Rezepte für einen Freitag
Am letzten Freitag, der ein Mittwoch war, ging ich am Weg zum Erstgeborenen der Sonne entgegen. Gleißend strahlte sie mir ins Gesicht und ich strahlte zurück. Aus dem Augenwinkel konnte ich das eine oder andere Lächeln wahrnehmen, das mir antwortete. Was für ein schöner Abend. Im Arm trug ich ein Care-Paket. Mutterkram: Wein, Salat und selbstgebackenes Brot, sogar ein Gläschen Marmelade.
Die Abende beim Erstgeborenen beginnen für mich meist schon mit der Vorbereitung dieser Gaben. Prokrastination allererster Güte. Ich lege mir seine Brazil-CD auf oder eine der Zeitreisen aus seinem Projekt. Dann verarbeite ich 500g Mehl, 15 g Germ, 300 ml Wasser, drei Esslöffel Olivenöl und 10 g Salz mit der Küchenmaschine zum Teig für eine Focaccia. Je nach Laune variiere ich mit Roggenmehl, Würzblüten oder Kernen. In einer Holzschüssel lasse ich den Teig eine Stunde gehen. Unterdessen schneide ich zwei Avocados – oft Tage vorher gekauft und in Zeitungspapier nachgereift oder jene mit dunkler Schale, Bio, wenn nur irgend möglich – in Würfel. Brasillianische Rhythmen sind wie geschaffen für diese Tätigkeit. Ich liebe es die glatte grüne Schale in der linken Hand zu wiegen, während ich mit dem Messer ein Gitter in das weiche lindgrüne Fleisch schneide, um es dann mit dem Löffel in die Schüssel zu kippen. Ich presse zwei Limetten darüber, eine Daumenmenge fein gehackten Ingwer, geriebene Zitronenschale, eine entkernte Chilischote in Streifen geschnitten, eine Handvoll Gojibeeren, in ihrem Aussehen leicht mit der Chili zu verwechseln, ein kleiner Kick beim Essen. Düfte breiten sich in der Küche aus. Brasil. Die Musik wird schneller. Ich tanze durch die Küche.. Dann schneide ich zwei, drei Selleriestangen aus dem Herzen mit den Blättern in kleine Stücke, zwei Frühlingszwiebel dazu. Schließlich schäle ich die zwei Mangos, säble sie vom Kern und schneide sie ebenfalls würfelig. Den Kern quetsche ich über dem Topf aus, süßer Saft rinnt mir über die Finger, gierig lecke ich sie ab. Jetzt wasch ich mir natürlich die Hände. Dann verrühre ich Himbeeressig, süße Sojasauce und Erdnussöl zu einer Marinade und stelle den Salat in den Kühlschrank. Es bleibt noch Zeit. Um 7 kann ich kommen, smst der Erstgeborene.
Nach einer Stunde verbreitet der Germteig seinen wohligen Geruch in der Wohnung. Er hat seine Größe verdoppelt. Das Backror auf 240 Grad vorheizen. Jetzt ist Handarbeit gefragt. Wieder eine CD – Franzosen bieten sich an - aufgelegt und kräftig drauflos geknetet. Meine bemehlten Finger versenken sich in dem Teig, lassen in wieder in sich zusammensinken, nur um ihn noch geschmeidiger zu machen. Alle Energie fließt jetzt in den Brotteig, bereit sich in Nahrung zu verwandeln, ihre energetische Form zu wechseln. Aus Zorn wird Kraft, aus Schmerz Würze, aus Sehnsucht Wärme. Der Teig wirft Blasen. Vierteldrehung, mit den Knöcheln schieben, zusammen legen, Vierteldrehung. Das Lächeln der Radieschen. Ein Backblech mit Backpapier auslegen und zwei Fladen formen, einen für den Liebsten daheim, den anderen für den Erstgeborenen. Beide Fladen mit Olivenöl zärtlich einbalsamieren, Salz, Pfeffer, Nüsse etc. drauf. Noch einmal eine halbe Stunde gehen lassen.
Dann für 15 Minuten ins Rohr, bis die Fladen goldbraun sind. Eine Handvoll Wasser kurz vor fertig werden rein gespritzt sorgt für eine feine Kruste. Auf einem Gitter erkalten lassen.
So bepackt nehme ich dann stets ein Taxi in mein anderes Wohnzimmer, und auch die Begegnungen mir all den TaxifahrerInnen gehören zu einem echten (falschen und echten) Freitag. Diesmal waren wieder die Fünfziger Jahre dran, knapp vor Fertigstellung „Schreib Master drauf“, bekam ich als Anweisung zur frisch gebrannten CD. 68 Minuten, noch in der Nacht fertig geschnitten, eine Achterbahn aus Musik und Zeitgeschichte, aus Vertrautem und Seltsamem. Weiß-Gespritzter im Glas. Der lachende Vagabund. „Was ich erlebt hab, das konnt nur ich erleben." Draußen ist Sommer. Der muss aber draußen bleiben. Wir sind verreist. In die Zeit als unsere Eltern jung waren - in ihren Zwanzigern.
Später kommt der junge Filmfreund. Verwirrt hört er Seemannslieder, Freddy Quinn & Co - weit weg sind die Fünfziger für ihn. Da ist ihm eine andere Zeit näher, beschäftigt ihn mehr. Von Neuschwabenland spricht er später und den UFOs, dem Thule Kreis und den Mayas und dass sich 2012 das Bewusstsein ändert. Nicht nur Film Noir liegt ihm am Herzen auch Verschwörungstheorien. Nein, an Nazi-UFOs mögen wir nicht glauben, der Erstgeborene und ich und auch ob demnächst die Welt untergeht oder besser wird, ist uns recht egal. Zählt doch das Leben jetzt – und hundert Jahre Musik- und Zeitgeschichte.
Und so hole ich Essen aus der Küche. Der junge Filmfreund mag eigentlich keinen Sellerie. Den Salat mag er, das Brot auch. Wir trinken Rotwein und hören Jazz. „Meine Welt ist bunt.“

Die Abende beim Erstgeborenen beginnen für mich meist schon mit der Vorbereitung dieser Gaben. Prokrastination allererster Güte. Ich lege mir seine Brazil-CD auf oder eine der Zeitreisen aus seinem Projekt. Dann verarbeite ich 500g Mehl, 15 g Germ, 300 ml Wasser, drei Esslöffel Olivenöl und 10 g Salz mit der Küchenmaschine zum Teig für eine Focaccia. Je nach Laune variiere ich mit Roggenmehl, Würzblüten oder Kernen. In einer Holzschüssel lasse ich den Teig eine Stunde gehen. Unterdessen schneide ich zwei Avocados – oft Tage vorher gekauft und in Zeitungspapier nachgereift oder jene mit dunkler Schale, Bio, wenn nur irgend möglich – in Würfel. Brasillianische Rhythmen sind wie geschaffen für diese Tätigkeit. Ich liebe es die glatte grüne Schale in der linken Hand zu wiegen, während ich mit dem Messer ein Gitter in das weiche lindgrüne Fleisch schneide, um es dann mit dem Löffel in die Schüssel zu kippen. Ich presse zwei Limetten darüber, eine Daumenmenge fein gehackten Ingwer, geriebene Zitronenschale, eine entkernte Chilischote in Streifen geschnitten, eine Handvoll Gojibeeren, in ihrem Aussehen leicht mit der Chili zu verwechseln, ein kleiner Kick beim Essen. Düfte breiten sich in der Küche aus. Brasil. Die Musik wird schneller. Ich tanze durch die Küche.. Dann schneide ich zwei, drei Selleriestangen aus dem Herzen mit den Blättern in kleine Stücke, zwei Frühlingszwiebel dazu. Schließlich schäle ich die zwei Mangos, säble sie vom Kern und schneide sie ebenfalls würfelig. Den Kern quetsche ich über dem Topf aus, süßer Saft rinnt mir über die Finger, gierig lecke ich sie ab. Jetzt wasch ich mir natürlich die Hände. Dann verrühre ich Himbeeressig, süße Sojasauce und Erdnussöl zu einer Marinade und stelle den Salat in den Kühlschrank. Es bleibt noch Zeit. Um 7 kann ich kommen, smst der Erstgeborene.
Nach einer Stunde verbreitet der Germteig seinen wohligen Geruch in der Wohnung. Er hat seine Größe verdoppelt. Das Backror auf 240 Grad vorheizen. Jetzt ist Handarbeit gefragt. Wieder eine CD – Franzosen bieten sich an - aufgelegt und kräftig drauflos geknetet. Meine bemehlten Finger versenken sich in dem Teig, lassen in wieder in sich zusammensinken, nur um ihn noch geschmeidiger zu machen. Alle Energie fließt jetzt in den Brotteig, bereit sich in Nahrung zu verwandeln, ihre energetische Form zu wechseln. Aus Zorn wird Kraft, aus Schmerz Würze, aus Sehnsucht Wärme. Der Teig wirft Blasen. Vierteldrehung, mit den Knöcheln schieben, zusammen legen, Vierteldrehung. Das Lächeln der Radieschen. Ein Backblech mit Backpapier auslegen und zwei Fladen formen, einen für den Liebsten daheim, den anderen für den Erstgeborenen. Beide Fladen mit Olivenöl zärtlich einbalsamieren, Salz, Pfeffer, Nüsse etc. drauf. Noch einmal eine halbe Stunde gehen lassen.
Dann für 15 Minuten ins Rohr, bis die Fladen goldbraun sind. Eine Handvoll Wasser kurz vor fertig werden rein gespritzt sorgt für eine feine Kruste. Auf einem Gitter erkalten lassen.
So bepackt nehme ich dann stets ein Taxi in mein anderes Wohnzimmer, und auch die Begegnungen mir all den TaxifahrerInnen gehören zu einem echten (falschen und echten) Freitag. Diesmal waren wieder die Fünfziger Jahre dran, knapp vor Fertigstellung „Schreib Master drauf“, bekam ich als Anweisung zur frisch gebrannten CD. 68 Minuten, noch in der Nacht fertig geschnitten, eine Achterbahn aus Musik und Zeitgeschichte, aus Vertrautem und Seltsamem. Weiß-Gespritzter im Glas. Der lachende Vagabund. „Was ich erlebt hab, das konnt nur ich erleben." Draußen ist Sommer. Der muss aber draußen bleiben. Wir sind verreist. In die Zeit als unsere Eltern jung waren - in ihren Zwanzigern.
Später kommt der junge Filmfreund. Verwirrt hört er Seemannslieder, Freddy Quinn & Co - weit weg sind die Fünfziger für ihn. Da ist ihm eine andere Zeit näher, beschäftigt ihn mehr. Von Neuschwabenland spricht er später und den UFOs, dem Thule Kreis und den Mayas und dass sich 2012 das Bewusstsein ändert. Nicht nur Film Noir liegt ihm am Herzen auch Verschwörungstheorien. Nein, an Nazi-UFOs mögen wir nicht glauben, der Erstgeborene und ich und auch ob demnächst die Welt untergeht oder besser wird, ist uns recht egal. Zählt doch das Leben jetzt – und hundert Jahre Musik- und Zeitgeschichte.
Und so hole ich Essen aus der Küche. Der junge Filmfreund mag eigentlich keinen Sellerie. Den Salat mag er, das Brot auch. Wir trinken Rotwein und hören Jazz. „Meine Welt ist bunt.“

katiza - 12. Jul, 12:41
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