Freitagsfrüchte

9
Okt
2011

Radio Night

Von der Brettern, die eine Welt bedeuten direkt aufs Vorderdeck: Schnell noch die alte Angst verjagt, die sich kurz von ihrem Lager zwischen den Rumfässern unter Deck erhoben hatte und Nächtens über die Balken taumelte. Frischer Wind ist aufgekommen, wir haben wieder Fahrt aufgenommen und Koordinaten fest gelegt. Jetzt ruhen wir uns ineinander verschlungen aus, gute Aussichten inmitten der sieben Weltmeere. Wir gönnen uns ein Piratenfrühstück, Hirschsteak mit Granatapfel und Chilli, denken um die Ecke und trinken kalten Kaffee.

Und dann kehren wir zurück auf unsere Positionen, er auf die Bretter unter den Bögen, ich auf mein Musenpodest. Endlich ist wieder Freitag. Der Erstgeborene vervollkommnet die "Hundert Jahre", finale Schnitte, sagt er, und doch höre ich wieder neues. Die 1950er dringen aus den Lautsprechern – Wirtschaftswunder mit Werbung und Schlager. So viel von ihm wiederentdecktes und lieb gewonnenes. Und wieder sitze ich auf dem Esszimmerteppich meiner Kindheit. Neben mir der Kofferplattenspieler und die Singlebücher meiner Eltern. Es war einer der wenigen Räume meiner Kindheit ohne Bücher, fällt mir auf, während Chris Howland für Bertelsmann Schallplatten wirbt. Was für eine Gnade, in einem Haus voller Bücher aufzuwachsen, Reader’s Digest am Klo und Zeitungen in der Küche. Bücherregale im Wohnzimmer und in allen Zimmern des Obergeschosse, aufgewachsen, geborgen in Buchstaben. Auch in meiner Wohnung findet sich Gedrucktes in allen Räumen. Ob er sich erst in die Bücher oder erst in mich verliebt habe, wollte eine vom Einen wissen. Oder in die „Hundert Jahre“, de aus dem Küchenradio tönten an diesen ersten Morgen, wie seither stets.

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Alle meine Klassiker höre ich an diesem Abend. „Tom Dooley“. Und wieder fällt mir die alte Geschichte ein, als wir dem Schulinspektor unser Lieblingslied vorsingen sollten und ich begeistert loslegte: „Das ist die Geschichte von Tom Dooley aus Tennessee und seinem Ende, er liebte die Frau eines anderen und weil sie nichts von ihm wissen wollte, da erdolchte er sie…“ Ich glaube, ich kam noch bis zu „Morgen da bist du tot.“ Das Lachen der Erwachsenen war mir süßer Beifall. Und „Mylord“, auch ursprünglich auf Deutsch gehört, und nur wenige Jahre später dann im Original, als mich die Piaf neben den Doors und The Clash durch meine Pubertät trug.

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Und Brecht, Mackie Messer vom Stückeschreiber selbst gesungen. Und in etlichen anderen Varianten. „Ich liebe dieses Stück“, sage ich zum x-ten Mal an diesem Abend. Das Steve Jobs 1955 geboren ist fällt mir ein, als Oppenheimer über das Atom spricht. „Das war eine Zeit des Umbruchs“, sagt der Erstgeborene: „Da ist so viel passiert, entstanden.“ Ich stimme ihm zu, während mir bewusst wird, dass unsere Zeit, jetzt, mindestens ebenso geschichtsträchtig ist, wie alle Zeiten, nur das Rad scheint sich noch schneller zu drehen. Und während wir darüber sprechen holen uns die Siebziger Jahre des letzten Jahrtausends ein. Die Zeit, in der wir als Idee, Traum, Vision unserer Eltern bereits vorhanden waren, angelegt. Die Radioklänge unserer frühen Kindheit.

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Und dann legt er ein anderes Band auf. Eine alte Radiosendung hat er digitalisiert, im Studio die junge Turtle vor zwanzig Jahren, gepresste Stimme und ultracool, fast ein bisschen asthmatisch beim Versuch sexy zu klingen. Und plötzlich bin ich wieder dort, in dem Wiener Studio, am Drehstuhl auf Rädern zwischen Revox-Bandmaschinen,CD-Playern und Plattenspielern. Und das Mischpult mit den vielen Reglern und das Mikrophon. Wir tranken Bier in der Musikredaktion und rauchten im Lager. Irgendwo stand ein Apple herum, meine Moderationen hatte ich mit der Hand notiert und eh im Kopf.

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Der Erstgeborene war damals schon dabei, hat mir geholfen, das Mikrophon einzustellen auf extra erotisch-cooles Timbre und die Übergänge zurecht zu schnipseln und andere waren auch dabei…wir erinnern uns, erzählen Geschichten, nennen Namen … sind alle was geworden, sagen wir uns, wir auch – weit haben wir es gebracht. Und noch immer hilft er mir beim Regler schieben und ich moderiere sein Leben.

Ach ja, hört sich gar nicht so schlecht an, die alte "Intensivstation", ein wildes Ding war ich damals, bin ich heute noch, wieder....
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17
Jun
2011

Zungen zerteilt, wie von Feuer

Pfingstfreitag diesmal beim Erstgeborenen – dringend notwendig nach Österreichrundfahrt und Heimatbesuch.

Was liegt alles hinter mir: ein Arbeitsausflug mit dem Hauch von Landschulwoche, ein Länderspiel bei strömendem Regen,

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ein wenig Zucker für das Zirkuspferd,

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ein Balkongespräch beleuchtet von einem Glühwürmchen, als wärs ein Gruß vom Vater, ein Grabbesuch,

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Mutterleid und Mutterzorn, Kinderlachen und Kind-erleben,

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Kälte und Wärme, Erkenntnisse an jenem Ort, Regen im Park und der ungehbare Weg mit Musik im Ohr und dem Lächeln eines fremden Mannes,

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viele km im Zug, alles abwerfen und aufs Musenpodest eilen, denn es solle endlich wieder Freitag sein, an diesem Pfingstsonntagabend.

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„Es ist vollbracht“, verkündet er mir nur um wie stets gleich wieder einzuschränken: „Fast.“ Er meint die 100 Jahre, die Dreißiger Jahre im Speziellen. Und es ist wahr – aus der auditiven Chronik ist etwas Neues darüber hinaus Gehendes gewachsen – kritisch und witzig und zynisch und Herz erwärmend. Max Schmeling „besingt“ das Herz eines Boxers und Gustaf Gründgens ist vornehm. Obskure Reportagen ergänzen sich mit 30 dressierten Kanarienvögeln und dem Reichstag. Das gibt’s nur einmal kommt immer wieder. Und Hans Albers ist der Clown Quick. Ich bin begeistert von all dem neuen Alten und freue mich so, dass das Werk tatsächlich seiner Vollendung entgegen geht, nur mehr selten unterbricht der Erstgeborene den Zusammenschnitt (und meinen Gedankenfluss), um auf notwendige Korrekturen hinzuweisen. „Das Objekt fühlt sich geehrt, das Subjekt freufühlt sich wohler“, sagt Max Reinhardt in diesem Moment und der Erstgeborene verweist mit großer Gest auf ihn. Und dann marschieren Stiefel….der Tanz auf dem Vulkan beginnt und es darf noch einmal frivol werden.

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Es ist Pfingsten und die Unruhnacht : „Und als der Pfingsttag gekommen war, waren sie alle an einem Ort beieinander. Und es geschah plötzlich ein Brausen vom Himmel wie von einem gewaltigen Wind und erfüllte das ganze Haus, in dem sie saßen. Und es erschienen ihnen Zungen zerteilt, wie von Feuer; und er setzte sich auf einen jeden von ihnen, und sie wurden alle erfüllt von dem heiligen Geist und fingen an, zu predigen in andern Sprachen, wie der Geist ihnen gab auszusprechen.“ Doch wir sind ruhig und hören zu und sind zufrieden, mein Glück und den Liebestaumel verzeiht er mir, meine Musenrolle lobt er. Und ich bin glücklich.
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18
Mai
2011

Mercy Buckets!

Und dann endlich wieder Freitag. Lange war der Erstgeborene in der Landheimat und er wirkt erschöpft. Schon am Nachmittag habe ich mich voller Vorfreude an mein Werk als Pfarrersköchin in der Chapel of Soul gemacht, Guacamole, Wassermelonene-Schafkäse-Salat und Carta da Musica, bereits am Vortag bemused gebacken. Wie das Rotkäppchen packe ich noch Wein (A Lita Schwoaza) in mein Körbchen.

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Fast schäme ich mich meines haltlosen Glücks, als ich den Buben vom Musenpodest, dem gelben Sofa aus, beobachte. So müde und traurig und hoffnungslos. Ich versuche nicht zuviel von meinem Glück zu reden. Obwohl ich mir auf die Lippen beißen muss. Zu gerne würde ich schwärmen und berichten, dass es genauso ist, wie in all den Jahren vom gelben Sofa aus beschworen: Dass die Liebe so ist wie Sand auf der Hand und man die Hand bloß ruhig halten muss, nicht zittern darf und ja nicht versuchen darf, die Hand zu schließen, weil der Sand, die Liebe, einem sonst zwischen den Fingern davon rinnt. Hält man die Hand ruhig bleibt – dann wird sie sogar mehr. Aber ich sage es nicht.

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Mercy, Mercy, Mercy. Und dann sind wir „unter Jungs“ und öffnen lange verschlossen Türen…Herr Doppel T, der Erstgeborene und ich, zwischen Hendrix und Brahms. Ich tanze im Wohnzimmer, allein und doch nicht. Die Jungs tauschen alte Mythen aus, die Geschichte von jenem Nachmittag in dem unglaublichen Schallplattengeschäft wird wieder einmal erzählt. Ich hänge meinen Gedanken nach, kann ich doch jederzeit wieder einsteigen. Schwerelos.Am Schluss spielt der Erstgeborene Charlie Parker für mich. Ich liebe ihn dafür. Auch dafür.

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Ungewöhnlich früh beenden wir den falschen Freitag und ich spaziere vom Karlsplatz nach Hause. Fröhlich, glücklich, berauscht, dankbar. Liebend.

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10
Apr
2011

Ich bin so frei

Und dann ist endlich wieder Freitag, die Sonne scheint auf meinen Platz am Musenpodest am gelben Sofa und die Plattenspieler werden ausgezogen und angeworfen. Zur Feier des Tages, der Heimkehr des Erstgeborenen aus der anderen, der Kärntner Heimat, ein Fläschchen Fabelhaft, der sich so wunderbar an den Soul schmiegt, der mittlerweile den Raum füllt.

Ein junger Mann flattert herein, schelmisch, man kennt sich schon. Gerade eben war er drei Monate in Asien. Ob die 100 Jahre denn nun fertig seien, will er wissen und wir lachen. „Bald“, sage ich, nur noch ein paar Umschnitte und Änderungen und blinzle dem Erstgeborenen zu. “Geschichte verändert sich eben stetig, erkennen wir. Später dann höre ich, dass Tom Dooley dazu gekommen ist, eine meiner Lieblingsschallplatten dort im Teppichwunderland, abgespielt am Marienkäferplattenspieler. So fasziniert war die kleine Turtle von der blutrünstigen Geschichte, dass sie sie sogar zum Besten gab, als der Schulinspektor in der Volksschule die Kinder aufforderte ihr Lieblingslied zu singen.

Jetzt ist die Ballade Teil der 100 Jahre, ganz artig bedanke ich mich beim Erstgeborenen, auch für das Weihnachtsgeschenk, das er mitgebracht hat, “Noch ein Martini und ich lieg unterm Gastgeber“. Treffsicher wie stets, der Freund und Gastgeber und voller Liebe.

Ein schöner junger Mann wird von einem anderen mitgebracht, gelangweilt blickt er im Raum herum, bleibt außen vor, checkt ab. Der Erstgeborenen registriert es und langsam und geschickt spinnt er ihn ein und holt ihn an den Tisch. Ob das so weiter ginge, wenn man älter würde, das Leben als Fest, fragt der Schöne. Wie alt er sei, will ich wissen. 1974 geboren. Es geht weiter so, lachen wir. Es wird besser, versichere ich ihm. Ich weiß das. „Man muss immer weiter Ausatmen“, sage ich. Da lächelt der schöne Mann „Ausatmen.“ Freitag.

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11
Mrz
2011

Illusionen

„Komm jetzt“ - mit diesen SMS lädt mich der Erstgeborene zu einem falschen Freitag. Er ist zwar noch kränkelnd aber auch neugierig und vielleicht auch sehnsuchtsvoll genug, das Wohnzimmer trotzdem zu öffnen. Ich packe also noch jede Menge Vitamine in den Salat und Wein in meine Tasche und mache mich auf, die Abenteuer, der letzten Tage und Wochen im Kopf und bereit, sie zu schildern, ergänzt von seinen spitzfindigen Kommentaren. Und der Soundtrack. Und das gelbe Sofa.

Qualitätszeit nennen wir das. Soulsugar, Im Einverständnis, viel Lachen und die kleinen Beichten, die Ängste und Lächerlichkeiten, die Kindereien der Liebe, Illusionen. Wir wechseln unsere Rollen wie er die Schallplatten, wenigstens sind es Anfangs Langspielplatten, jazzig und warm, „den Frühling herbei spielen“, sagt er. Die Scham und die Angst und die vielen Fragen und die Unsicherheit. Und er beruhigt erlaubt ermutigt und ich auch. Contact High.

Später dann endlich wieder die 100 Jahre, die 1950er, neu geschnitten. Die junge Knef. Verschwörerisch lacht der Erstgeborene mir zu und Herr Doppel T, inzwischen eingelangt, bemerkt es trotzdem. „Ihr schon wieder!“ Und trinken und tanzen bis der kranke Gastgeber einschläft und ein freundlicher Taxler, der mir drei Euro erlässt. Die Welt meint es gut mit mir.

Und als ich heute Morgen mir selbst Arbeit vortäuschend und etwas verkatert im Netz surfe, erreicht mich Japan auf Youtube und kurz bin ich fassungslos und klicke mich durch schreckliche Bilder und dann bin ich ruhig und surfe weiter, lese Blogs und habe das alles schon fast vergessen. Im Hintergrund laufen die Nachrichten, als ich noch einmal beim Erstgeborenen auftauche. Ich erzähl ihm, wie seltsam kalt mich das lässt und doch auch entsetzt. Wir zählen sie auf die großen Katastrophen, die wir erlebt haben, Die Erdbeben unserer Kindheit, die aus dem Friaul die Heimat erschütterten und Mount St. Helen und der Tsunami und 9/11 und das jetzt. Wir reden über den jungen Filmfreund, der uns stets den Weltuntergang prophezeit. „Angst könnte man kriegen“, sagen wir und „Dann müssen wir halt umso mehr leben. Bis jetzt war es gut.“

Nur nicht denken, sich verschenken, denn wer weiß, wer weiß, wo ich schon morgen bin.


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23
Feb
2011

Ferien bei Freunden

Falscher Freitag beim Erstgeborenen, der eben vom Fieber genesen im Schallplattenfieber ist. Neue lang gesuchte Langspielplatten mit raren Aufnahmen der 1940er und 1950er haben ihn erreicht. Und andere Kostbarkeiten auf Vinyl. Also muss umgeschnitten werden und wurde bereits umgeschnitten. Und die Hundert Jahre werden wohl noch ein bisschen länger dauern. Wie stets, weiß er kein Ende zu finden, auch das mag ich an ihm.

Der Tierfreund, mit dem ich das gelbe Sofa teile, will wissen, ob man auch für Tiere Pflegeurlaub bekomme. Ich mit meinen Kontakten müsse das wohl wissen. Eine Geschichte mit einer todkranken Katze und einer einsamen Frau habe ich einmal geschrieben, erinnere ich mich.
„Nein, mir ginge es da eher um einen Hund“, erklärt der Tierfreund.
„Einen kranken Hund?“
„Nein, wenn das Frauerl krank ist, dass ich dann den Hund pflege.“
„Pflege?“
„Gassi gehe…“
„Aha – das wird wohl kaum auf Verständnis beim Arbeitgeber stoßen. Da musst halt in der Früh und am Abend gehen…“
„Aber wenn er öfter muss, weil es z.B. ein junger Hund ist…“
“Trotzdem – kaum Chance auf Pflegeurlaub.“
„Dafür sollte sich die Gewerkschaft einsetzen – Pflegeurlaub bei Haustieren, also nicht nur Hunde.“
„Klar auch, um der Riesenschlange beim Verdauen zuzusehen…“
„Oder der Eintagsfliege beim Leben. Die hat ja nur einen Tag…“

Und dann später, viel später Dionne Warwick und J.J. Johnson.

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1036 mal erzählt

12
Feb
2011

Die Sünde

Verzückt wiegt sich die Nonne vor der Auslage des Zuckerlgeschäfts. Fasziniert wie andere Frauen vor den Schaufenstern von Boutiquen und Schuhgeschäften streift sie die Auslage entlang. Köstliche Bonbons liegen dort, Marzipanfrüchte und bunte Lakritze – im Dunkel kaum zu erkennen; die Sünde, weg geschlossen hinter dicken Scheiben, Freitag, halb zehn Uhr abends.

Ich hingegen breche auf, die Sünde zu suchen – oder zumindest zu tanzen, weil Freitagabend ist.
And Mona Lisa was a man….

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906 mal erzählt

23
Jan
2011

Unter Jungs

Auf einer Welle des Glücks und zugegebener Maßen berauscht vom übrig gebliebenen Küchensekt und all dem Glück, der Wärme, der Liebe der letzten Stunden und Tage treibt es mich zur letzten geburtstäglichen Feierlichkeit aufs gelbe Sofa im Wohnzimmer des Erstgeborenen. Im Gepäck habe ich Backwerk vom Frauenfest, Kuchen, Rouladen, Brot.

Und wieder Champagner und ein Geschenk liebevollst in rotes Latex verpackt. Eine Schallplatte, Lotte Lenya, er weiß genau, was ich liebe und zwei Filme für einsame Stunden, er weiß auch, was ich brauche, mit Augenzwinkern und offenem Lachen. Ich erdrück ihn fast im Dankbarkeitstaumel.

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Später kommen der Bubenmann der Capoeira-Tänzerin, die bei meinem Fest meine Tischnachbarin war, und der junge Filmfreund. Wir albern herum, lachen viel und trinken stetig, der Erstgeborene legt Singles auf.

„Bist du verliebt?“ fragt mich der junge Filmfreund. „Nein“, antworte ich: „Aber ich wärs gerne. Doch ich bin auch so glücklich, glücklich bin ich." Und dann tanze ich. Verliebt. In dieses Leben, in all die Menschen.

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720 mal erzählt

2
Jan
2011

Der letzte Freitag 2010

Und dann war auch noch Freitag, am letzten Tag des Jahres, beim ersten Jahreswechsel in 20 Jahren, den ich ohne meinen Mann verbracht habe.

Ich war beim Erstgeborenen geladen, ein Silvester-Buffet im Retro-Stil richte ich ihm aus, Pfarrersköchin in seiner „Chapel of Soul“. Gemeinsam fabrizieren wir in seiner kleinen Küche Käseigel, Zitronenschweine und Fliegenpilze aus Eiern und Tomaten. Kindliche Freude, ein Fläschchen Bier zum Eingrooven, dazu ein wenig Kabarett auf Ö1.

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Es bleibt noch ein wenig Zeit bis die Gäste kommen und so nehmen wir unsere Plätze im Wohnzimmer ein und er legt Schallplatten auf, die mein Herz berühren. Kein gegenseitiges Wundenlecken, wie so oft im vergangenen Jahr nur großer Friede und wunder-volle Musik. "Die tiefsten spielen wir", sagt er: "Bis die andern kommen." Ein Text auf der Rückseite einer der schönsten Platten, bietet alle Worte, die es braucht an diesem letzten Freitagnachmittag im Jahr…

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Es ist ein schönes, kleines Silvester-Fest. Die Wohnzimmerbelegschaft ist angetanzt, wenige fehlen und es wird getanzt, getrunken, geraucht, gelacht, geredet- viel von allem. Wie eine Familie sind wir, versichern wir uns immer wieder. Große Schwester nennt mich die Capoeira-Frau und erzählt mir wie so oft in langen Monologen von dem Mann, den sie liebt. Vertraut kommen mir ihre Geschichten vor, nicht nur, weil ich sie bereits gehört habe, sondern auch weil ich ähnliches selbst erlebt habe. Der Bubenmann von dem sie spricht, misst wie so oft den Raum mit seinen Schritten. Der Panther fällt mir ein. Und das Zeitalter der Buben, über das ich schon lange schreiben möchte.

Und dann ist Mitternacht. Keine Raketen dieses Jahr. Dafür Walzer. Ungeküsst in dieser Silvesternacht, wie in so vielen. Und doch glücklich, viel Soul und ein Quäntchen Blues – 2011 kann kommen.

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Ich wünsche uns allen ein gutes Jahr!
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17
Dez
2010

Einer von uns

Als Herr Doppel T ein kleiner Junge war, packte er, wenn seine Mutter ihn verärgert hatte, sein kleines Köfferchen – grau kariert mit orangen Ecken und einem Schloß. Eine Hose gab er hinein, ein Hemd zwei Unterhosen und seine Zahnbürste, erzählt er an jenem Freitag im Wohnzimmer des Erstgeborenen, wo immer Freitagnachmittag ist. Dann nahm er seine Schwester bei der Hand. „Wir wandern nach Amerika aus“, sagte er zur Mutter, die am Herd das Mittagessen bereitete im Vorbeigehen. „Aber nicht beim Gartentor raus“, antwortete sie. Das war aber gar nicht notwendig, denn Amerika lag dort draußen, hinten im Garten, kleine Häuser hatte er gebaut mit Gräsern gegen den Regen geschützt, damals in Amerika.

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Ich schnurr am gelben Sofa wie eine richtige Katze. Das „Brrrrrrr“, ist wohlig in der Kehle und umfasst meinen ganzen Körper, ich kraule mich und bin ganz Felida bei den beiden Katzenfreunden. Nina Simone singt. Der Erstgeborene hat mir eine Schallplatte besorgt für Mimi. „Black Gold“ soll den Anfang einer Sammlung sein, große schwarze Sängerinnen für mein kleines schwarzes Mädchen. Jedes Jahr eine zu Weihnachten bis sie eine junge Frau ist.

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Wir reden von Schneemännern und Christbäumen und längst vergangenen Zeiten. „Du bist einer von uns“, sagt Herr Doppel T irgendwann und lässt uns schnäbeln, den Erstgeborenen und mich. Er sagt es noch ein paar Mal an diesem Abend und jedesmal durchströmt mich Glück, weil ich weiß, dass es wahr ist, dass ich dort hingehöre in dieses Wohnzimmer auf dieses Sofa mit meinem selbst gebackenen Brot und meinem Salat. Mit unserer Musik und unseren Geschichten.

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Der Erstgeborene erzählt von einem Hund in Süditalien, einem Streuner, sein Herrchen verstorben, der zu jeder Demonstration komme und die Carabinieri verbelle – ein Che Guevara unter den Hunden. Und vom Internet reden wir, ich erzähle von euch und meinem Leben hier mit Netz und doppeltem Boden, wo ich diese Freitagnachmittage mit-teile. Und ich tanze und sie machen mir Komplimente und doch bin ich „Einer von uns.“

„Das Leben ist ein Auf und Ab“, erklärt Herr Doppel T ganz weise: „Wenn du es entkorkst weißt du nie, ob es ein wunderbarer Rotwein ist oder Essig.“ Herr Ober, mein Leben korkt. Wir trinken Fabelhaft und Schilchersekt im Wohnzimmer. Und wenn uns wer ärgert, können wir immer noch nach Amerika auswandern.

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Sit down, both of you, and don't speak a word till I've finished

Who sits there?

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