20
Dez
2010

Spurensuche

Im reinen Schnee
scheinen die Spuren besonders deutlich.
Jenen, die sie zu lesen verstehen,
erzählen sie,
was geschehen sein
mag.

Erst, wenn es wieder warm wird
und taut,
wird sichtbar,
was unter die weiße Decke
zu dringen
vermochte.


shot_1292831179621

Auf die Spur gebracht von ConAlma und Testsiegerin.
1624 mal erzählt

Eine von euch

Und dann war der 17. Dezember, jahrelang mein Weihnachten. Und ich habe doch einen Baum gekauft, ganz allein und ihn nach Hause getragen. Ich habe gelacht und getrunken wie sonst in diesen Nächten, war sentimental und witzig, hab noch Geschenke besorgt im erlaubten Rahmen – 50 Schilling, weil ja Weihnachten ist am 17.Dezember.

shot_1292678107484

Abends stapfe ich durch den Schnee, verirre mich und komm dann doch ganz schnell am richtigen Platz an. Ein Knoten im Netz wird sichtbar, gibt Halt, auch eine lang vertraute Fremde, Begleiterin in der Welt der Worte wie die Bassistin mit dem schönen Lachen, auch schön und lachend. Und ich fühlte mich so geborgen in einer Frauenwelt, die irgendwie neu für mich ist. Ich habe mich stets eher an Männern orientiert, war schon in der Schule lieber mit den Buben unterwegs, keine Mädchenrunde, keine Frauenurlaube, keine Einkaufsbummel, keine langen Telefonate, keine Gespräche über Verhütung, Zahnärzte und Liebhaber. Freundinnen wohl, einzeln. Und Männer, die Männer lieben, als Seelengefährten. Ich fühle mich Männern gegenüber sicherer, weiß nicht wirklich wie mit Frauen umgehen, habe ein bisschen Angst, das Falsche zu tun, zu sagen. Fremd schien sie mir die Welt der Frauen. Männer sind so viel einfacher. Frauen sind vielschichtiger und voller Kraft, sind schön und wild und wunderbar, Neuland statt heulend. Und das ist gut so. Das wird mir immer wieder klar in den letzten Monaten und Jahren. Und langsam fühle ich mich wie eine von euch. Auch zu Weihnachten am 17. Dezember.

shot_1292668004385

Erst am nächsten Tag habe ich den Christbaum aufgeputzt, wunderschön glänzt er da im Eck, ein Denkmal verlorener Weihnachten und nachts bin ich tanzen gegangen – Soul, Funk, Brasil, lachen und flirten gegen den Blues…


shot_1292677851925
946 mal erzählt

17
Dez
2010

Einer von uns

Als Herr Doppel T ein kleiner Junge war, packte er, wenn seine Mutter ihn verärgert hatte, sein kleines Köfferchen – grau kariert mit orangen Ecken und einem Schloß. Eine Hose gab er hinein, ein Hemd zwei Unterhosen und seine Zahnbürste, erzählt er an jenem Freitag im Wohnzimmer des Erstgeborenen, wo immer Freitagnachmittag ist. Dann nahm er seine Schwester bei der Hand. „Wir wandern nach Amerika aus“, sagte er zur Mutter, die am Herd das Mittagessen bereitete im Vorbeigehen. „Aber nicht beim Gartentor raus“, antwortete sie. Das war aber gar nicht notwendig, denn Amerika lag dort draußen, hinten im Garten, kleine Häuser hatte er gebaut mit Gräsern gegen den Regen geschützt, damals in Amerika.

shot_1292531688118

Ich schnurr am gelben Sofa wie eine richtige Katze. Das „Brrrrrrr“, ist wohlig in der Kehle und umfasst meinen ganzen Körper, ich kraule mich und bin ganz Felida bei den beiden Katzenfreunden. Nina Simone singt. Der Erstgeborene hat mir eine Schallplatte besorgt für Mimi. „Black Gold“ soll den Anfang einer Sammlung sein, große schwarze Sängerinnen für mein kleines schwarzes Mädchen. Jedes Jahr eine zu Weihnachten bis sie eine junge Frau ist.

shot_1292534975466

Wir reden von Schneemännern und Christbäumen und längst vergangenen Zeiten. „Du bist einer von uns“, sagt Herr Doppel T irgendwann und lässt uns schnäbeln, den Erstgeborenen und mich. Er sagt es noch ein paar Mal an diesem Abend und jedesmal durchströmt mich Glück, weil ich weiß, dass es wahr ist, dass ich dort hingehöre in dieses Wohnzimmer auf dieses Sofa mit meinem selbst gebackenen Brot und meinem Salat. Mit unserer Musik und unseren Geschichten.

shot_1292536170139

Der Erstgeborene erzählt von einem Hund in Süditalien, einem Streuner, sein Herrchen verstorben, der zu jeder Demonstration komme und die Carabinieri verbelle – ein Che Guevara unter den Hunden. Und vom Internet reden wir, ich erzähle von euch und meinem Leben hier mit Netz und doppeltem Boden, wo ich diese Freitagnachmittage mit-teile. Und ich tanze und sie machen mir Komplimente und doch bin ich „Einer von uns.“

„Das Leben ist ein Auf und Ab“, erklärt Herr Doppel T ganz weise: „Wenn du es entkorkst weißt du nie, ob es ein wunderbarer Rotwein ist oder Essig.“ Herr Ober, mein Leben korkt. Wir trinken Fabelhaft und Schilchersekt im Wohnzimmer. Und wenn uns wer ärgert, können wir immer noch nach Amerika auswandern.

shot_1292535960990
1539 mal erzählt

16
Dez
2010

Im Winterwunderland des Lächelns

Es wirbelt Schneegestöber, als ich abends in meine Moderationsbuchhandlung eile. Die Autos stehen und die wenigen Menschen auf der Straße sind dick vermummt. Aus den Auslagen lacht Marx und dringt warmes Licht. Drinnen sind die ersten Gutmenschen versammelt. Es ist unsere letzte WierettenwirdieWeltangesichtsderKrise-Diskussion in diesem Jahr und ich freue mich auf die ebenso kompetenten wie engagierten Menschen, die an diesem Tag am Podium und im Publikum sitzen werden.

Die Frontfrau der Armutskonferenz kommt auch aus der Bergheimat, ihr Mitretter ist so bubenhaft in seinem Engagement; ein amüsanter Nachhaltigkeitsforscher weiß wie wir die Welt mit Ironie und Großzügigkeit retten, der bekannte Wirtschaftsforscher setzt auf Hölderlin (wie Herr Schneck zur Ehre der Freundinnen) - "Wo aber Gefahr ist, wächst das Rettende auch." - und Keynes, der bi war, wie er betont; und dann ist da noch die hübsche junge Frau, intelligent, studierte Ökonomin, die sich von einem prekären Arbeitsverhältniss zum anderen hantelt, schlecht bezahlt für die gute Sache und jetzt im Amt und fast beschämt darüber, Freundschaft auf den ersten Blick.

Im Publikum vertraute Gesichter, es sind meist dieselben, die an lauen Sommerabenden genauso kommen wie in dieser eisigen Adventnacht, die mitreden, achtsam sind, wenn am Podium von Krise und Armut wie vom Schicksal gesprochen wird, wenn wir die Verursacher außer Acht lassen. Gutmenschen nennt man sie gerne und meint es meist abfällig, Alt-68-erInnen sind dabei, Uni-AktivistInnen, FacebookfreundInnen und das junge Team der Veranstalter, das die Abende in Bild und Ton festhält. Und draußen schneits und schneits und schneits und drinnen spüre ich Hoffnung. Die guten Kräfte sammeln sich, will, muss, kann ich glauben.

shot_1292323277172

Und am nächsten Tag dann noch mehr.Schnee und ich wieder unterwegs. Ich mag die dicken Flocken, die eine weiße Decke über Hektik und Weihnachtsstreß legen, dämpfende Daunen, für die keine Gänse leiden mussten. Und die Füße sind kalt und nass und ich muss auf den Weg achten, kann gar nicht sausen wie sonst, sondern muss vor den Auslagen verweilen und Geschenke ausspähen. Und die Menschen, gute eingepackt mit Mützen und Schals, mit Einkaufstaschen bepackt, lächeln. Die Hausbesorgerin, die am Gehsteig Schnee räumt, freut sich über mein Danke. Das Frauele, dessen im Schnee tollenden Pudel ich angrinse, erzählt mir vom Tierarztbesuch, eine Fremde, schönen Tag wünsch ich den beiden. Irgendwo im Hinterkopf habe ich Weihnachtslieder und es ist plötzlich gar nicht so schlimm sondern einfach nur wahr. Einen Baum werde ich kaufen, morgen. Einstweilen tröstet mich die Amaryllis.

shot_1292436804482
725 mal erzählt

12
Dez
2010

Neffengeburtstag

Es ist wie immer, nur dass es diesmal keine Kinderolympiade geben wird, ich habe auch keinen Salat gemacht; der Mann hat gesagt, es sei nicht nötig, kein Schokobrunnen. Wir kaufen beim hinaus fahren im Spielzeugsupermarkt gemeinsam das Geschenk, ein schreckliches Robotermonster, das der kleine Prinz sich gewünscht hat. Ich habe mich zurück genommen. Nur dabei sein, will ich, soll ich, darf ich. Wir sitzen nebeneinander im Auto wie immer, singen die Soulklassiker mit, sind pünktlicher als sonst, bemerkt der Mann, das war auch eines unserer Probleme.

Dass du auch da bist, freut sich der Schwager, auch die Sister freut sich wohl, es fühlt sich seltsam an. Niemand spricht mich darauf an, wir reden über alles Mögliche, ich umarme Schwiegermutter Schwiegervater, die Familie des Schwagers, weiß nicht, wer es weiß, weil es wie immer ist. Nur die 95jährige Omi fragt mich, ob ich bei „unserem Geburtstag“ im Jänner dabei sein werde. Wohl nicht, sage ich, erkläre ihr, dass wir uns trennen, während rundherum alles wie immer ist. Der Gewürzkoffer steht in der Küche, der größere der beiden Prinzen kocht, die Saat ist aufgegangen, wie viel ich davon noch erleben werde, weiß ich nicht, auch nicht wie weit es gelingen wird, am Leben der Neffen weiter teil zu haben.

shot_1292080171063

Wir gehen freundlich miteinander um und ich bin froh, dass wir ohne Dramen auskommen. Leidenschaftslos wie die letzten Jahre, alles wie immer. Es ist gut so, nur manchmal seufzt die Turtle, weil sie sich vielleicht ein wenig Drama gewünscht hätte, Tränen, Schrein, Reue, Schmerz, Kummer, was weiß ich. Irgendein Zeichen dafür, dass da einmal Leidenschaft war und Liebe, irgendein Gegengewicht zu meinen Tränen, dem langen verzweifelten Ringen hin zu diesem Schritt. Weniger Gelassenheit. Doch wahrscheinlich ist es gut so, wie es ist; wie auch immer…

shot_1291754102904
801 mal erzählt

10
Dez
2010

Ästhetik des Alltäglichen

Stark und pulsierend spüre ich das Leben in mir, wie eine stetig schwingende Energiesäule, wie heißes Magma in einem Vulkan.

Mit raschen Schritten sause ich von Termin zu Termin; im Fluss. Und das Leben belohnt mich, Bei der Kampfkunst kämpfe ich vor allem gegen alte Ängste der kleinen Turtle, ungeschickt zu sein, a Patschgogl, wie man bei uns daheim zu ungelenken Kindern sagt, und die Turtle war ein solches, Angst, nicht gewählt zu werden, wie einst beim Völkerball, die ehrgeizigen jungen Trainingspartnerinnen zu nerven. Doch ich besiege die Angst, sehe, spüre sie auch bei anderen und gehe aus jeder Trainingseinheit sicherer hervor.

shot_1291746224573

Diesmal in Richtung eines „unbefleckten“ Zusammensitzens mit jungen Menschen. Die Gastgeberin, das Schildkrötenmädchen, könnte vom Alter her meine Tochter sein, doch sie nimmt mich auf als Freundin, auch da unterstützen die neuen Medien, wir nähern uns über diese Netzwerke, kuscheln verbal und mit Tubes, weniger im wirklichen Leben, wenn wir zusammenarbeiten. Mit den anderen Anwesenden verhält es sich ganz ähnlich. Die Buben fotografieren und filmen mit Kameras und Handys, meine „geschätzten Augen“ sind auch dabei. Wie damals denke ich mir, als im Freundeskreis Autofahrten, Feste und Bandproben gedreht wurden, Kilometer von Film, kamerafahrten aus der Hundperspektive, selten geschnitten und aufbereitet. Die Geschichten wiederholen sich, atmosphärisch verwandt, aber irgendwie sauberer, weniger Rausch als damals. Die Bilder landen heute auf Facebook, damals in Kisten. „Wer behält die Fotos? Unser Leben in Bildern“, twittert mir durch den Kopf.

Irgendwann erzähle ich betrunken von damals, der Liebe in Zeiten des Anrufbeantworters, der Liebe in Zeiten des Vierteltelefons, als es noch überall Telefonzellen gab, zum Schmusen drinnen und ich stundenlang Patiencen legte, wartend auf Anrufe, die nie kamen oder nur dann, wenn niemand zu Hause war; wohl. Mixtapes sind ihnen noch geläufig, sie haben sich im FM4-Chat kennen gelernt. Das Frettchen kommt mir in den Sinn. Eine Mix–CD haben sie schon lange nicht, wohl noch nie gemacht. Ich auch nicht, dabei wäre es so einfach – tätige Liebe. Der Erstgeborene macht es, ganz wunderbar und ein Anderer auch. Ich erzähle Geschichten von früher und merke wie alt ich bin, wie lang früher her ist mit Uhers und Nagras und Tonbandmaschinen. Eine fragt mich nach meinem Alter. Und dann versichern mir die jungen Menschen, dass sie das kaum glauben können. Ich bin mir nicht peinlich, stelle ich erleichtert fest, auch wenn die Turtle in mir manchmal zaghaft winselt; gehöre nicht dazu und bin doch nicht so fremd. Spät verlasse ich das kleine Fest, trunken vor Dankbarkeit , die ich mitgebracht hatte, Kalauer im Kopf.

shot_1291758310174

Einer, nah in der Ferne, hat mir eine Mix-CD gemacht für die schwierigen Tage in diesen Zeiten und sie dreht sich in der Küche während ich Kürbissenf bereite, als Weihnachtsgeschenk der Firma, die es bald nicht mehr geben wird. „Im Himmel ist kein Platz mehr für uns zwei“singt Sven Regener und wir füllen die orange, duftende Masse in Gläser. „Wiegen die Worte für ihn?“ frage ich mich. Mich berühren sie. Dann gehe ich schlafen.

shot_1291992201212

Gestern mittags durfte das Zirkuspferd wieder in die Menge, den verdienten 90jährigen feiern. Glücklich tänzelte es in Lob und Anerkennung. Der alte Mann freute sich über meine Worte, ein schöner Mann, einst und heute und so mochte ich es, als er mir sanft die Wange küsste und die Hand drückte, gerührt, wir beide. Die Energiesäule treibt mich voran. Der abendliche Unterricht im Dienste der Bewegung soll noch vorbereitet werden. Ein paar in der Klasse waren nicht begeistert von mir bei meinem ersten Auftrag. Jetzt beim zweiten und letzten will ich das wieder wettmachen.Die kleine Turtle, die gemocht werden will, Angst und das Ringen um Liebe. Und irgendwie geht es. Am Nachhauseweg ist das Universum der Dinge vorbei doch eine Litfasssäule kündet von der Ästhetik des Alltäglichen.

shot_1291926611216

Nur manchmal macht mir die Energiesäule Angst,
erscheint mir der Fluß zu reißend,
das Magma übermächtig.
Dann atme ich aus.
Und hol mir keinen Kaffee mehr.
Sondern gehe hinaus in die kalte Winterluft,
spiele Leben,
Schritt für Schritt.
748 mal erzählt

5
Dez
2010

Blogger, Brahms und Bassgitarren

Ich bin dem Internetz so dankbar. Es schenkt mir wunderbare Begegnungen, Menschen, Musik.

Ich hab sie sofort erkannt, ein Blick in die Augen, ein Lächeln. Ich mag ihre Schreibe, ihren Humor, ihren Blick fürs Absurde. Ich schau immer wieder mal bei ihr rein, im Vorfeld habe ich natürlich nach gelesen. Bei den 100 Fragen geschmunzelt, da oder dort Parallelen – wir sind ein Jahrgang. Wir hätten uns auch im wirklichen Leben treffen können, stellen wir schnell fest. Die Wienbesucherin hat uns zusammen gebracht, auch sie werde ich an diesem Nachmittag erstmals sehen. Der Steppenhund kocht auf - ein Linner.

shot_1291471508126

Nach und nach sehe ich immer öfter in die Augen jener, die mich, uns in ihre Herzen und Köpfe schauen lassen. Ich genieße diese Neu- und Vertrautheit. Lange habe ich es vermieden die Welten zu vermischen, wie mein Lieblingsmedium Radio lässt das Netz Platz für Phantasie. Aber mehr und mehr Nähe entwickelt sich zu den Menschen hinter den Blogs, gerade in den letzten Tagen und Monaten entwickelten sie sich zu einem Netzwerk aus Herzlichkeit, Humor, Trost und Rat.

shot_1291477464895

Das Fräulein kannte ich ja schon Bildern, ihr Frauerl und deren Mann strahlen so viel freundliche Herzlichkeit aus. Die Stimme der Wienbesucherin klingt, wie sich ihr Blog liest. Meertau, würzig, Hirn- und Herzerfrischend. Das Mahl ist fulminant, unsere Gläser sind mit Cremant und Wein gefüllt, wir lachen viel. Und schließlich setzt sich der Gastgeber an seinen Bösendorfer und spielt Mozart und Brahms für uns, in dem Zimmer, in dem so viele Details von der Geschichte einer Familie erzählen. Wir lauschen schweigend der Musik und reden erst nachher fröhlich weiter. So viel Vertrautheit, so viel zu sagen, so wenig Zeit. Draußen liegt Schnee.

shot_1291477287643

Und dann tanzen zwei enthemmte Bloggerinnen beim 50er des Silbernen wie wilde Teenager. Und der Silberne ist glücklich, in Sri Lanka bekommen sie Geld und er, der das Land einst mit uns entdeckt hat, hat obendrein einen wunderschönen Bass bekommen und Liebe und Musik und Respekt - aus voller Kehle. Ich mag ihn so, den Musiker und Journalisten aufgewachsen in der Hausmeisterwohnung in der Hofburg. Er ist auch mein Wien. So viele vertraute Gesichter aus so vielen Lebenszeiten. Ein schönes Fest. Der Mann ist auch da, gemeinsam gehen wir nach Hause.

shot_1291509436839
1093 mal erzählt

4
Dez
2010

Voll das Leben

„Too much living to do“ singt Lou Rawls in meinem Kopf, leider gibt es kein Tube davon. Meine Abende sind verplant, untertags schleichen wir aneinander vorbei durch die Wohnung. Abends aber sitze ich am Podium der Buchhandlung und Blicke auf vertraute Gesichter im Publikum. Schneewittchen, von manchen als Schneekönigin gefürchtet und trotz Kühle verwandte Seele ist so freundlich im Gespräch, der bekannte Kollege, der vom Bildschirm in die Politik gewechselt ist, ist mehr bekannt als Kollege. Er kann sich an mich wohl nicht erinnern, aber ich mich auch nicht immer. Im Publikum – und mit diskutierend – ein Bloggerkollege, die Welten überschneiden sich und ich halte es aus.

Am nächsten Tag eine andere Bühne, größer, europäisch irgendwie und doch in einem Haus, das mir aus meinen beruflichen Anfängen in diesem Bereich wohl vertraut ist, genau in diesen Räumen war die Buchhandlung des Vortags früher beheimatet. Am Tag bevor ich meinen Mann kennen lernte, bin ich beim wilden Tanz mit einem Buchhändler dort ausgerutscht. Das hat mir ein dickes Lippchen eingetragen und einen genialen Ruf, sowohl unter den Anwesenden, als auch unter denen, mit denen ich später in jenem kleinen Sender, in der wohl prägendsten Zeit meines Lebens zusammen gearbeitet hat.

Doch es ist auch die Zeit davor, die mich in diesen Tagen wieder erreicht. Studentisches Engagement, politische Diskussionen, junge, glühende Menschen, verrauchte Kellerlokale mit Graffities an den Wänden, kämpfen für Gerechtigkeit und gegen Windmühlen. Einen Abend lang bin ich auch „undokumentierte kolleg*in“, der Iraner, der vor Khomeini geflohen ist, erzählt mir seine Geschichte, der ver.di-Kollege zahlt mir ein Bier an der selbst verwalteten Theke. Wir schichten die Brötchen um, die jene Gewerkschaft bezahlt hat, die ich in ihren Gründungstagen begleitet habe, auf Teller um. Der junge Landsmann, der mit mir durch den Abend geführt hat, ist Vegetarier und trinkt auch kein Bier, er hat schon viel erlebt und gemeinsam unterhalten wir die Runde mit Geschichten aus der Bergheimat „Piefke Saga“ und so. 20 Jahren liegen wohl zwischen und. „Kennst du den Moser?“ frag ich, weil sein Dialekt mich so an den Moser erinnerst, den Moser, der (mir) fehlt. Die meisten sind jünger, aber ich merk es kaum,nur an Details der Sozialisation. Um Mitternacht geh ich nach Hause.

shot_1291332799032

Am Freitag dann wieder Kampf-Kunst; endlich schlagen, treten, ranggeln, dabei lachen und laufen, die Hände gerade, die Fäuste geballt, den Schwerpunkt finden und halten, stetig atemlos und glühend heiß.

shot_1291198215098

Das gute Gefühl trägt mich durch den Schnee nach Hause, wo ein Stück Glück und Wärme und Freundschaft und - ja, irgendwie - „tätige Liebe“ deutschen Handwerks FRAGILE im Postkasten wartet. So dankbar für all das.

shot_1291398674474

Rasch ziehe ich mich um, das Lieblingsgöttinenkleid mit dem tiefen Dekolletee und die Schnürstiefel, knallrote Lippen, ein wenig Puder. Und wieder durch den Schnee zum Klavierkonzert in das prächtige Palais, in dessen Kellergewölben ich vor Tagen getanzt habe. Diesmal muss ich in den zweiten Stock, ich bin allein, die meisten kommen paarweise. Für mich ist es auch ein wenig ein Canossagang, eine geschäftliche Beziehung, die den privaten Schwierigkeiten zum Opfer gefallen ist, schon am Weg habe ich Rechtfertigungen, Erklärungen geprobt. Die sind alle nicht notwendig, die wunderbare Professorin nimmt nur Bezug auf eine frühere, erfolgreichere Zusammenarbeit, sie freut sich aufrichtig mich zu sehen.

shot_1291407527859

Ich genieße das Konzert, Beethoven, Schumann, Schubert; denke dankbar an das Sechseck, das mir die Klassik nahe gebracht hat. Man flirtet mit mir, ich übe mich im Small-Talk, komme gut an, bringe Männer zum Lachen und bin interessiert. Sparringpartner wie bei der Kampfkunst, die Energie des anderen nutzen, beim Gegner bleiben, nicht aus der Deckung gehen. Als Eine der letzten gehe ich, stapfe durch den Schnee nach Hause, lächelnd…

So viele Leben zu leben.

shot_1291414192372
798 mal erzählt

2
Dez
2010

Beziehungsstatus geändert

Als unsere Liebe begann, hatte ich ein rotes Telefon, Festnetz und einen Anrufbeantworter. Ich habe ihm Musikkassetten aufgenommen und Zettel geschrieben. Fast ein Jahr stand sein offener Koffer im Wohnschlafzimmer meiner 60 qm Wohnung, bis wir beschlossen, dass es was Ernstes sei und er seine Sachen in meine Schränke räumte.

Irgendwann lebten wir dann auf 150 qm, gemeinsam her und eingerichtet. Lange teilten wir uns einen Schreibtisch unter einer Palme, das Netzwerk, den Handyvertrag und die –marke. Wir schreiben uns kaum SMS. Wenn mir eine Platte gefällt lädt er sie mir aus dem Netz. Wir besitzen viel Musik, die wir kaum gemeinsam hören. Noch wohnt er hier.

Gestern haben wir mein Weihnachten abgesagt. Es war unser Weihnachten und uns gibt es nicht mehr. Wir haben ein E-Mail ausgesendet an alle Freunde, kurz und knapp: „Grund dafür ist, dass wir uns trennen werden. Wir möchten das in Freundschaft, Achtung und Respekt machen und nicht groß diskutieren. Wir bitten um euer Verständnis und hoffen, dass ihr uns beiden – halt jetzt einzeln – als Freundinnen und Freunde erhalten bleibt.“
Dann hat er auf Facebook den Beziehungsstatus geändert. Der Mann ist jetzt Single. Wir sind überall auf Entsetzen, Verwunderung und tiefe Trauer gestoßen, wir galten vielen als das perfekte Paar, Hoffnungsträger für die Liebe. „Wenn sich jetzt auch noch die Erde als Scheibe herausstellt .... Jedenfalls viel Kraft Euch beiden, und irgendwo auch Gratulation zur Entscheidung. Respekt“, hat einer kommentiert, der uns schon lange kennt. Schmerz und Trost zugleich.

Das ist die Liebe in Zeiten sozialer Netzwerke …

shot_1291299540701
1707 mal erzählt

29. November: Blue Monday

Am Montagmorgen erwarteten wir den Bankmenschen, was die Mutter stets in aufgeregte Geschäftigkeit versetzte. Ich bewundere sie für die Anstrengung und Disziplin, mit der sie das Leben weiterführt. Geldsachen hat immer der Vater erledigt, hat sie ahnungslos gelassen; sie hatte ihre Kreditkarten und Bares, wenn sie danach fragte. Jetzt sieht sie sich als die Verwalterin des Vermögens, meines Vermögens, wie sie gerne betont. Den Banken gegenüber hegt sie tiefes Mißtrauen, irgendwie allen gegenüber, wenn es ums Geld geht. Sie fürchtet eine Inflation, die Steuern empören sie. Auch die 1.300 Euro Mindestlohn, wo sie doch nicht mehr Pension bekomme. Wenn ich dagegen argumentiere – man solle seinen Neid nicht nach unten, sondern wenn schon nach oben richten – nennt sie mich Kommunistin und „Mit dir kann ma nit reden.“

Die Trennung macht sie traurig, auch weil sie dem Schwiegersohn nicht mehr einkleiden kann, weil sie es unnötig findet, sich zu trennen, weil man das nicht hat, aber auch weil sie ihn mag, trotz Gezeter. Seit Jahren mutmaßte sie Beziehungskrisen, wo keine waren, brachte sogar den vater dazu besorgt telefonisch nachzufragen, jetzt bedauert sie mich, ihn, uns. Die Barbara Karlich-Show, die im Fernseher neben uns plätscherte – Scheidung im Alter – erleichterte das Gespräch. Sie sprach über ihre Ehe, gab wie selten seit dem Tod des Vaters Defizite zu. Sie erzählte, wie allein sie sich bei meiner Geburt gefühlt hatte, weil der Vater zu einem Schirennen gefahren war, wie verloren sie miteinander waren und schließlich wieder vom Onkel, der sie als kleines Mädchen mißbraucht hat, jahrelang, dass sie dachte, sie müsse es erdulden der Familie zuliebe, um im Sommer im Gasthaus bei Onkel und Tante sein zu dürfen und denen daheim nicht als zusätzliche Esserin auf der Tasche zu liegen; schon am Fußweg hinein habe er sie ausgezogen, erzählte sie, und dass das Opfer ja umsonst war, wie sie erst vor ein paar Jahren erfahren hatte, weil ihr Vater dem Onkel sogar Geld geliehen hatte. „Der hat mein ganzes Leben zerstört“, sagte sie: „Meine ganze Sexualität“ Und das Opfer war umsonst.

Als ich in Wien landete, fühlte ich mich einsam.Der Mann hatte einen Mistelzweig gekauft und Schokonikoläuse beim Bett und am Schreibtisch deponiert. Zu spät. Warum kommt diese Aufmerksamkeit erst nachdem ich mir die Liebe, die Hoffnung aus der Seele amputiert habe? Aber "Warum" darf man nicht fragen, auf "Warum" gibt es keine Antwort.

shot_1289508052998
1741 mal erzählt
logo

Mock Turtle

Sit down, both of you, and don't speak a word till I've finished

Who sits there?

Du bist nicht angemeldet.

Im Bilde

Tanzim-Pfarrhaus

Soundtrack

Aktuelle Beiträge

Gruß nach drüben
Der Vater - der großartige Walter Deutsch ist am 13....
katiza - 18. Feb, 16:53
Wenn ich schon geahnt...
dass ich an jenem Zuhause angekommen bin. Ich liebe...
katiza - 22. Feb, 15:42
Nach dem Text fürn Wolf...
Nach dem Text fürn Wolf musste ich schnell diesen nochmal...
viennacat - 14. Aug, 18:30
Danke für Worte die nur...
Danke für Worte die nur von Dir sein können ...
viennacat - 14. Aug, 18:27
Soooo schön und berührend....
Soooo schön und berührend. Danke!
testsiegerin - 14. Aug, 15:07

Es war einmal…

Gezählt

Meine Kommentare

Gruß nach drüben
Der Vater - der großartige Walter Deutsch ist am 13....
katiza - 18. Feb, 16:53
Wenn ich schon geahnt...
dass ich an jenem Zuhause angekommen bin. Ich liebe...
katiza - 22. Feb, 15:42
Alle Kraft für ihn!
Alle Kraft für ihn!
froggblog - 10. Sep, 11:46
.
.
datja - 18. Jul, 18:34
Lieber Yogi, ein bisschen...
Lieber Yogi, ein bisschen frivol der Geburtstagsgruß...und...
datja - 5. Jul, 14:19

Meins

Creative Commons License
Dieser Inhalt ist unter einer Creative Commons-Lizenz lizenziert.

Augenblicke

www.flickr.com
Dies ist ein Flickr Modul mit Elementen aus dem Album Ausatmen. Ihr eigenes Modul können Sie hier erstellen.

Suche

 

Status

Online seit 7256 Tagen
Zuletzt aktualisiert: 18. Feb, 16:53

Credits

kostenloser Counter




...und wartet...
*.txt
An- und Verkündigungen
Augenblicke
Aus dem Schatzkästchen der Mock Turtle
Bilanz
Cinematograph
Der Salon der Turtle
Freitagsfrüchte
Fundstücke
Homestory
In Reaktion
Journal November 2010
La Chanson
Lebens-Wert
Logbuch
... weitere
Profil
Abmelden
Weblog abonnieren

kostenloser Counter