...und wartet...

17
Apr
2015

Und (er)wartet, heute

Rudi hab ich im Zug getroffen, wo sonst? Er scheint noch immer der alte Schwerenöter zu sein. Schon beim Warten am Bahnhof hat er mich gemustert und schien zu flirten. Im Zug – wir fuhren beide 1. Klasse legte er dann richtig los. Und ich muss gestehen, ich bin auf sein Spiel eingegangen, teils aus Neugier, teils, weil er durchaus ein charmanter und interessanter Unterhalter ist. „Oh, eine Bahnfahrerin“, begann er das Gespräch, als ich die Vorteilscard zückte. Wir fuhren bis Salzburg gemeinsam, er teilte seine Brötchen mit mir und schließlich tranken wir ein Bier. „Sie sind eine Genießerin“, meinte er.

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Er erzählte mir von den aufregendsten Bahnstrecken der Erde, die er bereist hatte, vom Wolkenzug und der Transsibirischen: „Jetzt in der Pension habe ich endlich die Freiheit zu leben.“ Er trug keinen Ehering. „Ich habe keine Kinder“, erklärte er, fast entschuldigend, aber viele Enkel. Er engagierte sich offenbar bei einem Lernunterstützungsprojekt. „Für Kinder mit Migrationshintergrund, da fällt mir übrigens ein lustiger Spruch ein…ach, lassen wir das.´´ Das hätte ich ihm nicht zugetraut.

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Knapp vor Salzburg konnte ich nicht mehr anders: „Und all diese Reisen haben Sie allein gemacht?“ „Allein? Ist man das nicht immer?“ Als ich ausstieg, drückte er mir seine Karte in die Hand: „Gehen wir auf einen Kaffee?“ „Lieber nicht“, diese ehrlich Antwort habe ich mir angewöhnt: „Aber falls wir uns wieder im Zug treffen bis später im Leben….“ Er hatte mir keine einzige Frage über mich gestellt, Rudi.

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Mehr über Rudis kleine Welt auf Schienen heute Abend in der UNFASSBAR in Wolkersdorf. Beginn 19 Uhr.
539 mal erzählt

16
Apr
2015

Und (er)wartet, Hannah

Und dann habe ich Hannah getroffen. Gut sieht sie aus mit den kurzen Haaren, stolz hat sie ihr Buch präsentiert. Ganz schön gut besucht war die politische Buchhandlung, als sie ihr Werk vorstellte. „Upcycling, wie die Zivilgesellschaft die Welt rettet“. Ich hätte sie fast nicht erkannt, so wie sie sich verändert hat, das strahlende Lächeln. Und ich sah ihre Augen, endlich sieht man ihre Augen, die sie sonst immer hinter gezwirbelten Haarvorhängen verborgen hatte.

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Und Adelheid war stolz, dort in der ersten Reihe. Zwischendurch schob sie sich aber verstohlen und doch genießerisch die eine oder andere feine Praline in den Mund, die ihr der fesche Herr neben ihr aus einer Schachtel reichte. Mit jedem Wort ihrer Tochter schien sie zu wachsen und am Schluss genoss sie den Applaus noch mehr als diese.

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Brigitte hatte sich hereingeschlichen, als die Lesung bereits begonnen hatte. Eine tolle Frau. Sie sah aus wie damals, als hätten ihr die Jahre nichts anhaben können. Obwohl ich mir nicht sicher bin, ob sie glücklich aussah, ob sie glücklich war. Als sich ihre und Hannahs Blicke im Lauf der Diskussion trafen war aber tiefe Freude und Zufriedenheit zu spüren, selbst für mich, die Beobachterin und fast schämte ich mich.

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Später – als politisch korrekte Häppchen gereicht wurden, pirschte ich mich an Hannah heran. Da drüben stand Adelheid, eine schöne Frau auch im Alter. Sie ließ sich von ihrem Kavalier mit Häppchen und Wein verwöhnen und tätschelte immer wieder die Hand ihrer Tochter. Er hatte was künstlerisches, was von einem Weltenbummler, ein fescher Mann. Und auch Hannah war verliebt. Das war kaum zu übersehen. Auch sie hatte jemanden gefunden, der sich um sie kümmerte, ihr den Rücken stärkte. Das Handy blieb den ganzen Abend in der Tasche. Ihre Blicke und Berührungen galten der schönen Frau an ihrer Seite. Glücklich und stolz war Hannah.

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Wie alles begann können Sie morgen in der Unfassbar in Wolkersdorf im Weinviertel sehen, ab 19 Uhr.

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561 mal erzählt

30
Mrz
2015

...und (er)wartet...

Los geht’s wieder – ich wittere schon die Bühnenluft, hab das Textbuch und die Requisiten schon gesichert und freu mich auf die Landpartie. Endlich steht wieder ein toll3ster Auftritt bevor – ein lang erwartetes Wiedersehen mit jenen Figuren, die gehegt und gepflegt von drei liebevollen Müttern, inspiriert von wechselnden Vätern vor zwei Jahren das Licht der Welt erblickten.

Fanfare:
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In knapp drei Wochen sitzt Adelheid also wieder im Krankenhaus und stopft Junk in sich hinein, sie war einmal eine richtig schöne Frau. Ach und der Gustl, der arme Jan. Und Hannah ist in Tom verliebt, Reinthallers machen auf glückliche Ehe, während Annabella tatsächlich einfach nur glücklich ist. Karin kocht ihr traumhaftes Erdäpfelgulasch und Maike hat einen schlechten Lauf. Und all das muss sich Brigitte anhören. Und Moritz, hach Moritz.

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Den habe ich neulich wahrscheinlich im PoC gesehen. Ein Bäuchlein wächst ihm, nun ja, Karin und er genießen offenbar ihr Leben. Zumindest, was ich dem entnehmen konnte, was er der Frau mit dem Flat White erzählte, während er sich Filterkaffee aus der Glaskaraffe nachgoss und die Schokotarte in sich hineinlöffelte . So ein Genießer dieser Moritz. Ich hatte sie ihm ja empfohlen, ich wusste, dass er mich nicht erkennen würde, ich wusste, dass sie ihm schmecken würde.

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Und dann betrat sie den Raum, ich spürte es, sah es an seinem Blick über meine Schulter, seinem Lächeln. Ich rutsche zur Seite, aufgefädelt mit anderen Gästen auf der Holzbank. Die Wirtshausbuben vom 28 sprachen über Pläne, man scherzte und nur langsam konnte ich meine Aufmerksamkeit wieder dem Nebentisch zuwenden,versteckt hinter dem eigenen Rücken, zu neugierig war ich.

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Sie hätte gar nicht erst: „Ein tiefer Fall führt oft zu hohem Glück,“ sagen müssen. Schlanker war sie geworden, die neue Diät, gierig starrte sie Moritzens Tarte an, während sie nervös ihre Tasse drehte, trinken dürfe sie ja. „Obwohl der Kaffee ja auch schädlich ist, aber soll ich gar nichts vom Leben haben und die Sojamilch…“ Kundalini-Yoga betriebe sie jetzt, erzählte sie und von einem neuern Projekt berichtete sie: „Ich freu mich so drauf – ich bin halt eine typische Löwin.“

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So konnte nur Moritz lachen…
470 mal erzählt

22
Mai
2013

Im Hafen: Und wartet

Das Logbuch ruht. Zu sehr bin ich, sind wir beschäftigt mit Segelsetzen, Halsen, Wenden, dem Erobern und Entdecken neuer Welten, dem Kapern von Herzen und Mägen, dem Leben. Vor mehr als 750 Tagen hat der 1.Offizier hier angeheuert und wir sind in See gestochen. Was haben wir für Abenteuer erlebt, so viel in meinem Kopf und in meinen Herzen, so wenig Worte dafür, oder wenn dann oft gesprochen am Voderdeck oder in trauten Runden, bei der Salongesellschaft, den Band-WAGs oder erdacht, geschrieben und geprobt von und mit den Toll3sten.

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Ach, die Toll3sten, auf die habe ich gewartet, verzeiht mir den Beinah-Kalauer. Ich wollte immer schon meine eigene Band, bald fiel mir aber auf, dass Punk hin oder her ein Mindestansatz an musikalischem Talent dafür von Vorteil wäre. Und an dem fehlt es mir bekanntlich. Das mag auch alles dafür verantwortlich sein, dass Jonathan Richman, die Lassies oder Moe Tucker zu meinen Idolen zählen. Das Theater bot mir Bühne aber wenig Raum für Eigenes.

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Gemeinsam auf der Bühne stehen, schreiben, proben, abstimmen, checken – mit Sorgen, geteilten und getrennten, Zweifeln, Reibereien auch – aber vor allem mit inniger Liebe – auch denen zugetan, die wir geschaffen haben, unseren Figuren. Ich mag sie alle in diesem Stück, sogar den Gustl irgendwie.

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Alle Kunst ist eitel, irgendwie. Bühne und Schreiben sind Lebensträume von mir und mittlerweile gelebte Träume.Was für eine ungeheure Erfahrung war das mit den Toll3sten Weibern: Vom anonymen Bloggen zur ersten Lesung – sehen wie sich Geschichten in den Augen der Zuhörenden spiegeln, die Stimme durch den Raum gleiten lassen, atmen, mit dem ganzen Körper sprechen und lauschen – nicht allein, als buntes Trio, tolldreist. Und Applaus und Lob und Bühnenluft.

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Synonyme zu tolldreist laut Duden: draufgängerisch , dummdreist , frech, kühn, respektlos (nun ja, das eher weniger – Respekt gehört zu meinen Werten, Anm. d. Red.), schamlos , unerschrocken , ungehörig , ungeniert , unverfroren , unverschämt , verwegen. Verwegen, hach.

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Dann der Krimi: FRAUEN LIEBEN STERBEN, LaMammas Blog und Schreibe entsprungen. Erwachte Spiellust, vor und mit Profis geprobt und begeistert aufgeführt. Brecht’sch in der Verfemdung. Ich selbst vom 1. Offizier nicht nur bei der Requisite betreut, sondern tatkräftigst mit Band(en)-Erfahrung. Und Applaus und Lob und Bühnenluft.

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Davon können wir nicht genug bekommen. Also sind wir einen Schritt weiter gegangen und haben uns an „Und wartet“ gewagt, Warteszenen, Monologe, Dialoge, hin und her gemailt, langsam haben wir den Figuren Leben eingehaucht, oder besser noch, sie haben einfach zu leben begonnen, sich aus vielen anderen Leben; beobachteten, erlauschten, erlesenen, geteilten, gefühlten, gelebten erlebt. Das war nicht immer einfach, wenn unsere Figuren aus der Bahn gerieten, weil eine der beiden anderen Schicksalsgöttinnen etwas anderes mit ihr vorhatte. Da wurde die Ehre verteidigt und ein Leben gerettet.

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Seit sie Gestalt angenommen haben, begegne ich unseren Wartenden immer wieder. Da steht Rudi an der Straßenbahnhaltestelle und Hannah hört ein Lied im Radio, Moritz liest im Kaffee gegenüber den Standard und manchmal spricht Meike aus mir.

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Zwei Mal haben wir „Und wartet“ nun schon gespielt und es hat gefallen, den meisten zumindest. Sicher es gab auch Kritk und vielleicht wäre es schöner, wenn wir die Texte auswendig könnten, oder wenn wir Musik dazu spielen würden. Vielleicht kennen nur wir solche Menschen, wie wir sie schrieben, darstellen, aber in uns lebt jede einzelne, jeder einzelne von ihnen. Vielleicht machen wir auch einfach nur eine Art Episches Theater. Sowohl das Epische, als auch das Theatralische liegen uns ja in allen Lebenslagen.
In diesem Sinne: Danke meine toll3sten Freundinnen, danke liebes Hilfskommando, danke liebes Publikum, Ich freu mich schon aufs nächste Mal.

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Und Applaus und Lob und Bühnenluft. Toll3ste, ich liebe euch.


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Allzeit gute Fahrt und eine Handbreit Wasser unter dem Kiel…
730 mal erzählt

28
Feb
2013

Hannah

Ich schäme mich. Ich schäme mich. Ich schäme mich. „Der Papa ist tot“, hat mir die Mama auf die Mailbox gesagt. Irgendwie hat sie erleichtert geklungen. War sie, war ich ja auch. Ich hatte den Typen gerade aus meiner Wohnung komplimentiert und als erstes mein Handy abgehört. Ja blöd von mir. Tom wird sich ja doch nicht mehr melden. Das ist vielleicht besser so.

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Der Papa ist tot. Vor einer Woche war ich das letzte Mal bei ihm. Ich habe mich so aufgeregt, wie er die Leute dort behandelt und habe ihm das auch gesagt. Dann hat er mich raus geschmissen. Und jetzt ist er tot. Irgendwie kann ich das noch gar nicht fassen. Als ich klein war, waren wir manchmal fischen, nur er, ich und Dosenbier. Ich hab es holen dürfen und mir was kaufen. Manchmal hat er von Amerika geschwärmt. Ich hab mir damals vorgenommen, dass ich meine Eltern einmal auf eine Amerikareise einlade.

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Ich mochte das Angeln. Er zeigt mir wie man die Fische tötet und ausnimmt. Ich mochte die Zeit mit ihm und wenn er pfiff, wenn wir zum Heurigen gingen. Aber irgendwann nahm er mich nicht mehr mit oder ich wollte nicht mehr mit. Da war ich am Gymnasium. Meine Volksschullehrerin hat das für mich durchgesetzt. Papa war nicht begeistert, das hat ihm viel Geld gekostet. Der Mama hat der Gedanke gefallen. Sie hat immer von den guten Partien geträumt, die ich dort machen könnte. Dass ich Wirtschaftsforscherin werde, hat sie nicht gedacht. Ein zwei Mal war ich im Fernsehen zu Wort gekommen; da war sie recht stolz.

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Sonst haben sie sich meistens geschämt, weil ich so anders war, weil sie so wenig von mir wussten, weil ich selten heim kam, weil ich eine Zeit lang Dreads trug, weil ich keine Familie habe. Und keinen Mann. Weil ich eine Flitschen bin, wie der Papa immer wieder gezischt, geflucht, gebrüllt hat. Und keiner eine Flitschn will, heiraten will.
Ich wollte niemanden heimbringen. Ich habe mich geschämt, nicht weil ich aus einer Arbeiterfamilie bin, aber weil ich aus einer solchen bin. Was hätten die den denken sollen vom Papa, der immer mehr gesoffen hat und von der Mama, dem Denkmal der Bitternis, die Hand im Chipssackerl. Beide unpolitisch und österreichisch: ein bissl rassistisch, ein bissl homophob. Das wollte ich Niemandem aus meiner linken, queeren, politisch bewegten, ausgeflippten Partie zumuten, dafür habe ich mich geschämt.

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Aus Amerika ist nie was geworden. Sie wollten, glaube ich nicht hin. Ich habe lange gebraucht, um zu begreifen, dass sie viel für mich getan haben. Vielleicht hätte ich zum Papa gerne „Danke“ gesagt und „Ich hab dich lieb“. Das habe ich zuletzt als kleines Mädchen beim Angeln. Ich hab es ihm ins Ohr geflüstert, als er dort aufgebart lag. Die nette Frau hat mich beobachtet dabei und gelächelt. „Die Toten können uns hören, lang über das Sterben hinaus“, hat sie zu mir gesagt. Ich hoffe das sagt sie nur so. Ich hoffe, er hat mich nicht gehört und nicht gesehen, was ich getan habe, während er gestorben ist.

Gut, dass sich der Tom nicht gemeldet hat, den verdiene ich einfach nicht.
Ich schäme mich.

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Ich will doch bloß glücklich sein.
880 mal erzählt

14
Feb
2013

Rudolf

Ich frage mich, warum die Menschen immer glauben, dass Modelleisenbahnen etwas für Kinder sind. Sie hat mich auch gefragt: „Was löst das Eisenbahnspielen für Gefühle bei Ihnen aus?“

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Dabei war ich gar kein richtiges Kind mehr, als ich das erste Mal mit meines Vaters Eisenbahn „spielen“ durfte. Ich hatte gerade die erste Klasse Gymnasium geschafft, als er mich das mit ersten Aufgaben betreute. Ich durfte die Schienen gestalten, sie gebraucht aussehen lassen, ihnen Wirklichkeit geben. Lange hatte er an seiner Methode zum Einschottern und Altern der Schienen gearbeitet. Kein Gleis sieht in Wirklichkeit so aus wie nagelneue Modelbahnschienen. Ich färbte und schliff. Ich lernte Straßenbegrenzungspfoste basteln und Kopfsteinpflaster erzeugen. Das war wichtig. Unsere Welt war die Zwischenkriegszeit, Vaters Jugend. Wir schnitten Plakate aus Schulbüchern. Manche Lokomotiven musste man mit Glaceehandschuhen angreifen – das war kein Kinderspielzeug.

„Wir haben keine Kinder“, hatte Renate gesagt: „Also brauchen wir auch kein Kinderspielzimmer.“ Es ist meine „Schuld“, dass wir keine Kinder haben. Ich bin unfruchtbar, nicht impotent. Das ist ein Unterschied. Wir hätten gerne Kinder gehabt, vielleicht würde ich mich jetzt leichter tun, wenn ich einen Sohn hätte, der mir das Internet und das alles erklärt. Ich habe das Zimmer geräumt, sie hat ihr „Atelier“ dort eingerichtet.

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Ich verstehe sie. Es macht auch mich traurig, dass ich meine Gene nicht weitergeben kann. Wie gerne hätte ich mit meinem Sohn an der Anlage weiter gewerkt, ja, wohl auch mit meiner Tochter, wenn sie wie Karin gewesen wäre. Mein gütiger Engel. Wir haben uns bei der Modellbaumesse kennen gelernt. Ich mag die kleinen Geschichten, die sie in „unserer Modellwelt“ inszeniert.

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Vielleicht hätte ich Eisenbahner werden sollen, dann wäre ich jetzt schon in Pension, aber mein Vater hätte das nie geduldet. So bin ich Versicherungsjurist und ich war einmal gut. Wir hätten ein schönes Leben haben können. Reisen, die Transsibirische, der Wolkenzug. Statt dessen Kuren und Kreuzfahrten.

Ich war einmal wer, bevor sie mich in die Remise verschoben haben. Heute ist alles anders. Die Kunden sind jünger, die Partner, die Gegner und überall Frauen, jung und ehrgeizig und zickig. Jedes Kompliment wird falsch verstanden. Und ich verstehe nichts mehr.

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Ich habe damals Renate frei gestellt zu gehen, sich einen Vater für ihre Kinder zu suchen, aber sie blieb, katholisch? Aus Rache? Sie stellte die Weichen. Wir schliefen nicht mehr miteinander, wozu auch? Ich bin nicht impotent, nur unfruchtbar. Das ist nicht einfach für einen Menschen. Aber dann kam Karin.

Manchmal fühle ich mich überflüssig auf der Welt. Und dann gibt es wieder Momente, wenn ich mit meinem Engel unsere kleine Welt in Bewegung setze und während der Zug durch die Tunnel fährt, lieben wir uns. Und sie kocht und isst und trinkt und genießt. Ich mag Renates Bilder nicht.
972 mal erzählt

12
Feb
2013

Moritz

Das kann sich nicht ausgehen, nie und nimmer haben sie gesagt. Erst einzeln, dann beide zusammen, dann noch einmal einzeln. Ich erinnere mich, als wäre es gestern gewesen. Und so ging es mir gestern, als ich die beiden Horoskope in der Schublade fand. Sie haben beide dran herumgefuhrwerkt, das ist leicht zu erkennen, aber Mama war als erstes mit der Sprache raus gerückt. Schon allein deswegen, weil sich Papa sicher war, dass nur ein Blick von mir auf die Horoskope reichen würde. Doch Mama betonte noch einmal, dass Maike “nichts für mich sei“.“Pluto im 7. Haus, Moritz“, seufzte sie. Aber ich war so verliebt in die kecke junge Journalistin. Maike hielt nicht viel von Esoterik und selten mit ihrer Meinung hintan. Kein Wunder, dass das meinen Eltern nicht passte und sie daher gar nicht zu mir passen konnte. „Löwe und Steinbock, du weißt Moritz…“ – hätte ich ihr erklärt, dass ich schwul bin, hätte sie gelassener reagiert.

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„Es gibt doch so viele nette Mädchen Moritz…“ Ja – und genau das gefiel mir an Maike, dass sie nicht so war, wie die netten Mädchen, die bewegt waren von Yoga und Tai Chi, vegetarisch bis vegan, in ihren Kleidern aus Indien und Nepal, mit den flachen Schuhen und Sandalen, eso- bis hysterisch. Mit manchen war ich aufgewachsen. Nachdem sich meine Eltern mit ihrem kleinen Lebenshilfeverlag zu einer Art Szene-Stars entwickelt hatten, trafen wir uns als Kleinkinder bei Goa-Raves und in Montessori-Kindergärten und später dann bei Aufstellungen und in Tantra-Seminaren. Das war meine Welt. Mystische Mädchen und Lonesome Bear, der alte Kiffer. Ich wurde zur Achtsamkeit mit Menschen mit Menstruationshintergrund erzogen, ich bin es: Moritz, der Frauenversteher.

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Und dann Maike, die kesse Maike, die im Lederkleid blutige Steaks aß und Wodka aus großen Gebinden trank und dann auch noch Shakespeare zitierte und mir das Hirn aus der Birne blies - wow.

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Sie werden ihre wahren Werte schon erkennen, dachte ich, natürlich stritten wir nicht über Maike. Wir redeten darüber und dann schließlich nicht mehr und ich weiß nicht mehr, was schlimmer war. Sie waren großartige Eltern, wirklich großartig. Sie sind niemals ohne präzise astrologische Berechnungen irgendwohin gefahren – ob Buchmesse oder Urlaub, alles war und wurde mit Sonne, Mond und Sternen abgeklärt. Sie wollten zur Palmblattbibliothek. Sie hatten schon einen Termin dort, den 27. Dezember 2004. Sie wurden nie mehr gefunden.

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Und dann stand ich allein da mit dem Verlag und dem Leben, da hatte ich nur Maike. Sie half mir auch im Umgang mit den Medien, für die das einfach „a Gschicht“ war und hat einen Artikel über mich geschrieben. „Du musst den Schrott nicht verlegen“, sagte sie: „Den besseren Gründen müssen gute weichen.“

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Maike war super, ich habe sie sehr geliebt. Wir hatten eine verdammt gute Zeit. Ein bisschen fürchtete ich meine Eltern könnten das sehen, ein bisschen hoffte ich. Bis sie mich plötzlich verlassen hat.
882 mal erzählt
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