glänzten.

Susanne lächelte.
186 mal erzählt

24
Feb
2008

Totale Sonnenfinsternis: 11. August 1999

Danke Audrii, für das Erwecken dieser Erinnerung:

Es wird leiser, die Bienen sind verschwunden, die Vögel verstummt, einzig die Grillen zirpen. Wie haben es unsere Ahnen wahrgenommen dieses Still-Werden, das für uns an und für sich schon ein Ereignis ist? Konnten sie diese Stille von einer anderen unterscheiden? Hat sie ihnen das Außergewöhnliche vorangekündigt? Spüren wir das Wunder instinktiv? Haben wir es auf unserem Megadatenspeicherplatz Seele bereits gespeichert? Oder ist es uns von Kronen Zeitung und news via Schutzbrille geschenkt? Matrix.

Schnell fährt noch ein Auto einen Hügel hinauf – näher meine Sonne zu dir – Hunde bellen – es wird dunkler – oder es sind doch bloß die Wolken.

Die Sechs der Stäbe - Sieg - Wiedergeburt.

Die Möndin verzehrt den Sonnengottmann. Ein Käuzchen schlägt im Wald an. Sie trinkt seinen Samen, bereit ihn wieder zu gebären, als neuen Tag, als neues Leben.

Ich bin die Sonne und auch der Sonnengottmann – ich bin die Möndin und hungrig wie sie – ich werde wiedergeboren. Ein zweites Käuzchen antwortet dem ersten. Sein kahler Schädel – der Mond – schiebt sich vor meine Sonne und sie vergeht und in diesem Vergehen liegt unendliche Lust. Nach dem Schrei der Sonne, schreit ein Käuzchen.
Urmuttergöttinengefühl – Angstwort Mutter.

Als die Sonne verging und man sie mit der Schutzbrille nicht mehr sehen konnte war da die 13.Tür – das Verbotene der Märchen und Mythen. Der ungeschützte Blick zum Himmel gefährdet das Augenlicht, die 13. Tür ist unverschlossen. Und ich erbebte und der Himmel war ein Zelt. Tausend Farben und wie Sterben und ein einziger Blick, ein einziger nur in den Feuerring und schuldig werden.

Und dann war ich alles und Urmuttergöttin – sein Leib an mich gepresst und ich erbebte und sank auf die Knie. Dann erhob ich mich, starrte in die wiederbefreite Sonne und pisste im Stehen und ich war alles und eins mit der Welt und Ozeane strömten aus mir - ein wogender Strahl – ich wischte meine Scham mit Klee –
Ich grinste.


TatooSoFi2
166 mal erzählt

2
Feb
2008

Finale der Gedichte mit Geschichte

Wunschliste

Ich möchte mit dir trinken
Und streunen in der Stadt
Dann möchte ich niedersinken
Von Wein und Lachen satt.

Ich möchte bei dir liegen
Und fühlen deinen Duft
Dann möchte ich dich besiegen,
dich schnappen hören nach Luft.

Mein Hunger kann nicht enden
Dazu hab ich zu viel
Du hast mich nicht in Händen.
Ich wollt, es blieb ein Spiel

Und doch möchte ich dir geben,
Was ich noch keinem gab,
Etwas von meinem Leben,
Das ich verborgen hab.

Dann Brudertier, dann geh
Lass mich dann bloß allein
Ich will nicht, dass ich seh
In deinem Blick mein Sein.

Fußnote aus dem Hier und Jetzt: Mit dem Brudertier aus diesem Gedicht geht es mir ein wenig wie dem verehrten Herrn Brecht mit Marie A.. Wem genau es die Mock Turtle gewidmet hat, hat sie längst vergessen - einen Hauch von seinem Duft kann sie noch immer fühlen...
156 mal erzählt

1
Feb
2008

Der Mock Turtle lyrische Suite Teil 3

Mit Vorsicht genießen
(Oktober 1989)

Manchmal, wenn wir beieinander lagen
Und ich spürte deine Haut
Wollte ich "Ich lieb dich" sagen
Doch ich sagte es nie laut

Manchmal, wenn wir beieinander lagen
War ich plötzlich auch bereit
Dich nach deiner Lieb zu fragen
Doch ich dachte "bleibt noch Zeit".

Manchmal, wenn wir beieinander lagen
Hab ich darum dann geschwiegen
Wollt ich doch an andren Tagen
Wieder einmal bei dir liegen.


Fußnote aus dem Hier und Jetzt: Wie heißt es so schön in Grimms Märchen von Brüderchen und Schwesterlein: "Jetzt komm ich noch einmal und dann nimmermehr." Die Mock Turtle bleibt euch zwar erhalten, aber mit der exhumierten Lyrik hat es sich bald.
160 mal erzählt

31
Jan
2008

Comeback of the Turtle

Fast ein Sonett
(aus der lyrischen Epoche 1989)

Ich bin in manchem Bett gelegen
Und Betten mussten es nicht sein
Wegen der Lust und auch wegen
Der Wärme und weil man einsam ist allein.

Man sieht die Menschen besser in der Nacht
Bevor der Morgen graut, sollte man gehen
So bin ich neben wenigen nur erwacht
Und nur mehr die kann ich, schließ ich die Augen, sehn.

Die andern sind mir längst entschwunden
Gesichter, Küsse, Hände, Stunden,
Lustgewinn, Kampf und Seelennot,

Der Duft des Schweißes, Geschmack von Haut
Und Worte leise und Schreie laut
All das und mehr ist in mir tot.

Fußnote aus dem Hier und Jetzt: Das haben wir nun davon. Die Mock Turtle holt noch mehr aus den Untiefen Ihres Schatzkästchens. Und das war noch nicht alles....
143 mal erzählt

30
Jan
2008

Mock Turtle lässt grüßen...

Assoziation
(geschrieben vor 19 Jahren )

Ich denk jetzt oft an Brecht
Der schön vom Vögeln schrieb
Und fühl mich dann ganz schlecht
Als Männersprachendieb.

Ich schrieb in 'nem Gedicht
Ich will mit dir ins Bett
Nur Lyrik bringt es nicht
Auch Bumsen ist ganz nett

Ich hab das langsam satt
Gereimte Onanie
Geschlechtsverkehr am Blatt
Doch zwischen Laken nie.

Auch Brecht hätt' nicht gewollt,
Dass eine Frau das tut.
Auch er hätt' mir gegrollt
für meinen schönen Mut!


Fußnote aus dem Hier und Jetzt: Ich weiß schon, es holpert ein wenig und das Exhumieren alter Gespenster in der Öffentlichkeit schickt sich nicht, aber manchmal bin ich machtlos gegenüber dem langgezogenem Seufzen der
Mock Turtle.
161 mal erzählt

6
Dez
2007

Araber (2)

Tina rutschte von Abduls Rücken direkt in Lenas helfend ausgebreitete Arme. Keine von Beiden wusste später, wer mit dem Kuss begonnen hatte. Beide wussten aber, dass sie ihn nicht beenden wollten. Vielleicht auch um nicht darüber nachdenken zu müssen, so wie manche Soldaten nicht wollen, dass ein Krieg endet, um Soldat zu bleiben und nicht Kriegsverbrecher zu werden.

Lena hatte Tina eine Reitstunde auf ihrem Pferd gegeben. Sie wollte der neuen Freundin helfen, die Angst vor den großen Tieren, die Tinas Tochter Sarah so liebte, zu nehmen. Schnell war diese sicherer geworden und hatte sich fast schon ehrgeizig auf den Unterricht eingelassen. Ohne Sattel war sie an der Longe im Kreis geritten, erst im gemütlichen Schritt, dann im Trab und lachend sogar eine Runde Galopp. Sie machte ihre Sache gut, befand Lena, die fasziniert beobachtete wie die schöne Frau sich dem Rhythmus des Tieres anpasste, ja hingab. Nur jetzt, nach fast 50 Minuten, war wieder Angst aufgetaucht – vor dem Absteigen. Und so hatte ihr Lena strahlend die Arme entgegengestreckt: "Spring, ich fang dich auf." Tina glitt vom Pferd, ihre blauen Augen tauchten in Lenas Augen, ihr Haar schwang vor und strich sanft über Lenas Gesicht. Kurz lachten sie Beide und schon berührten sich ihre Lippen, öffneten sich die Münder und wagten sich vorsichtig ihre Zungen vor. Sie waren fast gleich groß und ihre Brüste schmiegten sich aneinander. Abdul blieb ruhig stehen, wie um die Liebenden vor fremden Blicken zu schützen, oder auch vor den Blicken derer, die sie liebten. "Nicht – Sarah. Bitte", stammelte Tina und dieses "Bitte" klang nicht abweisend, nur verwirrt. "Schscht", antwortete Lena. Wieder begegneten sich die Augen. Lena rollte die Longe auf, konzentrierte sich ganz auf das Pferd und versuchte ihre Gedanken zu zügeln.

Es war zwanzig Jahre her, dass sie zuletzt eine Frau geküsst hatte. Marie, wen sonst? Ihre beiden Freunde waren fort gegangen. Männerabend. Und die Mädels blieben zuhause, tranken Martini und blödelten betrunken. Und plötzlich küssten sie sich. Während sie Abdul schweigend zum Stall führte, Tina wortlos an ihrer Seite, erinnerte sie sich plötzlich, wie sich Maries großer weicher Busen angefühlt hatte und fast konnte sie wieder ihrer Martini-Zunge schmecken. Mehr war nicht passiert. Die Jungs waren heimgekommen und Marie und sie hatten nie wieder ein Wort darüber verloren. Nicht einmal ihrem Tagebuch hatte sie davon erzählt. Zu gerne hätte sie gewusst, was Tina gerade dachte, über sie, über den Kuss, den sie doch auch gewollt hatte. So hatte es sich zumindest angefühlt.

Der Hengst spürte die Spannung. Nervös tänzelte er in seine Box. Wieder trafen sich die Augen der Frauen. Lena hätte gerne irgendetwas gesagt, aber was hätte sie sagen können, sollen? So streichelte sie Abduls Hals. Als Tinas Handy piepsend eine SMS ankündigte, erschraken alle drei. Die las, presste kurz ihre Lippen aufeinander, räusperte sich: "Von Sarah, der Ausritt dauert. Sie wird in einer Stunde da sein." "Oh". Und dann küssten sie sich wieder, hungrig, in einer Ecke der Box. Lenas Hände wanderten unter Tinas T-Shirt. Sie spürte die heiße, weiche Haut, die Rippen, den Sport-BH, die kleinen festen Brüste. Und dass ihre Berührungen von der anderen erwidert wurden. Als sie kurz die Augen öffnete, sah sie Abduls Augen. Regungslos stand das Pferd da, wie zum Schutz der Frauen und beobachtete sie. So erschien es Lena zumindest und sie schloss ihre Augen wieder und ließ sich ganz ins Gefühl fallen. Sie spürte auch Widerstand in sich, in der anderen. Tinas Mund löste sich von ihrem. "Ich bin nicht…", sagte sie leise. "Ich doch auch nicht", antwortete Lena: "Ich weiß nicht…""Vielleicht sollten wir gehen." "Abdul, wir müssen uns noch um Abdul kümmern." Gemeinsam putzten sie das Pferd, wieder wortlos.

Erst im Klubhaus fanden sie die Sprache wieder. Zurück in der Menschenwelt. Bei einem Glas Wein warteten sie auf Sarahs Rückkehr. Tina erzählte von Sarah, die langsam den Tod des Vaters verarbeitete. Über ihre eigenen Gefühle verriet sie wenig. In ihren Worten glaubte Lena aber Zorn wahr zu nehmen, als hätte er sie verlassen, als wäre er absichtlich mit dem Auto verunglückt. Vielleicht half der Zorn ja, dachte sie. Sie suchte Tinas Augen und mied sie. Sie betrachtete ihre Lippen. Sie sehnte sich nach mehr Küssen und fürchtete sich.

Als Sarah lachend ins Klubhaus kam, war Lena schuldbewusst und erleichtert zugleich. Und auch Tina schien befreit. Sie umarmte die Tochter. Lena konzentrierte all ihre Sehnsucht auf Walter, der hinter dem aufgekratzten Mädchen bei der Tür herein kam. Er schenkte ihr sein Bubenlächeln und alles schien wieder richtig und gut.
"Wie war die Reitstunde, Mama?" wollte Sarah irgendwann wissen. "Einmalig", antwortete Tina und lächelte Lena an. Und alles war gut.
(Fortsetzung folgt)
207 mal erzählt

3
Dez
2007

Araber (1)

Wie von selbst glitt ihre Hand mit der Kardätsche über das Abduls Fell. Sie hatte das Gefühl, dass sie und der Araberhengst das Striegeln gleichermaßen genossen. Es war ein schöner Austritt gewesen, sie war müde und zufrieden. Sie lehnte sich an die Flanke des Pferdes und sog den Geruch ein. Dann legte sie ihre Arme um seinen Hals. Er war Lenas Lebensmittelpunkt seit der Scheidung von Gerhard. Und nach Meinung einiger Menschen wohl auch schon vorher. "Kein Wunder, dass er sich nach Alternativen umschauen musste, du hast ja gerochen wie ein Stallknecht", meinte ihre Mutter damals wenig tröstend und auch Marie – die wohlriechende Alternative – erklärte ihr relativ unverblümt, dass sie selbst schuld sei und Gerhard durch ihr, Lenas, Verhalten selbst in ihre, Maries, Arme getrieben habe. "Lena, wir waren immer Freundinnen und Freundinnen müssen ehrlich miteinander sein", versicherte Marie, nachdem sie sie schon drei Monate lang mit ihrem Mann betrogen hatte. Marie, die Gute, mit der Lena damals mit 12 die ersten Voltigierstunden absolviert hatte, ihre Banknachbarin in der Schule und später in der Pädak, die tüchtige, saubere Marie, die selbst erst vor fünf Jahren von ihrem Mann, dem Uniprofessor wegen einer Studentin verlassen worden war. Ganz mies von ihm, hatte Lena ihr beigepflichtet, wenn sie sie tröstete – und das war damals jeden zweiten Tag notwendig. Aber jetzt war alles anders, Marie war in der Ausbildung zur Psychotherapeutin und Lena selber schuld. "Und immerhin finanziert dir Geri dein Hobby, den Gaul", kam es von der Ehrlichen und: "Ich bin so froh, dass wir darüber offen reden." In Lena stieg offener und ehrlicher Hass auf - auf die Freundin fast noch mehr als auf den Ex, der ihr in all den Jahren immer weder versichert hatte, wie sehr ihn Marie nerven würde: "Und könntest du mir bitte sagen, sie soll mich nicht immer Geri nennen?"

Sie hatten sich wohl verdient, tröstete sich Lena, wenn sie sich einsam fühlte. Und sie hatte immerhin Abdul, weswegen sie sich selten einsam fühlte. Und dann war da noch Walter, den sie beim Pferdeflüster-Seminar kennen gelernt hatte. Seine Augen waren ihr gleich aufgefallen, dunkelbraun und sehr intensiv, fast zu alt und wissend für sein Bubengesicht. Und dann die Stimme, auf deren Flüstern nicht nur Pferde reagieren mussten, auch die kleinen Härchen ihre Körpers richteten sich bei jedem seiner Worte mehr und mehr auf. Als sie am zweiten Abend einen Leinsamenbrei für Abdul kochte, stand er plötzlich hinter ihr.

Er war annähernd gleich groß wie sie, seine blonden Haare waren struppig und er roch angenehm nach Pferd und Natur. Als sie ihre Hand in den Futterkübel tauchte und die Temperatur zu testen, tat er es ihr gleich. Er ließ sie keine Sekunde aus den Augen und auch sie musste seinen Blick erwidern. Ihre Hände fanden sich in der warmen schleimigen Masse, kurz bevor sie sich küssten. Die Art und Weise, wie er ihren Bewegungen folgte, wie seine Hand sich an ihrer orientierte, sich ihre Finger in der glitschig-warmen Leinsamensuppe ineinander verschränkten, seine Zunge den Rhythmus ihrer aufnahm, war neu für sie. Wie ein Tanz, ein Dialog. Dann löste er sich von ihr. "Genau richtig", sagte er und sie spürte wohlige Schauer: "Du solltest ihn jetzt füttern." Er lächelte. Sie hatte weiche Knie.

Sie nahm den Kübel und ging zur Box ihres Pferdes. "Ich warte hier", hörte sie ihn. Sie drehte sich nicht um. Lena kam rasch wieder und er schloss die Türe der Sattelkammer hinter ihr. Dann küssten sie sich wieder und sie presste ihren Unterleib an seinen. Nur allzu deutlich konnte sie seine harte Männlichkeit spüren und rasch – viel zu rasch – öffnete sie seine Hose und griff nach dem, was sie begehrte. Er neigte sich ihr entgegen, ohne etwas an der Intensität seines Kusses zu verändern, ohne sie seinerseits zu berühren. Er überließ ihr die Führung. Das war sie nicht gewohnt, genoss es aber und wünschte sich gleichzeitig nichts mehr, als sich ihm ganz hinzugeben. Kaum hatte sie diesen Gedanken zu Ende gedacht, spürte sie seine Hände auf ihrem Arsch. Er umfasste ihr Backen, griff fest zu, beinahe schmerzhaft, aber genau so wollte sie es und während der Kuss wilder und wilder wurde, hob er sie etwas an und spreizte ihren Schritt. Während er sie gegen einen Sattel drückte, schlang sie das rechte Bein um seine Hüfte. Nur die Geräusche draußen im Stall verhinderten, dass sie sich damals an Ort und Stelle liebten.
Lenas Sehnsucht blieb, wuchs sogar und sollte erst Wochen später gestillt werden.

Abdul stieß sanft mit dem Kopf nach ihr. Der Hengst schien ihre Erregung, ihre Aufregung zu spüren und sie konzentrierte sich wieder auf ihn. "Ist schon gut, Bub, hab dich lieb", versicherte sie dem Tier und wusste, er verstand. Kurz überlegt sie, noch auf einen Drink im Klubhaus vorbeizuschauen. Walter war sicher dort. Da bemerkte sie Tina, die ihr am Weg zum Parkplatz aufgeregt entgegen kam. "Könnten Sie mir vielleicht Starthilfe geben? Mein Auto…" Sarah, Tinas Tochter, stand neben dem Wagen. Ein bildhübsches Mädchen, das die Schönheit der Mutter geerbt hatte. Sarah nahm Reitstunden. Ihr Vater, Tinas Mann, war vor kurzem gestorben. Die beiden suchten Trost im Reitklub, hatte Lena aus einem Gespräch mit Tina geschlossen. "Einen Moment, ich hol das Starterkabel", beruhigte sie die aufgeregte Frau: "Waren wir nicht per Du?" Als Lena Tinas Verlegenheit wahrnahm, tat ihr diese Frage gleich wieder leid. Die Nervosität der anderen war fast körperlich spürbar. Sarah hingegen strahlte sie an. Rasch sprang der Renault wieder an, aber nur langsam verebbten Tinas Entschuldigungen und Dankbarkeitsbekundungen. Sie verabredeten sich schließlich für den übernächsten Tag auf einen Kaffee im Klubhaus. Tina lächelte sie noch einmal dankbar an, während Mutter und Tochter los fuhren. Was für ein wunderbares Lächeln.
(Fortsetzung folgt)
156 mal erzählt
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