16
Aug
2009

Bali: Liebe und Tod auf….

Was meine Reiselektüren angeht, bin ich ein wenig wie diese Studienräte in Sandalen mit Socken. Bildungsbürgerlich greife ich neben mindestens einem Reiseführer zum passenden Roman: Also Pompeji für Neapel und Amalfiküste, Il Gattopardo für Sizilien und eben die schon erwähnte Vicki Baum für Bali. Das Exemplar, das hier vor mir auf dem Tisch liegt, ist Hardcover, Buchgemeinschaft Donauland und ich habe es aus dem Bücherregal im Wohnzimmer meines Elternhauses. Dort ist es gestanden, seit ich denken kann. Ich muss es auch gelesen haben, damals als ich dort alles las, Simmel und Dostojewski, Francoise Sagan, Arthur Hailey. Dunkel kann ich mich an das Buch erinnern, es muss wohl irgendwann in den 1960ern erschienen sein, denn auf den letzten Seiten werden Bücher empfohlen mit Worten wie: „Dieser Roman überragt kilimandscharohoch alle Fachbücher über Afrika, weil er ein Aufbruch ins Innere nicht nur des schwarzen Kontinents, sondern der Neger selbst ist!“ Heute, wo ich mit Bekannten darüber diskutiere, ob man zu einer Süßspeise nach wie vor „Mohr im Hemd“ sagen darf, mutet so etwas doch ein wenig seltsam an.

Aber zurück zu „Liebe und Tod auf Bali“. Es ist verblüffend, wie viel vom Bali des Jahres 1906, nachempfunden von einer österreichischen Schriftstellerin 20 Jahre später im heutigen Bali noch vorhanden ist. Neben Internet-Cafes, Biomärkten, Dolce&Gabbano-Läden haben Hahnenkämpfe, Hexen, Familie, Glaube und Aberglaube ihren fixen Platz. Nicht einfach für Frauen wie Birgit und Silvana, beide mit Balinesen verheiratet, Mütter entzückender Kinder, die das Beste beider Welten in sich zu vereinen scheinen. Die beiden sind wohl auch irgendwie symptomatisch für das neue Bali.

Silvana, die große Blonde aus Mecklenburg, bietet mit ihrem Mann Ketut balinesische Kochkurse an. Wir sind ihre ersten Gäste und so ist sie ein wenig verlegen als sie uns mit leichter Verspätung um 7:15 Uhr morgens vor dem Hotel abholt. Längst sind wir von den Jungs aus dem Warung auf der anderen Straßenseite umzingelt. „Where you come from? How long in Bali? Where go to? Need Transport? Want cigarette? Want Kofi?” Wir fahren zu einem nahe gelegenen Markt, wo wir die einzigen Weißen sind. Wir bestaunen und werden bestaunt. Kleine Kinder werden verstohlen auf dieses seltsame Trio aufmerksam gemacht: Die große blonde Frau, der Mann mit Zopf und Sarong, die zweite Frau mit rotem Hut.

Wann immer wir mit dem Auto unterwegs sind, begegnen uns Gruppen marschierender Frauen und Kinder. Sie üben für den Nationalfeiertag, wird uns erklärt. Silvana erinnert das ein wenig an ihre Kindheit in der DDR. Dieses Aufeinanderprallen der Kulturen ist ihr vertraut - Traditionen und Riten treffen auf das dritte Jahrtausend, eine Gesellschaft in der die Gemeinschaft das höchste Gut ist trifft auf eine Welt der Egozentrik. Manches erinnert sie an Wendezeiten, erklärt sie, und auch sie selbst und Ketut lassen sich auf diese Gradwanderung ein.

Das Huhn für unsere balinesische Kochlektion kaufen wir im Supermarkt – am Markt waren wir zu spät dran, um noch für unsere Mägen verträgliches Fleisch zu kaufen. In den Regalen finden sich jede Menge Cremen und Duschbäder zur Hautaufhellung. Silvana bemerkt meine Verwunderung: „Jeder will eben, was er nicht hat. Leider gilt auch hier, je heller, desto besser.“ Tampons gibt’s keine, die sind tabu.

Ketuts Familie lebt in Seraya Tengah, einem langgezogenen Dorf im Osten von Bali. Silvanas Schwägerin hat einen Tag vorher ein Kind bekommen, sie stillt es auf der Terrasse ihrer Hütte. Ein Schwein für das Dreimonatsfest dieses Kindes wurde bereits ausgesucht, erklärt Silvana und zeigt uns ein schwarzes Ferkel. Die ersten Zeremonien fanden bereits während der Schwangerschaft statt. In sechs Hütten lebt hier die Familie. Ketut, seine Brüder und die Eltern. Nur ein Bruder sei weggezogen, die übrigen bei der Familie geblieben, wie es sich gehört. Deswegen sind hier – wie in vielen anderen Gesellschaften – Söhne so wichtig. Und Silvana hat einen Sohn geboren, ein blonder kleiner Bub mit karamellfarbener Haut, der Liebling seiner Großmutter, die uns neugierig beobachtet. Sie weiß wohl nicht, ob sie es gut heißen soll, was ihr die fremde Schwiegertochter da ins Haus gebracht hat: weitere Fremde. Irgendwann erwidert sie dann unser Lächeln.

Die Familie hält Schweine und Hühner, zwei Hunde streunen am Hof herum, sie bauen Mais an, Ingwer und Chili. Ketut besteigt eine Kokospalme und offeriert uns frische Nüsse zum Trinken. Später dürfen wir auch vom Tuak, dem Palmenwein, den der Vater selbst aus einer Palme zapft, probieren. Er schmeckt wie Sturm und steigt schnell zu Kopf.

Samy heißt der kleine Sohn der beiden, Samy Wayan, denn die Kinder werden in Bali nach der Reihenfolge ihres Kommens benannt: Wayan heißt der/die Erstgeborenen, auch Pudu oder Gede, Made, Kadek oder Nengah heißt das zweite Kind, Nyoman oder Koman das Dritte und das Vierte Ketut – dann fängt man wieder von vorne an. Geboren wurde der kleine Bub in Deutschland, Ketut, sein Vater, war dabei.

Gemeinsam bereiten wir ein köstliches Menü zu, ein großer Teil der Zutaten stammt aus dem eigenen Garten. Silvana zeigt uns das Guesthouse, das die beiden zu bauen begonnen haben und voll Stolz auch den Kompromiss mit ihrer deutschen Herkunft: Ein richtiges Klo. „Das musst sein“, grinst sie: „Ein Thron.“ Und irgendwie kann ich sie verstehen.

Umringt von Hühnern und Hunden, die auf einen Bissen warten, verspeisen wir auf einer Bale sitzend das mit vereinten Kräften Gekochte. Als wir am Ende dieses Tages auseinander gehen sind wir fast schon Freunde. Und wir vereinbaren, dass Ketut uns am nächsten Tag um Mitternacht auf den Vulkan führen wird. Silvana bringt uns zurück in unser Hotel. Auf der Speisekarte in dem von einem Deutschen gemeinsam mit einer Balinesin geführten Haus steht etwas von „originally balinese food“, davon und vom Leben auf Bali haben wir an diesem Tag wirklich kosten dürfen.

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13
Aug
2009

Bali: Another Day in Paradise

Viele kleine Spas säumen die Straßen von Ubud und auch wir verspüren Lust uns verwöhnen zu lassen. Birgit empfiehlt uns „Ubud Wellness“ und wir gönnen uns „Kumkuman Body Wellness, eine Art Ritualbad zu Geburtstagen und Hochzeiten. Agun und Wayan heißen die beiden Frauen, die uns zwei Stunden lang verwöhnen – und es ist wirklich ein Ritual. Über eine Stunde lang finden Aguns kundige Hände all die Stellen, an denen meine Dämonen ihre schmerzhaften Spuren hinterlassen hatten und mit festen Druck merzt sie sie aus, mein Körper wird mit Kaffee eingerubbelt, sie verteilt Honig und Tamarinde auf meiner Haut, hüllt mich in Tücher, massiert Gesicht und Stirn. Der liebste und ich liegen auf zwei Betten im selben kleinen Raum und die beiden Balinesen arbeiten schweigend, Seite an Seite. Sorgfältig waschen sie die wohlriechende Paste wieder ab, wie mütterliche Fürsorge fühlt sich dieses Gewaschen werden an, unendliche Geborgenheit und Sicherheit. In einer steinernen Wanne ist in der Zwischenzeit ein Bad für uns eingelassen worden, Blüten schwimmen im Wasser, Fruchtsaft steht bereit. Sie gießen heiliges – rauchig riechendes - Wasser über unsere Köpfe und es ist ein heiliger Akt. Wir fühlen uns gesegnet.

Und so gesegnet machen wir uns auf dem Weg zum Warung Bodag Maliah – einem kleinen Bio-Restaurant inmitten der Reisfelder. Weil Ubud ein bisschen eine Aussteigerstadt ist, wo sich die guten Kräfte sammeln, steht hier Bio hoch im Kurs. Die balinesische Wirtin – Geschäfte sind hier oft Frauensache – kocht hervorragend. Besucht wird das Lokal von Internationalen Weltenbummlern. Nach einem herrlichen Mahl, spazieren wir bei Mondschein über die Reisterassen zurück in die Stadt. Glühwürmchen weisen uns den Weg und unten wartete schon wieder ein Autobesitzer auf uns: „Transport? You walked long way, must be tired.“ Doch wir verweigern, marschieren noch einmal die Hauptstraße entlang und beenden den Abend bei den Bali Blues Brothers im Ubud Jazz-Cafe. Der Besitzer selbst spielt Bottleneck und bei frisch gezapftem Bier macht der eine oder andere Kellner dem Liebsten schöne Augen. Irgendwann – kurz nach Geogia on my Mind ertönt auch noch der Stray Cat Strut und Glück und Dankbarkeit umfassen mich. Die Götter meinen es gut mit uns und auch die Dämonen haben wir wohl nicht erzürnt.

Um Mitternacht sperrt der Klub und Hand in Hand gehen wir nach Hause. Immer wieder begleitet uns ein Hund ein Stück des Weges, da oder dort ertönt ein schwaches: „Transport?“ und im Hof eines Warungs sitzt eine Gruppe junger Balinesen und raucht Gewürznelkenzigaretten, Mädels und Jungs, irgendjemand spielt Gitarre. Dann sind wir daheim.

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11
Aug
2009

Bali: Götter und Dämonen

Das Meer ist eine Frau, eine Göttin. Das weiß ich schon lange und so war es für mich gar nicht verwunderlich, dass meine erste Begegnung mit dem Meer hier in Bali ausgerechnet an jenem Abschnitt des Strands von Seminyak statt findet, der religiösen Zeremonien gewidmet ist. Eine größere Gruppe weiß gekleideter Menschen hat sich dort unter Fahnen und Baldachinen versammelt. Musik und Trommeln weithin hörbar. Ganz vorne, dort, wo das Meer den Strand küsst kniet eine Frau mit Opfergaben, zwei weitere – Schwestern, Freundinnen? – stehen bei ihr. Alles ist richtig in diesem Augenblick.

Und das Meer, die See zeigt sich im Sonnenlicht in all ihrer Göttlichkeit. Sie glänzt silbern und mächtige Wellen rollen an den Strand zu und spielen zärtlich um unsere Füße, nur um sich wieder zurückzuziehen und mit neuer Wucht auf uns zu zu rasen. Ihre Kraft taucht alles in einen sanften Sprühnebel. Gefahr und Verführung ganz eng beieinander . An Schwimmen ist nicht zu denken, sie würde einen mitnehmen, die Meeresgöttin, einfach eine weitere Opfergabe neben den vielen kleinen mit Blumen gefüllten Palmkörbchen, die sie sich geholt und verschlungen hatte.

Am Strand stehen und sitzen schöne junge Balinesen, allein, selten nur zu zweit. Sie tragen Straßenkleidung, rauchen und schauen aufs Meer. Später sehen wir den einen oder anderen wieder – in Begleitung von Urlaubern, einsamen Männern. Einer davon hat sogar seine Hand um seine „Beute“ gelegt. Die Geste scheint dem jungen Mann unangenehm, nur die Geste.

Ich denke an Walter Spies, der in den 30er Jahren hierher gekommen war, voll Sehnsucht nach der Schönheit dieser Menschen, die er auf Fotografien gesehen hatte. Auf der Insel, auf der die Liebe zu Männern kein Tabu war – sondern „ein ganz normaler Zeitvertreib unter unverheirateten jungen Männern“, wie die Anthropologin Margaret Mead bestätigte -, lebte er 15 glückliche Jahre und prägte wie kaum ein anderer den Mythos Bali. Und wer es sich leisten konnte, machte sich auf, das Paradies mit eigenen Augen zu sehen: Charlie Chaplin, Noel Coward, Barbara Hutton oder Vicki Baum, die von Spies bei den Recherchen zu „Liebe und Tod auf Bali“ unterstützt wurde.

„Manchmal wird mir ein wenig schwindlig bei dem Gedanken, daß unsere kleine Insel, so alt, so einzigartig, so paradieshaft noch trotz aller Neuerungen, daß dieses unverdorbene Stück Erde durch Flugzeuge und große Dampfer und Touristenreklame so nah an all das übrige herangezogen worden ist,“ lässt Baum im 1937 erschienenen Roman Dr. Fabius sagen.70 Jahre später ist die Welt längst in Bali angekommen und Bali in der Welt. Immer mehr Reisfelder würden zugunsten von Bungalowanlagen weichen, erklärt Made, der uns von Seminyak nach Ubud fährt. Er ist mit Birgit verheiratet, einer Österreicherin, die unsere Reise hier organisiert. Seid auch Balinesen Kredite aufnehmen dürfen, würde sich jeder ein Moped kaufen, erklärt er den chaotischen Verkehr. Und so ein Moped bietet auch Vielen Hoffnung am Tourismuskuchen mitnaschen zu können. „Taxi, Driver, Transport“ bieten die Burschen und Männer lächelnd an, die auf den Straßen Ubuds sitzen, egal, ob man ihrem Nachbarn gerade mit No abgewinkt hat. Einer hat ein Schild: „You need transport?“ staht drauf in Großbuchstaben. Als ich den Kopf schüttle, dreht er es um „Maybe tomorrow?“ steht auf der anderen Seite. Er freut sich an unserem Lachen wie an einem gelungenem Streich.

Die Götter und Dämonen aber sind nach wie vor allgegenwärtig in Bali. Überall stehen Tempel und selbst vor den In-lokalen und Edelboutiquen in Seminyak liegen täglich Opferkörbchen. Immer gefüllt mit Blumen und kleinen Aufmerksamkeiten für die Dämonen: bunten Reis, Zigaretten, Crackern, Pfefferminzbonbons, sogar einem Gläschen Schnaps. Die Verkäuferin in der Boutique flicht kleine Kunstwerke aus Palmblättern – for my ceremony – während sie auf Kunden wartet. Weiter oben, auf kleinen Plattformen wird den Göttern geopfert. Täglich Göttern und Dämonen, dem Guten und Bösen, das in uns steckt, mit Opfern und Wertschätzung zu begegnen, gehört auch im modernen Bali zum Leben, erklärt uns Birgit und erzählt von Jenen, die auf der Suche nach dem Paradies hierherkamen und nicht dazu bereit waren: Sie würden krank, verrückt oder beginnen zu trinken. In ihrem Gästehaus sitzen wir abends auf der Terrasse und hören das Spiel der Gamelan-Orchester, die in dieser Vollmondnacht die Tänze im Hof des benachbarten Agung Rai Museum of Art begleiten.

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4
Aug
2009

Ehrenwerte Besucherinnen, geschätzte Besucher,

eigentlich, Herr Schneck, brauch ich kein Venedig, der Platz an der Theke würde reichen. Aber manchmal habe ich Sehnsucht – Sie verstehen, Dr. Schein - nach schwingenden Höhen. Manchmal liebe ich auch Venedig, Sie wissen das, liebe Conalma, z.B. im Februar, und Häfen an südlichen Meeren, verehrte Anousch haben mich stets fasziniert. Ich mag Bäche im verschwiegenen Tal, Nanou und ich richte gerne meinen Fokus auf Fremde, selbst wenn die mich nicht verstehen, Madame Gaga, geht es Ihnen nicht auch von Zeit zu Zeit so? Da verzichte ich dafür sogar auf Beichten, bei wem auch immer, Herr Direktor Alberti und auf meinen Hut mit nilgrüner Schleife, Frau Frogg, und lass mich vom Reisefieber mitreißen. Mit mir unterwegs, der, der verweilt, Frau Dr. Professor Faust.
Und so hat es mich und den Liebsten auf die Insel der Götter verschlagen. Ein Vulkan hat uns hergelockt. Götter und Dämonen begleiten uns.
Und WLan for free – Sie hören von mir
Ihre ergeben Mock Turtle
feeling like the world Turtle

girl
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31
Jul
2009

Brauch

Am Montag war dann der Freitag, den ich so dringend gebraucht hatte. Am Vormittag Frühstück mit Tränen und Espresso – Lektionen über den Schmerz und Frizzante – 100 Jahre und ein paar Umarmungen. Ein Päckchen Information als Urlaubsproviant.

Dann ein wenig Arbeit.

Am Nachmittag bei Ratatouille und Weißwein versucht die sprudelnde Freundin aus der unglücklichen Ehe zu reden.

Abends wieder zurück auf meinen Platz am gelben Sofa, jenseits von Zeit und Raum, taumelnd durch 100 Jahre und geborgen beim Erstgeborenen. Spiel nicht mit den Schmuddelkindern.

Ich brauch kein Venedig.

Eigentlich.

geldschmuddelkinder6
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28
Jul
2009

Heimat, fremde Heimat

„Schau bei den Großeltern vorbei“, sagt meine Mutter, als ich zum Friedhof fahre, zu meinem Vater. Natürlich mache ich das. Ich könnte gar nicht anders. Der Weg zu meines Vaters Grab führt direkt an dem seiner Schwiegereltern vorbei. Lavendel und Rosen blühen dort. Wie daheim im Garten. Hummeln und Schmetterlinge. Stiefmütterchen am Grab der Großeltern. Wiewohl sie fast täglich in den Erzählungen meiner Mutter vorkommen – und das seit ihrem Tod in den 1970er Jahren – kann ich mich an die, von denen sie spricht, nicht erinnern.

Der Großvater war Spengler- und Glasermeister. Die Werkstatt in dem mittelalterlichen Haus, das ihm gehörte, war zur Gasse hin offen. Manchmal durfte das kleine Mädchen dort Kupfer ausstanzen. Riesige orange glänzende Dachrinnen lagen auf den Werkbänken und beeindruckende Maschinen wachten über das Halbdunkel des steinerenene Gewölbes. Alle trugen blaue Monturen: der Großvater, der heitere Lieblingsonkel, die Arbeiter. Braun gebrannte, muskulöse Männer – trainiert und gegerbt von der Arbeit auf den heißen Dächern und der Freizeit in den Bergen.

Dunkel erinnere ich mich auch an das Geschirrgeschäft der Großmutter gleich nebenan. Das Haus war schon damals fast sagenumwoben für mich. Oft hat mir die Mutter erzählt, wie sie lahm und blind von der Diphterie dort oben in ihrem Zimmer lag und ihre Mama ständig zwischen Laden und krankem Kind pendelte. In der Kinderheimat meiner Mutter, der Rosengasse, habe ich auch einmal den Mann im Mond gesehen. Oben am Himmel. Er trug Anzug und Krawatte. An ihn kann ich mich genau erinnern. An meine Großmutter, die Mama meiner Mama, kaum.

Sie konnte sehr böse sein, hatte mein Papa ein- oder zweimal angemerkt, leise und sehr bedacht, meine Mutter nicht zu verletzen. „Dein Vater hat meine Mama sehr gemocht“, sagt die Mutter. Ihn kann ich nicht mehr fragen.

Sie wurde 1902 geboren, lese ich, als ich auch die Kerze auf ihrem Grab austausche. Ich rechne nach. Sie war 27, als sie der schmucke Handwerker schwängerte. „Er wollte nicht Spengler werden“, sagt die Mutter. Er war voll Ängsten, erklärt sie. Ich habe ihn mit einem Rotweinglas vor sich auf dem Tisch in Erinnerung. Früher war auch hin und wieder von Schlägen die Rede. Die letzten Jahre nie mehr. „Ich hab vom Papa träumt“, sagt sie am Freitagmorgen: „Meinem Papa, als feschen jungen Mann.“

Vor genau 80 Jahren – im Juli 1929 – muss sie gezeugt worden sein. Ihre Mutter kellnerte bei der Schwester im wohl florierenden Kurbad. Es war ein erfolgreiches Tourismusjahr in Tirol, die Weltwirtschaftskrise war noch nicht ausgebrochen, das Bad bei den Gästen sehr beliebt. Man annoncierte mit „rein arischen Gästen“.

Auf einem Foto sieht man eine kokette junge Frau. Sie wirkt fröhlich. Ständig gesungen habe sie, erzählt die Mutter, Schlager und Operettenmelodien, Slezak, Tauber. Dort im Badgasthaus haben sie sich wohl kennen gelernt. Geheiratet haben sie im Jänner des darauf folgenden Jahres, im April kam meine Mutter. Darüber wurde nie gesprochen.

Vier weitere Kinder folgten, ein Bub starb an der Diphterie, die meine Mutter überlebt hatte. Der nächste Sohn, damals bereits unterwegs, erhielt denselben Namen. Die jüngste Tochter bekam sie mit Mitte 40. Ein schweres Leben, sagt die Mutter. Manchmal sei sie auf ein Glas vorbei gekommen, erzählt mir der Gemischtwarenhändler bei der Hochzeit der Cousine. Auch sie – wie meine Mutter und die Großmutter - eine späte Braut.

Die Großmutter war eine kleine, zarte Frau, mit bitterem Zug um den Mund, mit braunen und blauen Kleidern. Das kleine Mädchen fand kaum Zugang zu ihr. In der Erinnerung vermeine ich den Zorn meiner Mutter in ihr zu spüren.

Ob sie wusste, dass der Mann ihrer Schwester, der Politiker und Wirt, ihre Tochter missbrauchte? Sommer für Sommer, wenn das kleine Mädchen zur geliebten Tante ins Kurbad zog, ein hungriges Maul weniger in den Kriegsjahren. Hunderte Male habe ich gehört, wie sie zu Fuß von der Kleinstadt ins Gebirgsbad marschiert ist, wie lang und steil der Weg war, wie sie sich gefürchtet hat. Erst viel später, in den letzten Jahren, wurde der Grund ihrer Ängste klar. Der Onkel, der sie begleitet hat.

In diesen Tagen zuhause will das kleine Mädchen, das ich einmal war, gar nicht mehr von meiner Seite weichen. Es sucht nach Spuren. Es wirkt verloren. Es hat das Gefühl, nicht her zu passen, zu stören. Dabei war es so erwartet worden, sagt die Mutter: „Das Beste in meinem Leben.“ Und doch nicht gut genug, glaubt das kleine Mädchen. Das Chaos in der Ordnung.

In meinem Elternhaus herrscht Ordnung. Nichts darf diese Ordnung stören. Wirft die Decke auf der ich sitze, Falten, muss ich aufstehen und sie gerade streifen. Die Fransen der Teppiche sind in eine Richtung ausgerichtet. Das benutzte Glas wird sofort ausgewaschen und an seinen angestammten Platz geräumt. Nach dem Händewaschen wird das Waschbecken ausgetrocknet. Täglich wird ums Haus gekehrt, werden abgestorbene Blüten entsorgt. Meine Mutter weiß, welches Buch ich aus dem Regal genommen habe und welche Schublade ich geöffnet habe. Das war so seit ich denken kann. Und seit ich denken kann, habe ich diese Ordnung gestört. Absichtslos. Und doch gestört.

Wenn ich meine Mutter besuche, müssen Koffer und Kleider in den Keller, die Handtasche bleibt im Vorraum, wird sie doch ins Zimmer genommen, muss sie diskret verräumt werden Keine Spuren meines Daseins, wenig Spuren meiner Kindheit. Bilder ja, aber kaum Geschichten, Erinnerungen, Anekdoten.

Das kleine Mädchen weint. Abends fährt es am Friedhof vorbei, Samstagabend in die Heimatstadt der Mutter. Die Mondsichel lächelt. Danke Papa.

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1306 mal erzählt

22
Jul
2009

Summer in the city

Mir ist heiss...

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595 mal erzählt

21
Jul
2009

Knee Plays

Ich finde meine Knie alles andere als hübsch. Sie sind etwas zu klobig, etwas zu runzlig. Irgendwie erinnern sie an die Knie eines Fünfjährigen, vernarbt und aufgeschunden. Blaue Flecke auf den Schienbeinen. Manchmal taumle ich durch mein Leben, renne an, verlier den Boden unter den Füßen. Daher trage ich nur selten kurze Röcke oder gar kurze Hosen. Umso lieber lange Röcke und Kleider – immer Brecht im Kopf : "Und wähl den bäuerlichen weiten Rock/ Bei dem ich listig auf die Länge dränge:/ Ihn aufzuheben in der ganzen Länge/ An Schenkeln hoch und Hintern, gibt den Schock".

Today is an important occasion
She thinks that she must wear the right clothes
The right combination of clothes
Will make her lucky
But there are specific kinds of luck
And different kinds are needed
For different occasions


Aber heute war ein Tag für das „Küchenvorhang-Kleid“. Ich nenne es so, weil es mich ein wenig an einen Küchenvorhang aus den 50ern erinnert. Es ist ein seidenes Etuikleidchen, hellgrau mit großen orangen und senffarbenen Blumen und grünen Blättern. Es ist so Capri. Und es endet zwei Handbreit über dem Knie, den Knien. Ich habe allerliebste orange Schuhe dazu, die das Farbmotiv der großen Rosen wieder aufnehmen. Und einen Strohhut mit großer oranger Blume. Der soll von den Knien ablenken und das gelingt ihm auch.

She leaves the house
The outcome is certain


Und so bin ich heute in die Stadt gefahren mit meinem kleinen Tretroller und hab unterwegs die Lächeln der Menschen gepflückt.

Und niemand hat mein Knie gesehen, so schnell war ich. Und so Capri.

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759 mal erzählt
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Mock Turtle

Sit down, both of you, and don't speak a word till I've finished

Who sits there?

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katiza - 22. Feb, 15:42
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