28
Jun
2016

Der Panther

In der U6, Wien

Am Bahnsteig der U6 – Alser Straße. Die U-Bahn fährt ein. Viele Menschen, einer fällt mir auf. Es sind die Augen, blaugrün mit stecknadelgroßen Pupillen. Niemanden scheint er wahrzunehmen, als er mit mir die einfahrende U-Bahn betritt. Ich kann meine Augen nicht von ihm lösen, von seinem Blick. Er bemerkt mich nicht, niemanden.

Sein Blick ist vom Vorübergehn der Stäbe
so müd geworden, daß er nichts mehr hält.
Ihm ist, als ob es tausend Stäbe gäbe
und hinter tausend Stäben keine Welt.


Ein magerer Junge. Hübsch, denke ich. Er trägt ein Muskelshirt, weiß, ziemlich weiß. Sein zäher Körper zeichnet sich darunter ab, er hat keine Tattoos. Armbänder trägt er. Er bewegt sich Katzenartig geschmeidig durch die Menschen, kommt niemandem zu nahe und streift nicht an. Er wirkt trainiert.

Der weiche Gang geschmeidig starker Schritte,
der sich im allerkleinsten Kreise dreht,
ist wie ein Tanz von Kraft um eine Mitte,
in der betäubt ein großer Wille steht.


Er hat kein Handy, keine Kopfhörer, die Musik, die ihm den Rhythmus seiner schlingenden Bewegungen in der U-Bahn vorgibt, gehört ihm allein. Er scheint nichts zu haben als seinen Kopf, das T-Shirt und die engen Hosen an seinen dünnen Beinen. Da hat nichts Platz, denke ich mir, wo hat er seine Habseligkeiten?

Nur manchmal schiebt der Vorhang der Pupille
sich lautlos auf -. Dann geht ein Bild hinein,
geht durch der Glieder angespannte Stille -
und hört im Herzen auf zu sein.


Er steigt bei der Station Gumpendorfer Straße aus. Ich schaue ihm nach. Seine Habse(e)ligkeiten hat er wohl in seiner Hosentasche. Ein paar zerknüllte Scheine oder ein Päckchen von dem Stoff, aus dem seine Träume sind. Ein hübscher Junge. Wenig später sehe ich Schiele auf einer Litfaßsäule. Er sah ihm ähnlich.

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Eine Variation auf Rainer Maria Rilke „Der Panther. Im Jardin des Plantes, Paris“ für Dominik Leitner schönes Projekt *txt - das fünfte Wort: Habseligkeiten.
673 mal erzählt

18
Apr
2016

Alles klar?

„Einen Klaren, bitte“, sagte sie und dann blickte sie tief ins Glas. Langsam wurden die Konturen scharf. Sie sah die alten Bilder. Präzise bis ins kleinste Detail. Hochaufgelöst, sagte man ihr. Sehen, sie hatte viel gesehen, immer schon. Die Stäbe des Gitters mit ihren Augen, Legosteine, die sie in präzisen Mustern Stunde um Stunde aufschlichtete in stets neuen Ordnungen, den Teller, der nicht zu den anderen passte, die Unordnung im Bücherregal, die ungleichen Kuchenstücke auf der Geburtstagstorte, Botschaften, Buchstaben, Augen, Münder.

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„Du siehst alles“, sagte die Mutter – wütend. Sie schämte sich und konnte gleichzeitig das Gesehene nicht ungesehen machen; es schien stets abrufbar in großer Schärfe. Sie las alles. Sie sah Briefe und die finanziellen Schwierigkeiten der Familie, die kleinen Geheimnisse ihrer Mama, die nackte Angst ihres Vaters beim Telefonieren, sie sah die Blicke, die niemand sehen hätte sollen, die geballten Fäuste, die feuchten Lippen. Sie sah ungeweinte Tränen und Zähne, die Worte vom Entkommen abhielten, sie sah Schultern sich hochziehen und kaum merkliches Zittern. Sie las in den Menschen. Klar. Sie sah all die Bücher, die sie las in Technicolor, 3 D, Seite für Seite mit dem gesamten Text. Klar. Ins Kino ging sie nie. Und trotzdem sah sie all die alten Filme auf dem kleinen Fernseher, den sie aus ihrem Kinderzimmer mitgenommen hatte. Sie hatte auch einen Videorekorder. Irgendwann hörte sie auf Filme zu sehen. Zu viele Bilder zu den eigenen.

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Für alle war es klar, dass sie Fotografin werden musste. „Bei deinem Blick“, meinten sie. Schon als kleines Mädchen war sie für ihr „Auge“ gelobt worden. Ihr Talent wurde gefördert. Die Menschen ließen sich gerne von ihr fotografieren, sie waren stolz auf die Bilder. „So schön bin ich ja gar nicht“, kicherten ihre Freundinnen. „Klar bist du das.“ Sie versuchte sich mit Makrofotografie am Gartenteich der Eltern. Sie liebte die Klarheit der Wassertropfen und Libellenflügel. Und den Tod, dort groß im kleinen. Die Mutter ließ die Bilder vergrößern fürs Wohnzimmer – später ersetzte sie sie durch Familienbilder. „So glücklich sind wir doch gar nicht“, kicherte sie. „Klar sind wir das“, - sie sah die zuckenden Mundwinkel, die nie geweinte Träne, das Beben der Halsschlagader. Und sie hatte die Mutter gesehen; letzte Woche, klar das Teleobjektiv half, aber sie hatte es nicht gebraucht, um sie zu erkennen.

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Sie wurde Fotografin. Studierte auf der Angewandten. Arbeitet für Agenturen und Zeitungen und manchmal gab es auch eine Ausstellung. Und irgendwann wich das „So schön ist das gar nicht“ dem „Mach das schöner“. Photoshop. Alles war möglich. Klar, dass ihre Fähigkeiten weniger gefragt waren, sie konnte nicht verändern, wollte es nicht, wollte das Schöne, den Augenblick sehen und nicht erschaffen. Eine Zeitlang versuchte sie sich als Portrait- und Eventfotografin. Alles von der Hochzeit über die Taufe, den 30er, 40er, 50er, 65er usw. bis zum Begräbnis. „So schön war das ja gar nicht“, sagten die Leute noch immer und während sie „Klar war es das“ log, sah sie all die anderen Augenblicke, in denen sie nicht abgedrückt hatte. Die verheulten Augen, das hämische Grinsen, die sich berührenden Beine unterm Tischtuch, der weiße Staub im Nasenloch, den Onkel mit der 14-jährigen.

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Abends taten ihr die Augen weh, aber die Bilder hörten nicht auf. Nicht einmal wenn sie vögelte die Augen fest aufeinander gepresst, um nur ja keine Schatten, Konturen, Spinnen, Lichtspiele wahrzunehmen; selbst dann liefen die Bilder Amok in ihrem Kopf, bevor sie sich endlich in eine gewaltige Explosion in dunklen Tönen auflösten. „Wie das Gegenteil von Heroin“, hatte Adrian gesagt. Ihr Drogenprinz, gezeichnet von Gift, Verderbnis und doch so schön. Irgendwo lagen noch die Kisten mit den Aktfotos in Schwarz-Weiß. In ihrem Kopf waren sie klarerweise stets in voller Farbe präsent. Das Ozeangrün der Augen, das blonde struppige Haar, die Zähne, bevor die Droge ganze Arbeit geleistet hatte. Adrian malte, sehr abstrakt. Ihre Liebe beruhte darauf, dass sie anders sehen als alle anderen und ging daran zugrunde, dass sie sich nie wahrnehmen konnten. Sie hatte den Hass in seinem Gesicht gelesen. Nach sechs Jahren.

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Später tat sie sich immer härter mit längerem Partnerschaften. Sie hatte zu viel gesehen, jeden Seitenblicken, jedes verborgene Augenrollen, die Botschaften auf den Handy – egal wie schnell sie sich zwang wegzusehen – die Bilder, die Worte blieben klar vor ihren Augen. Nur des Nachts, da schlief sie traumlos, da ließen sie die Bilder in Ruhe. Man hatte ihr erklärt, dass sie sich bloß nicht mehr an die Träume erinnern können – wie auch, ihr Tag begann indem sie die Augen öffnete und tausende Bilder, alte und neue in ihren Kopf strömten. Manchmal sogar zukünftige bildete sich ein.

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So hatte sie wohl die Arztpraxis gesehen, heute Morgen. Auch den Arzt mit den Befunden und den Bildern in seinen Händen, den Lichtkästen, die für Kundige den Unterschied zwischen krank und gesund signalisierten und für Unkundige unglaubliche Gemälde zeigen konnten. Sie sah Krebse und Wolken, Dämonenfratzen und Gesichter. Der Arzt sagte was von trüben Aussichten und „So schlimm wird das hoffentlich gar nicht.“ „Klar“, sagte sie.

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„Alles klar?“, der Barkeeper stand vor ihr. Sie sah das Brandloch auf der Theke und den feinen Schmutzrand auf ihrem Glas. Sie blickte ihn an, er sah müde aus, kurz zuckte sein Mundwinkel verächtlich, bevor er breiter, unechter, grinste. Sie lächelte unwillkürlich und er erwiderte ihren Blick. Sie trank jeden Abend hier. „Klare“ erst im letzten Jahr. Die Bilder wurden ihr zu viel, sie musste sie wegschwemmen, runterschlucken, den „Klaren“ als Zerrspiegel für das benutzen, was hier an weiteren Bildern auf sie einströmte. Die Spur eines Eherings, verwischter Lippenstift, eine geheime Umarmung, der Schmerz vergangenen Ruhms, Lüge, Betrug, Sehnsucht. All das sah sie bis der „Klare“ endlich sein Werk tat und ihren Blick trübte. Dann ging sie. „Solange ich noch das Schlüsselloch finde.“

„So klar ist das noch gar nicht.“ „Klar ist es das.“ „Ach, nur kein Trübsal blasen.“

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Trüb – das vierte Wort für Dominik Leitners wunder-volles Projekt *txt 2016.
782 mal erzählt

22
Mrz
2016

Wahn

Was
Außer
Herz
Nützt?
Sinn!

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Wahn – das dritte Wort für Dominik Leitners wunder-volles Projekt *.txt 2016.
817 mal erzählt

11
Feb
2016

Stöckchen: Elf Fragen

Uuuups gefangen – und dabei hat sich Frau Fröschin gar nicht wirklich zu werfen getraut…Ich mag Stöckchen – sie machen Spaß, man kann daran herumknabbern und manches über sich und andere erfahren.

1. Eine Abenteuerreise wartet auf Sie. Was wäre für Sie das absolute Abenteuer?
Mimis Heimat besuchen…

2. Wie halten Sie es mit Geld: Ausgeben oder horten? Opulent oder asketisch?
Ausgeben…

3. Sie dürften bestimmen, wer eine Spende von 10000 € bekommt. Wer wäre das und warum?

z.B. Projekte wie dieses oder dieses – vielleicht aufteilen?

4. Für einen Tag dürften Sie in die Haut eines anderen Menschen schlüpfen. Von wem wüssten sie gerne, wie sich sein Leben anfühlt?
Ach, da tu ich mich schwer – vielleicht würde ich gerne wissen, wie sich eine dunklere Haut anfühlt, vielleicht in die Haut eines Mannes, niemand Bestimmter, Prominenter, nur ein anderes Leben, nur einen Tag lang, wenn es denn sein müsste….

5. Und welches Tier wären Sie gerne, wenn das möglich wäre?
Eine Schildkröte – eine real turtle….

6. Hat schon mal ein Traum Ihr Leben beeinflusst?
Einmal habe ich die Lösung der Welt geträumt – ein Brettspiel, aus dem sich der Sinn des Ganzen ergibt – als ich aufwachte konnte ich mich nur mehr daran erinnern – an keine Details – vielleicht haben die Würfel ja 4 und 2 angezeigt…

7. Lieblingsbücher liest man gerne mehrfach. Welches haben Sie am häufigsten gelesen?
Das Lieblingsbuch.

8. Wenn Sie in ein anderes Land fliehen müssten, dessen Sprache sie nicht sprächen und wo Ihre Berufsausbildung nicht anerkannt würde, mit welchen Fähigkeiten könnten Sie sich den Lebensunterhalt verdienen?
Kochen und Backen – kommunizieren und daher bald die Sprache lernen….

9. Welcher Song müsste an Ihrer Beerdigung gespielt werden?
Da gibt es mittlerweile sogar schon zwei: Der Song, der mich schon lange durch mein Leben begleitet und der, der mir so aus der Seele spricht

10. Auf welche fünf Lebensmittel können Sie nicht verzichten?

Auf was ich ungerne verzichte: Suppe, Butterbrote, Kaffee oder zumindest Tee, Pasta und ein Glas Wein von Zeit zu Zeit .

11. Die Elf ist die Zahl des Narren. Wenn Sie sich denn verkleiden würden, als was würden Sie zum Karneval gehen?

Piratenkönigin, arrrrrghhhhhhh

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Nehme das Stöckchen wer will….
811 mal erzählt

8
Feb
2016

Heimat

Ich wurde mitten hineingeboren. Früh nahm ich sie wahr – nicht bewusst. Später dann an den Sonntagen in fröhlicher Erkundung, schnellen Schritts – auch jammernd und klagend, aber doch voller eindrucksvoller Erlebnisse. Einen Schritt vor den anderen setzen, manchmal vorlaufen und wieder zurück, mit den Erwachsenen reden, mit den Kindern tollen. Sich verirren, verloren gehen in nasser Kälte am Rande des Abgrunds. Die Eltern weit weg. Und doch gerettet – was für ein Glück. Wie das Glück manchmal, wenn sich die Natur in aller Schönheit zeigt, wenn sie mit Silberdisteln und Walderdbeeren belohnt, mit Eichkatzeln und Rehen, mit Hüttenrast und Gipfelsieg, mit Würfelpoker und Waldtschick, mit wundervoller Aussicht. Weit, ganz weit, aber dann muss man wieder hinunter, wenn man zu den Menschen will. Oben ist es einsam. Oder auf Schiern, erst hinauf getreten, dann hinauf gefahren, hinunter geglitten. Weniger einsam. Was für ein Erlebnis. Ein wenig klettern – nicht extrem, nicht wie die Cousins, die mit der Gefahr, der Angst, dem Tod kokettieren. „Vermisst du sie nicht?“, wurde ich in Wien gefragt – von den Daheimgebliebenen und den dortigen. Nein, ich vermisse sie nicht. Allzu oft haben sie mir das Gefühl gegeben am Boden der Suppenschüssel zu sitzen, den Blick nach oben wenden müssen, um Himmel zu sehen und Anstrengungen zu überwinden um frei zu sein. Und außerdem: Ich verzichte nicht auf sie, ich habe sie nur aus meinem Alltag verbannt, ihre Omnipräsenz, hart und rau und immer mit Trutz verbunden, mit Kanten, Ecken, scharf, jeder Sturz tut weh, Steine bohren sich in Hände und Knie, die Natur verdreht einen, bringt einen zu Fall. Immer ein bisschen im Schweiße deines Angesichts – immer ein bisschen kalt auch. Nein, ich vermisse sie nicht. Wie die Sprache, immer wieder sind scharfe Kanten da, unter den Alpenrosen verborgen, unter Blumen, zwischen sprießendem Gras. Schon schön auch, aber irgendwie gefährlich. Bei Föhn ganz nah, klar, ein wenig auch wie die Spiegelsplitter des Teufels verzerrend. Schöne Welt, böse Leut, bis zum Kopfschmerz. Sie waren immer da oder ich war immer dort. Erst immer, dann oft, dann seltener, dann lange, dann öfter, jetzt länger nicht mehr. Ich denke an sie, sehr Bilder von ihnen, in den sozialen Medien, in meinen vier Wänden, in meinem Kopf. Ich bin mir bewusst, dass sie die Landschaft meiner Seele formten. Steine, Kupfer, wie aus der Spenglerwerkstätte des Großvaters, Silber, wie die Olympiamünzen, die der Vater gegen Neujahrswünschte verschenkte, Feldspan, Quarz und Glimmer, das vergess‘ ich nimmer, Kristallin, da und dort ein Bergkristall, Granaten, Schiefer, Katzengold, Werkzeug und Waffe in naturgegebener Schärfe, glucksendes Wasser, verborgen, sprudelnd, sich einen Weg bahnend, wie schön die Steine im Wasser, wie verblassen sie im Rucksack. Die Hände in einer Quelle baden, Speckknödelsuppe ans warme Dach einer Hütte gelehnt, die Aussicht von dort oben, die Heldinnen und Helden, mitten drin aufwachsen, den Kopf nach oben richten, schon schön, Wälder, abgetrotztes Leben, scheinbarer Überblick bis zum Nächsten. Und doch Abstand. Und trotzdem viel zu eng. Über allem der Herrgott, dort oben. Ich liebe sie, irgendwie, immer schon, noch, wieder. Nein ich vermisse sie nicht. Sie sind immer da, seit Menschheitsgedenken. Die Berge Tirols.

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Berg, das Zweite Wort für Dominik Leitners wunder-volles Projekt *.txt.
903 mal erzählt

2
Feb
2016

Trotz alledem

Ich verstehe dich.
Das Leben ist oft ziemlich schwierig.
Beschissen, sogar.
Vor allem, wenn man mit der Angst lebt.
Der Angst vor vielem.
Auch davor, dass nicht viel Leben bleibt.
Lebenswertes.
Und all die Kleinigkeiten, die enorm wiegen.
Die Nachtgespenster.
Und auch der Tag bietet wenig Erholung.
Oder auch nur Ruhe.
Das Beben, das Surren in der Luft bleibt.
Die bangen Fragen.
Darüber kann man mit niemanden sprechen.
Glaubt man dann.
Weil niemand es verstehen könnte.
Wahrscheinlich.
Und irgendwann ist man erschöpft.
Nichts mehr da.
Und dann möchte man einfach nur schlafen.
Ich verstehe das.
Nichtsdestotrotz fehlst du mir so sehr.

2015-12-11-08-35-23

Das ist mein Beitrag zu Dominiks formidablem Proejkt *txt
893 mal erzählt

21
Jan
2016

These Boots

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Dear Boots,

ihr kommt ja aus Amerika, obwohl ich annehme, dass ihr in den 25 Jahren auf meinen Füßen auch ordentlich Deutsch gelernt habt. Vielleicht auch aus Mexiko oder Spanien, was weiß ich. In meinem Kopf seid ihr Amerika. Gekauft habe ich euch im Achten, ein paar Gassen von hier. Weit seid ihr also nicht gekommen in all den Jahren. Ich weiß noch, wie ich euch gekauft hab. Schlichte Biker-Boots inmitten der bunten Western-Brüder und -Schwestern. Es roch nach Leder – natürlich. Schlangenleder und Applikationen. Coole Musik kam aus den Lautsprechern. Ich wollte Biker-Boots. Ich wollte Boots – ich brauchte Boots. Eine Anschaffung fürs Leben. Stabil, gut genäht. Und unbedingt unter der Hose zu tragen. Schon spitz – obwohl viereckig natürlich. Schon spitz. Es waren die 1980er und spitz war ich soundso.

These Boots. Ha. Im G-Punkt. Auf Konzerten, Boots. Also probieren. Besprechen mit der Freundin , die begleitet, mit der coolen Verkäuferin. Super gearbeitet, wende ich die Kriterien an, mit denen ich aufgewachsen bin. Ja, ich habe mich in euch verliebt. Aber es war ja nicht so einfach zusammen zu kommen. Ich verbog mich, wand mich, zerrte an euch. Doch ohne einer Haut aus Plastik zwischen euch und meiner Ferse war kein vereinen. Die 1980er. Die Verkäuferin wusste Bescheid, jeder wusste Bescheid – echte Boots konnte man in der Anfangszeit nur mit Hilfe der Plastiksackerln, die die mit Prospekten gefüllt an unseren Türen hingen, nicht betreten. Ja, ich habe euch immer ein wenig betreten. Ihr wart mir Zauberschuhe, habt mich in eine coole Socke verwandelt.

So schwierig wie das Betreten war es auch, euch wieder zu verlassen. Ihr wart nie Schuhe zum einfach rein und raus gleiten. Für euch musste man sich entscheiden, auf euch musste man sich einlassen. Als ich euch das erste Mal meiner Mutter vorgestellt habe, war sie erwartungsgemäß entsetzt. Das wollten wir schon auch; irgendwie. Ihr und ich. Amüsiert hat sie mir beim Anziehen zugesehen – ich war unterwegs zum Geliebten, aber das wusste sie nicht. „Der, der dir diese Schuhe auszieht, muss dich wirklich lieben“, lachte sie: „Die sind das beste Verhütungsmittel.“

Ein paar haben diesen Test bestanden in den letzten 20 Jahren. Haben mir ihren Arsch zugekehrt und sich von mir sanft treten lassen. Nicht immer sind wir dann miteinander im Bett gelandet. Aber es war immer ein Freundschaftsdienst. Einen davon habe ich geheiratet – unter anderem deswegen habe ich oft behauptet. Er hat mir noch ein paar Stiefel geschenkt, er trug immer Boots, damals. So schöne Stiefel hab ich von ihm und alle drücken mittlerweile.

Was haben wir erlebt. Ja, wir sind Motorrad gefahren, haben uns hinten angeklammert. Wir haben lange Fußmärsche durch Städte und auch Wälder gemacht. Wir waren bei verdammt geilen Konzerten, wir sind immer wieder in Scheiße getreten, durch Gatsch geschlurft. . Ihr habt mich gedrückt, manchmal. Oft geschützt vor Wind und Wetter. Ihr habt mich inspiriert. Irgendwann habe ich euch eine Gummisohle verpasst, ich habe euch Sommers und Winters getragen und Mama hat euch auch dann und wann poliert.

Keine Ahnung, wann wir das letzte Mal miteinander unterwegs waren. Ihr seid nicht die einzigen, die zugunsten jüngerer bequemerer und auch größerer Artgenossen im Schrank verstauben. Schuhe, die allen zu klein sind, die vielleicht Freude daran hätten. Schuhnummer 37. Heute drücken schon 38er manchmal, man wird älter, die Füße größer, die Leidensbereitschaft geringer. Ihr glänzt, als wolltet ihr auf ein Konzert gehen, nachts betrunken durch die Stadt taumeln und unter Kichern ausgezogen werden. Als wolltet ihr jemanden treten, ganz zärtlich vorsichtig, um mich endlich im Morgengrauen zu entlassen. Sorry, Boots.

Ihr passt nicht mehr, nicht einmal ein Plastiksackerl würde helfen, vielleicht. Ich verrenke mich nicht mehr so gut. Ich will euch nicht mehr betreten, ich will die Ahnung behalten, wie es war in euch zu gehen, damals in unserer besten Zeit, in der ihr perfekt gepasst habt. These boots are made for walking….

Es gilt wohl Abschied zu nehmen. In meine Stiefeln kann niemand gehen. Das ist sich bloß für mich ausgegangen.

Are you ready boots?

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I’m not yet.


Dieser Nachruf ist mein Beitrag zu Kleider machen Leute, einem Projekt des formidablen Herrn Gedankenschmied.
1036 mal erzählt

29
Dez
2015

Ruhig 1

Ruhig
Bleib ruhig,
fürchte dich nicht,
reg dich nur nicht auf,
einatmen und ausatmen,
vielleicht ist es ein Irrtum,
oder bloß ein Missverständnis,
alles wird sich schließlich aufklären,
und dann hast du dich umsonst geängstigt,
achte nicht auf das Herz, das dir zerspringen will,
nicht auf das Zittern, das dich in Wellen überkommt,
nicht auf die rasenden Gedanken, die Schleifen ziehen,
nachts wachst du oft auf, deine Muskeln verspannen sich,
der Schweiß ist eine natürliche Reaktion, er kühlt den Körper,
du musst nur immer weiter ein- und vor allem ausatmen, ein und aus,
du musst gar nichts, musst du wissen, du kannst, du wirst, du bist, du lebst,
du musst gar nicht.
Bleib ruhig –
noch eine Weile hier.

2015-12-25-10-57-19

Ruhig 2

Ruhig
Bleib ruhig.
Ich bin nervös.
Ich zittere ein wenig.
Du bemerkst es, bemerke ich.
Bleib ruhig.
Sag jetzt bloß nichts.
Schön, dass du gekommen bist.
Wir wissen, worauf wir uns eingelassen haben.
Bleib ruhig.
Ich bin nicht verliebt.
Du verpflichtest dich zu gar nichts.
Lass uns zuerst Essen, Trinken, Rauchen, Reden.
Bleib ruhig.
Ich hab „Ich liebe dich“ gesagt.
Gedacht habe ich es schon ein wenig früher.
Ich wollte dir und mir Zeit lassen und das war gut.
Bleib ruhig.
Die Liebe kann einem schon Angst machen.
Und das Leben und das Sterben noch viel, viel mehr.
Aber wir haben beide die Kraft, Liebe und Leben zu teilen.
Bleib ruhig
noch lange bei mir.

2015-12-17-12-00-19

Diesmal entstanden gleich zwei verschiedene und auch ähnliche Texte als Beitrag zum Projekt *.txt , das siebzehnte Wort. Ich freue mich schon auf 2016, danke Dominik.
1009 mal erzählt
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Mock Turtle

Sit down, both of you, and don't speak a word till I've finished

Who sits there?

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