3
Apr
2011

Wofür es sich zu leben lohnt…

Früh wache ich auf, schlunze den ganzen Vormittag im Bett herum, pfeif auf’s Einkaufen, streune um die Blogs und lese Robert Pfaller „Wofür es sich zu leben lohnt“ und weiß genau, dass es sich zu leben lohnt; dafür.

Und dann Retz, schnell war der Entschluss gefasst am Abend der Lesung, den Profiler heimzusuchen bei seiner Eröffnung. Schon gegen Mittag machte ich mich per Zug auf in den Norden – der Shuffle-Gott bläst mir Art Blakey ins Ohr. Tell it like it is. Das Saxophon berührt mich. Draußen zieht die Landschaft vorbei, mein Leben nicht.

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Und wieder die wohlige Näher vertrauter Fremder. Der Profiler hat uns sofort erkannt und zugegeben Frau Testsiegerin und ich boten in der ländlichen, sonnigen Kleinstadt doch einen etwas originellen Anblick. Und da war sie wieder, diese ansatzlose vertraute Gesprächsebene, das Geschenk des Verstehens, die Freude aneinander, das Leben miteinander zu teilen. Rasch war der Hund erkannt und die wunderschöne schwarze Katz, die Frau an Profilers Seite. Ein erstmaliges Sehen wie ein Wiedersehen.

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Der große Empfang für den neuen Gastronom war schon in vollem Gange, als wir wiederkehrten – nun eine Handvoll, ergänzt um Madame, die Elfenhäuslerin, Meertau. Der Koch und Wirt ließ es sich nicht nehmen, quer über den Platz zu eilen und uns zu begrüßen. Da mag sich schon so manche g‘standene Retzerin gefragt haben, wer denn die bunten Damen seien, die da so heiter im Schankraum versammelt waren und immer wieder den Gastgeber an ihren Tisch lockten. Das Gasthaus, über dessen Werden wir so gerne gelesen haben ist so wunderschön geworden. Das vertraute Bild an der Wand. All das, was diese zwei Menschen sich da geschaffen haben.

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Viel gelacht, viel gesprochen…und wissend, dass ich bald wieder kommen will, die viel versprechende Speisekarte austesten.

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„Es sind jene Leute, die das Leben als Gabe begreifen. Wenn man das Leben als Gabe begreift, dann behandelt man es als Geschenk, bei dem man eine Verpflichtung hat – nämlich die Verpflichtung, etwas von dem Geschenk auch weiter zugeben.“
Robert Pfaller „Wofür es sich zu leben lohnt“

Solche Leute kenn ich!
Dafür lohnt es sich zu leben.
1385 mal erzählt

1
Apr
2011

Ich sei, gewährt mir die Bitte….

„Warum bloggst du?“ Als die Stöckchenfrage gestellt wurde, hatten wir es hinter uns, es war geschafft, wir saßen auf einer wohligen, flauschigen Wolke, drei Göttinnen in Schwarz. So fühlte es sich an. Alles war gut gegangen. Wir funkelten uns an, lachende Gesichter, viele vertraute Fremde, Gesichter und Sprache zu Worten und Sprache, sich überkreuzende Welten, Bloggosphäre.

Ich meide die Meta-Ebene, hab als Journalistin gelernt, dass es fad ist über JournalistInnen zu berichten und als Bloggerin schreib ich ungern übers bloggen. Ich weiß gar nicht, ob ich mich so nennen will, ich dachte lange nicht drüber nach. Aber wie das halt bei Stöckchen so ist, dass man nachdenkt, über Dinge des Seins und Leben, die man vielleicht sonst nicht so ansieht.

Ein halbes Jahr habe ich nur gelesen, erst bei Frau Alma, dann bei den anderen rundherum. Und dann im Naikan durft ich weder Lesen noch Schreiben und die Worte stauten sich in meinem Kopf und die Bilder und die Filme und Töne und Songs und wollten heraus. Und so fing es an und kam dem mir eigenem Exhibitionismus, der Sucht zu schreiben, mit-zu-teilen entgegen; Schubladen voller Worte, Geschichten, Romanfragmente Gedichte, nie abgeschickte Briefe, handgeschrieben, Schreibmaschine auf Thermopapier, verblassend. Und dann kam Antwort. Der verehrte Herr Glumm persönlich. Monate später dann Herr Nömix, dem ich gestern erstmals in die Augen gesehen habe. Augen zu den Worten, nach fast fünf Jahren. Und Herr MadProfessor mit dem feinen Musikgeschmack. Es sternenstaubte trotz Trauer und man konnte umarmen. Datja, als würde ich ihr Lachen schon immer gehört haben. Und dann Frühling, wir öffnen die Türe und Rosmarin weht herein.

Was ich am Bloggen immer wie am Radio geliebt habe, war das Unsichtbare, die ganz große Chance für die Fantasie, die Möglichkeit, sich einen Menschen, ein Gefühl aus Worten selbst zu erschaffen, zusammenzusetzen aus den Bausteinen der Erfahrung. Nicht abgelenkt durch alt und jung und schön und hässlich, dick und dünn und schwarz und weiß und blond und rot und Schnauzbart und Karohemd und Mann und Frau. Im Schatten bleiben, unsichtbar sein. Das war wohl am schwersten aufzugeben, als ich begann, meine Welten zu verschränken. Und hat sich doch so gelohnt. Denn so saßen am 17. Dezember drei Frauen an einem Tisch und schmiedeten Pläne und weil sie starke Frauen sind, setzten sie den ersten auch gleich in die Tat um, den einer gemeinsamen Lesung.

Und so haben wir in unseren Texten gewühlt, wie andere Frauen vielleicht in ihren Kleiderkästen, Madame LaMamme, Lady Testsiegerin und ich: „Oh, den mag ich gerne.“ Der ist schön.““Den kannte ich noch nicht.““Den hab ich selbst vergessen.““Ach nimm den kurzen noch dazu.““Der ist sexy.“ „Nein, den nicht!“ Der H. hat uns fotografiert und bekocht. Geprobt haben wir mit professioneller Unterstützung der sinnlichen Schauspielerin. Und aufgeregt waren wir, Musik wollte der Erstgeborene beisteuern und weil er gar nicht konnte, wollt ich das machen und bin gescheitert, weil es halt manchmal so ist. Und doch nichts macht.

Am Morgen bin ich lächelnd erwacht aus einem Traum aus grünem Billardtuch und grünen Bergseen. In der Küche sang die Callas in den 1960ern der „100 Jahre“. Die Sonne schien warm auf meinen Rücken, als ich mit dem Freund aus dem Wohnzimmer des Erstgeborenen am Nachmarkt zu Mittag aß, Muscheln und doch zwei Gläser Wein, freudig erregt in Hinblick auf den Abend. Frühling. Ein heiteres Mittagessen unter fast Fremden deren Leben sich vor allem in einem speziellen Raum berühren. Hinterm Mond gleich links.

Viele gute Geister hatten geholfen und der Rahmen war zauberhaft wie die Atmosphäre. Und dann standen wir da, aufgebrezelt wie unsere Texte, einander umschwirrend und strahlend – so strahlend. SCHÖN. Und die lieben Gäste. Und dann Lesen, das Echo der Worte in den Augen der Menschen sehen, spüren wie die Worte ankommen, die eigenen Worte und auch die schon so vertrauten der schönen Frauen an meiner Seite im Raum neu entstehen sehen. Ein Lachen, in das Andere einfallen, ein Schlucken, ein Lächeln, das strahlende Nicken der Schauspielerin, die „richtige“ Reaktion. Und dann trägt es uns, das so achtsame Publikum. Applaus. Wie damals im Theater.

So viele mit denen man sprechen möchte und doch nicht fähig, auf sie einzugehen, Noch wiehert das Zirkuspferd, viel zu laut und scharrt mit den Hufen, Glücksrausch, Nähe, Wärme, Menschen. Und immer wieder schließen sich Kreise. Aus Fremden werden Begegnungen, Freunde, Vertraute, das Leben. Wir trinken noch zusammen – griechischen Wein und Essen und wollen nicht recht voneinander lassen. Müssen wir ja auch nicht.

Und es geht mir so verdammt gut, ich bin so unendlich glücklich und so dankbar.
Es geht aufwärts:

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Stöckchen: Ein Song zum 31. März 2011? Such a perfect day...
2700 mal erzählt

30
Mrz
2011

Rosetta, are you better, are you well

Es war ein wundervoller Sommer im Theater. Die junge Turtle erwachte, streckte ihre Sinne aus, der Panzer noch weich, doch der Wille und der Hunger stark. Alles war möglich. Die Luft knisterte. Küsse und Liebe. Das kleine Stöcklgebäude im Hinterhof, in dem das Theater seine Büro und Probenräumlichkeiten hatte war Licht durchflutet. Eine abgenutzte Granitur und eine Küche, wegen des Patrons und ein großer Tisch und Theater heute und ein Playboyheft mit Veronika Faber und Bücher, Stücke, Skripten, Programmhefte, ein Probesaal mit Spiegelwand für die Workshops und Lektionen, eine Probebühne, ein Gästezimmer im ersten Stock, in das ich einmal von ersehnter Hand gezogen wurde. Die Erfahrenen und das Jungvolk, alle was geworden von den Kindern damals die dem Intendanten und dem Ingerl dort zu Füßen saßen. Es waren wunderbare Jahre.

Leonce und Lena - einst war ich die Rosetta auf High Heels in einem Rosenkleid in Tulpenform, großzügig zur Verfügung gestellt vom Münchner Resi und dessen schwulen Kostümbildner, dessen Co-Regieanweisung lautete: "Die Rosetta muss so geil sein, die muss kaum atmen können. Damals war ich 18.

ROSETTA. So liebst du mich aus Langeweile?

LEONCE. Nein, ich habe Langeweile, weil ich dich liebe. Aber ich liebe meine Langeweile wie dich. Ihr seid eins. O dolce far niente! Ich träume über deinen Augen wie an wunderheimlichen tiefen Quellen, das Kosen deiner Lippen schläfert mich ein wie Wellenrauschen. Er umfaßt sie. Komm, liebe Langeweile, deine Küsse sind ein wollüstiges Gähnen, und deine Schritte sind ein zierlicher Hiatus.

ROSETTA. Du liebst mich, Leonce?

LEONCE. Ei warum nicht?

ROSETTA. Und immer?

LEONCE. Das ist ein langes Wort: immer! Wenn ich dich nun noch fünftausend Jahre und sieben Monate liebe, ist's genug? Es ist zwar viel weniger als immer, ist aber doch eine erkleckliche Zeit, und wir können uns Zeit nehmen, uns zu lieben.

ROSETTA. Oder die Zeit kann uns das Lieben nehmen.

LEONCE. Oder das Lieben uns die Zeit. Tanze, Rosetta, tanze, daß die Zeit mit dem Takt deiner niedlichen Füße geht!

ROSETTA. Meine Füße gingen lieber aus der Zeit.

Danke, Frau Rosmarin, für das Auslösen der Erinnerung - wie treffend die Worte auch heute wieder klingen – doch Rosetta ist älter geworden, längst will sie nicht mehr aus der Zeit gehen, sondern in der Zeit sein.

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Ach ja, und wer Zeit und Lust hat:

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2439 mal erzählt

27
Mrz
2011

Heimaten

Wieder Innsbruck. Wie eine Touristin, eine Fremde, sitze ich in einem Straßencafe in der Altstadt mit Blick aufs „Goldene Dachl“. Asiatische Urlauber schießen heitere Gruppenbilder. Ob Japaner dabei sind, frage ich mich und wie es denn urlaubenden Japanern ging und geht in diesen Tagen, aber dann schiebe ich die Frage wieder weg und halte Ausschau nach bekannten Gesichtern, nach irgendjemand Vertrauten. Doch ich sehe nur Fremde und bleibe selbst fremd.

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Wie anders waren die letzten Tage in der kleinen Stadt am See umgeben von Bergen. Ständig sind mir vertraute Gesichter begegnet wie es bei Tagungen eben so ist, wenn sich eine Menschengruppe über einen Ort ergießt, man trifft sich beim Hotelfrühstück, auf den Straßen, im Kongresszentrum, bei Essenseinladungen und schließlich spät nachts in den Bars und Diskos – und über allem liegt ein wenig Landschulwoche. Ich habe (m)einen Platz gefunden in der Arbeitswelt, als eine Art seltsamer Satellit im Dienst der guten Seite…
Und irgendwie habe ich mich in der anderen, fremderen Bergwelt dieser Tage geborgener, angekommen und mehr zu Hause gefühlt als hier in der Ursprungsheimat.

Und dann mit dem Steinmetz über das Vatergrab sprechen – es wird Zeit es in Auftrag zu geben. Durch die Gedanken der Mutter schleicht der Tod, die schwindenden Kräfte machen ihr Angst, der Lebenswille muss immer härter erkämpft werden. Nachts, wenn sie wach wird, so erzählt sie mir, plane sie nun eine Reise nach Äthiopien zu den Brunnen, die sie dort bauen lässt für Mimi mein Gotlkind, ihre Bauchmutter, die Frauen dort. Wie sie über Frankfurt nach Addis Abeba fliegt, stellt sie sich vor und von dort übers Land nach Jimma fährt. Alles malt sie sich aus, sogar die Kakerlaken und Wanzen im Hotel – „aber das ist halt so“ – und einen Reisebegleiter, weltgewand und klug genug für die kleine Expedition. Kurz biete ich mich an. Doch das hört sie nicht einmal. Und während wir – wie bei jedem meiner Besuche – den vertrauten Weg vom Friedhof in ihre Heimatstadt spazieren, erklärt sie mir, fest eingehängt in meinem Arm, dass es gut möglich wäre, dass sie dort sterbe in Äthiopien: „Dann lass mich gleich unten begraben.“ Unterwegs unterbricht sie sich immer wieder selbst mit den mir so vertrauten Ergänzungen und Erklärungen: Hier steht das Haus des tüchtigen Cousins, dort will ein schönes Stück Handwerk bewundert werden und da möchte sie nicht in einer Wohnung wohnen. Und dann, als wir unten ankommen, erklärt sie – wie stets: „Nach Wien könnte ich nicht mehr.“

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1050 mal erzählt

21
Mrz
2011

Frühlingserwachen

Mein neues Leben ist wie der Frühling.

Da oder dort zeigen sich neue Pflänzchen und sehr langsam wärmt sich die kalte Erde. Noch ist alles unbeständig, das Wetter kann leicht umschlagen von wohlig warm zu bitterkaltem Wind. Sogar Schnee kann noch kommen. Der Frühling ist alle Jahreszeiten, mal eine Sommerstunde, mal ein Oktoberabend, eine Winternacht. Darum ziehe ich mich noch warm an im Frühling, lange Strümpfe in den Monaten mit R. Immer ein Schal, um sich einzuwickeln. Überhaupt: Schichten tragen. Und den Kopf geschützt, bedeckt, Hut oder Mütze über dem zerzausten Haar, denn er ist so stürmisch der Frühling. Deshalb muss ich aufpassen, dass er mir nicht den Hut verweht oder gar den Kopf. Nach einem Bier im Freien oder einem Weiß-Gspritzten schmeckt er, der Frühling und nach Bärlauchpesto, nach Eiern und Kräutern und ein paar Morcheln. Und er riecht so gut – nach Neuanfang, nach Leben, nach Gras und Bäumen und Tulpen und Maiglöckchen und auch nach Bärlauch und alten Bäumen. Nach Küssen.und auch nach gestundeter Zeit. Die Leute lächeln mehr, blinzeln in die Sonne, gehen zu Fuß, fahren Rad oder Tretroller wie ich. Sie flirten hinter Sonnenbrillen. Man zeigt wieder Haut.

Mein neues Leben ist wie der Frühling.


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Übrigens mein bescheidener Beitrag zum Welttag der Poesie, und Ihrer?
796 mal erzählt

20
Mrz
2011

Wiederholung und Werbeeinschaltung: Holger

Weil wir ja lesen, wir toll3sten Weiber am
31. März 2011 um 19:30 im Dendron im 2. Bezirk. Alte Texte und neuere; wir haben in den Blogs gestöbert und Schätze gehoben: die Testsiegerin, Madame laMamme und die Turtle. Geprobt haben wir auch schon und ich schnuppere Bühneneluft und freu mich auf unser Abenteuer.

Schöne Texte haben wir gefunden, finde ich, der folgende ist nicht dabei; den stell ich jetzt als kleines Lockangebot ins Schaufenster, die Geschichte von Holger aus dem Februar 2008 :

Holger

Wie ein warmer ausgestreckter Arm legte sich ein Blick um Susannas Schulter, während sie ein Pils zapfte. Sie wusste gleich, wer ihr diesen Blick gesendet hatte, sie musste sich nicht umdrehen. In den letzten 20 Jahren hatte sie gelernt, Blicke zuzuordnen, ohne sie erwidern zu müssen. Auch wenn sie weniger geworden waren. Es war auch diese Sehnsucht der nachts Streunenden, die sie von Anfang an für diesen Job, der ein Beruf geworden war, begeistert hatte.

Sie konnte sich noch genau an jenen Abend erinnern, als Peter sie gebeten hatte, die Seiten zu wechseln – vom Stammgast an der Theke zur Aushilfe hinter der Theke. Drei Stunden hatten gereicht, um ihr Leben zu verändern, um sie erkennen zu lassen, was ihre wahre Bestimmung war. Als sie in den frühen Morgenstunden heimgekehrt war, hatte sie sich an Holger geschmiegt und ihm von all den Blicken, den Scherzen, den Menschen erzählt. Zwei Tage später stand sie wieder hinter der Bar. Sie war glücklich.

Susanne genoss die Zuneigung der Stammgäste, ihren Respekt, der scheinbar gewachsen war, seit sie die magische Schranke aus Holz überwunden hatte. Sie gab sich der Arbeit hin, versuchte das perfekte Bier zu zapfen, merkte sich die Vorlieben ihrer Gäste, und das kleine Einmaleins der Wein-Achteln. In nur einem Monat eroberte sie die sechs Quadratmeter zwischen Schank und Küche, machte sie zu ihrer Bühne. Sie flirtete, war schlagfertig und hörte zu. "Zuhören ist das Wichtigste", erklärte sie Holger bei ihren frühmorgendlichen Berichten. Und weil er immer zu Hause blieb, beschrieb sie ihm alles detailliert. Er war ein fantastischer Zuhörer

Schon bald wurde Susanne zur Projektionsfläche der Einsamen, zur Zielscheibe der Sehnsucht. Wie eine Psychotherapeutin erlegte sie sich die Pflicht auf, mit ihren Klienten, mit ihren Gästen, keine sexuellen Beziehungen zu beginnen. Und da war ja auch noch Holger, ihr Schutzschild. Mehr als einmal warf sie frühmorgens einen Blick auf die Uhr: "Oh - so spät schon, ich muss heim, Holger wartet." Es waren seine Augen, die sie sich vorstellte, wenn die Gefahr bestand in anderen Augen zu ertrinken, wenn fremde Blicke sie zu fest berührten.

Aus zwei Wochendiensten wurden fünf, das Aufstehen wurde immer schwieriger und schließlich gab sie ihr Studium auf. Lehramt Deutsch und Englisch war lächerlich gegen all das, was das Leben sie dort in dem kleinen Lokal lehrte. "Das musst du verstehen", erklärte sie Holger eines Tages. Er sah sie an, ja, er brummte ein wenig, mehr aber nicht. Ihre Eltern brüllten. Sie sei nicht mehr ihre Tochter, tobte die Mutter, sie würde schon sehen, wo sie ende, erklärte der Vater. Susanne war traurig deswegen. Aber ihr blieb Holger.

Irgendwann küsste die dann doch einen Gast. Sie hatte ihre Schutzschilder nicht rechtzeitig ausgefahren und ehe sie sich versah, war sie in seinen Augen versunken. Seine Blicke zogen sie aus, seine Worte hüllten sie ein und je mehr sie sich wehrte, desto mehr verstrickte sie sich in ihnen. Sie erzählte Holger nichts von ihm und ihm nichts von Holger. Nachdem sie mit, bei ihm geschlafen hatte, duschte sie lange und gründlich. So als könnte sie ihre Schuld mit seinem Geruch abwaschen. Es war schon mittags als sie heim kam. Holger stellte keine Fragen. Als dieser Gast kurz darauf fern blieb, war sie erleichtert.

Ein anderer war hartnäckiger. Er wollte einen Stammplatz an der Bar und einen Fixplatz in ihrem Leben. Seine Blicke waren Übergriffe, taten ihr Gewalt an, nahmen sie in Polizeigriff. Deswegen gab sie ihm ursprünglich nach, deswegen hatte sie dann genug. Manchmal hatte sie Angst, dass Holger die blauen Flecken entdecken würde, die seine Sehnsucht hinterließ. Vielleicht wollte er sie bloß nicht bemerken. Was sie anfangs fasziniert hatte, stieß sie bald ab. Da tat einer wie ein Stammgast und war keiner. Sie warf Worte wie Steine nach ihm, um ihn zu verjagen. Es gelang.

Einmal verliebte sie sich in einen androgynen Prinzen. Wegen dem hätte sie sogar Holger verlassen. Ein Schweigen gegen das andere eingetauscht. Monatelang vereinigte sie sich mit ihm in jenen seltsamen Phasen zwischen Wachheit und Traum. Immer schuldbewusst, weil sie ja den wahren Geliebten in ihrem Armen hielt, während ihr Kopf fremdging. Abende lang schlug ihr Herz höher, wenn sich die Tür zur kleinen Bar öffnete. Er hätte ja kommen können. Irgendwann kam er auch wieder, eine Schönheit im Schlepptau. Das half.

Als Susanna an diesem Abend das Lokal zusperrte, stand Karl neben ihr. Seit 20 Jahren war er Stammgast. Seit seiner Scheidung vor zwei Monaten war er täglich in der kleinen Bar und ließ sie nicht aus den Augen. Seit zwei Wochen begleitete er sie nach der Sperrstunde jeden Tag bis zu ihrer Wohnung. Als sie einmal ein wenig gefröstelt hatte, hatte er seinen Arm um ihre Schulter gelegt. Seitdem tat er auch das wie selbstverständlich. Vor der Haustüre verabschiedete er sich für gewöhnlich mit zwei Wangenküssen: "Grüß Holger, unbekannterweise."

An diesem Abend aber nahm er nach den beiden Küsschen Susannas Kopf in seine großen, warmen Hände. Er sah ihr in die Augen. Obwohl seine Blicke ihr so wohl vertraut waren, hatte sie nie gewusst, wie schön seine Augen waren, dachte sie, als er sie endlich küsste. Sein Biergeschmack vermischte sich mit ihrem Fernetgeschmack. Nach dem langen Kuss verbarg Karl sein Gesicht an ihrer Schulter: "Bitte, bitte, nimm mich mit rein." Seine Stimme war leise und rau. "Holger…", stammelte sie. Dann sperrte sie auf. Es wurde eine leidenschaftliche Nacht, vielleicht die leidenschaftlichste Nacht ihres Lebens.

Susanne erwachte eng an Karl gepresst. Sie hörte seinen Atem, spürte seine Haut, ihre linke Hand hielt sich an seinem Brusthaar fest. Sie mochte seinen Geruch. Noch wagte sie nicht die Augen zu öffnen. Hinter geschlossenen Lidern beschwor sie noch einmal die Bilder der letzten Nacht. Erst jetzt machte sie vorsichtig die Augen auf, Wo war Holger? Und da sah sie ihn. Karl hatte ihn mit seiner rechten Hand fest an sich gepresst, ihren alten abgeliebten Stoffbären. Holgers Augen glänzten.

Susanne lächelte.

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Hope 2 C U!
2068 mal erzählt

16
Mrz
2011

Tschernobyl

Wir waren ein kleines und ambitionierte Theaterlabor und wollten in einer großen Remise Absurdes zur Aufführung bringen. Verkappte Schauspielerinnen und Schauspieler wie ich, die zum Teil die Zeit bis zur nächsten Aufnahmeprüfung auf der Uni absaßen. Wir mussten einfach Theater spielen.

Jean Tardieu – Die Sonate und die drei Herren oder Wie spricht man Musik? War das Stück für das wir uns entschieden haben. Ich führte Regie. Aus den drei Herren waren drei Frauen geworden. Die sarkastische Mondgöttin aus Deutschland, die eigentlich Clownin werden wollte und musste, die rothaarige Marlene mit bäuerlichem Hintergrund, stets um den intellekt bemüht, heute beim Film und meine schrille Vorarlberger Freundin mit Retro Kleidern, schwarz umrahmten Augen und dramatischen Turbanen, nennen wir sie Audrey. Wir probten in meiner Wohnung in jenem April vor 25 Jahren und ich werde nie vergessen, wie die Clownin aufgelöst vor meiner Türe stand, fast eine halbe Stunde nach dem geplanten Probebeginn und ihren baldigen Tod prophezeite. Sie habe Spinat gegessen, der Tod sei ihr gewiss. Und so saßen wir – Drama-Queens im wahrsten Sinn des Wortes – auf dem abgesägten Bett in meinem Wohnzimmer und beruhigten sie und uns. Ob wir denn noch absurdes Theater spielen könnten angesichts des nahenden Endes der Welt, fragten wir uns, ganz Theaterwissenschaftsstudentinnen. Und dass wir spielen müssten, war uns doch klar. „Und wenn es das letzte ist“, meinte die Clownin. Und dann haben wir geprobt. Und es war die beste Probe jemals.

Am 27. Juni 1986 gegen neun Uhr abends öffneten sich die Hallen großen Tore der Eisenbahnremise mit mächtigen, bleiernen Ton. Von draußen, wo es dämmerte kamen drei Frauen in rotem, grünen und blauen Kleid und stellten sich im Dreieck auf.

Erster Satz: Largo

A: Erinnern Sie sich?
B: Ich erinnere mich zu C: Und Sie? Pause
C: Es begann mit einer großen Fläche.
B: Ja mit einer großen Wasserrfläche.
C: Einer großen Wasserfläche am Abend.
B: Dann war Stille. Pause
Und dann von neuem: es war eine große Fläche. Pause
C: Eine große Wasserfläche am Abend.
A: Ja so begann es mit einer großen Fläche. Pause.
War es undeutlich?
B: Ja, es war undeutlich.
C: Sehr undeutlich.
Nichts war zu erkennen.
B: Überhaupt nichts.
Übrigens gabs nichts zu sehen. Pause.
A: So gabs nichts zu sehen
B zu C: Und warum gabs nichts zu sehen?
C: Weil es nichts zu sehen gab. Pause.
A: Es war eine große Fläche.
B: Eine große undeutliche Fläche.
C: Eine große undeutliche Fläche am Abend.

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Und so ging es weiter.

Das war Tschernoby für mich, Frau Frogg..
2033 mal erzählt

12
Mrz
2011

Fukushima

Das große Beben..
Todesstrahlen, Atom. Angst
Und Hiroshima?

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1262 mal erzählt
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Sit down, both of you, and don't speak a word till I've finished

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