4
Jul
2009

Sommerbuch: Fliegen ohne Flügel/Tiziano Terzani

Genoussemousse habe ich nicht nur einige herausragende Rezepte (auch) heimatlicher Genüsse zu verdanken sondern auch eine kleine Reise im Kopf - eine Empfehlungsrallye auf der Suche nach dem Sommerbuch.

Wir waren eine erlesene Reisegesellschaft: Die Lofties on Tour, böse Menschen würden sagen zwischen eso- und hysterisch, aber wir glaubten nicht an böse Menschen. Auf verschlungenen Wegen hatte uns das Schicksal in diesen Tagen zusammen gewürfelt und wir mögen uns noch immer, auch wenn wir uns seltener sehen. Damals teilten wir Tage und Nächte, Brot und Wein, Informationen und Drogen an ungezählten Wochenenden in den Räumen einer alten Kammgarnspinnerei. Aber das tut nichts zur Sache.

Und dann flogen wir gemeinsam auf Urlaub: Acht Personen, darunter zwei Pärchen, darunter der Liebste und ich. Aber auch das tut nichts zur Sache. Eine Woche Malediven, drei Wochen Sri Lanka. Gitarre am Strand. Dieses besondere Licht. Lächeln. Und warmer weicher Regen. Tausend Gerüche. Ein Walhai. Bunte Stoffe. Tempel, Tempel, Tempel. Orange Mönche, junge, alte. Lächeln. Früchte. Elefanten, Buddhas, ein Abend am Klavier, eine bunte Torte, „Mach‘s guat, Teegärten, scharfe Curries, ein Huhn am Fahrradträger, Kinder am Straßenrand, Trommeln am Strand, Freundschaften über alle Grenzen hinweg, Götter und Menschen.

Und immer wieder sehe ich dazwischen ein gelbes Buchcover. „Tiziano Terzani: Fliegen ohne Flügel. Wenn ich das Buch öffne, rieselt noch immer Sand zwischen den Seiten hervor. Das gelbe Cover ist am Rücken verletzt. Erstaunlich wenig Schaden nach der langen Reise. „Eine Reise zu Asiens Mysterien“, lautet der Untertitel des Buches. Gerne würde ich jetzt berichten, wie es mir zugeflogen ist, wie es mich erreicht hat. Eine Geschichte, wie Liebe beginnt, denn es ist ein Lieblingsbuch. Aber daran, kann ich mich nicht mehr erinnern. Es war einfach zu seiner Zeit da. In meinem Rucksack.

Der 473-Seiten Wälzer ist mittelweile längst als Taschenbuch erschienen. Ich hatte damals im roten Bus der uns durch Sri Lanka karrte immer das Hardcover in Griffweite, auch wenn auf den holprigen Straßen vor lauter Staunen über das bunte Treiben auf den Straßen an lesen nicht zu denken war. Manchmal war mir danach abrupt zwischen den Reisen zu wechseln. Jener, die der italienische Spiegel-Journalist Terziani, der vor fünf Jahren an Krebs gestorben ist, ein Jahr lang ohne Benutzung eines Flugzeuges unternimmt und unserer Reise durch die Insel. Buddha, nicht nur am Buchcover, sondern hier wie dort allgegenwärtig. Nachdem ich es ausgelesen hatte, machte es die Runde. Immer dabei im Bus, wie die Wasserflaschen und der CD-Walkman mit Govinda Jaya Jaya. Fanta unser Fahrer, 19 Jahre alt, wenn er’s war, kicherte vor sich hin. Und dann zeigte er uns doch sein Zuhause, die Lehmhütte. Aber ich schweife ab.

Die Prophezeiung eines alten Chinesen nimmt der Journalist Tiziano Terziani zum Vorwand im Jahr 1993 kein Flugzeug zu benützen. Sein Arbeitgeber – der Spiegel - ermöglicht ihm das, er verspricht im Gegenzug auch seinem Job als Südostasienkorrespondent gerecht zu werden. Unterwegs besucht er auch mit Propheten und WahrsagerInnen, Tempel und Hütten, mit dem Zug fährt er 20.000 Kilometer nach Florenz zur alten Mama, mit dem Schiff zurück nach Singapur.

“Jeder Ort ist eine Fundgrube. Man muss sich nur treiben lassen. Sich Zeit nehmen, im Teehaus sitzend die Leute beobachten, sich in einen Winkel des Marktes stellen, zum Friseur gehen und dann dem Faden des Knäuels folgen, der mit einem Wort oder einer Begegnung anfangen kann - und schon wird der unscheinbarste Ort der Erde zu einem Spiegel der Welt, zu einem Fenster, das sich auf das Leben öffnet. Diese Fundgrube befindet sich immer genau da, wo man gerade ist: Man muss nur graben.”

Für mich war das Buch – auch in Verbindung mit der Reise – eine erste Begegnung mit dem Ausatmen. Es entschleunigt, es lehrt viel über das Reisen, das Sehen, den AugenBlick, die Zeit und Südostasien. Und es bietet darüber hinaus eine hervorragende Lektion in Sachen Zeitgeschichte.

Mittlerweile habe ich alles von Tiziano Terzani gelesen und kann nur empfehlen, sich mit Leben und Werk dieses besonderen Menschen zu befassen.

„Ihr müsst ihn eurem letzten Leben sehr gute Menschen gewesen sein“, sagte der Mönch vor dem Felsentempel von Dambulla: „Weil ihr in diesem Leben hierher reisen konntet.“

Ausatmen.

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7 mal erzählt

26
Jun
2009

Augenblick für Augenblick

Das Leben mit offenem Herzen: Ein Anruf voll Lob und Anerkennung, ein Festmahl – selbst gekocht – Meeresfrüchte auf Rucola mit Ribisel Chili Sauce, ein letzter Schluck von Timotheus, im Fernsehen gleich zwei Mal gutes Programm, erst „Tapetenwechsel“, so französisch wie ein Glas Pernod, dann Almodovars „Volver“, ein fast reiner Frauenfilm, die Männer am präsentesten als tote Täter, Mütter, Töchter, Schwestern, Missbrauch, Tod und Irrsinn, und doch ganz Almodovar, immer ein Lachen und Leben und Farben, was für ein Rot. Penelope Cruz. Ihre wunderschönen Brüste.

Der Liebste kommt heim und erzählt vom silbernen Freund. „Wenn er mit einer Frau reden möchte, richtig reden, du wärst die Beste, die Einzige, hat er gemeint, versteh mi net falsch Oida, reden, hat er gesagt.“ Ich bin gerührt, glücklich und stolz.

Der Nachspann läuft. Farben, Muster und Musik -noch einmal nachfühlen, den Film, nachklingen lassen, die Geschichten, das Rot.

Und dann sagt ein Nachrichtenmensch etwas von Michael Jackson und tot und wir zappen uns durch die Kanäle auf der Suche nach mehr Information. Auf Okto bleiben wir hängen. Ein seltsames Video – „Michael Jackson ist noch länger tot,“ sagen wir uns. „First Fatal Kiss“ heißt die Band, die verzerrt über den Bildschirm punkt. „One day I wanted to be a boy“ – ein Lebensthema, schon seit ich Kind bin. Wenn ich ein Junge wär. „One day I wanted to be a girl“ – Frau sein, wie die Frauen in Volver, eine Frau für den Liebsten, für den Silbernen, zum Reden, eine Frau mit all der Frauenkraft.

Später dann doch noch CNN, der Untote (Michael Jackson dies, CNN has not confirmed), der in Wirklichkeit weder Mann noch Frau war, weder schwarz noch weiß, weder gut noch böse, eine kaputte kranke Kinderseele, die andere Kinder kaputt und krank machte. Erinnerungen an ein Wien-Konzert, der Liebste, damals noch im Dienst der Plattenfirma, VIP-Karten und Einblick in den Livestream, acht Kinder sind aus dem Flugzeug gestiegen, gut versteckt, acht Kinder zum Spielen, er will doch nur spielen, von ihren Eltern verkauft an Macht und Ruhm, an die zerstörte Seele.

Und CNN spielt Thriller. Wie passend, denk ich mir beim Einschlafen. War Jackson doch irgendwie ein Zombie – ein seiner Seele beraubter Seelenräuber.

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89 mal erzählt

25
Jun
2009

Und immer, immer wieder…

…geht die Sonne auf. Mein Lächeln ist gestern zurück gekehrt mit Liebe und Freude im Gepäck. Und plötzlich konnte ich wieder sehen und Worte und Geschichten keimten in meinem Kopf. Und als ich mein grundloses Glück so in die Welt strahlte, bekam ich überall Antwort: Im strömenden Regen grinste ein kleine Mädchen unter seinem rosaroten Schirm hervor, ein schöner fremder Mann sah eine Aufforderung zum Sekundenflirt darin, die elegante alte Damen umarmte mich mit ihren Blick, die beiden Frauen, die mit der Beute aus dem schwedischen Möbelhaus unter das sichere Dach hasteten, antworteten mit einem Lachen und die große Uhr an der Straßenlaterne gegenüber der Oper drehte sich in verrückter Geschwindigkeit im Kreis.

Der Regen hat den Staub weggewaschen und ich sah wieder, wie viel Mühe sich der Liebste gibt – auch nach all den Jahren, wie wertvoll die Menschen sind, die sich in der Organisation, für die ich arbeite, engagieren, wie viel sie für mich tun, wie schön die Wohnung ist, was für ein Glück es ist, dass die Mutter lebt, wie reich das Leben mich beschenkt.

Heute morgen gelesen: „Jeder kommt aus dem Nichts hervor, Augenblick für Augenblick. Augenblick für Augenblick haben wir wahre Lebensfreude.“

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116 mal erzählt

19
Jun
2009

O(h)ral befriedigt

Der Erstgeborene hat ein Projekt, eine selbst gewählte Aufgabe, ein großes Ziel, eine Sonderleistung, wie er es selbst nennt. In ungezählten Stunden, Tagen und Nächten stellt er 100 Jahre Musik und Zeitgeschehen zusammen, beginnend 1877 mit Thomas Alva Edison. Richtschnur und wohl Ursprung des Werks sind Schallplatten seiner Kindheit. Nutznießerin bin ich. Denn diese sorgfältigen, teilweise auf der guten alten Revox zusammengeschnittenen Tondokumente öffnen mir Türen, Räume, ja Welten.

Das kleine Mädchen, das ich einmal war, hörte auf seinem fliegenden Teppich oft Sprechplatten: Simpl, „Hackl vorm Kreuz“, „Gehört sich das?“, Karl Schönherrs „Erde“, „Jazz&Lyrik“ – Benn gelesen von Gert Westphal, Oskar Werner, Qualtinger, natürlich der Travnicek. Schon mit sieben hatte ich mein eigenes Radio, Philips mit Kassettenrekorder. Damit konnte ich nicht nur Hörspiele produzieren sondern bei richtiger Einstellung auch den Funkverkehr des Innsbrucker Flughafens und FS 2 – das zweite Fernsehprogramm hören. Ich weiß noch heute, wie es war, im Halbdunkeln zu liegen und Bilder im Kopf wachsen zu lassen.

Und dann saß ich am Mittwoch in einem anderen Halbdunkel und hörte. Ich hörte die beiden Kaiser Wilhelm und Franz Josef, Alessandro Moreschi, den letzten Kastraten, die Callas und Onkel Satchmo‘s Lullaby, die Beatles, und einen Hundechor, meinen geliebten Bert Brecht und Ingeborg Bachmann, Otto Reuter mit „Bevor du sterbst“ und Else Lasker Schülers blaues Klavier, Mondflüge und Geschichtsdramen, Seemannslieder, Reden, Reportagen, Heinz Erhard und Hazy Osterwalds Kriminaltango. Und zur Abrundung noch ein wenig Rotbäckchen und Frauengold. Über das Ohr drang all das in mich ein und schleuderte mich in wilder Fahrt durch Zeit und Raum.

Fünf CDs sind es mittlerweile, die der Erstgeborene aus alten Aufnahmen komponiert hat. Zusammengehalten von der Stimme Wolf-Dieter Stubels, teilweise in raffinierter Schnitttechnik dem veränderten Inhalt angepasst. Erst vor Kurzem hat der Erstgeborene dem Sprecher sein Werk zukommen lassen. Wie seltsam muss es wohl diesem anmuten, eine späte Hommage aus Österreich zu bekommen, welche Bilder wachsen in ihm, der die Schallplatten vor 30 Jahren besprochen hat?

Zwei Stunden lang war ich ganz Ohr, wortlos, sprachlos, wie fast immer, wenn ich mit der Sonderleistung konfrontiert bin. „Das war alles schon tot und begraben“, sagte der Erstgeborene: „Und jetzt lebt es wieder.“ Und so viel anderes damit, dadurch.

Seitdem geht es mir wieder besser, ich taumle weniger, mein Tritt ist sicherer. Joachim-Ernst Berendt fällt mir ein – auch so ein gemeinsames Idol – und die Welt ist Klang.

Und ich weiß wieder: Der Gleichgewichtssinn sitzt im Ohr.

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63 mal erzählt

12
Jun
2009

Außen und innen

Kleine, äußerliche Wunden lenken vom Schmerz da drinnen ab.
Der Hunger nach Leben macht appetitlos.
Man kann auch beim Fernsehen sehr gut weinen.

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84 mal erzählt

2
Jun
2009

Save our Souls

Und plötzlich ist meine Seele in Seenot geraten. Zwischen Flaute und Sturm ist das Wasser gefault und die Vorräte sind zur Neige gegangen. Im Meer der Gefühle kann ich nur mehr im Trüben fischen.

Längst machen Bitterkeit und Angst unter Deck Stimmung gegen mich.
Noch steht die Hoffnung am Krähennest, doch es ist kein Land in Sicht.
Hin und wieder setzt die Sehnsucht die Segel, doch nur um uns zum Spielball der Winde zu machen. Die Liebe hat gebeten an einen Mast gebunden zu werden, damit sie nicht über Bord geht.
Nur selten sind Sterne zu sehen, das macht das Navigieren so schwierig.

Es fällt mir schwer das Ruder herumzureißen und ob ich noch Kapitänin bin, weiß ich nicht.

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93 mal erzählt

29
Mai
2009

26
Mai
2009

Ablöse

Buddhas lösen die Gartenzwerge ab, bemerkt Herr A, während wir beim Erstgeborenen deutsche Schlager hören. Die Schlager der 50er Jahre – Glück in Schraubgläsern wie süßsaure Gurken – setzen seltsame Assoziationsketten in Gang. So viel Sehnsucht und Liebe wird beschworen und auch Angst. „Noch so viel Nazi“, meint der Erstgeborene und wechselt die Schallplatte. Tipitipso beim Calypso ist dann alles wieder gut….

Erstmals seit endlosen Tagen habe ich wieder Kontakt zu mir selbst. Auf jenem gelben Sofa spüre ich mich wieder, darf wieder ich sein, muss nicht mehr versuchen, Erwartungshaltungen zu erfüllen und Zorn abzuwehren. Kann nicht enttäuschen, weil ich nicht täusche, nicht mich, niemanden.

Als ich die Wohnung des Erstgeborenen betrete, singt Edith Piaf „Milord“ und in diesem Lied ist mehr von meiner Kindheit enthalten, als ich in meinem Elternhaus aufzuspüren vermag. Als ich die Wohnung sechs Stunden später wieder verlasse, lächelt das kleine Mädchen, das ich einmal war. Dazwischen liegen Jazz und Soul, Gespräche über Filme, die schelmische Winifred und so viel Sein.

Die Buddhas lösen die Gartenzwerge ab – nicht nur in den Vorgärten.

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45 mal erzählt
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Mock Turtle

Sit down, both of you, and don't speak a word till I've finished

Who sits there?

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Im Bilde

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