…sing nicht ihre Lieder…
Lachen mit dem Erstgeborenen und Herrn Doppel T - Herzeblut-Muffins und immer wieder die Schmuddelkinder. Die 1960er Jahre ergreifen uns drei stets besonders, die Zeit rund um das eigene Werden, die eigene Geburt. Wieviel von diesen Melodien und Stimmen, Songs und Reportagen haben wir damals schon gehört, unbewusst wahr genommen? Den Degenhardt habe ich jedenfalls viel später bewusst gehört, an einem besonderen Abend. Erst als mir der Erstgeborene seine Geschichte zu diesem Lied erzählt, entsinne ich mich meiner, die doch immer irgendwie da ist, da war, wenn der Song läuft.
Damals hatte ich zwei Adjudanten, Theaterfreunde, beste Freunde, Kommunist der eine, im Pfarrgemeinderat der andere. Eine Zeitlang waren wir unzertrennlich, ich war Publikum ihrer Diskussionen, war Versuchskaninchen für Psychologisches und Gruppendynamisches, das sie auf der Uni gerade gelernt hatten - Lehramt, der Kommunist, Jus der Katholik - und hab im Gegenzug meine sexuelle Anziehungskraft an ihnen ausprobiert – nicht ohne stetig zu betonen, dass ich um unser Freundschaft willen, keinen von beiden erhöhren könne, wolle.
An jenem Abend waren wir beim Kommunisten daheim, in der bürgerlichen Wohnung seiner Eltern, er, der Katholik und C, der ein paar Monate später, der erste Mann war mit dem ich geschlafen habe. Er war ein schöner Mann, androgyn, auch am Theater, Objekt der Begierde unseres Prinzipals. Sie hätten einmal eine Beziehung gehabt, wurde gemurmelt, verrieten mir meine Freunde. Er hatte die Dietrich gespielt. Jetzt war er Regieassistent bei dem Stück, in dem wir drei auftraten. Kassetten liefen mit Italienischem, Buona Notte, Fiorellina , Avanti Populi, Wolf Biermann und schließlich Degenhardt sangen für uns an diesem Abend, selbstgewuzelte, ein Hauch von Gras. Ich lag am Boden, ein wenig betrunken, die Beine weit über meinen Kopf an ein Bücherregal gelehnt. C. neben mir, seitlich auf seine Hand gestützt, er betrachtete mich, Schneewittchenwimpern über braunen Augen, wir sprachen über Theater, verstecktes Theater, glaub ich. Ich spielte mit einer großen Tixorolle, rollte sie über meinen Körper bis hinauf zu den Zehenspitzen und wieder retour, ich hob wohl das Becken dabei, im Rhythmus der Musik. Es muss gewirkt haben, denn C küsste mich und das hat gewirkt. Ich hab ihn dann, Monate später, gebeten mit mir zu schlafen. Wir hatten keine Beziehung, nicht mal ein richtiges Verhältnis, wir hatten Sex, hin und wieder...und ich liebte ihn lange Jahre dafür.
All das und mehr sehe ich, immer wenn die Schmuddelkinder laufen und mir der Erstgeborene Türen in meine Leben öffnet…Sie geben mir Trost die Kopffilme, die vom ungeheuren Reichtum an Erlebtem erzählen, den mein Leben über mir ausgegossen hat.
„Am Morgen noch Traube / am Mittag Rosine / am Abend schon Wein", singt Biermann in meinem Kopf.

Damals hatte ich zwei Adjudanten, Theaterfreunde, beste Freunde, Kommunist der eine, im Pfarrgemeinderat der andere. Eine Zeitlang waren wir unzertrennlich, ich war Publikum ihrer Diskussionen, war Versuchskaninchen für Psychologisches und Gruppendynamisches, das sie auf der Uni gerade gelernt hatten - Lehramt, der Kommunist, Jus der Katholik - und hab im Gegenzug meine sexuelle Anziehungskraft an ihnen ausprobiert – nicht ohne stetig zu betonen, dass ich um unser Freundschaft willen, keinen von beiden erhöhren könne, wolle.
An jenem Abend waren wir beim Kommunisten daheim, in der bürgerlichen Wohnung seiner Eltern, er, der Katholik und C, der ein paar Monate später, der erste Mann war mit dem ich geschlafen habe. Er war ein schöner Mann, androgyn, auch am Theater, Objekt der Begierde unseres Prinzipals. Sie hätten einmal eine Beziehung gehabt, wurde gemurmelt, verrieten mir meine Freunde. Er hatte die Dietrich gespielt. Jetzt war er Regieassistent bei dem Stück, in dem wir drei auftraten. Kassetten liefen mit Italienischem, Buona Notte, Fiorellina , Avanti Populi, Wolf Biermann und schließlich Degenhardt sangen für uns an diesem Abend, selbstgewuzelte, ein Hauch von Gras. Ich lag am Boden, ein wenig betrunken, die Beine weit über meinen Kopf an ein Bücherregal gelehnt. C. neben mir, seitlich auf seine Hand gestützt, er betrachtete mich, Schneewittchenwimpern über braunen Augen, wir sprachen über Theater, verstecktes Theater, glaub ich. Ich spielte mit einer großen Tixorolle, rollte sie über meinen Körper bis hinauf zu den Zehenspitzen und wieder retour, ich hob wohl das Becken dabei, im Rhythmus der Musik. Es muss gewirkt haben, denn C küsste mich und das hat gewirkt. Ich hab ihn dann, Monate später, gebeten mit mir zu schlafen. Wir hatten keine Beziehung, nicht mal ein richtiges Verhältnis, wir hatten Sex, hin und wieder...und ich liebte ihn lange Jahre dafür.
All das und mehr sehe ich, immer wenn die Schmuddelkinder laufen und mir der Erstgeborene Türen in meine Leben öffnet…Sie geben mir Trost die Kopffilme, die vom ungeheuren Reichtum an Erlebtem erzählen, den mein Leben über mir ausgegossen hat.
„Am Morgen noch Traube / am Mittag Rosine / am Abend schon Wein", singt Biermann in meinem Kopf.

katiza - 14. Mär, 13:44
13 Kommentare - Kommentar verfassen - 0 Trackbacks
1762 mal erzählt
steppenhund - 14. Mär, 14:45
Geh doch in die Oberstadt ...
Ist Wien eigentlich die Oberstadt?
Ist Wien eigentlich die Oberstadt?
katiza - 14. Mär, 14:56
Nein, Wien war wohl eher Schmuddelkinder, Herr Steppenhund, ;-) von Tirol aus betrachtet, der schlechte, unaufgeräumte Osten...im Gegensatz zum fleissig, tüchtig, sauberen Heimatland.
In Hall, der Heimatsstadt meiner Mutter gab es die Oberstadt, wo die "guten" Leute gewohnt haben und die Stadtteile am Inn, wo die Arbeiter und "Karrner" zuhause waren. Wenn ich einen "Verehrer" hatte wurde immer im Telefonbuch nach gesehen, was dem sein Vater so machte und wo die wohnen.
Meine zwei Adjudanten waren eigentlich auch sehr Oberstadt, wir spielten damals eher Schmuddelkinder, als dass wir mit ihnen spielten...
Nante - 14. Mär, 15:55
so ist meine Tine
und dennoch:
Das kann doch nicht alles gewesen sein ...
und deshalb sind Kopffilme---- nicht nur für Sie ---- so wichtig ... mir scheint, dort findet - ist frau/man mal etabliert - das donnernde Leben statt ....
darf ich an Ihrem BLOG- leben so von Zeit zu Zeit teilnehmen ...
Das kann doch nicht alles gewesen sein ...
und deshalb sind Kopffilme---- nicht nur für Sie ---- so wichtig ... mir scheint, dort findet - ist frau/man mal etabliert - das donnernde Leben statt ....
darf ich an Ihrem BLOG- leben so von Zeit zu Zeit teilnehmen ...
katiza - 14. Mär, 16:10
Oh ja, Frau Nante, immer willkommen - die Tine Nummer habe ich leider nicht bei den Tuben gefunden, die fand ich so schön, endlos lange nicht gehört...
Jossele - 14. Mär, 17:58
Spiiiel nicht mit den Schmudelkindern, sing nicht ihre Lieder...
seufz
Selten war und ist etwas so treffend.
Verrauchtes Zimmer, Debatten über die Befreiung des Proletariats, Herumlungern auf Matratzen, Tasten.
Na eh klar war jeder ein Schmudelkind und sowieso Proletariat, also errettenswert.
Gerti hat sie geheißen, und, na ja, aber das ist eine andere Geschichte.
Also, die arbeitenden Massen haben wir kein Stück weiter gebracht, weil da war dann die Abspaltung der Trotzkisten von den Leninisten, und das Spiritusvervielvältigungsabzugsgerät haben die Leninisten mitgenommen, also nix mehr mit Stimme ans Volk.
Manch eine GenossIn ist heut erpicht drauf, dass die Schmudelkinderzeit ganz tief vergraben bleibt, schad.
Schmudelkinder haben was, da sollten wir uns dran beteiligen!
seufz
Selten war und ist etwas so treffend.
Verrauchtes Zimmer, Debatten über die Befreiung des Proletariats, Herumlungern auf Matratzen, Tasten.
Na eh klar war jeder ein Schmudelkind und sowieso Proletariat, also errettenswert.
Gerti hat sie geheißen, und, na ja, aber das ist eine andere Geschichte.
Also, die arbeitenden Massen haben wir kein Stück weiter gebracht, weil da war dann die Abspaltung der Trotzkisten von den Leninisten, und das Spiritusvervielvältigungsabzugsgerät haben die Leninisten mitgenommen, also nix mehr mit Stimme ans Volk.
Manch eine GenossIn ist heut erpicht drauf, dass die Schmudelkinderzeit ganz tief vergraben bleibt, schad.
Schmudelkinder haben was, da sollten wir uns dran beteiligen!
katiza - 14. Mär, 18:31
Ja, wie Sie richtig bemerken Herr Jossele, das ist uns auch in den Sinn gekommen, das mit dem treffend:
Eines Tags in aller Helle
hat er dann ein Kind betört
und in einen Stall gezerrt.
Eines Tags in aller Helle
hat er dann ein Kind betört
und in einen Stall gezerrt.
Nante - 14. Mär, 18:06
ein kleines Einstandsgeschenk
http://lh4.ggpht.com/_YMizt2O-Xx4/S50T0SzpLyI/AAAAAAAAIr4/pL7zUHTSBWc/s640/IMGP3822.JPG
http://lh4.ggpht.com/_YMizt2O-Xx4/S50T1lQgAWI/AAAAAAAAIr8/MdzobrEb3kQ/s640/IMGP3823.JPG
vom Plattencover fotografiert
so von Tine zu Tine - Schmuddelkind zu Schmuddelkind
mir musste man das nicht verbieten: wir waren daheim 6 Kinder --- das reichte bei vielen "Unschmuddeligen" aus, uns so zu sehen ..
naja: zugegeben: einem meiner drei kleinen Brüderchen rann im Winter beim "Gassigehen" immer irgendwie die Rotznase ...
http://lh4.ggpht.com/_YMizt2O-Xx4/S50T1lQgAWI/AAAAAAAAIr8/MdzobrEb3kQ/s640/IMGP3823.JPG
vom Plattencover fotografiert
so von Tine zu Tine - Schmuddelkind zu Schmuddelkind
mir musste man das nicht verbieten: wir waren daheim 6 Kinder --- das reichte bei vielen "Unschmuddeligen" aus, uns so zu sehen ..
naja: zugegeben: einem meiner drei kleinen Brüderchen rann im Winter beim "Gassigehen" immer irgendwie die Rotznase ...
katiza - 14. Mär, 18:28
Die Eier im Glas... ich hab sie zum Spaß gekocht mit Muskat, Rosinen, Dillspitzen, Salamiwurstschnitzeln, die hatte ich grad...ach wie schön, wie wunderschön, vielen Dank, Frau Nante....
Bubi40 - 14. Mär, 23:22
die politischen lieder ...
mit interesse folge ich dieser diskussion. es ist für mich die bestätigung meiner meinung, dass die lieder der "barden" jener zeit bestand haben, die ihre "politische aussage" anhand von ganz "menschlichen" themen trafen. degenhardt ist ein gutes beispiel - s.o.
ich hatte das glück und die freude über viele jahre das "festival des politische liedes" in berlin (hauptstadt der ddr) als kameramann und regisseur zu begleiten. und, und das will ich hier sagen, die agit - prop gesänge der gruppe "oktoberklub" und ähnliche fanden nur gelangweilte gesichter und lediglich den "verordneten" beifall eingeschleuster claqueure. das verpacken der botschaft zwischen den zeilen war und ist eigentlich der schlüssel des erfolges der barden.
ich kann es mir nicht verkneifen, hier das lied vorzustellen, das befallsstürme hevorrief. ich klatsche noch heute in gedanken mit.
entschuldigung für mein eindringen, ich bin schon wieder weg ...
ich hatte das glück und die freude über viele jahre das "festival des politische liedes" in berlin (hauptstadt der ddr) als kameramann und regisseur zu begleiten. und, und das will ich hier sagen, die agit - prop gesänge der gruppe "oktoberklub" und ähnliche fanden nur gelangweilte gesichter und lediglich den "verordneten" beifall eingeschleuster claqueure. das verpacken der botschaft zwischen den zeilen war und ist eigentlich der schlüssel des erfolges der barden.
ich kann es mir nicht verkneifen, hier das lied vorzustellen, das befallsstürme hevorrief. ich klatsche noch heute in gedanken mit.
entschuldigung für mein eindringen, ich bin schon wieder weg ...
katiza - 15. Mär, 07:07
Vielen Dank, Herr Bubi 40, für den Wader, schön auch das private im politischen, die selbstgestrickten Hosen....und schön, dass Sie vorbeischauen....
schneck08 - 15. Mär, 00:01
oh, wie schön, frau katiza!
(sie haben mich gerade in jene zeit zurückgeworfen, zu der ich als knapp-zu-spät geborener nur noch halb-initiativ gehörte, mich bei den ein paar jahre später folgenden menschenketten und höchstemanzipationsdebatten aber als fast schon "zu alt" für eine echte prägung betrachten konnte. bis heute bin ich leitlos in diesen dingen, ich musste mir meine haltung aus dem selbst, dem 'dazwischen' besorgen, war weder inhaftiert noch hausbesetzend und doch bekennend und symphatisierend, ohne jedoch jemals steinewerfender akteur gewesen zu sein. und ich meinte irgendwann schon bald festzustellen, dass all' diese dinge oft mit dem sexkram und der familie und diesen unbekannten psychologischen dingen zu tun haben. bis ins heute habe ich mir diese betrachtungsweise hinüberretten können, ich fuhr damals einen blauen motorroller, war gegen atomkraftwerke und für den echten anarchismus, hörte verlassenen mädchen zu und führte den hund aus, weshalb ich irgendwann anfing, zu zeichnen. /was ich aber eigentlich sagen wollte, das ist, dass sie das alles mal wieder wunderbar verknüpft haben und sehr treffend! herzlich, ihr schneck ;-) )
(sie haben mich gerade in jene zeit zurückgeworfen, zu der ich als knapp-zu-spät geborener nur noch halb-initiativ gehörte, mich bei den ein paar jahre später folgenden menschenketten und höchstemanzipationsdebatten aber als fast schon "zu alt" für eine echte prägung betrachten konnte. bis heute bin ich leitlos in diesen dingen, ich musste mir meine haltung aus dem selbst, dem 'dazwischen' besorgen, war weder inhaftiert noch hausbesetzend und doch bekennend und symphatisierend, ohne jedoch jemals steinewerfender akteur gewesen zu sein. und ich meinte irgendwann schon bald festzustellen, dass all' diese dinge oft mit dem sexkram und der familie und diesen unbekannten psychologischen dingen zu tun haben. bis ins heute habe ich mir diese betrachtungsweise hinüberretten können, ich fuhr damals einen blauen motorroller, war gegen atomkraftwerke und für den echten anarchismus, hörte verlassenen mädchen zu und führte den hund aus, weshalb ich irgendwann anfing, zu zeichnen. /was ich aber eigentlich sagen wollte, das ist, dass sie das alles mal wieder wunderbar verknüpft haben und sehr treffend! herzlich, ihr schneck ;-) )
katiza - 15. Mär, 07:20
Ach, Herr Schneck, ich bin ja da auch eine Zu-spät-geborene, aber mit dem Herzen war ich schon irgendwie immer dabei (auch bei Woodstock und so - obwohl die Au hab ich versäumt, da war ich zu knapp in Wien, demonstriert habe ich dann später immer wieder und tus noch heute, wenn's mir angebracht scheint und manchmal war ich auch verlassenes Mädchen, auf der Suche nach einem Zuhörer, am besten Dichter oder Maler, politische Liedermacher sind mir keine begegnet, ein Punksänger schon, aber der arbeitet heute auch beim Radio - der Kommunist bietet übrigens nach Jahren im Lehramt Software-Lösungen an, der Kirchenrat hat Bücher über den Föderalismus geschrieben und er, der erste Mann in meinem Leben, ist noch immer schön und mittlerweile wichtig beim Radio dort - so ist das nämlich!
rosmarin - 15. Mär, 23:45
*liest kopfnickend text und comments, summt und erinnert sich... vergnügt*
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