*.txt

28
Jun
2016

Der Panther

In der U6, Wien

Am Bahnsteig der U6 – Alser Straße. Die U-Bahn fährt ein. Viele Menschen, einer fällt mir auf. Es sind die Augen, blaugrün mit stecknadelgroßen Pupillen. Niemanden scheint er wahrzunehmen, als er mit mir die einfahrende U-Bahn betritt. Ich kann meine Augen nicht von ihm lösen, von seinem Blick. Er bemerkt mich nicht, niemanden.

Sein Blick ist vom Vorübergehn der Stäbe
so müd geworden, daß er nichts mehr hält.
Ihm ist, als ob es tausend Stäbe gäbe
und hinter tausend Stäben keine Welt.


Ein magerer Junge. Hübsch, denke ich. Er trägt ein Muskelshirt, weiß, ziemlich weiß. Sein zäher Körper zeichnet sich darunter ab, er hat keine Tattoos. Armbänder trägt er. Er bewegt sich Katzenartig geschmeidig durch die Menschen, kommt niemandem zu nahe und streift nicht an. Er wirkt trainiert.

Der weiche Gang geschmeidig starker Schritte,
der sich im allerkleinsten Kreise dreht,
ist wie ein Tanz von Kraft um eine Mitte,
in der betäubt ein großer Wille steht.


Er hat kein Handy, keine Kopfhörer, die Musik, die ihm den Rhythmus seiner schlingenden Bewegungen in der U-Bahn vorgibt, gehört ihm allein. Er scheint nichts zu haben als seinen Kopf, das T-Shirt und die engen Hosen an seinen dünnen Beinen. Da hat nichts Platz, denke ich mir, wo hat er seine Habseligkeiten?

Nur manchmal schiebt der Vorhang der Pupille
sich lautlos auf -. Dann geht ein Bild hinein,
geht durch der Glieder angespannte Stille -
und hört im Herzen auf zu sein.


Er steigt bei der Station Gumpendorfer Straße aus. Ich schaue ihm nach. Seine Habse(e)ligkeiten hat er wohl in seiner Hosentasche. Ein paar zerknüllte Scheine oder ein Päckchen von dem Stoff, aus dem seine Träume sind. Ein hübscher Junge. Wenig später sehe ich Schiele auf einer Litfaßsäule. Er sah ihm ähnlich.

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Eine Variation auf Rainer Maria Rilke „Der Panther. Im Jardin des Plantes, Paris“ für Dominik Leitner schönes Projekt *txt - das fünfte Wort: Habseligkeiten.
1103 mal erzählt

18
Apr
2016

Alles klar?

„Einen Klaren, bitte“, sagte sie und dann blickte sie tief ins Glas. Langsam wurden die Konturen scharf. Sie sah die alten Bilder. Präzise bis ins kleinste Detail. Hochaufgelöst, sagte man ihr. Sehen, sie hatte viel gesehen, immer schon. Die Stäbe des Gitters mit ihren Augen, Legosteine, die sie in präzisen Mustern Stunde um Stunde aufschlichtete in stets neuen Ordnungen, den Teller, der nicht zu den anderen passte, die Unordnung im Bücherregal, die ungleichen Kuchenstücke auf der Geburtstagstorte, Botschaften, Buchstaben, Augen, Münder.

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„Du siehst alles“, sagte die Mutter – wütend. Sie schämte sich und konnte gleichzeitig das Gesehene nicht ungesehen machen; es schien stets abrufbar in großer Schärfe. Sie las alles. Sie sah Briefe und die finanziellen Schwierigkeiten der Familie, die kleinen Geheimnisse ihrer Mama, die nackte Angst ihres Vaters beim Telefonieren, sie sah die Blicke, die niemand sehen hätte sollen, die geballten Fäuste, die feuchten Lippen. Sie sah ungeweinte Tränen und Zähne, die Worte vom Entkommen abhielten, sie sah Schultern sich hochziehen und kaum merkliches Zittern. Sie las in den Menschen. Klar. Sie sah all die Bücher, die sie las in Technicolor, 3 D, Seite für Seite mit dem gesamten Text. Klar. Ins Kino ging sie nie. Und trotzdem sah sie all die alten Filme auf dem kleinen Fernseher, den sie aus ihrem Kinderzimmer mitgenommen hatte. Sie hatte auch einen Videorekorder. Irgendwann hörte sie auf Filme zu sehen. Zu viele Bilder zu den eigenen.

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Für alle war es klar, dass sie Fotografin werden musste. „Bei deinem Blick“, meinten sie. Schon als kleines Mädchen war sie für ihr „Auge“ gelobt worden. Ihr Talent wurde gefördert. Die Menschen ließen sich gerne von ihr fotografieren, sie waren stolz auf die Bilder. „So schön bin ich ja gar nicht“, kicherten ihre Freundinnen. „Klar bist du das.“ Sie versuchte sich mit Makrofotografie am Gartenteich der Eltern. Sie liebte die Klarheit der Wassertropfen und Libellenflügel. Und den Tod, dort groß im kleinen. Die Mutter ließ die Bilder vergrößern fürs Wohnzimmer – später ersetzte sie sie durch Familienbilder. „So glücklich sind wir doch gar nicht“, kicherte sie. „Klar sind wir das“, - sie sah die zuckenden Mundwinkel, die nie geweinte Träne, das Beben der Halsschlagader. Und sie hatte die Mutter gesehen; letzte Woche, klar das Teleobjektiv half, aber sie hatte es nicht gebraucht, um sie zu erkennen.

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Sie wurde Fotografin. Studierte auf der Angewandten. Arbeitet für Agenturen und Zeitungen und manchmal gab es auch eine Ausstellung. Und irgendwann wich das „So schön ist das gar nicht“ dem „Mach das schöner“. Photoshop. Alles war möglich. Klar, dass ihre Fähigkeiten weniger gefragt waren, sie konnte nicht verändern, wollte es nicht, wollte das Schöne, den Augenblick sehen und nicht erschaffen. Eine Zeitlang versuchte sie sich als Portrait- und Eventfotografin. Alles von der Hochzeit über die Taufe, den 30er, 40er, 50er, 65er usw. bis zum Begräbnis. „So schön war das ja gar nicht“, sagten die Leute noch immer und während sie „Klar war es das“ log, sah sie all die anderen Augenblicke, in denen sie nicht abgedrückt hatte. Die verheulten Augen, das hämische Grinsen, die sich berührenden Beine unterm Tischtuch, der weiße Staub im Nasenloch, den Onkel mit der 14-jährigen.

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Abends taten ihr die Augen weh, aber die Bilder hörten nicht auf. Nicht einmal wenn sie vögelte die Augen fest aufeinander gepresst, um nur ja keine Schatten, Konturen, Spinnen, Lichtspiele wahrzunehmen; selbst dann liefen die Bilder Amok in ihrem Kopf, bevor sie sich endlich in eine gewaltige Explosion in dunklen Tönen auflösten. „Wie das Gegenteil von Heroin“, hatte Adrian gesagt. Ihr Drogenprinz, gezeichnet von Gift, Verderbnis und doch so schön. Irgendwo lagen noch die Kisten mit den Aktfotos in Schwarz-Weiß. In ihrem Kopf waren sie klarerweise stets in voller Farbe präsent. Das Ozeangrün der Augen, das blonde struppige Haar, die Zähne, bevor die Droge ganze Arbeit geleistet hatte. Adrian malte, sehr abstrakt. Ihre Liebe beruhte darauf, dass sie anders sehen als alle anderen und ging daran zugrunde, dass sie sich nie wahrnehmen konnten. Sie hatte den Hass in seinem Gesicht gelesen. Nach sechs Jahren.

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Später tat sie sich immer härter mit längerem Partnerschaften. Sie hatte zu viel gesehen, jeden Seitenblicken, jedes verborgene Augenrollen, die Botschaften auf den Handy – egal wie schnell sie sich zwang wegzusehen – die Bilder, die Worte blieben klar vor ihren Augen. Nur des Nachts, da schlief sie traumlos, da ließen sie die Bilder in Ruhe. Man hatte ihr erklärt, dass sie sich bloß nicht mehr an die Träume erinnern können – wie auch, ihr Tag begann indem sie die Augen öffnete und tausende Bilder, alte und neue in ihren Kopf strömten. Manchmal sogar zukünftige bildete sich ein.

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So hatte sie wohl die Arztpraxis gesehen, heute Morgen. Auch den Arzt mit den Befunden und den Bildern in seinen Händen, den Lichtkästen, die für Kundige den Unterschied zwischen krank und gesund signalisierten und für Unkundige unglaubliche Gemälde zeigen konnten. Sie sah Krebse und Wolken, Dämonenfratzen und Gesichter. Der Arzt sagte was von trüben Aussichten und „So schlimm wird das hoffentlich gar nicht.“ „Klar“, sagte sie.

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„Alles klar?“, der Barkeeper stand vor ihr. Sie sah das Brandloch auf der Theke und den feinen Schmutzrand auf ihrem Glas. Sie blickte ihn an, er sah müde aus, kurz zuckte sein Mundwinkel verächtlich, bevor er breiter, unechter, grinste. Sie lächelte unwillkürlich und er erwiderte ihren Blick. Sie trank jeden Abend hier. „Klare“ erst im letzten Jahr. Die Bilder wurden ihr zu viel, sie musste sie wegschwemmen, runterschlucken, den „Klaren“ als Zerrspiegel für das benutzen, was hier an weiteren Bildern auf sie einströmte. Die Spur eines Eherings, verwischter Lippenstift, eine geheime Umarmung, der Schmerz vergangenen Ruhms, Lüge, Betrug, Sehnsucht. All das sah sie bis der „Klare“ endlich sein Werk tat und ihren Blick trübte. Dann ging sie. „Solange ich noch das Schlüsselloch finde.“

„So klar ist das noch gar nicht.“ „Klar ist es das.“ „Ach, nur kein Trübsal blasen.“

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Trüb – das vierte Wort für Dominik Leitners wunder-volles Projekt *txt 2016.
1040 mal erzählt

22
Mrz
2016

Wahn

Was
Außer
Herz
Nützt?
Sinn!

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Wahn – das dritte Wort für Dominik Leitners wunder-volles Projekt *.txt 2016.
1083 mal erzählt

8
Feb
2016

Heimat

Ich wurde mitten hineingeboren. Früh nahm ich sie wahr – nicht bewusst. Später dann an den Sonntagen in fröhlicher Erkundung, schnellen Schritts – auch jammernd und klagend, aber doch voller eindrucksvoller Erlebnisse. Einen Schritt vor den anderen setzen, manchmal vorlaufen und wieder zurück, mit den Erwachsenen reden, mit den Kindern tollen. Sich verirren, verloren gehen in nasser Kälte am Rande des Abgrunds. Die Eltern weit weg. Und doch gerettet – was für ein Glück. Wie das Glück manchmal, wenn sich die Natur in aller Schönheit zeigt, wenn sie mit Silberdisteln und Walderdbeeren belohnt, mit Eichkatzeln und Rehen, mit Hüttenrast und Gipfelsieg, mit Würfelpoker und Waldtschick, mit wundervoller Aussicht. Weit, ganz weit, aber dann muss man wieder hinunter, wenn man zu den Menschen will. Oben ist es einsam. Oder auf Schiern, erst hinauf getreten, dann hinauf gefahren, hinunter geglitten. Weniger einsam. Was für ein Erlebnis. Ein wenig klettern – nicht extrem, nicht wie die Cousins, die mit der Gefahr, der Angst, dem Tod kokettieren. „Vermisst du sie nicht?“, wurde ich in Wien gefragt – von den Daheimgebliebenen und den dortigen. Nein, ich vermisse sie nicht. Allzu oft haben sie mir das Gefühl gegeben am Boden der Suppenschüssel zu sitzen, den Blick nach oben wenden müssen, um Himmel zu sehen und Anstrengungen zu überwinden um frei zu sein. Und außerdem: Ich verzichte nicht auf sie, ich habe sie nur aus meinem Alltag verbannt, ihre Omnipräsenz, hart und rau und immer mit Trutz verbunden, mit Kanten, Ecken, scharf, jeder Sturz tut weh, Steine bohren sich in Hände und Knie, die Natur verdreht einen, bringt einen zu Fall. Immer ein bisschen im Schweiße deines Angesichts – immer ein bisschen kalt auch. Nein, ich vermisse sie nicht. Wie die Sprache, immer wieder sind scharfe Kanten da, unter den Alpenrosen verborgen, unter Blumen, zwischen sprießendem Gras. Schon schön auch, aber irgendwie gefährlich. Bei Föhn ganz nah, klar, ein wenig auch wie die Spiegelsplitter des Teufels verzerrend. Schöne Welt, böse Leut, bis zum Kopfschmerz. Sie waren immer da oder ich war immer dort. Erst immer, dann oft, dann seltener, dann lange, dann öfter, jetzt länger nicht mehr. Ich denke an sie, sehr Bilder von ihnen, in den sozialen Medien, in meinen vier Wänden, in meinem Kopf. Ich bin mir bewusst, dass sie die Landschaft meiner Seele formten. Steine, Kupfer, wie aus der Spenglerwerkstätte des Großvaters, Silber, wie die Olympiamünzen, die der Vater gegen Neujahrswünschte verschenkte, Feldspan, Quarz und Glimmer, das vergess‘ ich nimmer, Kristallin, da und dort ein Bergkristall, Granaten, Schiefer, Katzengold, Werkzeug und Waffe in naturgegebener Schärfe, glucksendes Wasser, verborgen, sprudelnd, sich einen Weg bahnend, wie schön die Steine im Wasser, wie verblassen sie im Rucksack. Die Hände in einer Quelle baden, Speckknödelsuppe ans warme Dach einer Hütte gelehnt, die Aussicht von dort oben, die Heldinnen und Helden, mitten drin aufwachsen, den Kopf nach oben richten, schon schön, Wälder, abgetrotztes Leben, scheinbarer Überblick bis zum Nächsten. Und doch Abstand. Und trotzdem viel zu eng. Über allem der Herrgott, dort oben. Ich liebe sie, irgendwie, immer schon, noch, wieder. Nein ich vermisse sie nicht. Sie sind immer da, seit Menschheitsgedenken. Die Berge Tirols.

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Berg, das Zweite Wort für Dominik Leitners wunder-volles Projekt *.txt.
1126 mal erzählt

2
Feb
2016

Trotz alledem

Ich verstehe dich.
Das Leben ist oft ziemlich schwierig.
Beschissen, sogar.
Vor allem, wenn man mit der Angst lebt.
Der Angst vor vielem.
Auch davor, dass nicht viel Leben bleibt.
Lebenswertes.
Und all die Kleinigkeiten, die enorm wiegen.
Die Nachtgespenster.
Und auch der Tag bietet wenig Erholung.
Oder auch nur Ruhe.
Das Beben, das Surren in der Luft bleibt.
Die bangen Fragen.
Darüber kann man mit niemanden sprechen.
Glaubt man dann.
Weil niemand es verstehen könnte.
Wahrscheinlich.
Und irgendwann ist man erschöpft.
Nichts mehr da.
Und dann möchte man einfach nur schlafen.
Ich verstehe das.
Nichtsdestotrotz fehlst du mir so sehr.

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Das ist mein Beitrag zu Dominiks formidablem Proejkt *txt
1111 mal erzählt

29
Dez
2015

Ruhig 1

Ruhig
Bleib ruhig,
fürchte dich nicht,
reg dich nur nicht auf,
einatmen und ausatmen,
vielleicht ist es ein Irrtum,
oder bloß ein Missverständnis,
alles wird sich schließlich aufklären,
und dann hast du dich umsonst geängstigt,
achte nicht auf das Herz, das dir zerspringen will,
nicht auf das Zittern, das dich in Wellen überkommt,
nicht auf die rasenden Gedanken, die Schleifen ziehen,
nachts wachst du oft auf, deine Muskeln verspannen sich,
der Schweiß ist eine natürliche Reaktion, er kühlt den Körper,
du musst nur immer weiter ein- und vor allem ausatmen, ein und aus,
du musst gar nichts, musst du wissen, du kannst, du wirst, du bist, du lebst,
du musst gar nicht.
Bleib ruhig –
noch eine Weile hier.

2015-12-25-10-57-19

Ruhig 2

Ruhig
Bleib ruhig.
Ich bin nervös.
Ich zittere ein wenig.
Du bemerkst es, bemerke ich.
Bleib ruhig.
Sag jetzt bloß nichts.
Schön, dass du gekommen bist.
Wir wissen, worauf wir uns eingelassen haben.
Bleib ruhig.
Ich bin nicht verliebt.
Du verpflichtest dich zu gar nichts.
Lass uns zuerst Essen, Trinken, Rauchen, Reden.
Bleib ruhig.
Ich hab „Ich liebe dich“ gesagt.
Gedacht habe ich es schon ein wenig früher.
Ich wollte dir und mir Zeit lassen und das war gut.
Bleib ruhig.
Die Liebe kann einem schon Angst machen.
Und das Leben und das Sterben noch viel, viel mehr.
Aber wir haben beide die Kraft, Liebe und Leben zu teilen.
Bleib ruhig
noch lange bei mir.

2015-12-17-12-00-19

Diesmal entstanden gleich zwei verschiedene und auch ähnliche Texte als Beitrag zum Projekt *.txt , das siebzehnte Wort. Ich freue mich schon auf 2016, danke Dominik.
1253 mal erzählt

23
Nov
2015

Distanz

Auf die Distanz gesehen ist das alles nicht schlimm.
Nichts ist schlimm auf Distanz gesehen.
Zur Kurzsichtigkeit der Jugend kommt die Weitsichtigkeit des Alters.
Die Distanzen verändern sich.
Der räumliche Abstand.
473 km Entfernung, noch.
Auch zeitlicher Zwischenraum.
Wachsende Distanz.
Distanziertheit vielleicht.
Nein, distanziert war ich nie.
Auf der zurückgelegten Strecke.
Wenig Zurückhaltung bei kaum etwas.
Zu klein der innere Abstand im Umgang mit anderen Menschen.
Die Armlänge unterschritten. Au.
Und doch: die vorgesehene Anzahl von Runden eines Kampfes auch manchmal zu Ende gekämpft.
So scheint es mir jetzt manchmal.
Aus der Distanz betrachtet.
Aus der Distanz betrachtet, sieht man mich anders.

2015-11-01-10-36-57

Dieser Text ist mein Wort Beitrag zum Projekt *.txt , das sechzehnte Wort
1322 mal erzählt

10
Nov
2015

Tanze!


Damals.


Leonce: Tanze, Rosetta, tanze, daß die Zeit mit dem Takt deiner niedlichen Füße geht!
Rosetta: Meine Füße gingen lieber aus der Zeit. (Sie tanzt und singt.)

O meine müden Füße, ihr müßt tanzen
In bunten Schuhen,
Und möchtet lieber tief, tief
Im Boden ruhen.

O meine heißen Wangen, ihr müßt glühen
Im wilden Kosen,
Und möchtet lieber blühen
Zwei weiße Rosen.

O meine armen Augen, ihr müßt blitzen
Im Strahl der Kerzen,
Und lieber schlieft ihr aus im Dunkeln
Von euren Schmerzen.

Und Rosetta tanzte. Jeden 2. Abend. Einen kurzen Auftritt lang in einem wundervollen Blütenkleid. Sie musste erst lernen auf den High Heels zu gehen. Sie war 18 und groß gewachsen. Knabenhaft und doch rieben sich manchmal während ihres Tanzes ihre Knospen an den Tulpenblättern des Dekolletès. Schulterfrei, große Rosen aufgedruckt – ein schönes Kleid. Sie tanzte, wie es ihr die irische Prima Ballerina beigebracht hatte. Es war ein kurzer Tanz, ein kurzer Auftritt. Dritte Szene, Erster Akt.

Ganz zwei Akte dauerte es noch bis Leonce mit Lena in ein Leben voller Rosen, Veilchen, Orangen und Lorbeeren schritt und Valerio sein Dekret erließ. Manchmal gingen sie in der Pause etwas trinken, die KleindarstellerInnen der kleinen Bühne, manchmal las Rosetta in der Kellergarderobe, wo das Premierengeschenk der Tanzlehrerin, Pantöffelchen, hing. Schlussapplaus, noch einmal, zweimal dreimal hinaus – alle. Auch die Knospen.

An vielen Abenden tänzelte Rosetta dann über den Adolf-Pichler-Platz in die Maria-Theresien-Straße, die Treppen hinunter in die American Bar. Eine Stunde Wartezeit bis zum nächsten Bus, zwei bis zum letzten. Rosettas Füße wollten tanzen in bunten Schuhen, ihre Wangen wollten glühen im wilden Kosen, ihre Augen wollten blitzen im Strahl der Kerzen. Nicht heim ins Elternhaus.

Kerzen standen auch an der Bar und in den dunklen Plüsch-Samt-Nischen. Bilder von Tomi Ungerer hingen dort. Die Tanzfläche war klein, sternförmig und verspiegelt. Eine Glitzerkugel, ja, wahrscheinlich hing dort eine Disco-Kugel. Aber das bemerkte Rosetta nicht, wenn sie dort allein tanzte. Maschine brennt. I can’t get no satisfaction. Keine Angst. Ich spiele Leben. As tears go by. Gloria. Der DJ hatte einen Schnauzer. Es waren die frühen 1980er. Sie war gerne allein da, redete sie sich ein, während sie wartete. Tanzend. Auf den Bus. Auf den, den sie liebte. Oder einen, den sie lieben könnte.

Einmal winkte sie der DJ zu sich. „Du tanzt super“, meinte er: „Vor allem die Texte, die Musik müsste man halt manchmal umschreiben.“ Sie war einfach unmusikalisch. Deswegen war sie nie eine richtige Schauspielerin geworden, glaubt sie noch heute. Dance like nobody’s watching. Oder everybody. Das ist ihr geblieben. Noch immer tanzt sie Texte, als wäre sie allein oder wirbelnder Mittelpunkt auf der Tanzfläche, ob im Planetarium oder im Wohnzimmer. Rosettas Füße tanzen in der Zeit.

Staatsminister Valerio darf ich vor dem Schlussapplaus um euer Dekret bitten: „daß wer sich Schwielen in die Hände schafft unter Kuratel gestellt wird, daß wer sich krank arbeitet kriminalistisch strafbar ist, daß jeder der sich rühmt sein Brod im Schweiße seines Angesichts zu essen, für verrückt und der menschlichen Gesellschaft gefährlich erklärt wird und dann legen wir uns in den Schatten und bitten Gott um Makkaroni, Melonen und Feigen, um musikalische Kehlen, klassische Leiber und eine kommode Religion!“

2015-10-12-21-29-02

Dieser Text ist mein Beitrag zum - Hurra verlängertem - Projekt *.txt , das fünfzehnte Wort Danke Dominik.
1315 mal erzählt

20
Okt
2015

Konjunktiv II

Ich hätte es wissen müssen.
Ich hätte es nicht tun dürfen.
Ich hätte es nicht wollen sollen.
Ich hätte es nicht denken dürfen.
Ich hätte es nicht begehren sollen.
Ich hätte es nicht zulassen dürfen.
Ich hätte es nicht verschweigen sollen.
Ich hätte es nicht genießen dürfen.
Ich hätte nicht drüber nachdenken sollen.
Es hätte nicht passieren dürfen.
Ich hätte es wissen müssen…
Wissen? Ach geh! Wissen?

2015-08-26-13-05-26

Dieser Text ist mein Wort Beitrag zum Projekt *.txt, das vierzehnte Wort......
1463 mal erzählt

24
Sep
2015

Verstand

„Hallo“, sagt der Bassist. Ich bin überrascht, ihn an der Theke des Vertrauens zu treffen, wünsche ihm Beileid zum gerade erlittenen Verlust. Neben ihm sitzt einer, ebenfalls in Trachtenjopperl und Jeans, Fraktionskollege, christlicher Gewerkschafter, füllig, schwitzend, ein Smartphone in der Hand, eine Bierflasche in Reichweite. Personalvertreter oder Betriebsrat der Gewerkschaft, die einmal meine war. Er schimpft ein wenig über den Verein. Ich bin mit einer Freundin verabredet, bleibe aber kurz bei den beiden sitzen, um dem Bassisten mein Beileid auszudrücken. Der Kollege telefoniert, kurz und laut. Mit einem Bankmenschen. „Ich bin Betriebsrat“, sagt er und dass Frau Soundso nichts zu melden habe. Der Bassist erzählt vom Begräbnis. Er versucht verbindend zu wirken, er fragt den Kollegen, ob er errate, aus welchem Bundesland ich käme. Er errät es nicht, ich löse das Rätsel: Tirol. „Warum haben die Tiroler keinen Geschlechtsverkehr?“, beginnt er einen Witz zu erzählen. „Weils Ihnen beim Fickkkkken die Zähne aussi haut. KKK, ficken, die Zähne.“ Ich verziehe den Mund und schau dem Wirt meines Vertrauens in die Augen. Der Kollege erzählt jetzt eine Anekdote über eine Schulung in Tirol. Die Pointe fehlt. Ich frage mich, wo die Freundin bleibt. Der Bassist sagt: „I fürcht mi vor die Wiener Wahlen.“ Der HaZe macht ihm Sorgen, wie uns allen, bedenklich wiegt er den Kopf. Der Kollege trinkt einen Schluck Bier. Und plötzlich ist es da, das Flüchtlingsthema. Vom Schmutz redet der Kollege, den die Flüchtlinge machen, den Müll, den sie liegen lassen, dass viele Wirtschaftsflüchtlinge dabei sind, 60 haben sie in der Gemeinde, unbegleitete junge Burschen, seine Tochter ist vierzehn, er traut sich nicht, sie zur Bahn gehen zu lassen, wo führt das hin, lauter Männer, die Kleidung liegt herum, wenn es nicht Markenkleidung ist, aber Handys, die Tochter trage Spaghettiträger und kurze Hosen, wenn so ein junger Mann ausgehungert, die kennen das ja nicht, ständig Kämpfe zwischen den Unbegleiteten, die Gutmenschen haben keine Ahnung. Er hört auf keinen meiner Einwände, lässt mich nicht zu Wort kommen, er spult das ganze Programm ab, wie ich es aus den sozialen Medien und Foren kenne. „Dann brauchst du dich ja nicht fürchten vor der Wiener Wahl? Da könnte ja der für dich Richtige gewinnen?“ frage ich schließlich. „Ja“, sagt er.

Ich verstehe.

2015-09-01-10-49-30

Ich gehe – lege Raum zwischen mich und den Kollegen.

Dieser Text ist mein Wort Beitrag zum Projekt *.txt, das dreizehnte Wort.
1546 mal erzählt
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Mock Turtle

Sit down, both of you, and don't speak a word till I've finished

Who sits there?

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Im Bilde

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Lieber Yogi, ein bisschen frivol der Geburtstagsgruß...und...
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