Vatertag
Mein Vater war ein großer Mann. Nicht nur körperlich mit 1,92 m, sondern auch in jenem Sinn, den man hier gemeinhin als groß empfindet. Er war beruflich erfolgreich, prominent sogar eine Zeit seines Lebens und geschätzt und geachtet in seinem näheren und weiterem Umfeld. Und er war mir, seinem einzigen Kind, ein großartiger Vater. Er hat mir Schifahren beigebracht und den Köpfler, lesen und fragen und die Wertschätzung für so viele Dinge und Menschen im Leben, für das Leben an und für sich. Über seinen Tod hinaus.

Denke ich an ihn, spüre ich zuallererst wie schmerzhaft das Blut in meine Zehen zurückrinnt, die so kalt geworden sind in den engen, kalten Schischuhen. In jener Erinnerung wärmt er dem weinenden Kind die Füße in irgendeiner Hütte mit beiden Händen. Und gleich darauf sehe ich uns Bögen über Pisten ziehen – und wir singen „Grüezi wohl Frau Stirlimann“ oder „Uf der schwäbschen Eisenbahn“, laut und falsch, wie wir stets begeistert laut und falsch sangen, beide unmusikalisch. Ich sehe mich am Boden liegen, in Micky-Maus-Heften blättern, während im Radio der „Schalldämpfer“ läuft. Die Comics hat er mir gekauft in jenem Geschäft, wo er jeden Samstag auch seine Zeitungen gekauft hat, die er dann nicht weit von mir am Sofa studierte, ehe er erst leise röchelnd dann lauter schnarchend einschlief. Und am Sonntagmorgen durfte ich ins Elternbett und im Radio lief der Gugelhupf und manchmal schossen wir einen Ehrensalut mit einer kleinen Kanone. Ein paar Mal haben wir auch miteinander gebadet, ganz nackt habe ich ihn nie gesehen, ein Waschlappen schützte seine Intimzone. Einmal sind wir vom Brenner wieder nach Sterzing zurück gefahren, um eine vergessene Barbiepuppe zu holen - sie war nicht mehr da. Ich stehe am Beckenrand und seine Hand ist auf Höhe meiner Knie – sie sollen gerade bleiben beim Köpfler. Von seinen vielen Reisen hat er mir stets etwas mitgebracht und immer Karten geschrieben, eine letzte witzige gerade mal drei Monate vor seinem Tod Ein andermal hat er am Wohnzimmertisch mit mir gelernt, Mathematik, das geschah selten, das war nicht seins, Schulsachen und wohl auch Mathematik, plötzlich wackelte der Luster und wir flohen unter den Türstock, ein Erdbeben. Er wusste was tun. Damals war er berühmt und umstritten. Die Menschen bedrohten uns und er war weit weg; er entschied nach seinem Gewissen. Das verziehen ihm manche nicht; er war weit weg, wir zahlten den Preis; das verzieh ihm die Mutter nicht. Er bekam einen Orden. Es fühlte sich seltsam an zwischen Stolz und Angst. Viel, viel später habe ich einmal geträumt, dass ich einen Liebhaber verprügle, weil er den Vater angreift und noch später habe ich einen verloren, weil ich den Vater verteidigt habe.
Als ich ein kleines Kind war, hätte er nichts mit mir anzufangen gewusst, erzählt die Mutter oft. Später aßen wir Schnecken und ich probierte alles aus, was er mir empfahl – und auch er hatte immer alles gekostet, sogar Schnaps mit einer Schlange drin, wie ich stolz erzählte. Meinen ersten Champagner habe ich mit ihm getrunken, meinen ersten Rausch hatte ich an seinem 50. Geburtstag. Von den Galadiners, die die Eltern in jener Zeit besuchten, brachten sie mir Hummerscheren mit, die ich zum Frühstück auszuzelte. Einmal, da war ich ganz frisch in Wien, waren wir in einem Haubenlokal, nur er und ich. Einmal haben seine Freunde ein Frühstücksbuffet im Fünf-Sterne Hotel geplündert und meine Tasche mit all den Leckereien gefüllt, von denen ich in meinem studentischen Haushalt nur träumen konnte.
Am meisten vermisse ich wohl seine Stimme, seine Worte. Wenn er sprach hörten alle zu und die heftigsten Diskussionen im Familien- und Freundeskreis verstummten, seine ausgleichenden Worte erwartend, wie er sie wog beim Sprechen stetig überlegend. Nie habe ich erlebt, dass er jemanden verurteilt, angreift, herunter macht, stets war er um Gleichgewicht bemüht. Oft haben wir gelacht und die Biographien berühmter Menschen wie, Franz Josef Salz, 1712 bis 1796, Erfinder des nach ihm benannten Salz-Stangerls erdacht. Wenn er Nachts nicht schlafen konnte, las er dicke Wälzer. Krimis mochten wir beide.
Eine Bombe vor der Tür der Elternwohnung war seine erste Erinnerung, hat er mir erzählt. Kurz darauf erhielt sein Vater Gauverbot. In jenen Jahren haben sie dem Buben den Schädel vermessen um festzustellen, ob er – und sein großer Bruder – denn arisch genug sei, um für die HJ im Schifahren, Boxen, Schwimmen Erfolge einzufahren. Jüdisches Blut von der Mutterseite, Beziehungen – unter anderem zu den Hörbigers – halfen. Sein Vater war nicht da, die Mutter wurde zwei Mal ins Lager verfrachtet, dann wieder frei gelassen, Beziehungen. Manchmal erzählte er mir, wie sie im Krieg vor den Bomben geflohen waren, aus jenem unserem Haus, seine Mutter seine Tante und er und der Tante war die Handtasche geplatzt und er hatte alles aufgelesen, bevor sie den Bunker erreichten. Das war an jenem Ort, an dem wir unseren letzten gemeinsamen Spaziergang machten, dort, wo ich ihn auch heute noch treffe. In den letzten Kriegstagen hatten sie den 15jährigen mit Plänen im Zug von Tirol nach Erfurt geschickt, Bomben überall, eine Nonne, die ihn im Kloster übernachten ließ. Und dann kamen die Amis noch vor den Franzosen und sein Englisch half ihm und seinem Umfeld. Sprachen und Sprache war immer seins, mitteln und vermitteln.
Später hatte er dann Jus studiert wegen der Gerechtigkeit, wie er mir einmal erzählte und obwohl er „nicht geschäftstüchtig“ war, wie man ihm sagte. Strafrecht interessierte ihn kaum, zu schwierig das abwägen, eher Ziviles und der Sport und auch da war es nie besonders einfach das Richtige zu tun, zu entscheiden, zu sagen. Die dunklen Stunden verfolgten ihn sein Leben lang, das Gefühl sich rechtfertigen zu müssen. Auch das kenne ich.
Manchmal ließ er mich Berufe raten bei Menschen, die ich neu kennen lernte, manchmal lösten wir Kreuzworträtsel, bei denen man um die Ecke denken muss, in Wien gingen wir gerne zusammen essen, oft wünschte ich, wir hätten mehr miteinander gesprochen, aber da war oft Unsicherheit und Verlegenheit in all der Liebe. Ich bin ihm noch immer dankbar für jede Träne, die er in meiner Gegenwart geweint hat und für die stille Weisheit, mit der er mein Leben begleitet hat, ich bin wohl nichts von dem geworden, was er sich je erhofft hat, wenn er sich etwas erhofft hat. Er hat sich stets für alles interessiert, was ich gemacht habe. Keine Ahnung, ob er je so stolz auf mich war, wie ich auf ihn. Ich weiß nur eines: er fehlt mir so. Gestern hatte er Geburtstag, seinen 75er haben wir gemeinsam gefeiert, ich habe ein Fest für ihn organisiert.

Oh, mein Papa! Ich vermisse dich so sehr….

Denke ich an ihn, spüre ich zuallererst wie schmerzhaft das Blut in meine Zehen zurückrinnt, die so kalt geworden sind in den engen, kalten Schischuhen. In jener Erinnerung wärmt er dem weinenden Kind die Füße in irgendeiner Hütte mit beiden Händen. Und gleich darauf sehe ich uns Bögen über Pisten ziehen – und wir singen „Grüezi wohl Frau Stirlimann“ oder „Uf der schwäbschen Eisenbahn“, laut und falsch, wie wir stets begeistert laut und falsch sangen, beide unmusikalisch. Ich sehe mich am Boden liegen, in Micky-Maus-Heften blättern, während im Radio der „Schalldämpfer“ läuft. Die Comics hat er mir gekauft in jenem Geschäft, wo er jeden Samstag auch seine Zeitungen gekauft hat, die er dann nicht weit von mir am Sofa studierte, ehe er erst leise röchelnd dann lauter schnarchend einschlief. Und am Sonntagmorgen durfte ich ins Elternbett und im Radio lief der Gugelhupf und manchmal schossen wir einen Ehrensalut mit einer kleinen Kanone. Ein paar Mal haben wir auch miteinander gebadet, ganz nackt habe ich ihn nie gesehen, ein Waschlappen schützte seine Intimzone. Einmal sind wir vom Brenner wieder nach Sterzing zurück gefahren, um eine vergessene Barbiepuppe zu holen - sie war nicht mehr da. Ich stehe am Beckenrand und seine Hand ist auf Höhe meiner Knie – sie sollen gerade bleiben beim Köpfler. Von seinen vielen Reisen hat er mir stets etwas mitgebracht und immer Karten geschrieben, eine letzte witzige gerade mal drei Monate vor seinem Tod Ein andermal hat er am Wohnzimmertisch mit mir gelernt, Mathematik, das geschah selten, das war nicht seins, Schulsachen und wohl auch Mathematik, plötzlich wackelte der Luster und wir flohen unter den Türstock, ein Erdbeben. Er wusste was tun. Damals war er berühmt und umstritten. Die Menschen bedrohten uns und er war weit weg; er entschied nach seinem Gewissen. Das verziehen ihm manche nicht; er war weit weg, wir zahlten den Preis; das verzieh ihm die Mutter nicht. Er bekam einen Orden. Es fühlte sich seltsam an zwischen Stolz und Angst. Viel, viel später habe ich einmal geträumt, dass ich einen Liebhaber verprügle, weil er den Vater angreift und noch später habe ich einen verloren, weil ich den Vater verteidigt habe.
Als ich ein kleines Kind war, hätte er nichts mit mir anzufangen gewusst, erzählt die Mutter oft. Später aßen wir Schnecken und ich probierte alles aus, was er mir empfahl – und auch er hatte immer alles gekostet, sogar Schnaps mit einer Schlange drin, wie ich stolz erzählte. Meinen ersten Champagner habe ich mit ihm getrunken, meinen ersten Rausch hatte ich an seinem 50. Geburtstag. Von den Galadiners, die die Eltern in jener Zeit besuchten, brachten sie mir Hummerscheren mit, die ich zum Frühstück auszuzelte. Einmal, da war ich ganz frisch in Wien, waren wir in einem Haubenlokal, nur er und ich. Einmal haben seine Freunde ein Frühstücksbuffet im Fünf-Sterne Hotel geplündert und meine Tasche mit all den Leckereien gefüllt, von denen ich in meinem studentischen Haushalt nur träumen konnte.
Am meisten vermisse ich wohl seine Stimme, seine Worte. Wenn er sprach hörten alle zu und die heftigsten Diskussionen im Familien- und Freundeskreis verstummten, seine ausgleichenden Worte erwartend, wie er sie wog beim Sprechen stetig überlegend. Nie habe ich erlebt, dass er jemanden verurteilt, angreift, herunter macht, stets war er um Gleichgewicht bemüht. Oft haben wir gelacht und die Biographien berühmter Menschen wie, Franz Josef Salz, 1712 bis 1796, Erfinder des nach ihm benannten Salz-Stangerls erdacht. Wenn er Nachts nicht schlafen konnte, las er dicke Wälzer. Krimis mochten wir beide.
Eine Bombe vor der Tür der Elternwohnung war seine erste Erinnerung, hat er mir erzählt. Kurz darauf erhielt sein Vater Gauverbot. In jenen Jahren haben sie dem Buben den Schädel vermessen um festzustellen, ob er – und sein großer Bruder – denn arisch genug sei, um für die HJ im Schifahren, Boxen, Schwimmen Erfolge einzufahren. Jüdisches Blut von der Mutterseite, Beziehungen – unter anderem zu den Hörbigers – halfen. Sein Vater war nicht da, die Mutter wurde zwei Mal ins Lager verfrachtet, dann wieder frei gelassen, Beziehungen. Manchmal erzählte er mir, wie sie im Krieg vor den Bomben geflohen waren, aus jenem unserem Haus, seine Mutter seine Tante und er und der Tante war die Handtasche geplatzt und er hatte alles aufgelesen, bevor sie den Bunker erreichten. Das war an jenem Ort, an dem wir unseren letzten gemeinsamen Spaziergang machten, dort, wo ich ihn auch heute noch treffe. In den letzten Kriegstagen hatten sie den 15jährigen mit Plänen im Zug von Tirol nach Erfurt geschickt, Bomben überall, eine Nonne, die ihn im Kloster übernachten ließ. Und dann kamen die Amis noch vor den Franzosen und sein Englisch half ihm und seinem Umfeld. Sprachen und Sprache war immer seins, mitteln und vermitteln.
Später hatte er dann Jus studiert wegen der Gerechtigkeit, wie er mir einmal erzählte und obwohl er „nicht geschäftstüchtig“ war, wie man ihm sagte. Strafrecht interessierte ihn kaum, zu schwierig das abwägen, eher Ziviles und der Sport und auch da war es nie besonders einfach das Richtige zu tun, zu entscheiden, zu sagen. Die dunklen Stunden verfolgten ihn sein Leben lang, das Gefühl sich rechtfertigen zu müssen. Auch das kenne ich.
Manchmal ließ er mich Berufe raten bei Menschen, die ich neu kennen lernte, manchmal lösten wir Kreuzworträtsel, bei denen man um die Ecke denken muss, in Wien gingen wir gerne zusammen essen, oft wünschte ich, wir hätten mehr miteinander gesprochen, aber da war oft Unsicherheit und Verlegenheit in all der Liebe. Ich bin ihm noch immer dankbar für jede Träne, die er in meiner Gegenwart geweint hat und für die stille Weisheit, mit der er mein Leben begleitet hat, ich bin wohl nichts von dem geworden, was er sich je erhofft hat, wenn er sich etwas erhofft hat. Er hat sich stets für alles interessiert, was ich gemacht habe. Keine Ahnung, ob er je so stolz auf mich war, wie ich auf ihn. Ich weiß nur eines: er fehlt mir so. Gestern hatte er Geburtstag, seinen 75er haben wir gemeinsam gefeiert, ich habe ein Fest für ihn organisiert.

Oh, mein Papa! Ich vermisse dich so sehr….
katiza - 10. Jun, 17:47
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