20
Apr
2009

Memory

Manchmal kommt das kleine Mädchen aus den Hinterzimmern meiner Seele und klopft an mein Leben. Es möchte dann Memory spielen. Manchmal stiehlt es sich auch nur einfach herein, setzt sich auf meinen Schoß und packt die Karten aus. Und schon sitze ich wieder im heimatlichen Esszimmer, am Boden zwischen Kredenz und Sofa. Die Mutter ist im Haus. Ich soll mich mit mir selbst beschäftigen und vor allem keine Unordnung machen. Vor mir ist der Teppich, voller Fabelwesen, Prinzen, Prinzessinnen – geheimnisvolle Botschaften der Teppichknüpferinnen aus einem anderen Land, einer anderen Zeit.

Neben mir steht der Plattenspieler, ein transportables Modell, die Schallplatten im Schrank. Nur keine Unordnung machen. Vor mir kleine, bunt mit chinesischen Motiven bedruckte Mappen voller Singles – ich kenne fast alle auswendig: Alles vorbei Tom Dooley, die Mutter ist immer dabei und bist du einsam heut Nacht. Brennend heißer Wüstensand, ich bin ein Vagabund, statt weiß, trag rot, das ist die Farbe der Liebe. Meine Lieblinge sind die, bei denen der Puck, das kleine dreiarmige Plastikteil, das ihr Abspielen erst möglich macht, in ihrer Mitte zwischengeparkt ist, ein wenig zerkratzt, die Hüllen verschlissen. Und dann noch Langspielplatten: Schönherrs Erde und Kabarett, der eigensüchtige Riese von Oscar Wilde, die Augsburger Puppenkiste mit 1:0 für die Bärte und am liebsten doch immer wieder die geheimnisvollen Boten der Erwachsenenwelt: Schlager, Oskar Werner, Louise Martinis Chesterfield und Edith Piaf. Nur nicht zu laut spielen, das könnte die Mutter ärgern. Nur nicht zu leise – sonst hört man die Stille im Haus zu sehr.

So viel Angst vor dem Zorn der Mutter, der nicht mir gilt, aber mich trifft. Sonst ist niemand da. Es tut ihr immer leid nachher und so fühle ich mich doppelt schuldig, an ihrer Wut und ihrer Reue.

In meinen Händen Schnapskarten: mein Ensemble für große Dramen. Was hatte der Frühling zu erdulden, vom Winter versklavt, verraten durch den Sommer, bis sie endlich genügen konnte und mit dem Schell Ober glücklich wurde.
Ich bin nicht allein in diesen Stunden, ich habe einen für Erwachsene unsichtbaren Freund, wie es Kinder oft haben. Ihm kann ich erklären, dass es Mama nicht so meint, er sitzt erste Reihe fußfrei, wenn der Teppich sich in eine Wunderwelt verwandelte. Er kennt den Schmerz von Frau Frühling und bangt um ihr Glück. Manchmal dreht er den Plattenspieler zu laut auf oder schmeißt ein Glas um. Aber das ist unser Geheimnis.

Und plötzlich sitze ich da mit meinen alten Kinderängsten, dem Gefühl nicht zu genügen, wohl geliebt und doch allein und die Piaf singt Milord. Und mit einem Mal weiß ich wieder, dass mein unsichtbarer Freund sichtbar geworden ist, seit Ewigkeiten und für immer Teil meines Lebens, dass der Frühling ein Happy End feiern darf und dass ich noch immer mit Teppichen fliegen kann. Danke.

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14
Apr
2009

Traumreise

Es sei ihr letzter großer Wunsch an ein Leben, das ihr ihrer Meinung nach kaum Wünsche erfüllt habe. Und ihr wohl auch diesen nicht erfüllen wird. In vielen einsamen Stunden träumt sie von einer letzten großen Reise. Mit einem Menschen in einem Auto möchte sie nach Süden fahren, ohne Ziel, nur fahren, fahren, fahren. Ihre Medikamente würde sie zu Hause lassen, denn eigentlich soll diese Reise mit dem Tod enden. „Die Rezepte würde ich aber mitnehmen – falls…“ sagt sie manchmal.

Dem Menschen, ein Mann sollte es sein, gerne jünger, mit Niveau würde sie dann ihr Leben erzählen.79 Jahre, da kann man eine Weile fahren. „Und er würde mir aus seinem Leben erzählen.“ Würde er wohl, die Menschen sprechen gerne mit ihr und sie mit den Menschen.

Italien vielleicht, sie spricht die Sprache, auch Portugal käme in Frage. Das Meer. „Wo es uns gefällt, bleiben wir stehen.“

„Harold und Maude“ sagt ihr Friseur. Sie kennt den Film nicht. Ich mag den Film sehr, ich werde ihn ihr wohl vorspielen.
Ich kann ihr diesen Wunsch nicht erfüllen. Ich habe ihr viele Wünsche nicht erfüllt. Ich weiß nicht einmal, wie es mir gehen würde, hätte das Schicksal ein Einsehen und würde ihr einen Reisegefährten für die große Fahrt schenken. Doch ich spüre ihre Sehnsucht und ihre Kraft zu träumen. Sie ist meine Mutter. Ich liebe sie.

...and there's a million things to be...

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13
Apr
2009

Die Auferstehung und das Leben

„Der Herr ist auferstanden!“ stand im SMS der Freundin. Sie ist Religionslehrerin, erinnerte ich mich, kein Wunder.
Und dann draußen am Land, wurde diese Satz plötzlich so wahr. Alles schien wiederauferstanden: die knospenden Bäume, die Wiesen mit ihren Blumen, die Vögel, die Insekten und die Lebenslust.

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Und so hab ich noch getanzt in dieser Osternacht.

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553 mal erzählt

12
Apr
2009

Französisch, unprofessionell und wunderbar

Frohe Ostern!
Gänzlich unversteckt, das wohl schönste, aber auch unübersetzbarste Chanson aus unserer Sammlung: die verflixte Nummer Sieben:




La Mer/Charles Trenet



La mer
Qu'on voit danser le long des golfes clairs
A des reflets d'argent
La mer
Des reflets changeants
Sous la pluie

Die See
Wo man silberne Lichter tanzen sieht
Entlang des hellen Meerbusens
Die See
Das Licht wandelt sich
Im Regen


La mer
Au ciel d'été confond
Ses blancs moutons
Avec les anges si purs
La mer bergère d'azur
Infinie

Die See
Am Sommerhimmel verwechselt sie
Die weißen Schäfchenwolken
Mit Engeln, so rein.
Die See, Schäferin des Azur
unendlich


Voyez
Près des étangs
Ces grands roseaux mouillés
Voyez
Ces oiseaux blancs
Et ces maisons rouillées

Seht
In den Buchten
ankern diese großen Schilfhalme
seht
diese weißen Vögel
und diese rostroten Häuser


La mer
Les a bercés
Le long des golfes clairs
Et d'une chanson d'amour
La mer
A bercé mon coeur pour la vie

Die See
War ihre Wiege
entlang des hellen Meerbusens
und die eines Liebeslieds
die See
war die Wiege meines Herzens



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Was es so schwierig macht: Das Meer ist in den romanischen Sprachen weiblich und das Wort klingt gleich wie la mère - die Mutter...
1692 mal erzählt

6
Apr
2009

Französisch, unprofessionell und ungekonnt

Übersetzungsprojekt Nummer Sechs



Il faut savoir/Charles Aznavour

Il faut savoir encore sourire
Quand le meilleur s'est retiré
Et qu'il ne reste que le pire
Dans une vie bête à pleurer

Das muss man können, noch immer lächeln
Wenn Gedeih vorbei ist
Und nur mehr Verderb bleibt
In einem zum Heulen geistlosen Leben

Il faut savoir, coûte que coûte
Garder toute sa dignité
Et malgré ce qu'il nous en coûte
S'en aller sans se retourner

Das muss man können, koste es was es wolle
Seine ganze Würde bewahren
Und ganz egal wie schwer es auch fällt
Wegzugehen ohne sich umzudrehen.

Face au destin qui nous désarme
Et devant le bonheur perdu
Il faut savoir cacher ses larmes
Mais moi, mon cœur, je n'ai pas su

Dem Schicksal zugewandt
Das uns entwaffnet
Muss man das können: die Tränen verbergen
Aber ich, mein Herz, habe es nicht gekonnt


Il faut savoir quitter la table
Lorsque l'amour est desservi
Sans s'accrocher l'air pitoyable
Mais partir sans faire de bruit.

Das muss man können, vom Tisch aufstehen
Ehe die Liebe abserviert wurde
Ohne sich erbärmlich anzuklammern
Einfach weggehen ohne einen Ton
.

Il faut savoir cacher sa peine
Sous le masque de tous les jours
Et retenir les cris de haine
Qui sont les derniers mots d'amour

Das muss man können, den Schmerz verstecken
Hinter der Alltagsmaske
Und die Schreie des Hasses zurück zu halten
Die die letzten Worte der Liebe sind.


Il faut savoir rester de glace
Et taire un cœur qui meurt déjà
Il faut savoir garder la face
Mais moi, je t'aime trop
Mais moi, je ne peux pas

Das muss man können, kalt wie Eis bleiben,
und über ein Herz schweigen, das bereits stirbt
Das muss man können, das Gesicht wahren.
Aber ich, ich lieb dich zu sehr
Aber ich, ich kann nicht


Il faut savoir mais moi
Je ne sais pas...

Das muss man können
Ich kann es nicht…


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1387 mal erzählt

3
Apr
2009

Frühlingserwachen







Sonnenstrahlen küssen die Sehnsucht wach

Wie Krokus und Tulpe ist sie ein Zwiebelgewächs

Eine Knospe geborgen unter vielen Schalen und Häuten

Und drängt nun durch die kühle Erde nach oben

So gierig und hungrig nach Licht und Wärme

Bereit, sich wieder in Farbe und Duft

Ganz zu verströmen

Blühen, blühen,

blühen

will

sie.

Und

noch

nicht

vergehen

 

 

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504 mal erzählt

1
Apr
2009

Französisch, unprofessionell und müde

Übersetzungsprojekt Nummer fünf - die wunderbare Françoise Hardy

Son amour s'est endormi /Françoise Hardy

Son amour s'est endormi
Mais elle fait de l'insomnie
Depuis des heures, elle est là qui s'ennuie
À se retourner sans cesse sur son lit.

Ihre Liebe ist eingeschlafen
Doch sie ist Und macht doch schlaflos
Seit Stunden langweilt sie sich
Und dreht wälzt sich ohne Rast endlos in ihrem Bett

Son amour est endormi
Il a bien d'autres soucis
Et soudain la voilà qui réfléchit
À celui qui dort, à ce qu'est leur vie

IhreSeine Liebe ist eingeschlafen
Er hat genügend doch andere Sorgen
Und plötzlich ist es sie, die über den nachdenkt
Der da schläft und über das, was ihr Leben ist.


Il dort trop à son avis
Il croit trop qu'elle est à lui
Alors elle se lève et s'habille sans bruit
Elle ouvre la porte et part dans la nuit.

Er schläft zu viel, ihrer Meinung nach denkt sie sich
Er iIst sich zu sicher, dass sie ihm gehört
AlsSo steht sie auf, zieht sich lautlos an
Sie öffnet die Tür und verschwindet in dergeht in die Nacht.


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1390 mal erzählt

30
Mrz
2009

Da-Heim

So fremd fühle ich mich in diesem Haus, in dem ich doch aufgewachsen bin. Doch nicht nur in diesem Haus. Es ist, als würde ich mich in fünf Stunden Zugfahrt in eine andere verwandeln. Die Reste meines "wirklichen" Lebens sind in meinem Handheld gesichert, E-Mails, Internet, Blogosphäre, Musik, Bilder, SMSe, Termine, Symbole eines andere Seins. Wenn ich hier bin, bin ich nur bei meiner Mutter. Ich rufe niemanden an, ich treffe niemanden. Retreat der Liebe.

Als ich ankam, hat der Föhn gestürmt. Der Wind war stets Anlass und auch Entschuldigung für kleine und grosse Dramen in diesem Haus. Du spürst den Föhn, ich hab den Föhn gespürt, Föhnnudel. Auch diesmal macht uns der Wind unruhig, wie er schon morgens an den Fensterläden des alten Hauses rüttelt. So rüttelt auch die Mutter an meinem Leben, meinen Lieben. Schnell und geschickt wirft sie ein paar scharfe Worte. Ich merke wie der Wind auch an mir zerrt, wie ich versucht bin mich dagegen zu stemmen, um dann endlich auszuatmen, loszulassen. "Entschuldigung", sagt sie beim Mittagessen - Sushi wohl mirzuliebe: "Dass ich so bös war heute früh." "Ach", antworte ich und: "Der Föhn."

Nur selten betrete ich mein altes Kinderzimmer, das 25 Jahre lang kaum verändert wurde, ein Mausoleum für die entschwundene Tochter. Aber war es je mein Zimmer? An den Wänden hängen neben Kunstpostern - Klimt und Toulouse-Lautrec - ein Astronaut und König Harald von Norwegen. Ich entdecke nur wenig Spuren meiner Jugend, fühl mich nicht wohl dort.

Lieber schlaf ich im Bett des Vaters, im Elternschlafzimmer. Seine Hemden hängen noch im Schrank, nicht viel hat sich in dem halben Jahr dort verändert. In einem Silberrahmen steht sein Foto. Dasselbe wie auf der Parte, wie auf dem provisorischen Holzkreuz auf seinem Grab. Er lacht.

Wir weinen seltener.

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612 mal erzählt
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Mock Turtle

Sit down, both of you, and don't speak a word till I've finished

Who sits there?

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Im Bilde

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