3
Nov
2007

Mahler 2

Ich bin mit Büchern aufgewachsen. Und mit Schlagern. Die Singles meiner Mutter in kleinen bunten Büchern, ganz fünfziger Jahre Design, sauber gebündelt. Unten links in dem Kasten mit dem Radio. "Il Pullover" und "Are you lonesome tonight". Paul Anka - mit Autogramm - "Diana". "Peter und der Wolf" hatte ich und "Der kleine Mozart". Ich las viel über Mozart. Eine "richtige" Mozart-Schallplatte hatten wir nicht zuhause, überhaupt wenig Klassik. Aufnahmen des ORF-Symphonieorchesters und schwere Schachteln mit Kutschenbildern. Darin dicke Schallplatten. Nie gespielt. Trotzdem – und obwohl ich einfach unmusikalisch bin - konnte nie auch nur Hänschen klein richtig singen und blieb im Blockflötenunterricht ein Jahr lang bei drei Liedern - habe ich mit zehn Jahren eine Zeit lang komponiert. In Notenhefte habe ich ganze Viertel- und Achtelnoten gemalt, unter der Bank, im Mathematikunterricht. Mozart eben.

Einmal als ich ganz frisch in Wien war, lernte ich eine musikalische Mutter und deren Tochter kennen. Beim Spazierengehen in der Hagenbach-Klamm. Die Mutter war geschieden, verbittert und lebenshungrig zugleich. Die Tochter war ein Geigenwunderkind. Elfenhaft, dünn, zart und scheu. Vier Jahre jünger als ich, noch ganz Kind. Die Mutter wollte wohl, dass ich ihr ein bisschen das Leben zeige, erzähle. Die Tochter hat mir Klassik vorgespielt. An einem verwunschenen Nachmittag mit warmem Licht in einer edlen Dachwohnung am Schwedenplatz hat sie mich die Unterschiede verschiedener Dirigenten hören lassen. Und ich konnte ein bisschen erahnen.

Natürlich gab es in meiner Studentenwohnung auch Schallplatten mit Rachmaninov in Budapest gekauft und Strawinskis "Le sacre du printemps". Und da war auch die sonnige Freundin, die für die Gärtnerlehre die Klavierkarriere aufgegeben hatte. Ihr Lehrer wollte sie nicht mehr unterrichten – Feuerdorn und Debussy gingen nicht zusammen. Frühstück mit Vivaldis "Vier Jahreszeiten". Dann wieder Jazz. Und Rock.

All diese Erinnerungen machen mich ein wenig hilflos auf den guten Plätzen im großen Saal des Wiener Musikvereins. Die Kontaktlinsen tun weh – dabei kann ich doch so viel besser sehen als hören. Über Welser-Möst und das Cleveland Orchestra habe ich gelesen, über Mahlers 2. Symphonie auch. Die Musik glänzt von Anfang an, golden wie der Saal, widergespiegelt von den Menschen in ihrer Ehrfurcht. Ich schließ die Augen, die entfernteren Melodien entführen mich, die großen schmerzgezeichneten holen mich zurück. Eine Totenfeier, erinnere ich mich, stand irgendwo. Die Bilder in meinem Kopf verraten nichts davon, sie strotzen vor Leben. Wenn ich die Augen offen habe, sehe ich das Orchester, so viele Menschen, die zusammen klingen und sich dabei selbst im Ganzen wahrnehmen. Die Wogen der Bewegung. Ein Geben, ein Nehmen, ein großer Atem, dem Malin Hartelius und Bernarda Fink schließlich Stimme leihen.

Alt:
O glaube, mein Herz! O glaube:
Es geht dir nichts verloren!
Dein ist, ja Dein, was du gesehnt,
Dein, was du geliebt, was du gestritten!
Sopran:
O glaube: Du wardst nicht umsonst geboren!
Hast nicht umsonst gelebt, gelitten!
Chor:
Was entstanden ist, das muss vergehen!
Was vergangen, auferstehen!


Die Musik erfasst mich, erhebt mich, umfängt mich, dringt ein und lässt mich schließlich erfüllt zurück. Und doch macht sie mich auch ein wenig hilflos, ein bisschen scheu. Ich weiß doch nicht recht, wie ich hören soll, was mit meinen Bildern ist, erlaubt, verboten? Muss ich verstehen? Wie viel muss ich wissen? Wie viel darf ich wissen? Bin doch nur fremd hier, aber eben nicht ahnungslos.

Erst beim Schlussapplaus, seh ich die Freundin im Chor. Zwischendurch hatte ich vergessen, sie zu suchen. Golden schimmert ihr Haar in all dem Gold. In der Imperial-Bar fügt sie meinem Bilderkaleidoskop ein weiteres dazu.

Dann ein Festmahl mit den Freunden. Herr Sauer tischt auf. Und auch von den Weinen lassen wir uns überraschen. Meine Welt des Schmeckens, Riechens, der Menschen. Und in mir klingt es bis jetzt.
859 mal erzählt

2
Nov
2007

Blick aus meinem Fenster in mein Leben

BlickausmeinemFensterinmeinLeben
507 mal erzählt

1
Nov
2007

Spiegelsuite

Er war ein kluger, deutscher Jung. Sohn eines Universitätsprofessors, Hamburger Bürgertum, eine gute Familie, vielleicht sogar adelig, viel Buddenbrooks in der Luft, Intellektuelle, Bildungsbürger. Piefke zwar, aber keine lauten. Bereit sich den Tirolern anzupassen, nur sprachlich nicht. Hochgewachsene Menschen, etwas blutleer. Der Sohn intelligent, näselnd, ein wenig affektiert, ein wenig spießig, ein wenig Streber, uncool und pubertierend-geil, die Tochter, zwei Jahre älter, lieblich und doch smart, fast wie aus wie die Mädchen, in den amerikanischen Serien, die wir damals noch nicht sahen. Später dann in der Kosmetikbranche. Wir tranken Gspritzte und Rotwein und fühlten uns als Existentialisten. Er war bieder, die Mock Turtle schon ein schlimmes Mädchen, wenn auch mit klassischem Anstrich, erste Theaterkontakte. "Die Hölle das sind die anderen". Er hatte schrecklich viel gelesen. Ich auch.

Ich liege mit geschlossenen Augen auf der Hofgartenwiese. Ganz im Panzer zurückgezogen. Irgendjemand klimpert "The Boxer" auf der Gitarre. Achtklassler, steht auf eine Freundin. Ich rauche. Zu sehr Sommer fürs Kaffeehaus oder wegen Renovierung geschlossen. Plötzlich näselnd eine Gegenwart mit spitzem, Hamburger S: "Hast du Kierkegaard gelesen? Tagebuch eines Verführers?" Da wusste die Mock Turtle, dass er verknallt war. Und dass er keine Chance hatte.

Im Herbst dann drei Tage Wien – Toleranzgespräche – wir waren auserkoren, drei G'scheiterln aus der Schule: der tiefkatholische Sohn des Altersheimdirektors, der Jung und die Mock Turtle. Sir Karl Popper sprach und Jeanne Hersch, Zürich brannte, wir feierten endlose Zimmerparties im Europahaus und tranken billigen Wein, waren im Bermuda-Dreieck und im U4. Ich und drei, vier schlaue Kerlchen aus ganz Österreich. Der Jung immer dabei. Intellektuelle Balzkämpfe. Hirnweitwichsen. Dalli Dalli. Möglichst viele Autoren. Keine Männer, bloß intellektuelle Buben, schwitzend, pickelig und geil. Ich das einzige Mädchen. Ein jeder wollte der Steppenwolf sein und ich sollte ihre Hermine sein. Dafür bekam ich rote Rosen im Roten Engel. Der Sohn des Altenheimdirektors blickte mich beim Frühstück besorgt an.

Am Tag sprachen dann die großen Geister in der Akademie der Wissenschaften weise Dinge, die wir in der Nacht mit Camus und Hesse zu verstehen versuchten. Der alte Otto Schulmeister moderierte intolerant. "Sind Sie Österreicher?", fragte er den jungen Mann mit der dunklen Hautfarbe, der sich zu Wort meldete. Ich war empört, und hatte gleich ein wenig weniger schlechtes Gewissen, dass ich weite Teile der Diskussion verschlief oder schlicht nicht verstand. Ich durfte das, ich war Hermine, ich war ein schlechtes Mädchen.
Den letzten Tag verbrachte ich Händchen haltend mit einem 80-jährigen Pfarrer, der in Brasilien lebte und mit Hilfe eines mitgebrachten Kassettenrekoders den Donauwalzer spielen wollte. "So eine Veranstaltung muss mit Musik ausklingen." Wir wurden Freunde und ich hab ihm nie erzählt, dass ich an seinen Gott nicht glaube. An keinen – Atheistin, Existentialistin, aber/und tolerant. Zu wenig Hermine. Er hat einmal eine Hausmesse mit meinen Eltern und mir gefeiert. Diskret hat er uns durch die Riten geführt, die uns doch allen dreien irgendwie fremd waren. Mein Elternhaus ist nicht sehr katholisch. Und doch waren sie stolz auf mich und meinen Priesterfreund mit der großen Marienliebe.

Ich trank und flirtete und ließ mich anfassen von dem Jung. Und dann ließ ich ihn leiden. Er küsste zu nass und hatte lange dünne, ungeschickt Finger, er sagte die falschen Sätze, schaute zu bettelnd und ich wahrscheinlich wollte ich ihm nicht zugerechnet werden.

"Du bist doch nur ein Spiegel mit hübschem Rahmen", zischte er mir über den Tisch im Stadtcafe entgegen: "Du hast doch gar keine eigene Persönlichkeit, du spiegelst nur." Ich war verletzt. Ich wollte Persönlichkeit sein, kein Spiegel. Und quälte ihn noch mehr. Andere auch und am liebsten die schlauen Kerlchen. "Ich aber liebte den Narziss, weil ich in seinen Augen meine Schönheit sah, Oscar Wilde", stand in lila Tinte auf einem weich gelesenen Zettel in meiner Geldtasche. "Aber wissen ob man seine Leidenschaften leben kann, wissen, ob man ihr tiefstes Gesetz – nämlich das Herz zu verbrennen, das sie gleichsam in Begeisterung versetzen - akzeptieren kann, das ist die Frage. Camus" stand auf einem anderen Zettel, Kugelschreiber.

Der Hamburger Jung ist Anwalt in Frankfurt. Der Sohn des Altenheimbesitzers ist in letzter Zeit öfters im Fernsehen und immer noch streng und gerecht. Sir Karl Popper lebt in seinen Worten Jeanne Hersch ebenso. Den Kontakt zu dem alten Priester habe ich abreißen lassen. Irgendwann dann wohl auch den zu Hermine. Und Ich bin nur ein Spiegel.

"Wir gewöhnen uns ans Leben, ehe wir uns ans Denken gewöhnen. Mythos von Sisyphos", steht im Schatzkästschen der Mock Turtle. Microsoft Tastatour, schmutzig.

Ach ja, Danke Dr. Schein.
1393 mal erzählt

26
Okt
2007

Soulmates gewinnen - Gewinnspiel

In der Hoffnung, dass vielleicht doch noch jemand das Bilderrätsel löst und sich über Luther Ingram, Earl Jean, Marv Johnson, Chuck Wright, Lalo Schifrin, Plas Johnson, Margie Joseph, Jon Lucien, Lo Borges, Eddie Holland, Bryony James, Helen Troy und Jeannie Reynolds freut, katapultiere ich diesen versunkenen Schatz ganz nach vorne. SchallplattenspielerbesitzerInnen schärft den Blick und gewinnt:

Wer als Erste oder Erste vor Allerseelen hier postet, um welche Schallplatte es sich links unten handelt, bekommt von mir eine Hochzeitsschallplatte zugesendet.

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Die Vorgeschichte: Freitag Abend beim Erstgeborenen im frisch geputzten Domizil. Mit dabei den Wein mit dem schönen Namen von der ebensolchen Weinconsulentin empfohlen: Fabelhaft! Und dazu edle Berger Schokolade. Ein Geschenk an jenem anderen Abend voller Liebe und Dankbarkeit. Der Erstgeborene freut sich über die Mitbringsel genießt und gibt zurück in seiner Währung: Soul und auch ein wenig Jazz, viel Washington – auch Dinah und anderes. Und Filme. Wie ein Archivar erscheint er mir – hineingeboren ins finsterste Kärnten, mit dem höheren Auftrag, eine ganz bestimmte Art der Kultur der zweiten Hälfte des letzten Jahrhunderts zu bewahren und weiter zu tragen. Vor allem schwarze Kultur in der absurden und doch logischen Kombination aus Soul und Jazz, Film Noir und Dokus über dunkle Geheimnisse. Von allem gibt es viel in den beiden Residenzen des Erstgeborenen. Viele Schallplatten, viele Tonträger, viele VHS Kassetten und viele DVDs. Soll ich dir das kopieren? Und statt der Musikkassetten, mit denen ich früher nach solchen Treffen das Haus verließ, brennt er mir nun DVDs. Ich tauschte die Teuflischen mit Simone Signoret gegen den Räuber Hotzenplotz, Kinder des Olymp gegen Mondovino.

Und nachdem uns so viel Gutes geschieht, haben wir beschlossen etwas zu verschenken.
825 mal erzählt

19
Okt
2007

Mops (13)

Rudolf liebt Hiros Avocado-Mango-Chili Maki. Andreas ist verrückt nach dem Chirashi des jungen Japaners und Erika bleibt es vorbehalten, Hiro morgens mit ihren Lippen zu wecken. Der angesagteste Sushi-Koch der Stadt steht schon seit Stunden in der Küche. Neben ihm schnitzt Rudolf an den Avocados, Andreas mixt einen Manhatten für Erika und sich. Tri spielt mit Murasaki. Hiro hat ihm den Welpen zum 1. Rang im Aikido geschenkt. Das Mops-Mädchen ist entzückend und Tri begeistert.

Sie hatte sie sich Genji verabredet. Sie wollte nicht verzweifelt zu Haus sitzen und ihr Schicksal beweinen. Erika wollte leben. Also traf sie sich mit ihrem Wortgeliebten im SEI, dem neuen In-Lokal. Sie fieberte dem Abend entgegen und sie genoss die Vorbereitungen. Tri war bei Ruth. Sie nahm ein ausführliches Bad, brachte ihr Schamhaar in Form, ölte ihren Körper. Es tat ihr gut, sich begehrenswert zu machen, sie war zärtlich zu sich, bemüht, sich zu lieben. Er hatte ihr Wäsche geschickt, drei Garnituren, der Märchenprinz aus dem Netz. Er überließ ihr die Wahl der Waffen: mädchenweiß mit Spitzenbesatz, ein Hemdchen, Shorts, Seiden-Stay-Ups, rot-schwarze Corsage und was strenges asiatisch Gemustertes, Strapse und Strümpfe für beide. Sie probierte alle drei an. Er wollte ihr auch Schuhe schicken. Das hatte sie verweigert. Nur in ihren eigenen Schuhen wollte sie auf eigenen Beinen stehen. Die Wäsche war edel, teuer, sie fühlte sich gekauft, teuer – wertvoll. Auf den Lippen verbotenes Rot – Rouge Interdit.
Sie betrat das Lokal und er sah gerade auf. Ihre Augen begegneten sich. Jetzt war sie davon überzeugt, dass sie wirklich gut aussah. Sie konnte sich nicht erinnern, dass sie je zuvor so wahrgenommen worden war. Fast konnte sie die anerkennenden Blicke körperlich fühlen und seltsamerweise empfand sie weder Scham noch Unsicherheit. Die Wäsche, ihr Kleid, ihre Schuhe trugen und stützten sie. Sie hatte Haltung.
Genji war haltlos. Wie er da saß, wie er sprach, wie er aß, wie er trank und wie sie noch feststellen sollte, wie er vögelte. Umso faszinierender war der Koch, in dessen Augen sie sich beim Betreten des Lokals gespiegelt hatte. Genji hatte einen Platz direkt an der Sushi-Theke reserviert. Sie beobachte fasziniert die schnellen und präzisen Bewegungen der perfekt manikürten Hände des attraktiven Asiaten mit dem Wiener Schmäh. Hiro kontrollierte das Lokal ergänzt von seiner Schwester Aoko, die ihm gegenüber eine Suppen-Insel bekochte und bediente. Das Lokal war in Yin und Yang geteilt, heiß und kalt. Es war fashionable, aber nicht wirklich ideal für ein Date. Genji suchte den Wein aus. Sie tranken Sauvignon Blanc von Sabathi aus der Südsteiermark. "Wunderbar für Motorradtouren die Gegend", er sprach ununterbrochen, berührte, nein, begrapschte sie. Sie ließ es geschehen, das Reden, die Berührung, sie war gewillt diese Nacht einfach geschehen zu lassen. Er genoss die exhibitionistische Atmosphäre. Sie weniger, aber das hing wohl auch ein wenig mit der Anziehungskraft des Kochs zusammen.
Natürlich schliefen sie miteinander und abzüglich aller moralischen Bedenken, die sich trotz (und auch wegen) heftigen Konsums von Alkohol und anderen Drogen einstellten, war es Erikas wildeste Nacht. Der Sex mit Genji damals war Sex pur, befreit vom Mäntelchen der Liebe und ohne jegliche Aussicht auf eine Zukunft. Dafür mit großer Vergangenheit – lange genug hatten sie sich verbal Lust bereitet, so wussten sie über die wechselseitigen Vorlieben und Sehnsüchte Bescheid.
Als Erika im Morgengrauen ins Taxi stieg, war sie wund zwischen ihren Schenkeln, die Beine taten weh und überall trug sie Male der Lust. Sie fühlte sich großartig. Ihr letzter Gedanken vor dem Einschlafen galt dem asiatischen Koch und seine perfekten Händen. Ihre eigene Hand auf ihrer müden Muschel schlief sie ein. Nicht einmal eine Woche später war sie mit Ruth im SEI. An Hiros schmutzigem Grinsen merkte sie, dass er sie wohl wieder erkannte. Drei Monate später war er bei ihr eingezogen.

Es läutet. Wahrscheinlich Rita und Leo. Sie fehlen noch, um die Tafelrunde komplett zu machen. Erika springt auf, um der Freundin die Türe zu öffnen. Sie rutscht fast auf Murasakis kleiner Verlassenschaft aus. "Tritt ins Glück", lacht Andreas, die anderen stimmen ein. Kurz trifft ihr Blick Rudolfs, sie lächeln sich an und sie liebt ihn in diesem Moment mehr als während ihrer ganzen Ehe. Hiro küsst sie in den Nacken und Tri kugelt am Boden und lacht Tränen. Es wird Zeit die Türe zu öffnen.
Das Leben ist wunderbar – in ihrem Universum.
(Schluss)
663 mal erzählt

18
Okt
2007

Der Vater der Freundin

Vor etwa einem Jahr – als ich gerade Zaungast im Leben der Freundin wurde – bangte sie um ihren Vater. Eine Angst, die ich nachvollziehen konnte, da auch ich mich um die Eltern sorge. Als die Angst konkret wurde und sie Stunden um ihn bangte, war ich ihr schon nah genug, ihr mit kurzen Nachrichten beizustehen. Jetzt, wo wir fern und nah zugleich, fast täglich das Leben teilen, durfte ich die kraftvolle Rückkehr des Vaters erleben. Ohne sie, für sie.
Kaum hatte er die Bühne betreten, war er aufgetreten, erschien mir der Mann, den ich bisher nur gezeichnet kannte – in diesem Bild, in ihren Worten – vertraut: Lange schlanke Glieder und dieselbe Haltung, aufrecht, gerade und manchmal fast ein wenig steif, ein Eindruck, der sich aber schnell wieder auflöst, wenn er sich zuwendet dem Quartett, das ein Quintett ist, dem lernenden Publikum. Und wenn die Worte wachsen, beflügelt von Begeisterung, lösen sie sich bei ihm wie bei ihr manchmal aus dem wohl gewählten Gerüst. Beide können so streng wirken in Haltung und Worten und doch brechen beide immer wieder aus, wie edle Pferde, die die Dressur beherrschen, aber sich den Fohlenwillen bewahrt haben.
Am ähnlichsten aber scheinen Vater und Tochter in jenen Momenten, wo sich ihr Blick nach innen kehrt und sie das Angebotene prüfen, der Vater die geliebte Musik, die Tochter den edlen Wein. Ganz abgeschlossen erscheinen sie in diesen Momenten, die sonst so Aufgeschlossenen. Und dann erscheint jenes feine, kaum wahrnehmbare Lächeln – für gut befunden. Ob sie es manchmal auch einander schenken?
783 mal erzählt

15
Okt
2007

Mops (12)

Es war wie in einem schlechten Film. Erika war in die Tiefgarage gegangen, um den Müll wegzuwerfen – auf dem Weg zu Ruth, wo sie Tri abholen wollte. Er wollte heute noch mit Marcel Gassi gehen und später mit seinem Vater ins Kino. Sie war abgelenkt und formulierte in Gedanken ein Mail an Genji. Warum sie rüber zum Familienauto schaute, blieb ihr ein Rätsel. Als sie die Bewegungen darin wahrnahm, war sie irritiert. Rudolf hatte schon vor einer halben Stunde das Haus verlassen und es war auch nicht sein Kopf, der sich da an die Scheibe drückte. Dass sie sich anschlich, war ebenso lächerlich wie unvermeidbar. Sicher, sie hätte auch Lärm schlagen können, aber es lag eher in ihrer Natur, sich erst Klarheit zu verschaffen. Seltsamerweise war sie beruhigt, als sie Andreas erkannte und erst später verwirrt. Dann fragte sie sich, was er in ihrem Auto tat und woher er die Schlüssel hatte. Und dann begann die Zeitlupe.
Wenn der Fluss der Erkenntnis zu strömen beginnt, dann oft in slow motion. Langsam, unendlich langsam, erkannte sie ihren Mann in seinem Schoß. Und gleichzeitig bewegte sich der Strom ihrer Gedanken fast forward. Bilder blitzten auf, Puzzelteile fügten sich zusammen, Worte fanden sich. Und in Sekundenbruchteilen erlebte sie die ganze Palette ihrer Gefühlswelt. Während all dem blieb sie wie angewurzelt stehen und konnte keinen Blick von der Szene wenden. Sie näherte sich so weit es ging. Fasziniert sah sie Rudolfs Kopf, der sich rhythmisch bewegte. Sie sah die Lust in Andreas' Gesicht. Sah wie seine Hände ihren Mann kontrollierten, leiteten, führten, sah seine geöffneten Lippen, geschlossene Augen. Ja, sie glaubte sogar, sein Stöhnen zu hören. Tränen kamen ihr, das Bild verschwamm und sie löste sich von dem Anblick.
Im Aufzug begann sie dann endlich richtig zu weinen. Hemmungslos zu schluchzen. Sie konnte auch nicht aufhören, als jemand zu stieg und war dem Fremden für sein Schweigen dankbar – und dafür, dass er fremd war. Auch dafür, dass er sich bemühte, zur Seite zu sehen. In ihrer Wohnung angekommen, trank sie Vodka. So konnte sie auf keinem Fall zu Ruth, so konnte sie vor allem Tristan nicht gegenüber treten. Es fühlte sich an als hätte sie U-Bahnen im Kopf. Die Gedanken rasten in verschiedene Richtungen. "Bitte zurücktreten. Zug fährt ein." Sie schubsten und drängelten, auf mehreren Etagen, ganz tief drinnen. Fuhren ein, fuhren aus. Sie wusste nicht, auf wen sie zorniger war, den Mann, der sie betrogen oder den Freund, der sie verraten hatte. So viele Lügen. Alles erschien in einem anderen Licht. Nichts war mehr wirklich.
Und plötzlich wurde sie ganz ruhig. Sie beobachtete sich selbst, wie sie die Treppen hinauf ging, um sich das Gesicht zu waschen. Das eiskalte Wasser tat gut und als sie wieder aufblickte erschrak sie ein wenig über die Augen, die sie aus dem Spiegel ansahen. War das sie?
Rudolfs CD-Regal war wohl geordnet. Sie fand daher Lohengrin sofort. Sie legte die CD auf. Drehte die Anlage auf Anschlag. Dann schrieb sie eine SMS an zwei Männer: "ich habe euch gesehen. tristan holt marcel in einer halben stunde." Dann ging sie zu Ruth. Vorher zog sie noch den Lippenstift nach. Elsa sang.
(Fortsetzung folgt)
706 mal erzählt

12
Okt
2007

Mops (11)

"Zwischen den Schenkeln
atme ich Glückseligkeit.
Der Wein ist jetzt reif."

Genjis Haiku gefiel ihr. Seit Wochen beobachtete sie seinen Blog. Er interessierte sie - nicht nur auf Grund seines Namens. In langer Archivlektüre machte sie sich ein Bild von ihm. Die Japan-Affinität hatten sie gemeinsam und er hatte sich nach dem Roman oder zumindest dem Manga, nicht nach dem Computerspiel benannt. Vielleicht sprach er sogar japanisch. Er mochte Kruder & Dorfmeister. Und er hatte schrecklich viel gelesen.
Vielleicht auch daher diese erotische Magie der Worte. Texte, die sie dazu brachten, sich selbst zu berühren, mit der Hand unter den Pullover zu fahren und die nackte Haut zu fühlen, die Finger zwischen die zusammen geschobene Haut zu betten, während sie las. Manchmal hatte sie auch die Hand im Höschen und kraulte zärtlich ihr Schamhaar – nicht mehr. Sie mochte die weiche Haut zwischen den borstig gelockten Haaren. Sie streichelte auch gerne die kleinen Stoppeln ihrer "Bikinizone". Sie rasierte sich nur das Nötigste. Rudolf hingegen war seit drei, vier Jahren haarlos. Das war plötzlich gekommen, wieso wusste sie nicht. Fragen wollte sie nicht, Über so etwas sprachen sie nicht. Damals hatte auch sie sich einmal glatt rasiert. Sie hatte gehofft, es gefiele ihm. Angewidert hatte er sie angesehen. "Ich bin doch nicht pädophil." Als er das nächste Mal kam, waren die Haare schon wieder nachgewachsen. Er hatte dann mit ihr geschlafen – wie zur Belohnung.
Morgens nachdem Tri in die Schule gegangen war, fuhr sie den Computer hoch. Genji war einer der ersten, die sie besuchte. Dann kamen noch ein paar andere, ein, zwei auch von seiner Blogroll. Sie antwortete schließlich:

"Worte berühren mich.
Gedanken werden gedacht.
Die Sonne geht auf."


Die Antwort ließ nicht lange auf sich warten. "Haben Sie mich nicht geschrieben, Murasakisama?" "Sie sind gelungen", antwortete sie. Und so blieb es eine Weile. Sie kommentierten ihre Kommentare. Irgendwann bat er sie um ihre E-Mail-Adresse. Sie gab sie ihm. Nicht die richtige, die die sie mit Andreas angelegt hatte. Lange keine weiteren Informationen: nur Murasaki und Genji und jede Menge Fantasien. Irgendwann kam Skype dazu, ein zwei Telefonate sogar, aber sie mochte nicht mit ihm sprechen. Sie las die Worte gerne bevor sie ihre Lippen verließen, oft genug war sie in ihrem Leben zu laut. Und nach und nach verfiel sie dem Zauber der Worte. Und oben unterhielt sich Lohengrin mit dem Schwan.
(Fortsetzung folgt)
695 mal erzählt
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Mock Turtle

Sit down, both of you, and don't speak a word till I've finished

Who sits there?

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