Homestory

10
Mai
2015

Liebe Mama,

alles Gute zum Muttertag. „Und bitte, nichts zum Muttertag, ein braves Kind, das ist bloß Geschäftemacherei“, hast du jedes Jahr gesagt. Und jedes Jahr habe ich trotzdem darauf geachtet, dich an diesem Tag zu feiern, zu beschenken. Es waren nie die „richtigen Geschenke“, die waren so schwer für dich zu finden, es waren meist die richtigen Blumen: die geliebten Margeriten. Ich habe nicht sehr oft die Muttertage mit dir gefeiert in den letzten Jahren. Zu nah lag der Tag am Geburtstag, um gleich wieder nach Tirol zu fahren. Als ich ein Kind war, war es dir lieber, wenn ich kein Frühstück machte, wegen dem Chaos. Ein paar Muttertage in den letzten Jahren hast du bei meinem Cousin verbracht, der dir Sohn war und Familie bot, 40 Euro Taxi steht da und sein Name, Muttertag steht nicht dabei.

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Letztes Jahr habe ich dir Frühstück gemacht, den üblichen Obstteller, ich habe deine Drainage gespült und wir sind zur Seniora gefahren, der 1. Offizier hat uns begleitet. Du hast – wie stets geätzt über die Familien, die ihre Muatterln zum Essen schleppen, dass diese dann bezahlen müssen. Ich habe gezahlt. Ich habe Rosen pflanzen lassen, glaube ich mich zu erinnern, vielleicht war das auch am Geburtstag. Margariten blühten in der Schale vor dem Haus. Und auch die Amsel feierte Muttertag in ihrem Nest vor dem Erker.

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Ich glaube nicht, dass sie jetzt gerade brütet, gestern gebrütet hat. Da haben sie ihn diskutiert den Muttertag in den sozialen Medien, die Mütter, die selbst Mütter haben und die Frauen, die nur Töchter sind. Ich habe an dich gedacht Mama, ich habe keine Blumen geschickt, diesmal, diesmal habe ich sie der Mama des 1. Offiziers geschickt, das ist in deinem Sinne, oder?
Nicht alles, was ich mache ist in deinem Sinne, war es noch nie – aber ich bemühe mich wie schon mein Leben lang, es in eurem Sinn, im Sinn der Liebe, der Güte, der Gerechtigkeit zu machen.

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Liebe Mama, du warst mir eine gute Mutter und ich war dir eine gute Tochter. Du fehlst.

Deine Putzi
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29
Aug
2014

Das Herz im Leibe würde ihr zerspringen....

Am 24. August 2014 gegen neuen Uhr Abends hat meine Mutter Ihre große letzte Reise angetreten. Heute Nachmittag nehmen wir von ihr Abschied. Vor paar Jahren ist einer der liebenswerten jungen Gärtner, den sie sehr mochte, abgestürzt - seinene Partezettel hat sie oft zitiert:

Ich habe den Berg bezwungen, den ihr noch vor euch habt.
Drum weinet nicht, ihr Lieben, ich hab ' es schon vollbracht.

In Liebe und voller Dankbarkeit, dir und meinem Vater zu Ehren, zur Freude und zum Angedenken will ich ein gutes Leben leben ....

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21
Aug
2014

Von einer, die auszog, das Fürchten zu lernen

Vom Krankenhaus ins Sanatorium von Sanatorium ins Krankenhaus ins Sanatorium ins Krankenhaus…nur marginale Unterschiede in Pastell gehalten und im Baustil, alterwürdig das Eine, das Landeskrankenhaus, modern das andere, das Sanatorium der Kreuzschwestern. Trotzdem Pastell, hellgelb und rosa und jenes unerträgliche Grün, das an OP-Saal erinnerst und Blumenbilder, Topfpflanzen, Besuchernischen. Alles schreit nach „hell und freundlich“. Kaum rot, rot macht agressiv, rot erinnert an Blut, Die Rosen sind rot, in den tadellos gepflegten Gärten hier wie dort (und daheim) und auf den Blumenbildern und der Himmel manchmal in den Bergen.

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Jesus hängt überall, auf den Gängen, in den Zimmern, im Sanatorium sogar am Hauskapellenchannel und vor dem Fenster. Schmerzverzerrt das Gesicht, Schmerzens Reich? Das Heil’ge Land. Bunte Fotografien hängen auch hier und Schnitzereien, die die Schönheit der Heimat zum Verkauf anbieten. Den Patscherkofel, den Glungezer, die Nordkette, die ganze Bergherrlichkeit hat man vor dem Fenster, wenn man Klasse liegt, im Krankenhaus und im Sanatorium.

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Bunter Bilderrahmen mit Fotos der Pflegenden, Funktion und Vornamen, hängen da wie dort. Anfangs habe ich noch versucht sie mir einzuprägen, Beziehung aufzubauen, in langen bangen Stunden, wie man so sagt. Nicht zu viel natürlich, war auch nicht möglich bei dem Arbeitspensum, dass all die Judiths, Saras, Joses, Canans, Franks, Merles, Biancas, Drgaicas, Birgits, Günthers u.a. zu bewältigen haben. Da wie dort stetes Klingeln, weiße Gewänder mit besorgter Aufmerksamkeit oder genervt, müde, seelenvoll, achtsam. Alles.

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Der Brasilianer mit dem Irokesen, der sanfte Tischler, dem Mama die Buddhafigur geschenkt hat, das blonde Mädchen aus dem SOS-Kinderdorf, die andere Blonde mit dem „Vayaz con Tioz“-Tattoo, die Schwester der Fernsehmoderatorin, die junge Ärztin, die Mama in der Nachtschicht verarztet hat, die Röntgenassistentin, die mich in den Arm genommen hat, Herr Sommer, der mich gewarnt hat, die junge Türkin, die Weihnachten Dienst hatte…

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All die Namensschilder, die bunten Gummischuhe mit den Comicfiguren, Haarfarben, Haarschnitte, Herkunften, Pflegeredewendungen, professionelle Handgriffe, Hygiene, irgendwie zwischen Professionalität und Anteilnahme und Gesprächen von jener anderen Welt. Und die Mutter, ich schäme mich für sie, wenn sie die Nachtschicht quält, ich bin stolz auf sie, wenn sie das Personal zum Lächeln bringt. Ich bin ihr linker Arm, im Krankenhaus und auch im Sanatorium, selbst als ich selbst dort liege.

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Da wie dort schleichen die Seelsorgenden über die Gänge, ich erkenne sie schon von weitem, nicht nur die Geistlichen, die ihr Gewand verrät, auch die weltlichen in den weißen Mäntelchen. Ihr suchender Blick verrät sie und ihr sorgendes Lächeln. Padres, Schwestern, Freiwillige, wie Totenvögel mit Heilsbotschaften im Schnabel. Ich zücke meist das Handy und überprüfe meinen Nachrichtenstatus oder tue zumindest so, um sie abzuwehren. Auch die Mutter hat sie alnge mit dme Buddha-Kopf auf dem Nachtkästchen, aber unlängst konnte sie eine der weißen Schwestern im Sanatorium zur Kommunion überreden.

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Ihr Gott ist ein belohnender und strafender, um Hilfe ruft sie ihre Mutter an, verzweifelt wimmernd in den Krankenhausnächten. Oder die Nachtschwester oder mich. Ich habe sie kaum je beten gesehen, den Vater schon, verzweifelt. „Das hätte dein Vater nicht ausgehalten, er hat Krankenhäuser gehasst“, und ich sehe ihn auf den zu kleinen Stühlen hilflos zusammengesackt inmitten des Pastell bei den Krankenhausbesuchen früher, damals in den anderen verwechselbaren Krankenhäusern und Sanatorien. Verängstigt, verzweifelter Besucher.

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Ich warte auf die Visite, verwechselbar Ärztinnen und Ärzte hier wie dort, verwechselbar auch mit dem Pflegepersonal, die Frauen eher, neigen sie doch weniger zur klassischen Visitehaltung. Zuhören, wenig mitsprechen, sanfte Korrekturen, kleine Wortgefechte mit der Mutter. Hinterherlaufen. Wieder warten, während die Mutter schläft oder untersucht wird. Warten in den Kaffeehäusern, die wie Schleusen zwischen den Innen- und Außenwelten funktionieren. Hier vermischen sich Gesunde und Kranke, Pflegende und BesucherInnen; nur die Seelsorgenden trifft man hier selten, hier laben sich die Seelen an anderem.

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Die Bäckereikette in der öffentlichen und der ambitionierte private Pächter in der privaten Anstalt, bieten Abwechslung zur Krankenhauskost, die da wie dort…Man gönnt sich Verbotenes, das Stück Torte, die fette Wurst, den Schinken-Käse-Toast, echten Kaffee, Wien Bier. Da sitze ich und warte und schnappe Gesprächsfetzen auf, die mit voller Härte der Sprache, der Konsonanten, die Härte der Menschen hier untermalen. Wie genieße ich die Großstadt, wo ich nicht verstehen muss, was die anderen sprechen.

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Weg, raus aus dem Ganzen, meinen Hals retten. Doch ich habe in nicht aus der Schlinge gezogen, sie zieht sich zu aus 500 km Entfernung, ihr anderes Ende ist in dem Krankenhausbett in einem pastellfarbenen Raum mit Blumenbildern und nam- wie auch gesichtslosen Pflegepersonal. Ich warte am Vorderdeck. Ich hätte ihr gerne noch eine Zeit gegönnt in ihrem Haus. Ich hätte nicht gedacht, dass sich ihr unendlicher Zorn über mein Weggehen, unsere Trennung auch auf die Pflegerin erstreckt. Und doch nichts Neues, alles schon erlebt, auch vor der Krebsdiagnose, dem Todesurteil, das manches entschulden lässt.

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Alles schon gehabt, vertraute Muster von Kindesbeinen an. Da ist nichts was wir tun können. Nichts was ich noch tun kann. Warten. Contenance bewahren und der Mutter Würde ist in Pastell gebettet.
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30
Jul
2014

Den Kopf aus der Schlinge ziehen

Dann war er da: der große Schmerz. Wie so oft manifestieren sich meine Metaphern körperlich. Dass ich das Haus auf meinen Schultern trage, die Mutter, ihren, meinen Rucksack, ihre, meine Steine, dass ich mich fühle wie ihr linker Arm, der auf der Schlaganfallseite, der gebrochen, den sie nur zum Balancieren braucht, nur selten verwendet, weil er ihr nicht gehorcht wie er sollte. Der Kopf zu oft eingezogen, zwischen den Schultern, fast immer genickt, zu selten den Kopf geschüttelt. Ich habe zu Boden geblickt statt nach vorne zu schauen, bin auf die Knie gegangen ohne mich durchzustrecken, habe mich unters Joch gebeugt.

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C5/6/7 strikes back - der Schmerz ist zurückgekehrt, ungleich größer und grell- bis dunkelrot, unstoppable. Da war er da und hat mir die lange nicht geweinten Tränen einfach in die Augen gezwungen. Vom Hals hat er sich in den linken Arm ausgeweitet und dort breit gemacht, jedes Fingerspitzengefühl ist mir abhanden gekommen. Der linke Arm, der an dem die Mutter hängt, wenn wir durch den Garten spazieren, ihr linker Arm, der ihr nach dem Schlaganfall nicht mehr gehorcht und den sie sich Mitte Mai gebrochen hat. „Manchmal fühle ich mich wie dein linker Arm“, habe ich ihr erklärt, ein Anhängsel, ärgerlich manchmal, weil es nicht funktioniert, wie es sollte, nichts zu dem man danke sagen müsste, ganz ohne ginge es aber nicht. Ihr linker Arm, den sie seltsam verkrümmt nach hinten streckt, wenn ich hinter ihr die Treppen hinauf gehe. Mein linker Arm, nicht nutzlos doch schmerzensreich und nützlich, weil er mich dazu gebracht hat, um Hilfe zu bitten.

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Einmal noch nach Wien, trotz Schmerz und Pein, unter die Menschen, die ich liebe, Lachen, Laben tanken, vor dem Eingriff, der Operation. Und dann endlich, ein sanftes schmerzfreies hinüberdämmern und ein Erwachen mit hoch erhobenen Haupt, gestützt von außen durch eine mächtige Halskrause von innen durch zwei „Beilagscheiben“, Cages, die mich aus dem Schmerzkäfig befreien – und aus dem anderen. Dass ich abreisen müsse, erklärt mir der Operateur, erklären mir alle und die Geschwindigkeit, mit der sich meine Muskeln verspannen, sobald ich mit der Mutter in Kontakt komme, spricht ebenfalls eine deutliche Sprache.

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Ich habe den Hals aus der Schlinge gezogen, Kopf hoch sage ich mir und beutle die Last im Nacken ab. Die Ärzte haben mir unter die Arme gegriffen und den Rücken gestärkt, die Menschen, die ich liebe halten mir den Rücken frei, sie stehen hinter mir. Ehobenen Hauptes schreite ich voran. Ich werde wiederkommen, wenn ich Kräfte gesammelt habe und die Mutter mich braucht, um jene letzten Meter gemeinsam zu gehen….

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Und doch: So viel Glück ist mir beschieden. Allzeit gute Fahrt und eine Handbreit Wasser unter dem Kiel…
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12
Jul
2014

Über Stock und Stein

Mein Rucksack drückt. Der Stein, Steine sind durch das grobe Leinen stetig zu spüren. Schwer lastet er auf meinen Schultern. Ich kenne den Berg, schon lange, er ist mein Hausberg, wie der Bettelwurf der Familienberg der Mutter-Familie ist. Ich kenne den Berg, aber nicht den Weg. A Schritt vire (zwa Schritt zruck). Alle Wetter: manchmal pfeift der Föhn und alle anderen Gipfel rundherum rücken näher, schmerzhaft klar, fast schrill, grell. So nahe, dass ich nur schwer Luft bekomme, während ich einen Schritt vor den anderen setze. An heißen Tagen gehe ich langsamer, such den Schatten im Wald, Regentage sind schwierig, kalt und nass bis auf die Knochen, schlechte Sicht, manchmal machen sie ein Weitergehen unmöglich, dann heißt es warten, ein Lager aufschlagen, zusammenrücken, biwakieren, nur nicht die Nerven verlieren. Warten. Schnaps hilft, vorübergehend, ein gutes Buch auch.

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Es ist nicht ein Stein, nicht Einstein, den ich mit mir herum schleppe, kein großer Kindheits-Eltern-Heimat-Stein, es sind viele: Katzengold und echtes Gold, ein Amethyst, wie eine Kathedrale im Grau verborgen, Erzgestein und Herzgestein, auch Diamanten, durchs Feuer gegangen und von erlesener Härte, Bernstein, Wesen aus einer anderen Zeit einschließend und so vergänglich, Bergkristalle, milchig weiß, Pfeile, Obeliske mit Phantomen, Onyxe, unendlich schillernd und tiefgründig, Pfeilspitzen aus Obsidian, geronnener Lava und bemalte Bachkiesel, Erinnerungsstücke – nicht alle Steine sind bearbeitet, sie sind mehr oder weniger nützlich. Manche habe ich im Lauf meines Lebens zu wertvollen Werkzeugen geformt. Das kommt mir jetzt zunutze, die Werkzeug-Steine, die ich mit mir herumschleppe, ebenso wie die Fähigkeit sie zu bearbeiten. Und manche – bemerke ich – trage ich nur mehr als Muster mit mir herum. Den Ziegelstein aus Marienthal hab ich abgelegt.

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Auch die anderen sind Muster, die bunt bemalten oder die, die ich aus reinem Trotz behalte, weil sie mich am Boden halten, den Rucksack beschweren, so dass ich die Schultern zurücknehmen kann, muss. Ich sollte sie durch Champagner ersetzen. Durch kleine Büchlein voll Gründen zu Lieben, von mir aus durch Kartoffeln oder jene harzigen Kiesel, die ich eher unter Proviant einorden würde. Champagner und Liebe.

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Liebe um, die kantigen Steine einzuwickeln, weiche samtene Liebe, damit sie nicht die kostbaren Champagnerflaschen zerschlagen, dann würde man sich schneiden, wenn man den Rucksack auspackt, auf der Suche nach dem Feuerstein oder der Regenjacke, die auch Schaden abbekommen könnte. Das will ich nicht. Und so lege ich dann und wann einen Stein ab, manchmal nur kurz und dann taumle ich zurück, ihn zu holen, manchmal auch längerfristig. Mama geht neben mir, duldend und aufmüpfig, sucht ihre eigenen Wege, ist trotziges Kind und störrische Alte. Ich trage ein paar ihrer Steine mit, manche drängt sie mir auf. "Kannst du nicht sehen, dass es Katzengold ist“, will ich schreien, aber dann denke ich an meinen eigenen Talmi und lade mir auch ihren Stein auf, riskiere, dass die absplitternden güldnen Blättchen die Seiten meines Buchs der Liebe aufrauen.

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Immer wieder will sie überprüfen, ob die Steine noch da sind, lässt mich meinen Rucksack öffnen, will sie selbst tragen. Meine Steine interessieren sie nicht. Bis zum Ende will ich gehen, habe ich ihr versprochen und mein Rücken schmerzt bei dem Gedanken, zu schwer ist es sich ihrem Schritt anzupassen, sie mäkelt am Proviant, und im Nebel kann ich den Gipfel nicht mehr sehen.

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Manchmal geht wer ein paar Schritte mit uns, immer wieder der 1. Offizier, der mich in kalten Nächten und am frischen Morgen wärmt, mir hilft, uns hilft die Rucksäcke zu schleppen. Jeder anderen hätte ich als Bergführerin geraten, eine Pause einzulegen, andere mit der Mutter gehen zu lassen, den wehen Rücken und die Blasen an den Füßen zu kurieren, die Schuhe doppeln zu lassen, Proviant aufzunehmen und den ein oder anderen Stein im Tal zu lassen. Werkzeug finde ich immer unterwegs. Und je fester die Schritte der Mutter werden, desto schleppender, schmerzhafter, die meinen….und es blühen die Hortensien.

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9
Jul
2014

Und Wien…

Heimaturlaub, vier Tage, fünf Nächte zurück im anderen, meinem, dem echten wahren und gutem Leben. Mit allem und scharf. Lilien am Bahnhof, Grätzelherzlichkeit gleich Parterre, die Herren Wir-ten-Buben, Konsti, der eben seine Optik einem Romanhelden gleichen Namens geliehen hat (unbedingt lesen: Szczepan Twardoch „Morphin“), der Novak, der mich nicht verkommen lässt, der Herr Cafetier samt Familie und all die anderen, Steckerlfisch dann am Donaukanal. Hand in Hand gehen wir nach Hause, den Kanal entlang, da sitzen junge Menschen und trinken und rauchen siaße Tschick und schmusen und leben. Und das machen wir auch. Kunst steht herum, wie es nur Kunst kann, ein bisschen kitschig, die gewachsene an den Kanalmauern scheint kunstiger nicht so künstlich. Fußballjubel, mehr oder weniger enthusiastisch. Sätze fliegen, auch auf Graffities, in meinem Kopf, im Vorbeigehen – Vienna Revisited. Wir erzählen uns von den Plätzen, wo wir einst geliebt, gelebt haben, lange vor unserer Zeit, wir biegen um Ecken und steigen Stiegen, die Schuhe drücken, aber das macht nichts, wir erobern den Alsergrund auf verschlungenen Wegen, zeigen uns Häuser und Staben. Und dann Vorderdeck und rätseln und mehr. Und mehr.

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Kochen und backen, Schallplatten beim Erstgeborenen, ein Schwätzchen mit der Frau mit dem schönen Namen vom 2. Stock ins Erdgeschoss – „Der Bekannte macht das ja ganz ausgezeichnet, mit dem haben‘S a Glück.“ Oh ja, das habe ich und ihm, dem Bekannten, dem Geliebtesten, habe ich zu verdanken, dass ich nicht zu viele Fragen zu beantworten habe, dass mein eruptiver Redeschwall zwischendurch anerkennend zur Kenntnis genommen wird. „Wie großartig für dich, dass du das erleben kannst“, sagen die Freunde, nur die Frauen sehen die Dimension: „Das könnte ich nicht.“

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Könnten sie, müssen sie aber nicht. Fast komme ich mir wie eine Streberin in Sachen Leben, misstrauisch beäugt oder bin ich doch neurotisch, ein bisschen irre, ein bisschen jelineksch, sagt zwar niemand, nur ich, scherzend. Und ich scherze immer öfter. Immer Drama lebt sich schwer, es gibt kaum Rettenderes als das Absurde. Immer schon oder schon lange.

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Freitag beim Erstgeborenen, deep Soul plätschert über die tiefe Seele, Herr A. versteht, auch seine Mutter stirbt seit Jahren und Herr Doppel T. schwirrt und es ist Freitag, Freitag, Freitag im Wohnzimmer, wo ich jenem Teil meiner Seele begegne, der statt einer Daily-Soap-Brünetten südamerikanischen Ausmaßes die Heldin einer Screwball-Comedy begleitet. Being Mae West. That kind of Heldin I wann be.

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Absurd schön sind diese Tage in Wien. Elektrobootfahren – Sushi und Matjes – und dann Donauinsel. Und Bründlmayer Rose. Und die Genossen und Genossinnen auf der Arbeitsweltinsel, die weder wissen, was sagen noch was tun….Keine Kollegin mehr, keine Chefredakteurin, da war doch was...Mutter und so….Interessant, wie die Menschen reagieren, denke ich mir, interessant, wie sie ihre Leben leben. Verdammte Arroganz, nein, ich bin nicht besser und einen Himmel erwarte ich mir nicht.

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Und dann ein Video drehen, Skunk Rock, meine kleine Welt, Bubbles ohne Ende, Bubbles werden von mir bleiben. Ein Herzen hier, eine Umarmung da. Kurz bin ich Teil des Lebens, das sich in den sozialen Medien kaleidoskopest spiegelt. Ich poste Konzertphotos. Ich bin live dabei. Das Leben geht weiter. Am Vorderdeck und im Elektroboot. In den Gassen der Heimatstadt. Und auf den Plätzen. Wie eine Urlauberin, lass ich mich treiben, hinter jeder Ecke, eine Überraschung, ich besuche Don Pedro, spreche über Fliegen, Karlsplatz, Drinkpoint Charlie, Straßenbahn, Beef Tartar im Hummel, nur kurz die „Süddeutsche“ einfach sitzen und zusehen, zuhören. Stadtleben, Stimmengewirr, Lebensgeschichten, spannende Menschen.

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Meine Menschen, meine Zeit, mein Raum, gestohlen fühlt sie sich an die Zeit, nicht so verstohlen wie Zärtlichkeit und Sex im Elternhaus, die schlafende Mutter nebenan. Laut kann ich sein, laut leben und lieben. Ein paar Tage im Monat.

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16
Jun
2014

My private Guantanamo…

Und manchmal verwandelt sich mein Ashram, mein Zen-Kloster in ein Gefängnis. Zeit und Raum gehören mir schon lange nicht mehr. Weder am Tag noch in der Nacht. Mein Radius ist eine Stunde, am Wochenende unser Radius. Die restliche Zeit verbringe ich in Rufbereitschaft, zehn, zwölf, fünfzehn mal, ruft mich der vertraute Klingelton; erinnert mich an mein Versprechen. Und dann noch die Zeit zu ihren Füßen; und immer wieder Klo. Längst habe ich den Ekel abgelegt, längst vermeine ich den süßlichen Pissegeruch, der sich im Sommer auch nachts durch die Plastiksäcke drängt nicht mehr los zu werden.

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Der Zorn bricht sich schon wieder Raum; von vier Krankenschwestern kann letztendlich nur eine bestehen. Bei den anderen lässt die Eiskönigin bei 34 Grad im Schatten die Luft gefrieren: Zu dick, zu unfrisiert, zu nett, zu…. Einen Teil meiner einzigen freien Stunden im Tagesverlauf verbringe ich also lauschen in der Küche und tröste die Schwestern, wenn sie aus dem Haus geschickt werden. „Klo“, sagt sie, während die Türe noch ins Schloss fällt. Sogar die Hospizschwester schickt sie weg. „Krankheitsfolgen“, vermuten die Schwestern. Nein, muss ich mich stetig erinnern, ich kenne diese Blicke, dieses Schweigen, diesen Zorn, diese Anschuldigen, seit ich Menschen kenne.

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Gerade eben vermeinte ich sie hinter der Scheibe wahr zu nehmen. Sie öffnete das Fenster nicht, eine Minute später mein Handy, ich laufe hinein. „Klo – so wie du läufst, wenn ich dich rufe, musst du mich lieb haben.“ Klo. Scheiße. „ich kann nicht Gedanken lesen, Mama, niemand kann das, du musst sagen, was du willst…“ Sie tätschelt mich.

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Und dann sagt sie, was sie will, irgendwann, wenn ich gerade sitze, lese oder schreibe. „Nudeln“ – und die sofort, mit Fertigsauce. Ich erkläre, wie wichtig mir das kochen ist, wie es mich befreit und dass ich ihr ihres und mir meines koche. Drei Stunden köchelt die Rindssuppe, als ich aus dem Keller retour komme, steht sie mit der M*ggi-Flasche davor. „Wenn du mich anschreist, wissen die Leute, dass du nicht so gut bist, wie du tust“, ich wusste, dass das kommt, immer wieder. Die Leute, Außenwirkung. Sie hebt die Hände, wie um mich zu schlagen. „Woher kommt dein Hass?“ fragt sie – „Es ist Liebe, Mama, weder Eitelkeit noch Hass.“ Ich verletze sie, mich auch.

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Nur mehr an meiner Lautstärke kann sie sich festkrallen, kaum mehr an meinen Worten. „Schrei nicht mit mir“, ich senke die Stimme. „Aber du kannst den Martin bei dir haben, du hast deine Wohnung, dein Leben“ – das ich mir verdient und erarbeitet habe, verdiene und erarbeite. Es ist nicht die Krankheit, nicht diese Krankheit, nicht der Krebs, nicht der Ikterus, es sind nicht die Medikamente. Es ist die andere, die viel, viel ältere, die mehr an mir als ihr nagt, mir mehr Schmerzen bereitet oder ähnlich viele.

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Daran muss ich mich erinnern, um mich nicht einlullen zu lassen vom Lächeln, den Komplimenten, die sich auf das Aussehen beschränken, vom Verständnis. Sie ist nicht immer so, sie hat auch schon des Nachts ausgeharrt, um mich nicht zu rufen, sie bedankt sich, sie sagt: „Das könnte ich nicht“ Und sie sagt in einem unserer letzten Streits die Wahrheit: „Ich liebe dich, ich hab ja sonst niemanden.“ Die Menschen hier in den Bergen sind so stolz auf ihre Ehrlichkeit.

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Es ist Liebe, Mama, Liebe zu dir und Papa, zum Leben und den Menschen. Und es ist gut so.
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9
Jun
2014

Papa, can you hear me?

Du bist bei uns. Auch wenn sie nicht von dir spricht, begleitest du uns. Besonders hier, wo du gestern Abend mit dem 1. Offizier und mir an deinem Stammplatz gesessen bist. Oder dort drüben unter dem Apfelbaum. Ich hätte auch dich nach Hause begleitet, wenn du gewartet hättest – da ist er wieder, der verdammte Konjunktiv in der Vergangenheit. Dabei gehen wir doch noch immer nebeneinander – ich auf deinen Schuhen, gestützt von deinen Händen. Vielleicht ist es ungerecht, wenn ich dich als den sanft Führenden und sie als den verbietenden Pol betrachte.

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Dass ich jetzt hier sitze in ihrem deinen, euren Garten, an deinem Platz, Mann und Frau und das Haus vor mir, die Mutter begleitend, behütend, als stete Wunscherfüllerin, hat sie habe ich, haben wir auch dir zu verdanken. Das habt ihr mir mitgegeben ins Leben, meine Werte als schützenden Mantel, der mich doch auch ins Schwitzen bringt und da und dort gewaltig zwickt. Aber das weißt du ja, auch dein Mantel hat gezwickt, war mal zu dünn und seltener zu dick, zu eng, nehme ich an. Nicht so Komfortabel und weit wie der schwarze Dufflecoat aus olympischen Zeiten, denn die Mutter mit einem güldnen Futter versehen ließ, dein Mantel, ein wenig zurecht gestutzt, doch groß und weit und warm. Wie dein Herz.

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Kaum Spuren hier im Haus von dir mit Ausnahme der Bücher, die du in den Nächten verschlungen hast. Dicke Schwarten, gerne mit historischem Kontext, die beiden Laden im Schlafzimmer, vielleicht. Deinen Kasten haben wir mittlerweile ausgeräumt, ein paar Stücke dem 1. Offizier gegeben, einen Hut, einen Mantel, groß und weit und warm wie sein Herz. Er wächst hinein, ich wachse hinein, ich gehe den Weg mit ihr. Das hast du gewollt, glaube ich, gehofft, vielleicht und wohl auch, dass ich glücklich bin. Und ich bin es. Es gibt eine Schulter, an die ich mich lehnen kann, wenn mir die Last des Hauses zu viel wird, einen Arm, auf den sie sich stützen kann, wenn sie meinen nicht will, jemanden, den sie anlächelt, wenn sie mich anschweigt und mit kritischen Blicken mustert. Du kennst den Blick.
Papa, du fehlst mir, deine Stimme, dein Lachen und die Möglichkeit, dein großes, weites und warmes Herz schlagen zu hören. Heute wärest du 84. Jahre alt geworden. Danke für alles, was du mir fürs Leben mitgegeben hast.

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5
Jun
2014

Welchen Tag haben wir heute?

„Morgens um sieben ist die Welt noch in Ordnung“ hieß ein Buch in unseren Regalen. Morgens um sieben schläft Mama noch ein bisschen. Meist sind wir um fünf aufgestanden, um drei, around midnight. Das Handy weckt mich. Sie ruft an, wenn sie mich braucht. Meine Schlafzimmertüre – das Vaterzimmer neben ihrem – ist zu. Ich brauche die Privatheit, ich ertrage auch die durchgehende Beschallung mit Radio Tirol nicht. Also, Anruf genügt, ich werfe mein Hemd über, binde manchmal sogar die Haare zurück und eile. Oft bewundert sie die Geschwindigkeit, mit der ich bei ihr bin. Wir stolpern, sie weil es Nächtens noch schwerer fällt, die müden Füße zu heben, ich schlaftrunken und geblendet vom Licht, das sie aufdreht. Toilettenrituale, retour.

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Morgens um sieben streife ich durch die Social Media, höre Ö1 in der Küche und schneide Früchte für Mamas Frühstück, auf dem Herd brodelt mein Kaffee in der roten Espressokanne. Die Stiege ist gewischt, meine Bettdecke über die Balustrade gehängt, Teppichfalten geglättet, die Sauna im Keller aufgedreht, damit ich beim Duschen nicht frieren muss. Wenn ich den Obstteller und die morgendliche Medikamentenration serviere, erwacht sie. Ich spüle die Gallendrainage, wenn die Krankenschwester erst später kommt oder überlasse es ihr. Das mache ich gut findet sie, ganz sanft. Im Nachthemd – gestern von mir gebügelt – sitzt sie kerzengerade vor dem Obstteller, den Reifegrad der Früchte kommentierend, ich hole den Schlafrock, ziehe ihn ihr an, hole Zucker, falls gewünscht und die Tageszeitung aus dem Windfang, der Todesanzeigen wegen.

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Küche aufräumen, sie will hinunter gehen, bald, gleich und die Dusche wieder abgedreht. Keine Zeit. Später, vielleicht. Hausfrauenpflichten. Die Ordnung muss hergestellt werden. Die Mutter wischt in der Küche hinter mir her, sie räumt, vor allem weg. Manchmal verteidige ich kleine Winkel, mein Wasserglas mit den Limetten, meist verlasse ich den Raum. Und so geht es weiter – unterbrochen von Klogängen – manchmal dröhnt der Fernseher – „Verbotene Liebe“ – aber das interessiert sie längst nicht mehr, sie schlurft durch die Räume glättet Teppichfalten, entsorgt welke Blüten. Wir reden wenig, oft sind sogar die Befehle stumm.

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Ihr Blick ist müde, von der anderen Seite, das Morphium wohl. Und doch: keine welke Blüte entgeht ihr, unbarmherzig rupft sie sie mit der gesunden Hand ab, den Gips nach hinten gestreckt. Ihr Schritt wird sicherer bei den Spaziergängen. Untertags schläft sie kaum. Auch ich finde keine Ruhe. Am ehesten beim Bügeln. Die Krankenschwesternstunden sind für uns beide Höhepunkte an den Wochentagen. Ich kann für eine Stunde entfliehen, die Mutter ihre Geschichte erzählen.

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Dann Mittagessen, meist nicht gut genug. Nur einmal war es schmackhaft – wie bei der Signora – die Pastasauce kam aus dem Glas, die Köchin ist gekränkt. Aber das Alter und das Konveniencewunder – echtes Essen verbreitet auch Geruch und schafft Unordnung – lassen mich verstehen, ich esse mit und die Reste, die mir wortlos über den Tisch geschoben werden – dasselbe Spiel in den Gasthäusern. Früher war es mit Pralinen so – sie biss sie an und stopfte die andere Hälfte wortlos mir oder dem Vater in den Mund. Ungeduldig wartet sie während ich koche, beobachtet jeden Handgriff – kaum serviert, legt sie los, ob was und wann ich esse ist egal. Vorher muss gewischt und gekehrt werden, nachher wird sie das wieder tun. Zen oder die Kunst, die Küche sauber zu halten. Teppichfalten.

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Es ist die Mad Tea Party aus Alice in Wonderland. „Was mache ich noch hier?“ fragt sie mich und sagt: „Das ist doch kein Leben…“ Aber zumindest deines, denke ich mir und dass ich ein anderes habe, kein Hausfrauenleben mit Teppichfalten ungeglättet, das mir morgen wieder in Gestalt des geliebtesteten 1. Offiziers zur Seite steht und in den Armen liegt. Ich schweige und lächle. Vier Tage im Monat darf ich zurück in meine Welt, haben wir ausgehandelt, mit Unterstützung guter Geister erscheint es ihr letztendlich als ihr Plan. Vier Tage, drei Nächte – Kaisermühlen und Vorderdeck.

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Nachtdienst, bald kommt der 1. Anruf …
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27
Mai
2014

Und wenn sie nicht…

Das Leben geht weiter. Uns bleiben noch Monate. Ab morgen sitzen wir wieder auf unseren Koffern – die zweite Generation Amseln ist ausgezogen, draußen blühen die Rosen und morgen hol ich Mama nach Hause. Dazwischen liegen vier Tage Heimaturlaub am Vorderdeck mit NiMiversum und Freitag und Brotbacken und Kaiserwasser. Am Bahnhof erwartet mit Lilien und Liebe. Das kleine riesengroße Glück – diesmal ohne Redaktionssitzung und große lächerliche Dramen. Und doch taumle ich durch dieses Leben, weiß nicht, wen anrufen, wen sehen, was tun.

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Der Zufall führt Regie, heißt eine billige journalistische Floskel – und das macht er gut, der Zufall. Denn es fällt mir die junge Frau zu, deren Engagement ich schon so viele Jahre bewundere und schätze. Auch sie mit kranker Mutter, der Tumor sitzt im Kopf, Wachkoma – wir essen, weinen und lachen. Eben hat noch ein Anruf mich an die Ketten erinnert, die ich nicht ablegen kann. Will – sagt der Anruf, irgendwie oder zumindest glaube ich es so zu verstehen. Einen Tag vorher hat mir die Schwiegercousine noch gesagt, dass wir es alle zusammen schaffen, dass wir zusammen halten und ich manchmal heim kann. Jetzt ist es schwierig, sagt ihr Mann, der Lieblingscousin, der Neffe, dem die Tante regelmäßig eine Jause ins Internat gebracht hat. Wegen der Kinder und überhaupt, die Tante sei verwöhnt und da gehören zwei dazu. Man müsse sie erziehen, hätte sie erziehen müssen. Ich hab ein Lieblingskleid an, stehe vor dem Plattenspieler, wandere durch die Räume, während ich telefoniere, fassungslos, verzweifelnd, rechtfertigend.

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„Großartig“ finden sie es, eine „Chance“, die Männer, für sie käme das nicht in Frage, immerhin sind sie engagierte Väter oder machen Filme. Differenzierter sehen es die Frauen, Angst in ihren Augen, sie verstehen die Dimension, ich erzähle meine Geschichte, zu oft?

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Rausch und Wirklichkeit. Es ist Freitag Abend, genug der Galgenlieder und Champagner ohne Ende. Und dann der Anruf: „Vergisst du die Mama nicht?“ Wie könnte ich? Laß es so, bitte ich den Erstgeborenen, mich. Ich laß es – so.

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Wieder zurück ist die Mutter sanft und dankbar, sie hat mich vermisst - auch verwirrt. Zärtlich greift sie nach meiner Hand während wir von Station zu Station ziehen: Spülen der Drainage, Röntgen, Ultraschall, der Arm. Manchmal blitzen ihre Augen keck, meist blicken sie in eine unbekannte Ferne. Sie träumt vom Essen, einem Hochbeet, dass sie aus dem 1. Offizier einen 1. Gärtner machen kann. Das Leben geht weiter – Rosen säumen den Weg, die nächsten Amseljungen sind flügge geworden, im Dachstuhl haben andere ihr Nest gebaut, die Klinkerfliesen brechen, der Himmelschlüssel blüht nicht mehr, wir sitzen auf unseren Koffern. Wir haben die Heizung wieder angedreht, der Kühlschrank ist wohl gefüllt, ich wische die Stiegen, mache Betten und bügle. Daheim bin ich woanders.

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„Wie schön wir es haben werden“, sagt die Mutter mit diesem Blick. Die Dame im Nachbarbett lächelte, eine echte Dame wie mir Mama halblaut versichert, aus gutem Haus, die ihre Strümpfe stopft. Stimmbandlähmung, erklärt sie mir mit heiserer Stimme, ihr Klingelton ist die „Peer Gynt Suite“, manchmal liest sie Noten. Als ich komme sitzen die beiden Damen zu Tisch, rebellierend – die Krankenhauskost. Ein bisschen stehe ich im Kinder-Wettbewerb, während ich zwischen den beiden sitze – praktische Tiroler Kurzhaarfrisur, starke Frauen mit schönen Beinen und der Liebe ihrer Kinder.

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Und dann diese Menschen – Pflegepersonal. Männer wie Frauen, die einzigen, die verstehen können, was wir hier leben neben dem 1. Offizier, der dieses Leben an seinen Wochenenden teilt. Und den ich so liebe. Meistens hat sie Respekt vor ihnen wie vor allen, die ihr Leben mit ihrer Hände Kraft verdienen. Aber diese Menschen geben mehr, sehr viel Seelenwärme und meine große Hoffnung ist, dass es mir im nächsten Teil meines Lebens gelingen wird, ihnen einiges davon zurückzugeben. Und draußen blühen die Rosen und die Amseln nisten im Gebälk.
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