Tag der Arbeit



34 Jahre lang sind sich Karl Ratzer und Harri Stojka konsequent aus dem Wege gegangen. Ihre Tonträger sind höchstens da oder dort in den Plattenregalen ihrer Fans aneinander gelehnt, aber ansonsten – glaubt man den Chronisten – herrschte Eiszeit zwischen den Roma-Cousins. Ihre Väter hatten das KZ überlebt, die Söhne verstanden es das ererbte Talent zu nutzen. Karl Ratzer holte den 13-jährigen Harri Stojka als Bassisten in die legendäre Band „Gipsy Love“ mit Kurt Hauenstein, Peter Wolf und Jano Stojka.1972 ging Ratzer dann nach Amerika, wo er mit Chet Baker, Bob Mintzer oder Chaka Khan Musik machte. 1974 stand er bei einer Österreichtour das letzte Mal mit dem jüngeren Cousin auf einer Bühne. Und dann gestern im übervollen Porgy&Bess.
Weinrot gewandet und irgendwie mächtig trat Ratzer als Erster auf – begleitet von seiner Band Scars (Tommy Hojsa: piano, keyboards, Edi Mayr: bass, Lenny Dickson: drums). Zigarette, Getränk, murmelnd und grantelnd, nur klar zu verstehen, wenn er spielte und sang. Und wie er spielte und sang. Erst nach zwei, drei Nummern kam Stojka auf die Bühne, schmäler und freundlicher, ins Publikum lächelnd, glücklich über die von ihm herbei gesehnte Versöhnung. "Die Wahl der Waffen" sei unfair, meinte in der Pause der Freund und Jazzgitarrist, der uns zu diesem Abend entführt hatte. Stojka sei kaum zu hören gewesen, erklärte er mir, die ich Musik vor allem sehe. Und ich sah Ratzer Zeichen geben, mit kleinen Gesten seine Band dirigieren und sah Stojka sich freundlich unterordnen, den Großen gewähren lassen. Auch wenn der ihn sogar einmal kurz mit seinen Vebeugungen, der Freundlichkeit dem Publikum gegenüber, die Ratzer so gar nicht zu liegen scheint, parodierte. Dazwischen Töne, unendlich schnelle Gitarrenläufe, Leidenschaft, Jazz. Im Zweiten Teil schienen sich die beiden Cousins einander doch wieder mehr angenähert zu haben und so ließ dann und wann der eine dem anderen rauchend den Vortritt. Am Schluss dann die Liebeserklärung. "Es gibt zwei große Gitarristen für mich", erklärte Harri Stojka, selbst einer der wichtigsten Jazzmusiker dieses Landes: "Django Reinhardt und Karl Ratzer." Und er verneigte sich. Der Große lächelte.

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Das Schaf hat die Blume nicht gefressen. Glaub ich zumindest. Weil der kleine Prinz damals nämlich nicht auf seinen Planeten zurückgekehrt ist. Sondern eines Tages am 25. Geburtstag der Mock Turtle, der sich ein wenig wie der 250ste anfühlte, in ihrem Bett gelandet ist. Irgendwie war er ihr vom Feste übrig geblieben, damals in der brechtigsten Zeit ihres Lebens, als sie verletzt, bereit war das Messer zu nehmen, das Mann ihr reichte. Der kleine Prinz war aber kein Mann, mehr Knabe und von einem anderen Stern.
Und so warnte sie ihn und küsste ihn trotzdem. Sie beschwor ihn, ihr fern zu bleiben, und zog ihn fest an sich. Dann zog sie ihn aus, streifte das seidene Hemd vom schmalen Körper und nahm ihn mit in ihr quietschendes Messingbett. Am nächsten Tag hatten beide blaue Flecken an den Hüften. Und obwohl gewarnt, kehrte der kleine Prinz immer wieder.
Die Mock Turtle rezitierte Brecht für ihn und er erzählte ihr von Zeppelinen. Sie fotografierte ihn auf Friedhöfen. Sie küssten sich und manchmal fürchtete sie, dass er sie zähmen könnte. Aber er versprach ihr, sie nicht zu lieben.
An manchen Tagen war sie Königin und er ihr Untertan. "Küss mich", befahl sie: "Ich habe das Recht, Gehorsam zu fordern, weil meine Befehle vernünftig sind."
An anderen Tagen war sie eitel und er ihr Bewunderer. "Ich bewundere dich", sagte der kleine Prinz, indem er ein bisschen die Schultern hob, "aber wozu nimmst du das wichtig?"
Manchmal trank sie, um zu vergessen, dass sie sich schämte, weil sie soff.
Oft, wenn sie gemeinsam tranken, zahlte sie für beide. Und sie erklärte ihm, dass er nicht ewig von Luftschiffen träumen könne, sondern dass er auch daran denken müsse, Geld zu verdienen: "Wenn du als erster einen Einfall hast und du lässt ihn patentieren, so ist er dein. Und ich, ich besitze die Sterne, da niemand vor mir daran gedacht hat, sie zu besitzen."
Wenn die Tage wie Minuten vergingen und die Mock Turtle herum wirbelte, versuchte er ihr beizuspringen: "Weißt du ... ich kenne ein Mittel, wie du dich ausruhen könntest, wenn du wolltest..." »"ch will immer", sagte die Turtle.
Doch letztendlich war es aussichtslos. Irgendwann erklärte ihm die Mock Turtle, dass ihre Küsse und die Nächte in dem quietschenden Messingbett vorbei gehen würden, dass auch die Nicht-Liebe vergänglich sei. "Aber was bedeutet 'vergänglich'?", wiederholte der kleine Prinz, der in seinem Leben noch nie auf eine einmal gestellte Frage verzichtet hatte. "Das heißt von baldigem Entschwinden bedroht'."
Schließlich bewegte sie sich weiter und weiter weg von ihm. Und küsste einen anderen, der mehr Mann war und weniger zerbrechlich. Als der kleine Prinz sie wieder einmal besuchen wollte, verschlief sie sein Klingeln in ihrem Messingbett. Sie traf sich noch einmal mit ihm, bevor der andere in dieses Bett einzog. "Du hast es doch gewusst, kleiner Prinz, dass du mich nicht lieben sollst, Ich hab dir doch vom Messer erzählt", erklärte die Mock Turtle, Und er lachte wieder. "Und wenn du dich getröstet hast (man tröstet sich immer), wirst du froh sein, mich gekannt zu haben. Du wirst immer mein Freund sein", versprach sie.
Ein Jahr später war die Mock Turtle eingeladen zur Jungfernfahrt eines silbernen Zeppelin.
Der kleine Prinz hatte ihn gebaut. Doch der Prototyp stürzte ab.
Dann ist der kleine Prinz aus ihrem Leben entschwunden.
Das Schaf lebt bei der Mock Turtle und ihrem Mann.
Der kleine Prinz streichelt hoffentlich den Fuchs, der seine Liebe mehr verdient als alle Rosen.
Und mögen seine Zeppeline fliegen.
Wie sagte Anousch 0.: Prototypen können so rührend sein.
