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Lebens-Wert

20
Nov
2009

In der Schmiede

Oh Jammer, oh Jammer,
sprach der Amboß zum Hammer
warum schlägst du mich so hart
bin ich doch von deiner Art.

Das stand auf einem Haus in Alpbach, gleich hinter der Kurve, wo der Weg gerade nach Inneralpbach weiter führt. Ich habe diesen Spruch oft mit meinem Vater aufgesagt. Vielleicht hat auch er mich zuerst auf diese Gedicht aufmerksam gemacht. Jetzt steht er nicht mehr dort und doch lese ich ihn noch immer.

Seit gestern bin ich in der Hammerschmiede bei der zarten, kleinen Meisterin der stahlharten Liebe,im Feuer.

Tür an Tür mit der alten Schmiede, die mit Wasserkraft bestrieben wurde, schmiede ich mein Eisen in Tränenbächen und heißer Glut. Und vor der Tür die Pfaue wie zu Ermahnung. Nur nicht eitel werden, wie sie, deren Schreie an verzweifelte Kinderseelen erinnern. Es tut weh und hilft und schafft Klarheit, die weh tut und hilft.

Ich bin das Eisen,
ich bin der Amboß,
ich bin der Hammer.
Ich bin in die Schmiedin,
ich bin die Schmiede.
Ich bin der Jammer.

Hammerschmiede.

Es ist gut.

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Edit: Und jetzt sag ich: Gut`Nacht. Das Eisen muss wieder ins Feuer.
Die Pfäuin geht schlafen.

119 mal erzählt

16
Nov
2009

Geiselhaft

Keine Ahnung wo dieser Schmerz herkommt, der mich jäh in Geiselhaft genommen hat. Groß ist er und stark und lässt mich nicht mehr allein. Hier Zuhause fällt er mich an, lauert in den Räumen, schlägt mir in den Nacken, nimmt mir die Luft zum Ausatmen. Aber auch draußen weicht er nicht von meiner Seite. Manchmal schreit er Papa. Manchmal schreit er nur. Meistens ist er stumm, verströmt sich in Tränen. Er fesselt mich. Er verbindet mir die Augen. Er vergräbt mich in einer Kiste. Er ist bei mir. Ich verstehe ihn. So vertraut…
Stockholm-Syndrom.

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115 mal erzählt

3
Nov
2009

Wiener Begegnung

Er hatte mich ins Auge gefasst und ging zielstrebig auf mich zu. Ich hatte ihn schon während der Diskussion bemerkt gehabt – was nicht weiter verwunderlich ist, da nicht viel mehr als 50 Leute gekommen waren, viele bekannte Gesichter, vertraute Augenpaare, sich daran festzuhalten. Die beiden älteren Herren, die ich zum ersten Mal bei einer unserer Veranstaltungen bemerkt hatte, saßen in der dritten Reihe. Einer von beiden meldete sich auch zu Wort, der andere kam jetzt nach Ende der Diskussion auf mich zu.

Er trug ein schwarzes Hemd und eine schwarze Hose, Hosenträger und eine Brille, deren rechte Scheibe mit Leukoplast verklebt war. Er war noch ein paar Meter von mir entfernt als ich ihn schon roch, diesen unangenehm süß-säuerlichen Altmännergeruch. Da begann er auch schon zu sprechen mit erhobenem Finger näher kommend: „Noch einmal zu den Ausländern, so einfach ist das nicht“, nahm er auf die Wortmeldungen zur zunehmenden Entsolidarisierung Bezug. Jetzt stand er direkt vor mir, viel zu nahe, zwischen uns sein mächtiger schwarzer Bauch und dieser Geruch, der mich ein wenig zurückweichen ließ. „Genossin“, sagte er jetzt und ergänzte: „Nehm ich an.“

Ich lächelte. Ich bin keine Genossin, ich bin eine philosophische Linke, aber Genossin keine. Obwohl das viele annehmen auf Grund meiner Arbeit. Vielleicht hat mich auch deshalb nie jemand versucht anzuwerben. Und so lächelte ich und schwieg. Auch aus Feigheit – muss ja niemand so genau wissen, dass ich keine Genossin bin, dort.

„Das ist einfach schwierig mit den Ausländern – vor allem in den Arbeiterbezirken…“, rechtfertigte er die Parteilinie. Ich stand zwischen zwei klugen jungen Frauen von ATTAC. Blickwechsel aus dem Augenwinkel, während der Mann von der Sauna in Favoriten erzählte und den Sorgen der ehemaligen SPÖ-Wähler dort, die längst nach rechts abgedriftet sind. „Wegen der Ausländer im Gemeindebau und so.“ Manche Sätze klangen schon sehr nach Herr Karl. Freundlich bleiben, mahnte ich mich. Zuhören, immer zuhören. Ein alter Mensch, im Alter meiner Eltern, der hat doch auch etwas zu sagen. Er war gebildet, gepflegte Sprache. Wenn ich in seinem Redefluss zu Wort kam, versuchte ich Einwände unterzubringen: „Keine Parteilinie, kaum jemand bezieht Position, schon ein bissl feig, schwammig…“

Die Grünen wären ja auch naiv, erklärte er und wandte sich an die ATTAC-Ökonomin: „Sie sind ja sicher eine Grüne..“ Sie verneinte amüsiert. Der alte Mann mit seinen Schubladen. Manchmal nahm er die Brille ab und putzte die nicht abgeklebte Scheibe. Wohl auf dem rechten Auge blind. Dann kam er mir noch näher und ich versuchte während ich zurück wich, zwischen den Falten seine Augen zu erkennen. Wortlos kommunizierten wir, drei freundliche, kluge Frauen, die gerne gehen wollten. Es war schon halb zehn und fast alle anderen waren schon weg, auch die befreundete Politikerin mit der ich noch auf ein Glas gegangen wollte. Aber zwischen uns und dem Ausgang standen dieser Mann und seine Parteinahme.

Und doch zu höflich ihn zu unterbrechen. Und gebauchpinselt, weil er die Moderatorin, mich, gelobt hat. Nach weiteren Veranstaltungen dieser Art erkundigte er sich und bat um schriftliche Verständigung, noch bevor ich antworten konnte, schrieb er seine Adresse mit schöner geschwungener Schrift auf einen Zettel. „Wissen Sie“, sagte er während er den Zettel faltete und mir übergab: „Ich war einer der wenigen ehemaligen KZ-Häftlinge, der zur SPÖ gegangen ist und nicht zu den Kommunisten…“

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130 mal erzählt

13
Okt
2009

Oktoberfest

Es wird Herbst auch in der Wochenendwohngemeinschaft. Da gilt es Ernten einzubringen und Vorräte anzulegen, das Pool wegzupacken und Fallobst einzusammeln. Die Kinder knotzen faul vor dem Fernseher, während die Sonne noch einmal grelle Farben in den verwunschenen Garten patzt. Sogar die Hunde lungern lieber unterm Tisch herum als Blättern hinterherzujagen. Wer könnte es ihnen verdenken.

Die Hausherrin ist krank – die Bandscheiben. Zuviel lädt sie sich in den Rucksack. Der sonst so gerade Rücken biegt sich. Mit harter schwerer Arbeit kämpft sie für ihr Glück. Denn an das Glück glaubt sie. Und an das Kämpfen. Doch das Leben macht sie müde derzeit. Wie ihr Garten mutet sie mir an. Da wie dort wäre ein wenig liebevolle Pflege angebracht, aber wer soll es machen, wenn nicht sie selbst. Der Garten ist erschöpft, sie auch. Und doch dann immer wieder dieses Strahlen, das Leuchten, in ihren Augen, im wilden Wein.

Der Hausherr kocht Kürbissuppe und ich Schweinsbraten mit Fenchelgemüse – und Sturm, viel Sturm trinken wir dazu.
Es ist eben Herbst.

Und draußen in den Bäumen hängt noch Sehnsucht.

Pottenstein
128 mal erzählt

24
Sep
2009

Eros und Thanatos

Mit jedem Toten wächst der Lebenshunger



hand
172 mal erzählt

21
Sep
2009

Gate, gate, paragate, parasamgate, bodhi svaha!

Du kommst mit deinem Universum zur Welt. Und wenn du stirbst, dann stirbt das Universum mit dir.

Kodo Sawaki/Zen ist die größte Lüge aller Zeiten

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131 mal erzählt

7
Sep
2009

Sinnfrage

„Wozu lebe ich noch?“ fragt meine Mutter am Telefon. Sie fragt es nicht zum ersten Mal. Ich habe mein Handy zwischen Schulter und Ohr eingeklemmt, um die Hände frei zu haben. Ich bereite ein Festmahl vor für den Erstgeborenen, für Herrn A. aus B. und Teile der kostbaren, kleinen Informationsgesellschaft, die sich an echten und falschen Freitagen im Stadtsitz von Ersterem einfindet. An diesem falschen Freitag ist ein Auslandsspiel geplant. Bei uns.

Ich kann die Frage nicht beantworten. Das wissen wir beide. Hilflos und zaghaft sage ich: „Für mich? Ich weiß, das ist kein Grund der ausreicht…“ Hochmütig ist es ihr mich, die große Tochter, 500 km entfernt, als Lebenszweck anzubieten. „Weil ich dich liebe..“, ergänze ich ungeschickt. Sie weint. Ich rühre Teig für indonesische Frühlingsrollen.

“Was ist mit mir?“, fragt sie: „Was habe ich noch für mich?“ Einen Menschen würde sie sich wünschen, für den sie leben könnte. Aber woher nimmt man so einen Menschen? Nur mehr zwei Stunden dauert es, bis die Gäste kommen. Der Liebste ist noch unterwegs auf der Jagd nach den exotischen Zutaten, die zur Bali-Küche gehören. Ich schneide Gemüse. Die Mutter schluchzt.

Bald wird die Freundin des Cousins vor der Türe stehen. Sie besucht ein Seminar in der Großstadt und schläft dann bei uns. Psychologie, Traumatherapie. Ob sie heute schon kommen darf, hat sie gefragt, und wir haben ja gesagt, auch wenn ich nicht ganz sicher bin, ob sie sich in der doch recht eingeschworenen und wohl auch ein wenig seltsamen Gesellschaft wohl fühlt.

Dass sie kommt und mit kocht und Gäste da sein werden, erzähl ich der Mutter, um irgendetwas zu sagen, den Tränenfluss, die Klage über das versäumte Leben zu unterbrechen. „Wir hatten so etwas nie, der Vater und ich“, sagt sie: „Freunde.“ Das stimme so nicht, entgegne ich vorsichtig: „Damals, als ihr so alt wart wie wir jetzt…“

Ich kann mich erinnern an die Freunde, an Würfelpoker und das kinderlose Ehepaar, das eine der besten - wenn nicht die beste - Herrenschneiderei in der Stadt hatte. Sie waren so schöne Menschen, voll Lebenslust. Einen Perserkater hatten sie, einen Bungalow mit Bächlein im Garten und jenen faszinierenden Schallplattenspieler, der zehn Platten hintereinander abspielen konnte. Die Erwachsenen tranken Schnaps und Wein, viel gelacht wurde und sie mochten das kleine Mädchen. Irgendwann hatte ich sogar ein Testament der Mutter gefunden – beim verbotenen Stöbern – in dem stand, dass sie sich wünschte, dass die beiden mich im Falle ihres Todes adoptieren. Irgendwann haben wir sie dann nicht mehr getroffen. Ich bin später dann noch manchmal in ihr kleines Geschäft gegangen. Sie hatten beide glänzende Augen und es roch eigenartig. Längst ließ sich kaum mehr jemand dort Anzüge machen. Ich habe Taschentücher – handrolliert - für den Vater dort gekauft – zum Geburtstag - und ein wenig mit ihnen geplaudert. Sie mochten mich noch immer. Dann sind sie gestorben, erst er, dann sie. „Und R und G.?“, frag ich. „Die hatten wir zu der Zeit schon lange nicht mehr gesehen, die haben sich vor allem mit anderen Kinderlosen getroffen.“ Nur selten kreuzen sich unsere Erinnerungen.

Die Schwiegercousine läutet – ich darf auflegen, bin erlöst von den Fragen, auf die es keine Antworten gibt, zumindest keine, die ich geben könnte. Das Herz des Cousins hat seinen Rhythmus noch immer nicht wieder gefunden. Es ist wohl immer schon gestolpert und außer Takt geraten, vielleicht war das mit Schuld, damals als er gehen wollte, diese Stolperer des Herzens, Fehl-Schläge. „Er müsst öfter zu euch kommen“, sagt sie am Ende dieser Nacht gleich ein paar Mal zu mir: „Wegen dem Leben…“

Und dann ein Festmahl mit Menschen, die ich liebe. Große Tafel, acht Personen und exotische Genüsse. Es ist gelungen und hat geschmeckt und die Gespräche waren kostbar wie so oft. „Ich hab das von dir, die Gastfreundschaft“, sag ich der Mutter zum Trost manchmal. Doch eigentlich kann ich mich kaum daran erinnern, dass es ein großes Essen wie dieses gegeben hätte, mit Freunden, mit Familie, mit Wahlverwandten. Meist saßen wir zu dritt am Tisch, manchmal Cousinen und Cousins, manchmal, als ich größer war, gab es Partys mit Pizza. Festmahle mit gemeinsamen Kochen gab es nie.

Das habe ich nicht von ihr – keine Ahnung woher ich’s hab. Eines weiß ich – auch dazu leb ich, für solche Abende, für die Begegnung mit so vielen kostbaren Menschen und wegen dem Leben!

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170 mal erzählt

28
Jul
2009

Heimat, fremde Heimat

„Schau bei den Großeltern vorbei“, sagt meine Mutter, als ich zum Friedhof fahre, zu meinem Vater. Natürlich mache ich das. Ich könnte gar nicht anders. Der Weg zu meines Vaters Grab führt direkt an dem seiner Schwiegereltern vorbei. Lavendel und Rosen blühen dort. Wie daheim im Garten. Hummeln und Schmetterlinge. Stiefmütterchen am Grab der Großeltern. Wiewohl sie fast täglich in den Erzählungen meiner Mutter vorkommen – und das seit ihrem Tod in den 1970er Jahren – kann ich mich an die, von denen sie spricht, nicht erinnern.

Der Großvater war Spengler- und Glasermeister. Die Werkstatt in dem mittelalterlichen Haus, das ihm gehörte, war zur Gasse hin offen. Manchmal durfte das kleine Mädchen dort Kupfer ausstanzen. Riesige orange glänzende Dachrinnen lagen auf den Werkbänken und beeindruckende Maschinen wachten über das Halbdunkel des steinerenene Gewölbes. Alle trugen blaue Monturen: der Großvater, der heitere Lieblingsonkel, die Arbeiter. Braun gebrannte, muskulöse Männer – trainiert und gegerbt von der Arbeit auf den heißen Dächern und der Freizeit in den Bergen.

Dunkel erinnere ich mich auch an das Geschirrgeschäft der Großmutter gleich nebenan. Das Haus war schon damals fast sagenumwoben für mich. Oft hat mir die Mutter erzählt, wie sie lahm und blind von der Diphterie dort oben in ihrem Zimmer lag und ihre Mama ständig zwischen Laden und krankem Kind pendelte. In der Kinderheimat meiner Mutter, der Rosengasse, habe ich auch einmal den Mann im Mond gesehen. Oben am Himmel. Er trug Anzug und Krawatte. An ihn kann ich mich genau erinnern. An meine Großmutter, die Mama meiner Mama, kaum.

Sie konnte sehr böse sein, hatte mein Papa ein- oder zweimal angemerkt, leise und sehr bedacht, meine Mutter nicht zu verletzen. „Dein Vater hat meine Mama sehr gemocht“, sagt die Mutter. Ihn kann ich nicht mehr fragen.

Sie wurde 1902 geboren, lese ich, als ich auch die Kerze auf ihrem Grab austausche. Ich rechne nach. Sie war 27, als sie der schmucke Handwerker schwängerte. „Er wollte nicht Spengler werden“, sagt die Mutter. Er war voll Ängsten, erklärt sie. Ich habe ihn mit einem Rotweinglas vor sich auf dem Tisch in Erinnerung. Früher war auch hin und wieder von Schlägen die Rede. Die letzten Jahre nie mehr. „Ich hab vom Papa träumt“, sagt sie am Freitagmorgen: „Meinem Papa, als feschen jungen Mann.“

Vor genau 80 Jahren – im Juli 1929 – muss sie gezeugt worden sein. Ihre Mutter kellnerte bei der Schwester im wohl florierenden Kurbad. Es war ein erfolgreiches Tourismusjahr in Tirol, die Weltwirtschaftskrise war noch nicht ausgebrochen, das Bad bei den Gästen sehr beliebt. Man annoncierte mit „rein arischen Gästen“.

Auf einem Foto sieht man eine kokette junge Frau. Sie wirkt fröhlich. Ständig gesungen habe sie, erzählt die Mutter, Schlager und Operettenmelodien, Slezak, Tauber. Dort im Badgasthaus haben sie sich wohl kennen gelernt. Geheiratet haben sie im Jänner des darauf folgenden Jahres, im April kam meine Mutter. Darüber wurde nie gesprochen.

Vier weitere Kinder folgten, ein Bub starb an der Diphterie, die meine Mutter überlebt hatte. Der nächste Sohn, damals bereits unterwegs, erhielt denselben Namen. Die jüngste Tochter bekam sie mit Mitte 40. Ein schweres Leben, sagt die Mutter. Manchmal sei sie auf ein Glas vorbei gekommen, erzählt mir der Gemischtwarenhändler bei der Hochzeit der Cousine. Auch sie – wie meine Mutter und die Großmutter - eine späte Braut.

Die Großmutter war eine kleine, zarte Frau, mit bitterem Zug um den Mund, mit braunen und blauen Kleidern. Das kleine Mädchen fand kaum Zugang zu ihr. In der Erinnerung vermeine ich den Zorn meiner Mutter in ihr zu spüren.

Ob sie wusste, dass der Mann ihrer Schwester, der Politiker und Wirt, ihre Tochter missbrauchte? Sommer für Sommer, wenn das kleine Mädchen zur geliebten Tante ins Kurbad zog, ein hungriges Maul weniger in den Kriegsjahren. Hunderte Male habe ich gehört, wie sie zu Fuß von der Kleinstadt ins Gebirgsbad marschiert ist, wie lang und steil der Weg war, wie sie sich gefürchtet hat. Erst viel später, in den letzten Jahren, wurde der Grund ihrer Ängste klar. Der Onkel, der sie begleitet hat.

In diesen Tagen zuhause will das kleine Mädchen, das ich einmal war, gar nicht mehr von meiner Seite weichen. Es sucht nach Spuren. Es wirkt verloren. Es hat das Gefühl, nicht her zu passen, zu stören. Dabei war es so erwartet worden, sagt die Mutter: „Das Beste in meinem Leben.“ Und doch nicht gut genug, glaubt das kleine Mädchen. Das Chaos in der Ordnung.

In meinem Elternhaus herrscht Ordnung. Nichts darf diese Ordnung stören. Wirft die Decke auf der ich sitze, Falten, muss ich aufstehen und sie gerade streifen. Die Fransen der Teppiche sind in eine Richtung ausgerichtet. Das benutzte Glas wird sofort ausgewaschen und an seinen angestammten Platz geräumt. Nach dem Händewaschen wird das Waschbecken ausgetrocknet. Täglich wird ums Haus gekehrt, werden abgestorbene Blüten entsorgt. Meine Mutter weiß, welches Buch ich aus dem Regal genommen habe und welche Schublade ich geöffnet habe. Das war so seit ich denken kann. Und seit ich denken kann, habe ich diese Ordnung gestört. Absichtslos. Und doch gestört.

Wenn ich meine Mutter besuche, müssen Koffer und Kleider in den Keller, die Handtasche bleibt im Vorraum, wird sie doch ins Zimmer genommen, muss sie diskret verräumt werden Keine Spuren meines Daseins, wenig Spuren meiner Kindheit. Bilder ja, aber kaum Geschichten, Erinnerungen, Anekdoten.

Das kleine Mädchen weint. Abends fährt es am Friedhof vorbei, Samstagabend in die Heimatstadt der Mutter. Die Mondsichel lächelt. Danke Papa.

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202 mal erzählt

21
Jul
2009

Knee Plays

Ich finde meine Knie alles andere als hübsch. Sie sind etwas zu klobig, etwas zu runzlig. Irgendwie erinnern sie an die Knie eines Fünfjährigen, vernarbt und aufgeschunden. Blaue Flecke auf den Schienbeinen. Manchmal taumle ich durch mein Leben, renne an, verlier den Boden unter den Füßen. Daher trage ich nur selten kurze Röcke oder gar kurze Hosen. Umso lieber lange Röcke und Kleider – immer Brecht im Kopf : "Und wähl den bäuerlichen weiten Rock/ Bei dem ich listig auf die Länge dränge:/ Ihn aufzuheben in der ganzen Länge/ An Schenkeln hoch und Hintern, gibt den Schock".

Today is an important occasion
She thinks that she must wear the right clothes
The right combination of clothes
Will make her lucky
But there are specific kinds of luck
And different kinds are needed
For different occasions


Aber heute war ein Tag für das „Küchenvorhang-Kleid“. Ich nenne es so, weil es mich ein wenig an einen Küchenvorhang aus den 50ern erinnert. Es ist ein seidenes Etuikleidchen, hellgrau mit großen orangen und senffarbenen Blumen und grünen Blättern. Es ist so Capri. Und es endet zwei Handbreit über dem Knie, den Knien. Ich habe allerliebste orange Schuhe dazu, die das Farbmotiv der großen Rosen wieder aufnehmen. Und einen Strohhut mit großer oranger Blume. Der soll von den Knien ablenken und das gelingt ihm auch.

She leaves the house
The outcome is certain


Und so bin ich heute in die Stadt gefahren mit meinem kleinen Tretroller und hab unterwegs die Lächeln der Menschen gepflückt.

Und niemand hat mein Knie gesehen, so schnell war ich. Und so Capri.

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211 mal erzählt

13
Jul
2009

Oh, ein Buch

Meine Neffen sind nicht getauft – sie haben trotzdem wunderschöne Namen, päpstlich der jüngere, beinahe päpstlich der Ältere. In ihren Ursprungsfamilien ist man nicht sehr katholisch im Gegensatz zu meiner Tiroler Heimat. Cousinnichten und –neffen wachsen mit dem Jesukind auf, im Schrank steht die Taufkerze, im Regal die Kinderbibel und in einem Winkel der Herrgott. Als mein Vater starb waren sie sich sicher, dass der Onkel jetzt dort droben über sie wache.

Bei uns hing der Herrgott in einem Winkel im Vorraum und eine schwarze Madonna bewacht den Eingang. Ich kann mich kaum daran erinnern, dass meine Eltern in die Kirche gegangen wären. Die Mutter haderte mit Gott wie mit den Menschen. Beten habe ich von meiner Großmutter väterlicherseits gelernt – „der jüdischen“, wie die Mutter gerne betont. Fast hätten sie sie ins Lager gebracht, damals, als mein Vater Kind war. Als ich ein kleines Mädchen war, saß ich mit sauber gefalteten Händen in einem Bett aus dunklem Holz, das in die Nische des kleinen Eckzimmers ans Schlafzimmer der Großeltern grenzend eingebaut war. „Vater unser, der du bist im Himmel.“ Von unendlichen Schätzen war ich umgeben, „geheiligt werde Dein Name“. Kissen mit flauschigen Hundegesichtern bestickt und Wettertiere. Die für das Kind wunderschönen kleinen Statuetten waren über und über mit Glitzer bedeckt und zeigten durch Wechsel der Pastellfarben einen Wetterumschwung an. „Dein Reich komme. Dein Wille geschehe, wie im Himmel also auch auf Erden.“ Noch mehr Wunder bot der große Schrank im benachbarten Schlafzimmer. Die Großeltern reisten gerne und der Schrank war voll der kitschigsten Souvenirs, deren Glanzstück: eine Madonna von Lourdes, die im Dunkeln leuchtete. „Unser täglich Brot gib uns heute.“ Auch meine winzige Oma faltete die Hände voll Altersflecken und prächtiger Ringe im Schoß. Ich höre ihren Singsang und mit diesem speziellen Tonfall der Betenden hing wohl auch ein Missverständnis zusammen, dem ich lange anhing: „Und vergib uns unseren Schuldi, wie auch wir vergeben unseren Schuldi gern.“ Ich hielt Schuldi für eine alte Version von Schuld und mir erschien es nur logisch, dass die höchste Form der Vergebung jener entspricht, die man gern sich selbst gewähren würde. Der Rest ging schnell: „Und führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem Übel. Denn dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit. Amen.“ Gute Nacht Bussi.

Vielleicht habe ich von ihr damals die Kinderbibel bekommen. Ich mochte die Geschichten darin in all ihrer Dramatik und Blutrünstigkeit. Leiden, Sühne, Opfer, Sehnsucht, Schmerz, Liebe, Strafe faszinierten das kleine Mädchen. Vielleicht ist das einer der Gründe, warum ich irgendwann Märtyrerin werden wollte, lange bevor Märtyrertum wieder im allgemeinen Sprachgebrauch landete.

Gott gefiel mir – in der Strenge des Alten Testaments – in meiner Kinderbibel fand sich auch die Geschichte von Abraham und Isaac. Der ausgesetzte Moses im Weidenkörbchen führte mich damals ins alte Ägypten, das jahrelang Phantasie und Wissensdurst beflügelte. Und dann das neue Testament mit dem langhaarigen gütigen Jesus, der sich als eine Art gewaltloser Robin Hood – mal von der Tempelhändlergeschichte abgesehen opferte. Quälerei und Spott inklusive. Maria Magdalena beflügelte meine Phantasie, wie sie mir ihrem langem Haar dem Jesus die Füße trocknete. Das kribbelte – irgendwie. Brot und Fisch und die Hochzeit zu Kanaan.

Ich bin schon lange aus der Kirche ausgetreten, den katholischen Glauben hatte ich schon viel früher verloren. Irgendwann in den Teenagerjahren. Den Religionsunterricht habe ich trotzdem bis zur Matura besucht. Altes und Neues Testament stehen im Bücherregal. Ich liebe Friedhöfe und Kirchen. In letzteren zünde ich Kerzen an, wie früher oft mit meinem Vater. Er hat mir zu manchen Abschieden mit dem Daumen ein Kreuz auf die Stirn gemalt. Ich ritze ein Kreuz in die Untersete eines Laibes Brot, bevor ich ihn anschneide.

Der Herr Jesus, der in den Kirchen wohnt, hat den Neffen schon als kleinen Buben interessiert. Während er heranwuchs, wurde mir bewusst, wie sehr mein inneres Kind, das ich gerne zum spielen mit ihm raus lasse, im Glauben ist. Ihm kann ich nicht erklären, dass mein Papa im Himmel ist, dass Jesus zu Weihnachten geboren wurde und zu Ostern gekreuzigt. Es könnte Eltern und Großeltern stören, ihn beunruhigen, verwirren. Der kleine Herr Diplomingenieur sucht keinen Topf voll Gold am Ende des Regenbogens, sondern weiß, dass das eine Spiegelung der Luft ist. Den Herrn Jesus hat er gern besucht, sich neugierig umgesehen und Erklärungen für alles gefordert – wie stets.

Er hat ein Kreuz aufgehängt, hat die Schwägerin erzählt, ganz allein in seinem Zimmer. Ich schmunzle. Ich habe damals viele Kreuze gebaut, in der Märtyrerzeit und Marterln, an jeder Stelle, wo wir uns verletzt haben, zum Dank für die Rettung. Jetzt hängt ein Kreuz im Kinderzimmer. Daran mag wohl auch die ländliche Volksschule schuld sein und sein Integrationswunsch.

Eine Bibel, erklärte ich also dem Liebsten, eine Kinderbibel, wolle ich ihm schenken zum 7. Geburtstag. Dass er’s zuhause hat und lesen könnte, der Lesemuffel, damit er die Geschichten kennt. Diese archetypischen Geschichten unserer Kultur ohne deren Kenntnis – und ich glaube auch, das Aufwachsen damit spielt eine zusätzliche Rolle, sie werden vom Märchen zur großen Metapher – mir Hintergründe so viele einzigartige Werke der Literatur, Musik, Malerei, Bildhauerei, Architektur – auch Popkultur verborgen geblieben wären bis hin zu Four Horseman von Aphrodites Child oder Raumschiff Enterprise.

Also fragte ich die Schwägerin, ob es denn erlaubt sei eine Bibel zu schenken, ich wolle bloß keinen Erziehungskonzepten widersprechen. Erlaubnis erteilt. Bibel erstanden. Empfohlen vom kleinen sympathischen Buchhändler. Mit historischen Erklärungen – so lebten die alten Ägypter – für den kleinen Herrn Diplomingenieur. „Und was wird das richtige Geschenk?“ fragt der liebst und er meint das mit den leuchtenden Kinderaugen, das mit dem man punkten kann als Superonkel, Supertante. Ich erinnere mich an letztes Jahr: Drei Experimentierbaukästen (ab 8 Jahren) für den kleinen Naturforscher, bis heute wohl ungenutzt. „Ein Buch ist ein richtige Geschenk“, insistiere ich: „Die Bibel. Es kommt nur auf unsere Einstellung an.“

„Da ist noch ein Geschenk“, sagt die Schwägerin: „Von Tante und Onkel.“ Er reißt es auf: „Oh ein Buch. Er packt es nicht zu Ende aus. Später, vielleicht.

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154 mal erzählt
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Mock Turtle

Sit down, both of you, and don't speak a word till I've finished

Who sits there?

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Im Bilde

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