Aus dem Schatzkästchen der Mock Turtle

11
Jun
2015

Kur Schatten

Wie wundervoll die Kurnotizen der toll3sten Ba - jeden Morgen warte ich darauf. Irgendwann dazwischen träumen wir von Kurprogrammen zu dritt. Immerhin hat auch die toll3ste Be Erfahrungen mit Kurdu gesammelt. Ich nicht. Ich habe zwar einige Artikel darüber geschrieben und redigiert, welch wichtige Errungenschaft die Kur im Speziellen und das Gesundheitswesen im Allgemeinen für die arbeitenden Massen sind, aber von Ein(bis zwei) Personen Unternehmen war da nicht die Rede. In Kurdingen sieht es für uns Amici der SVA schattig aus. Ja, sicher, vielleicht hätte die Ärztin meines Vertrauens das gebacken bekommen, aber wann hätte ich gehen sollen? Urlaub war immer dann, wenn die Kinder der arbeitenden Massen um mich Ferien hatten. Kur hätte wohl meine Job gefährdet.

Kur ist was für Weicheier, dachte ich – ziemlich neidig. Kur ist nichts für Weicheier, lese ich täglich nach, und auch andere Eier sollten sich hüten. Von Eiern verstehen wir was, wir Toll3sten, die haben wir, Stockweise sozusagen. „Kur kann ich nicht“, sagte ich den Mit3sten: „Kur kenn ich nicht…“ Und doch bin ich jetzt auf Kur. Entziehungskur. Eltern-Entziehungskur, Kindheitsentziehungskur, Familien-Entziehungskur. Kalter Entzug, in der Küche bei offenem Fenster, Substitute zur Hand. Morgens der gefrorene Truthahn, fett und ironischerweise gänsehäutig auf meiner Brust. Die Tauben gurren, der Hass auf ihren Liebesgesang hat die Mutter und den Nachbarn vereint. In einer Schublade liegen „Piraten“ sie zu verjagen. Ein lauter Knall und es ist still im Garten. Ein Schuss.

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Morgens schüttle ich den Truthahn von meiner Brust und beginne mit einem sportlichen Treppenlauf in den Keller, Sauna aufheizen, noch eine Viertelstunde, dann kann ich duschen. Frühstück gibt es bei den Nachbarn, Eier nicht nur Sonntags, jeden zweiten Tag, weil ich mich auch im Essensentzug übe. Weg damit, mit dem Gepäck, das auf den lädierten Nacken drückt.
Fotos sortieren – die guten ins Töpfchen, die schlechten ins…Plastiksackerl. Nicht schlecht, nur ohne Menschen, Landschaften. Mein Vater hat schöne Fotos gemacht. Auf manchen – denen, die sie nicht erwischt und zerrissen hat, - lächelt meine Mutter im Vordergrund. Erst jetzt bemerke ich die Ähnlichkeiten zwischen uns. Sie wohl auch, wie sich hin und wieder aus der Ordnung der Bilder erahnen lässt. Je länger ich sortiere in drei mächtige Kisten, umso mehr entsorge ich. Nur die ganz alten Bilder, bei denen ich die Photographierten nur erahnen kann, verschone ich, selbst wenn sie nur Landschaften zeigen oder die Seufzerbrücke.

Meine Maturazeugnisse und die des Vaters ähneln sich, beide haben wir viel geschrieben, auch viel Wissen verraten und blieben doch zu sehr im Ungefähren. Urkunden, Beileidsschreiben, Postkarten. Eine Königin, eine Prinzessin, Präsidenten und Weltmeister. Ein Astronaut in meinem Kinderzimmer. Die elegante Mutter, der charmante Vater, die schöne Familie und die andere mit weniger Bildern, nicht weniger schön. Und ich zwischen Angst und Sehnsucht, Entzug, Phantomschmerzen, Seelenweh.

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Dazwischen Besuch bei der Freundin, auch sie räumt auf, entrümpelt, gemeinsam mit den Kindern. Ich nippe an einem Glas herrlichen Weins und lausche unter dem Blitzen ihrer Augen ihren Schlachtplänen. Wir tauschen Rotes und Gedanken, sie bereitet mir ein Essen zu, das ihr helfen soll, die Untiere im Zaum zu halten, mir hilft es gegen die Kälte der Familie. Alles erscheint relativ an diesem Abend, in dieser Vollmondnacht. Alles ist relativ. Alles ist. Alles.

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Und doch dreht sich Frau Lot am nächsten Tag wieder um. Ich blättere durch die Gesichter, der Kinder, die wir waren. Manchmal halte ich inne, wenn die Filme in meinem Kopf zu laufen beginnen. Manche Namen tauchen abrupt auf, auf anderen Photographien sehe ich mich neben Leuten, die ich nie zuvor gesehen habe. Die Kleider erkenne ich meistens, auch wenn sie längst vergessen schienen. Mir der Werte-Predigerin stellt sich die Wertfrage.

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Was sind die Werte der Eltern wert? Was die Pelzmäntel, Teppiche, Bilder, Briefmarken- und Münzsammlungen, Möbel, das alte Haus. Dinge die sie gehegt und gepflegt haben, übernommen auch, die Aussteuern der Großmütter mit Monogrammen, die Initialen der Frau blieben auf Bettwäsche und Servietten erhalten. Erspart, ertrotzt, erlitten, um letztendlich. Ja, um was? Soll ich diese Schätze der Altvorderen, nie genutzt in 100 Jahren und mehr, entsorgen, verschachern, behalten? I don’t wanna go to rehab, no, no ,no.

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Eine Wein_kur ist es, auch wenn die meisten Weine im Keller, dem Vater aufgeschwatzt, nicht mehr trinkbar sind, wahrscheinlich, weil Wein ja immer auch ein wenig was von Schrödingers Katze hat. Man weiß es nicht. Was weiß man schon? Mein Erbe besteht auch aus Grußkarten, Postkarten, Anerkennungsschreiben und der vagen Vermutung, dass sich meine Eltern doch geliebt haben, manchmal, von Zeit zu Zeit.

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Und mitten drin der Ururgroßvater, seinen toten Sohn trauernd im Arm. 1875. Ein Wirt, ein stolzer Mann, ein schöner toter Knabe im Spitzengewand. Familiengeschichte. Uralter Schmerz mischt sich mit neuem, Blutsbande bluten aus. Aus kleinen Rissen werden hässliche Wunden, wenn man das Gebot: „Kripf nicht.“ missachtet. Nicht hinschauen, nicht kratzen, nicht reiben. Und schon ist es passiert: Das Blut rinnt, macht hässliche Flecken, verschmutzt. „Hab ich es dir nicht gesagt?“ „Ja, Mama, hast du. Und ich habe dir nicht geglaubt. Und du hast recht behalten.“ Und so haben die Wunden keine Chance zu heilen, es bleiben die Narben. Über Generationen.

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Nur zaghaft entsorge ich die Bilder derer, die sie und mich gekränkt haben. Auch sie oder mich. Und dann immer heftiger. „Did anyone call the DRAMA LLAMA?“ Dann schon lieber gleich amputieren – ist das noch der Wundbrand, bereits die Säge oder sind es schon Phantomschmerzen. Prinzessin Mäusezahn trug dem 1. Offizier die Luftschlösser nach. Danke. Und niemand mehr muss danke sagen.

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Ich sage es gerne, weil es das warme Gefühl verankert einer Tasse Kaffee am Sterbebett, eines nachbarlichen Frühstücks, eines gekehrten Gartens, einer Packung Papiertaschentücher, geteilter Erinnerungen, einer Kinderzeichnung, einer Postkarte, eines Briefes, eines Photos mit Widmung. Danke für Reisesouvenirs und Stoffelefanten, für Bücher und Schneemannbauen, für Planschbecken und Wappelen, für Koffer und Burgen, eine Wiege und mehrere Madonnen – für Wertvolles und Werte und für die Menschen, die ich von meinen Eltern geerbt habe.

Und Danke jenen, die mich begleiten, mit mir teilen, lachen, weinen und mir ihre Liebe als Pflaster auf die Wunden kleben, die die Blutsbande mir geschlagen hat. Und dem 1. Offizier, der das Steuer behutsam in die Hand nimmt, wenn mir die Gischt zu hart ins Gesicht spritzt.
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18
Jan
2015

50th Birthday Slam Poetry

50 Jahre alt geworden,
hätt ich mir doch nie gedacht,
dafür kriegt man keinen Orden,
denn das wäre doch gelacht,
dafür kriegt man ordentlich Narben,
Spuren jener süßen Wunden,
die man sich auch selbst geschlagen
in so manchen Sehnsuchtsstunden.
Vierhundertsiebenundvierzigtausend und 60 Stunden
Brachte ich mittlerweile so über die Runden
Einen Teil davon hab ich sicher verschlafen,
viele vergessen,
die ziemlich braven,
aber auch jene wilden Nächte,
wo ich Brecht zitierte und anschließend brechte –
oder nein, manchmal hab ich mich übergeben,
manchmal ins Klo, manchmal ins Leben.
Aber eines ist sicher, man darf auf Erden,
auch irgendwann ein wenig klüger werden.
Man muss sich nicht immer nur stressen, man darf vergeben,
man kann, man will vergessen.
Man lernt, dass man mehr als einmal liebt
man lernt viel öfter Danke sagen,
man lernt, dass es viele Wunder gibt,
und wenig Antworten auf große Fragen.
Und ja man legt auch Kilos zu,
kriegt graue Haare, braucht öfters Ruh.
Und man bin ich, denn ich leb mein Leben,
und ich durfte und darf es – und das ist schön – heute und auch sonst zuweilen
mit euch wundervollen Menschen teilen.
Ich hab‘s euch nicht immer leicht gemacht
hab viel getrunken und laut gelacht.
Gedichte zitiert, Schallplatten aufgelegt, Teige gerührt, Gedanken zerlegt.
Und oft, wenn das Fest am Brodeln war,
nahm ich die Chance zum Schlummern war.
Und wenn das so ist, lasst ihr mich in Ruh,
Ihr seid für mich da, ihr hört mir zu,
da kann ich ruhig hard to handle sein,
ihr schenkt mir einfach mehr Schampus ein.
Doch jetzt hör ich schon auf, Reime zu leiern,
Freundinnen und Freunde lasst uns feiern,
lasst uns auch an andere denken, ihnen Liebe und Geld schenken,
meinen Eltern zu Ehren
genieße und teile ich mein Leben
so ist das eben.

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11
Mai
2014

Muttertag

Das hätt ich dir vergönnt…

die letzte Reise mit dem jungen Mann ans Meer;
blühende Rosen;
einen 1. Offizier;
Krautplattln, die dir schmecken;
Und ein Stockfischgröstl;
Verzeihen können (aber das hast du heute bewiesen);
inneren Frieden (s.o,);
eine durchtanzte Nacht; (oder viele…);
dein Zimmer ausmalen zu lassen (wenn ich noch drei Monate leb…),
die Liebe deiner Mutter;
die große Liebe;
deines Vaters Lachen;
einen Champagnerrausch,
Blumen,
und noch mehr, blühende Gärten;
einen Tee mit Andre Heller in seinem Garten am Gardasee;
dass du Thomas, den Gärtner wieder siehst;
ewige Ordnung;
Kaschmirwolken;
Einen Song für dich geschrieben;
eine Handtasche (oder mehr);
einen fetten Ofen;
allein nach Bali;
Eine Woche in Wien;
Einen Salon;
das Meer;
deine italienischen Buben;
ein, nein tausend Danke;
die Kontrolle zu verlieren und es nicht zu bereuen;
wirklich geilen Sex;
Bilder, Bilder, Bilder;
(Wieder) Malen können;
Blumen, die nie welken;
ein Sommernachmittag mit dem kleinen Lottele auf den Gassen deiner Heimatstadt;
annehmen können;
ein großes, schönes Geheimnis;
ein paar Momente, für die es sich zu leben lohnt….

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Und dass du einschläfst irgendwann bald in die Arme deiner Mutter gleitest…..ich liebe dich, Mamsch.
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5
Mai
2014

»Du hast mit mir gespielt!«, rief die Schwalbe empört, »ich fliege nun zu den Pyramiden, lebe wohl« -

Zeit Abschied zu nehmen – irgendwann muss ich weiter gehen, irgendwann bin ich immer weiter gegangen, fahrend Volk seit jenen ersten glücklichen Jahren in der CD-Familie und selbst da ein Satellit, frei, „vogelfrei. Und so habe ich mich ins nest der Organisation geflüchtet. Voller Hoffnungen und Sehnsucht und doch ein wenig Kuckuckskind, kein Falkenjunges, immer im Verdacht schwarze Daunen zu haben, das Kehlchen nicht rot genug. Und doch, wie schön ist es im Schwarm zu fliegen, die eine oder andere Kapriole zu segeln oder ein wenig daneben zu zwitschern. Wichtig ist es doch nur die Richtung beizubehalten und dann und wann gute Stimmung zu verbreiten, zu informieren, sich umzusehen. Die vorne zu schützen.


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Zu bunt der Vogel und doch zu wenig Papagei, Rabin, Gans, Käuzchen, Eule? Kein Star und keine diebische Elster, (Schnapsdrossel?), keine Geierin und Adlerauge war weder wachsam noch Adlerauge. Bald werdebns die Spatzen von den Dächern pfeifen und einer von ihnen fühlt sich in der Hand besser an, als die Taube auf den Dach. Einmal noch ein Rad schlagen, einmal noch zur Meise stehen, das Möwenlachen auspacken (Spottdrossel?), ein bisschen Kakapo sein. Nur nicht den Kopf in den Sand stecken und das gluckenhafte ist eh OK Ein wenig Cold Turkey ist auch dabei, Gänsehaut. Aber eine Schwalbe macht noch keinen Sommer.

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Und so segle ich weiter, Phönix ist der Vogel meiner Wahl und Kraniche falte ich, müssen wohl tausende sein. Oder einfach nur eine Schwalbe? 

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522 mal erzählt

24
Okt
2013

The Return of the Mock Turtle

Ich hab Rücken; Rückgrat auch, hoffe ich. Und das tut weh. In der Röhre haben sie Bilder davon gemacht. C5/6/7 grenzwertig und irgendwas. „Nicht grenzwertig grenzwertig?“ frag ich die Ärztin. Doch meint sie und dass ich die Wände hoch gehen müsste vor Schmerzen. Ich hab eine hohe Schmerzschwelle, nicht immer, wenn es um mein Rückgrat geht, aber wenn es um den Rücken geht. Beim Halswirbel da, sitzt der Schmerz. Schief bin ich vom Taschen tragen und da ist da auch noch diese Anspannung im Unterkiefer, die die Schauspiellehrerin schon vor 30 Jahren bemerkt hat. „Warum verkrampfst du den Hals so, das Kiefer? Was willst du zurückhalten? Wogegen wehrst du dich?“ Worte wahrscheinlich. Dabei finde ich der Worte genug, Worte sind mein Leben. Aber es sind nicht immer die richtigen, die da an die Oberfläche drängen. Worte für Werte.

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Worte als Namen. Der Schmerz z.B. C5/6/7 nenne ich ihn, bläulich rot ist er in der Nacht, wenn er sich zu Wort meldet. Dumpf zischelnd ruft er zur Versammlung. Wo Schmerz ist, geht Schmerz zu. Da trifft dann der abgenutzte Körper die abgenutzte Seele. Alle sind sie da, das magere Selbstwertgefühl, die kränkelnde Eitelkeit, der verletzte Stolz und da hinten schleicht die alte Angst rum, Rädelsführerin im Schmerzensrudel. Und sie besprechen sich, erzählen sich Geschichten von früher, als sie hier viel mehr Platz hatten, von Tränenorgien und Selbstverletzung. Manchmal kommt ein neuer Schmerz dazu. Der eine drückt sich still und ein wenig schüchtern in der Ecke, der andere wird als alter Bekannter entdeckt und gleich mitaufgenommen. Da tauschen sie Bilder, Töne Worte, während ich versuche sie zu verjagen.

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Und dann erinnere ich mich wieder an die Wertschätzung, um die sich alles dreht. Weil ich glaube, dass sie mir verweigert wird, verweigere ich sie meinem Körper. He, C5/6/7, du machst einen guten Job, du hältst mich gerade und das kann ich gerade sehr gut brauchen. Zu oft habe ich das Schwere auf die leichte Schulter genommen,die Liebe in Einkaufssäcken heimgeschleppt, um sie dann in die Menschen zu stopfen, sie damit abzufüllen. Ich sollte seltener nicken und öfter den Kopf schütteln, um dich zu entlasten, gerade nach vorne schauen statt zu Boden starren. Mich öfter beugen, aber auch öfter strecken.

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Irgendwann schicken sie wieder die Mock Turtle raus, ihr Klagelied zu singen und versammeln sich alle zur Lobster-Quadrille. Ich kann sie hören, ihr hämen: „Narzissenkönigin“ nennen sich mich: „Sugar-Mami“, dumm und eitel. Der Alkohol tut sein Übriges, anstatt die Worte hinunter zu spülen, kotzt man sie aus – in einem mächtigen Schwall, der alles versaut, Unschuldige bekleckert und übel riecht, Halbverdautes, Wortbrocken, Herzeblut und Tränenspuren. „Aber“, sagt, das kleine Mädchen und „Ich wollte doch nur.“

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Ein Danke wollte ich, nicht Dankbarkeit, fürs Tun, nicht fürs Geben, einen kurzen Scheinwerfer, der zeigt, dass ich dabei war, ein gut gemacht, ein Hebammenlob, ein Lob. Enttäuscht wird nur, wer sich täuscht, predige ich. Und wer von Narzissten Lob erwartet, ein Danke, der täuscht sich gewaltig Das ist wohl überhaupt so mit erwartetem Dank. Und so hülle ich mich in das Danke des 1. Offiziers, sein Lob, seine Wertschätzung und Anerkennung, steh auf, wisch die Tränen ab, richt mir die Krone, schau gerade aus und gehe weiter. Und dann sehe ich es wieder: Es ist eine gute Welt.

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Ich höre das Spottgelächter der Schmerzen tief in mir drinnen und weiß, dass ich vielleicht morgen, wenn mich C5/6/7 weckt, in ihre dreckigen Witze miteinstimme. Und dem kleinen Mädchen flüstere ich zu: „Gut hast du das gemacht, damals und auch heute, ich weiß es, ich war dabei.“

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Und doch: So viel Glück ist mir beschieden. Allzeit gute Fahrt und eine Handbreit Wasser unter dem Kiel…
803 mal erzählt

16
Okt
2012

G-Punkt

Geil gewesen, gell?
Gnadenlos gierig, ganz genusshungrig!

Gut gegangen...gefühlvolles Geknutsche, geschicktes Gefummel, gekonnt. Glamuröses Glied, glitschiges Geschlecht, gefühlsecht getrieben. Ganz großartiges Gevögle. Galaxy! Gebenedeit….

Geschnurre, Gespräche, Gekuschle.
Geliebtester!

(Gulasch gekocht, gleich geschlafen...)

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Bemused.
1679 mal erzählt

21
Sep
2012

Jahrestag

Ich vermisse dich oft. Manchmal habe ich eine Frage an dich, manchmal möchte ich dir etwas erzählen, etwas zeigen. Ich vermisse dich, wenn ich einen guten Krimi lese oder Rinderherz in Wurzelgemüse esse. Ich vermisse dich, wenn ich in Wien an bestimmten Lokalen vorbei gehe und wenn ich mit Mimi spiele. Du fehlst mir, auch wenn ich dich immer bei mir weiß.

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So vertraut mir hier alles ist, so fremd ist es, seit du nicht mehr bist. Ich schlafe in deinem Zimmer, das bis auf die vielen gelesenen Bücher und die mittlerweile so oft durchkämmten beiden Schubladen kaum ein Zeichen deines Lebens hier trägt, aber es ist für uns nicht einfach Zeichen in der Ordnung dieses Hauses zu hinterlassen. Alles ist mir fremd in seiner Vertrautheit. Selten nur wage ich es die Ordnungen zu stören und meist bereue ich es. Ich bin fremd hier.

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Nur dort spüre ich Frieden. Und so habe ich eine Kerze angezündet, aufs Wasser geschaut und dir von meinem Glück erzählt, von meiner Liebe und dass alles gut ist. Und es war gut. Ich bin nicht allein.

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686 mal erzählt

12
Jan
2012

Psalm 118

Und dann stand zufällig vor dem Regal mit dem Objekt der Begierde. Fast schon ein Zeichen, dachte sie sich. Lüge, antwortete es aus einer anderen Ecke ihres Kopfes. Sie pflegte sich ständig ihr Leben selbst zu erzählen und war dabei ein sehr kritisches Publikum. Das war wohl das Geheimnis ihres Erfolges. Schlecht daran war, dass sie sich selbst dabei ständig unterbrach. Oft hatte sie sich gefragt, ob das normal war, dass es in ihrem Kopf manchmal zuging wie in einer Waldorf-Schule. Mit anderen wolllte sie das nicht bereden, auch wenn sie normal nicht besonders schüchtern war. Sie redete gerne in der Öffentlichkeit, sie war ja das kritische Publikum gewohnt. Aber darüber und über ihren Fetisch wollte sie lieber nicht sprechen. Dabei war beides nicht schlimm, beides faszinierte Tausende von Menschen, beides einte sie und ihren Geliebten. Pathos, wieherte die Stimme.
Fetisch.

Sie blickte sich um, niemand in der Nähe, dann streckte sie die Hand aus. Sie hatte danach gesucht, erst nebenbei, dann immer gieriger. Sicher, sie hätte es locker im Netz bestellen können, doch sie betrat die Geschäfte gerne, in deren Angebot sie hoffte fündig zu werden. Da oder dort griff sie bei anderem zu; Geschenke für ihn, eine Freundin, sich, Suchtstoff, Lustspender. Sie stahl sich die Minuten in den Geschäften auf ihren geschäftlichen Wegen, ging früher von zu Hause los und kehrte spät beladen zurück.

Auch hier war sie fündig geworden, bevor sie es wagte die Verkäuferin anzusprechen, die mit dem Rücken zu ihr über einen Haufen Ware gebeugt war, nur ein bejeanster Hintern. Der falsche Moment, dachte sie, wie ungeschickt und streckte lächelnd ihre gefüllten Hände entgegen, die sie als Kundin auswiesen.Sie wiederholte die innerlich vorgeformte Frage. Die Verkäuferin wies den Weg, wohl etwas unwirsch, aber das konnte sie ihr nicht verdenken. Sie war schon vor diesem Regal gestanden, aber hatte das Gewünschte nicht entdeckt. Objekt der Begierde. Obskur.Eine kleine feine Auswahl stand ganz oben. Sie lächelte, weil sie sich seine Freude über ihren Fund vorstellen konnte. Sie wollte nicht alle nehmen, das hätte ihnen wohl beiden die Freude verdorben. Genuss musste wohl dosiert werden.

Sie hielt sie in ihren Händen, ließ ihre Finger durch gleiten und den Bildern in ihrem Kopf freien Lauf. Seine Augen, ihrer Beider nackte Körper, Küsse, knistern, reiben. Es erregte sie, sie streckte die Zungenspitze zwischen ihren Zähnen hervor, ihr Atem ging schneller und spürte wie ihre Brustknospen an ihrer Bluse streiften. Sie trug keinen BH. Er wollte das nicht. Auch nicht an Tagen, an denen sie sich nicht sahen. Aus Verbundenheit. Und weil sie nie gerne BHs getragen hatte. Sie konnte es sich leisten. Buestenhalter. Doch bevor sie sich antworten konnte, riss sie sich aus dem inneren Dialog und sah sich um. Immer noch alleine in der letzten Ecke des Ladens. Als ob man sich schämen müsste. Auch die Verkäufer in den anderen Läden, meistens Männer, die sie verständnislos ansahen und versuchten ihr Billigware aufzuschwatzen. Ladenhueter. Nicht mit ihr. Billigware würde er nie dulden.

Ob sie die kleine Auswahl mit ihrem Handy photographieren sollte und ihm senden, ihn um Rat fragen, überlegte sie und stellte sich vor, wie er mitten in einer Sitzung auf sein Handy starrte. Nein, das konnte sie nicht machen. Also musste sie entscheiden. Schnell schob sie zwei davon zuunterst in ihren Einkaufskorb und legte nach kurzem Überlegen ein drittes Stück nach. Glücklich marschierte sie mit ihrer Beute zur Kasse. Jetzt hielt sie dem Blick der Kassiererin stand, während sie die Ware bezahlte und einsteckte. Kein Grund sich zu schämen im Gegenteil, interessante Auswahl, kommentierte sie ihren Kauf in ihrem Kopf. Schnaeppchen.

Sie zog den Aufenthalt in der Stadt noch ein wenig in die Länge, ging allein essen. Am Naschmarkt genehmigte sie sich Austern und Champagner. Ich liebe Austern und Champagner tönte die Stimme. Meeresfruechte, Schaumwein. Und die Augen ruhten auf dem Einkaufssackerl gegenüber. Sie hob das Champagnerglas und dachte an ihren Geliebten, an heute Nacht, an ihrer beider Leidenschaft. Und Austern und Champagner.

Einen winzigen Hinweis konnte sie sich nicht verwehren. „Im Psalm verworfen dann zu dem geworden oder erhoert“, tippte sie in ihr Handy. Zu Hause überzog sie das Bett neu und bereitete allerfeinstes Beef Tartar zu – sie wollte ja keine Zeit verlieren – und eine stärkende Bouliilon für hinterher. Zwei, drei Mal zog sie sich um – kein BH – bis ihr ihre Kleidung zweckmäßig erschien. Rund um das Bett bereitete sie alles vor, was zum Anstoßen, was zum Anspitzen, Gummis. Ohne Gummis machte sie es nicht. Sicher, das würde manchen lächerlich vorkommen. Wenn sie darüber reden würde, hämte die Stimme in ihrem Kopf, was sie nicht tat. Aber ohne Gummi machte sie es nicht, Vertrauen hin oder her. Oder fast nie. Er war auch eine Ausnahme. Aber auch bei ihm war ihr mit Gummi lieber. Vorsichtsmasznahme.

Sie trank noch einen Vodka. Kartoffeldestillat. Vodka machte sie immer so klar. Und geil, wie die Stimme meinte. Man könnte auch Wodka schreiben. Immer wieder glitten ihre Hände zur Neuerwerbung. Sie war versucht, sie zu öffnen, aber sie kniff die Knie zusammen und versagte es sich. Sie hörte seine Schlüssel in der Türe, warf sich in Pose, vergaß, dass sie eine Powerfrau war und war nur mehr williges Weibchen.

Oh ja, auf den Blick hatte sie gewartet. Gleich bei Betreten des Raumes hatte er ihre Beute entdeckt. Sein Blick war ihrem gefolgt und das Fragezeichen in deinen Augen löste sich in ein Freudenfeuerwerk in seinem Gesicht auf. Und daraus wurde Begierde. Seine Lippen wurden feucht, seine Hose schwoll. Sie räkelte sich lasziv. Endlich wurde es stiller in ihrem Kopf, all ihre Sinne waren auf ihn konzentriert, als er sich dem Bett langsam näherte. Unwillkürlich war seine Hand in seinen Schritt gewandert, ergriffen, wohl ohne es zu merken, losgelassen im Freiraum ihrer Lust. „Heute Nacht leg ich dich aufs Kreuz“ Er kniete neben ihr und zog ihr langsam die Decke vom Leib. Noch hatte er sie nicht geküsst. Er lächelte, als er das Korsett sah, Karos, sein geliebtes Karomuster, maßgeschneidert und mit vielen kleinen Häkchen zum Lösen. Loesungsansaetze.

Endlich berührten sich ihre Lippen, erst lockend und dann immer heftiger vorstoßend, drang seine Zunge in ihren Mund ein. Zuegellos. Sie pressten sich aneinander verschlangen ihre Beine miteinander. Sie spürte ihr pochendes Geschlecht, ihre Hand suchte nach seinem. Gegenstueck. Überall Hände, Münder, Augen. Wirbelsturm, Windhose.

Er unterbrach. Endlich. Noch war es nicht Zeit sich hinzugeben, sich wegtragen zu lassen . Er lächelte und während seine rechte Hand sie hart niederdrückte griff seine linke unendlich langsam nach dem Fetisch. Sie atmete heftig. „Bleib so liegen“, befahl er und öffnete den Champagner. „Brav.“ Dann griff er zum gespitzten Bleistift. Es pochte zwischen ihren Beinen, sie genoss seine Hand fest auf ihrer Brust, wehrlos. Ausgeliefert. Er prüfte den Stift sorgsam und grinste zufrieden, dann warf er sich zu ihr aufs Bett und öffnete das erste Rätselheft. „Eckstein“, sagte er: „Psalm 118: Ich danke dir, dass du mich erhört hast; du bist für mich zum Retter geworden. Der Stein, den die Bauleute verwarfen, er ist zum Eckstein geworden.“ Und dann löste er das erste „Haekchen “.
Es würde eine lange heiße Nacht werden …

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(bemused)
974 mal erzählt

20
Dez
2011

Vom Christbaum

Ich hatte vier Winter erlebt, bevor ich in die Baumschule kam. Von Anfang an hatte ich meinen fixen Platz in einer Reihe mit den anderen Tannen. Jeder von uns Nordmännern hatte genügend Raum, sich auszubreiten. Schafe grasten im Sommer zwischen uns, Schmetterlinge umtanzen unsere Wipfel und nachts erzählte uns unsere Lehrerin, die alte Eule, von unserer Bestimmung. Sicher wir würden nie so groß und mächtig werden wie unsere Artgenossen in freier Wildbahn, auch nicht so alt. Aber wir würden für das Fest der Liebe sterben; im Lichterglanz, feierlich geschmückt und erst später den Feuertod erleiden. Nie würde ein Specht sein Nest in uns hacken oder ein Marder seine Höhle in unseren Wurzeln bauen, keine Eichkätzchen würden unsere Zapfen abnagen. Wir würden von Parasiten verschont bleiben, von Waldbränden und der Sägemaschine.

Wir müssten nur gerade wachsen, erklärte uns die Eule, unsere Lehrerin, dem Mond entgegen und unsere Ästen rundum weit ausbreiten. Und wenn der Schnee schwer auf unseren Nadeln lastete, versprach uns die Eule, unsere Lehrerin, dass wir bald viel süßere Last tragen dürften: Bunte Kugeln und schillernde Vögel mit zarten Federn, Süßigkeiten und liebevoll gebastelte Strohsterne, da oder dort silbernen, blauen, roten Lametta – das sei wie Eiszapfen, glitzernd, nur federleicht, erzählte die Eule, unsere Lehrerin Sie beobachtete die Menschen durch ihre Fenster und hatte schon viele, viele Weihnachten gesehen. Er liebte es, ihren Geschichten - vorgetragen mit eindringlicher Stimme - zu lauschen. Und Kinderlachen versprach sie und glänzende Augen.

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Kinderlachen kannte er, denn oft tollten die Kinder der Bäuerin durch die Baumreihen, spielten Fangen und rissen sogar manchmal an den Ästen. Und auch glänzende Augen hatte er schon gesehen - bei dem Menschenpaar, das Hand in Hand durch die Baumschule spaziert war. Ob es das war, was die Lehrerin, die Eule, meinte, das Kinderlachen, die glänzenden Augen? Der Mond wurde ein paar Mal voll und leer, ein letzter Sommer ging vorüber, ein Kinosommer anderswo, ein Sommer voller Weihnachtsträume in der Christbaumakademie.

Es wurde Herbst und Laub verfing sich zu seinen Füßen. Mäuse und Hamster rannten mit ihren Vorräten durch die Reihen, der Wind zauste die stolz gespreizten Äste und nachts wehten Nebel. „Wie Engelshaar“, eulte die Eule, die weise Lehrerin: „Manchmal hängen sie auch Engelshaar in Eure Zweige und allerlei bunte Figuren, die glänzen im Kerzenlicht. Und dann zünden sie Sternspritzer an, das ist wie der Himmel mit all den Sternen und Schnuppen, nur viel, viel mehr.“ Er freute sich auf Weihnachten.

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Und doch war es ein schrecklicher Tag, als er gefällt wurde, seine Wurzeln verlor und gut verpackt zu seinen Kameraden, den anderen schönen Nordmännern, gelegt wurde. Und dann setzten sie sich in Bewegung, sie rieben sich aneinander, ächzten und stöhnten. Davon hatte ihre Lehrerin, die weise Eule, nichts erzählt. Er hatte sich nicht verabschieden können. Wie seltsam sich die Erde bewegte, an ihm vorbeizog, ein Christbaum unterwegs in Richtung Weihnachten.

Die Kinder hatten ihn ausgepackt, hatten seine Äste aufgerichtet, unterstützt von der Mutter, rotbäckig alle vier. Er stand auf einem großen Platz, mit anderen auf langen Stangen im Boden verankert. Das Licht war schön, Lichterglanz. Ob es das schon Weihnachten war, überlegte er, die Kinder lachten und die vorübergehenden Menschen bekamen immer glänzendere Augen. Es roch gut, doch manchmal bekam er ein paar Spritzer heiße, klebrige Flüssigkeit ab. Es roch gut. Trotzdem. Die Eule, seine alte Lehrerin, hatte mehr versprochen. Sie würden sich um ihn scharen, und das war wohl noch nicht scharen.

Ein großer Baum stand auch da, mächtig mit feuerlosen Kerzen geschmückt. Manchmal machte auch einer von ihnen, der nie die Baumschule besucht hatte, Karriere und landete in einer großen Stadt, als Superchristbaum am Weihnachtsmarkt, hatte die Eule, seine Lehrerin, nur einmal erwähnt. Er seufzte. Diese Karriere würde er wohl nie machen, aber bunte Kugeln und Lametta und glänzende Augen und Lachen und Sternspritzer und Süßigkeiten und Fest der Liebe…Voll Sehnsucht dachte er an die Eule, seine Lehrerin, und vermisste den eulenden SingSang ihrer Erzählungen.

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Da scharten sie sich plötzlich, nicht rasend viele Menschen, sechs davon, Männchen und Weibchen, auch das hatte ihnen die Eule, die kluge Lehrerin, erklärt, dass es Männchen gibt mit einem weiteren Ast und Weibchen, die zwei Eier vor sich hertragen. Und dass sie lange balzten, im Wald spazieren gingen und schnäbelten und sich dann balgten. Die Eule wusste alles von den Menschen. Auch dass sie ungeschickterweise keine Eier legten und ausbrüteten, um sich fortzupflanzen. Was wohl Tannen machten? Er hätte gerne gefragt und hat es nie.

Sie scharten sich um ihn, schwankend, aber musste man nicht schwanken, wenn man keine Wurzeln hat, tief in der Schulerde oder keine Flügel und Krallen, sich an den dürren Ästen festzuhalten? Hier schwankten viele, die meisten. Sie lobten sein Aussehen, lachten wie die Kinder und die Kinder, die kleinen Menschen, holten die Mutter. Sie gaben ihr Blätter und er wurde in ein enges Netz verpackt. Und Einer, ein Großer mit einem lustigen Wipfelschutz, legte ihn sich über die Schulter.“Ich trag ihn heim“, sagte er. Da gingen sie hin, schnell erhaschte er noch einen Blick auf den Platz und seine Nordmannkameraden.

Jetzt war er allein unter Menschen. Seine Äste schmerzten und sie bugsierten ihn in ein langes, sich bewegendes Etwas. Das Männchen hatte seinen Arm um ihn gelegt, das Weibchen bewunderte ihn immer wieder und freute sich an ihm. Ihre Stimme hatte etwas Euliges.

Das musste wohl die Stadt sein. Sie waren lange unterwegs gewesen, hatten einmal das Transportmittel gewechselt. Er sah kaum andere Tannen, fast gar keine, überhaupt wenig grün. Sie waren in einer engen Höhle, es blitzte, war aber kein Gewitter. Waren das Sternspritzer? Irgendwann ruhten sie zu dritt im Grünen, laute stinkende Tiere fuhren vorbei. Autos hatte sie die Eule genannt und erklärt, dass sie gefährlich für Tiere sind, aber dass Bäume gefährlich für Autos sind. Da hatte er sich stark gefühlt. Der Mann – das war wohl der Mann - zündete ein Feuer in seinem Mund an.

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Sie wankten – keine Wurzeln, schon schwierig - zu dritt einen seltsamen Weg entlang mit einer Art riesiger Bauernhöfe links und rechts, ganz eng aneinander gedrängt und Autos und vielen Menschen, die sich nach ihnen umdrehten, manche lächelten – wie Kiesel im Mondlicht im Mund der Menschen, hatte die Lehrerin, Frau Eule, erläutert. Später dann lehnte er an einem Fels, es war rauchig und rundherum Lichterglanz, es wurde gelacht und „seine Menschen“ – er durfte sie wohl so nennen - redeten von Weihnachten. Ihm war warm und er dachte an die Eule, seine geliebte Lehrerin. Dann gingen sie, oder was die Wurzellosen darunter verstanden, und bestiegen einen Berg. Irgendwann spürte er, er war angekommen, ganz oben, in der Großstadt, in seinem Alter schon ein Superchristbaum?

Und dessen war er sich ganz sicher, als bald darauf die zwei Weibchen mit ihren Eiern unter dem Wipfel, ihn umtanzten und schmückten. Sie tranken und prosteten ihm zu. Alles war so gekommen, wie die Eule, seine Lehrerin, versprochen hat. Er hörte sie vorsichtig besprechen, was wohl zuerst seine Äste schmücken sollte, Kerzen oder Süßwaren. Kugeln oder Vögel? Und sie gaben ihm Halt zwar mit Schrauben verankert, aber genährt und sicher. Er hätte ein eigenes Zimmer, scherzten sie, sein eigenes Zimmer. Und an seinen Ästen hing eine Eule, seine Eule, weise und alt, silbern glänzend wie im ewigen Eis. Der Mann hatte sie dort hingehängt.

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Am nächsten Abend tanzten sie um ihn, seine Kerzen wurden angezündet, Gläser klirrten, Pakete lagen zu seinen Füßen, Sternspritzer sprühten, wie Sterne nur viel, viel mehr. Er war der Mittelpunkt, Glocken klangen und alle freuten sich mit, an ihm. Kaum jemand wagte von seinen Ästen zu naschen. Alles war wahr geworden Kinderlachen – es musste sich um eine ziemlich groß gewachsene Sorte Kinder handeln, kaum von Menschen zu unterscheiden – und glänzende Augen. Und die Eulengottheit bei ihm.

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Irgendwann einmal würde er wohl den Feuertod sterben, auch das hatte die Eule prophezeit. Manche ereilte der schon am ersten Abend, andere, gefällt beim richtigen Mond wie er selbst, müssten die heimeligen Stuben erst verlassen, wenn sie zu viel Nadeln verlieren würden. Und so riss er sich zusammen, um zu eben jenen zu gehören und schwelgte in den einsamen Stunden in seinem Zimmer von seinen Erinnerungen an Weihnachten, dem Fest auf dem er ganz im Mittelpunkt stand.

Und dann wurde es noch einmal aufregend, der Mann schnürte wieder Päckchen zu seinen Füßen, die Frau huschte durchs Zimmer, Gegenstände verschoben, ein Lager bereitet. Der Mann schmückte ihn noch einmal mit Kerzen, Musik ertönte und Sternspritzer taten ihr Wunderwerk. Und die Augen glänzten, sie schnäbelten, hätte seine Lehrerin, die kluge Eule dazu gesagt. Sie packten das eben Verpackte wieder aus und sprachen von Freude und Liebe, immer wieder von Liebe. Das Fest der Liebe hatte die alte Eule, seine Lehrerin, es benannt. „Mein erster Baum“, sagte er. „Mein Weihnachten“, sagte sie. Und Liebe.

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Dem kleinen Christbaum kam es vor, als würden die ganze Nacht die Sterne sprühen und er vermisste seine Wurzeln gar nicht mehr. „Es muss eine Vollmondnacht sein, so wie die Tiere des Waldes singen“, sagte er zur Eulengöttin auf seinem Ast: „Und Weihnachten.“ Nie hatte er es gewagt mit der Eule, seiner weisen Lehrerin zu sprechen, nie zuvor. Sie lächelte ihm zu und ihre Augen glänzten.

„Unser Baum“, sagte der Mann: „Und vielleicht kommt er später zu den Elefanten nach Schönbrunn…“. „Unser Baum“, antwortete die Frau: „Sicher kommt er das…“

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Das Fest der Liebe, Eule…und er war ein Superchristbaum.

Bemused...
1431 mal erzählt

3
Okt
2011

Die Kunst des Lebens

Die Bühne war das Element der jungen Turtle. Schauspielerin wollte sie werden von klein auf und wäre bereit gewesen, fast jeden Preis dafür zu zahlen. Glaubte sie zumindestens, betonte sie wenigstens. Schon als ganz kleine Turtle mit sieben Jahren war sie die Müllerstochter im Rumpelstilzchen. Und auch wenn der noch jüngere Darsteller des trotzigen Zwerges die Bühne wütend stampfend zu früh verließ, die Turtle hatte bereits das Publikum mit einem ergreifend improvisierten Monolog ganz für sich gewonnen. Schriftstellerin war nämlich die andere Option, die sich zur etwa selben Zeit in ersten – und äußerst tragischen – acht bis zehnseitigen Romanversuchen äußerte, unvollendet wie so vieles, damals schon. Aber Schauspielerin. Der Versuch in der der Tiroler Dorfvolksschule die Odysee zu inszenieren scheiterte leider. Doch es folgten Jahre erfolgreicher Krippenspielauftritte, unvergessen der Monolog des Mohrenkönigs über die Diskriminierung aufgrund seiner Hautfarbe.

Und dann schließlich Kellertheater, dort wurde die Turtle erwachsen, das war die Bühne ihrer Frauwerdung, dort waren die Menschen, die sie geprägt, gelehrt haben. Theatervolk, Bühnentiere mit großen Gefühlen in steter Verwandlung. Ach, war es schön zu spielen, ach waren die Feste schön, ein Maskenball mit lauter Volksschauspielern, voll auf der Rolle, Premieren, Dernieren; Applaus, Applaus.

Ich habe meinen Stanislawski gelesen und meinen Max Reinhardt, verstecktes Theater gemacht und von Lee Strassberg geträumt, ich hab sprechen gelernt, gehen gelernt, sogar ein paar Schritte tanzen. Nur das mit dem Singen hat nicht geklappt und mit den Aufnahmsprüfungen an den Schauspielschulen. Also was ganz anderes: Theaterwissenschaft studieren, Regie vielleicht oder so. Als Peymann kam, war ich am Stehplatz mit dabei, die Festwochen waren mir solche, was habe ich Aufführungen gesehen, Strehler und Zadek und Lindsay Kemp und so viele und vieles – ganz großes Theater.

Und dann ist es mir unterwegs verloren gegangen, die Publizistik hat gesiegt, die Medien waren meine neue Bühne, die Spiellust einfach umdirigiert, von Zeit zu Zeit private Dramen. Jetzt darf das alte Zirkuspferd immer öfter wieder auftreten als Moderatorin oder als toll3stes Weib beim Interpretieren eigener und anderer Texte, die Bühne hat mich wieder. Ich fühle die elektrisierende Vorfreude, ich genieße es den Blick durchs Publikum schweifen zu lassen. Schön ist es am Mittwoch bei unserer Lesung in der Buchhandlung. Und ein neues Programm ist schon on Planung

Und zwei Tage später, konnte ich dem Einen applaudieren - schauen Sie sich das an, falls Sie in Wien sind – noch den ganzen Oktober jeden Freitag und Samstag und auch den Rest von MiMaMusch kann ich Ihnen nur ans Herz legen. Weil wir beide Bühnentiere sind, brauchen wir einander nichts vorzuspielen. Wir lieben unser Publikum und nehmen Platz im Publikum des jeweils anderen. Wir lieben den Applaus und spenden ihn auch einander so gerne. Wir lieben die Verwandlung und können uns einander ohne Masken präsentieren. „Wir sind Künstler“, sagt er irgendwann in der Nacht nach der Premiere und ich glaube es ihm. Sehr gerne.

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Am nächsten Morgen in der Küche Max Reinhardts Rede über den Schauspieler von 1928: "In jedem Menschen lebt, mehr oder weniger bewusst, die Sehnsucht nach Verwandlung. Wir alle tragen die Möglichkeiten zu allen Leidenschaften, zu allen Schicksalen, zu allen Lebensformen in uns.“Die Stimme des Theatermachers in den 100 Jahren des Erstgeborenen. Ja.

Und abends dann andere auf einer Bühne, ein fulminantes Festkonzert
– lauter Lebens-KünstlerInnen. Ganz großes Theater. Das Leben - und Ihr alle, sein wundervolles Ensemble - hat sich einen kräftigen Applaus verdient.

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Mock Turtle

Sit down, both of you, and don't speak a word till I've finished

Who sits there?

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Im Bilde

2015-06-17-19-00-29

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