1
Nov
2011

Save our souls...

Ich sitze im Zug, erleichtert und glücklich bin ich eingestiegen, fünf Tage, vier Nächte war ich bei der Mutter zu Gast im hellhörigen Elternhaus in einem Leben, das nicht meines ist, mit mir nichts zu tun hat oder nur wenig, so wenig wie sie von meinem Ich zulässt. Am zweiten Tag gibt es immer Streit, egal wie sehr ich mich in Zen oder die Kunst die Mutter zu lieben übe, wie ich mich anstrenge, wie viele Kleidungsstücke ich mitnehme, um ihren Traumvorstellungen zu genügen und egal, ob ich mein Haar wild und lockig trage oder sauber zurück gebunden. Das kleine Mädchen schreit nach Aufmerksamkeit, die Mutter hört das Schreien und überschreit es mit ihren Klagen.

„Weißt du noch“, erzähle ich von jenem allerersten Theaterauftritt. Die Müllerstochter war ich im Rumpelstilzchen im Haus der Frau des Architekten, im Publikum die Mütter und die Architektenwitwe, Den Königssohn spielte eine, die später beste Freundin war. Das Talent zum Pathos habe ich wohl von der Mutter geerbt und heftig outriert und geklagt, dass ich Stroh zu Gold spinnen soll. Das Rumpelstilzchen aber war zu jung und stampfte auf, wie es die Rolle vorschreibt: „Ich mag nicht mehr!“ sagte es dann statt „Ach wie gut, dass niemand weiß…“ und verließ die Bühne.

Die Mutter schüttelt den Kopf, ihre Lippen werden schmal, sie zweifelt die Erinnerung an, wie so viele meiner Erinnerungen, sicher sei sie einmal in dem Haus gewesen zum Kaffee, nicht um die einzige Tochter beim ersten Theaterauftritt zu erleben. „Und später?“ will ich wissen: „All die Krippenspiele?“ Sie habe kein Auto gehabt, sei wohl nicht dabei gewesen, doch ich kann mich erinnern an meine Mama in der ersten Reihe. An das taiwanesische Baby, das sie einst dort adoptieren wollte und von dem ich Jahre gehört habe, dass es wohl das bessere, dankbarere Kind gewesen wäre, erinnert sie sich genau und an dessen Mutter und alles rundherum.

Ich frag noch einmal nach am nächsten Tag, bitte sie mir eine Geschichte aus meiner Kindheit zu erzählen. Sie sei mit mir oft und lange allein spazieren gegangen und hätte sich so alt gefühlt beim Elternsprechtag, sie habe mir den Schulweg auf Kassette gesprochen. „Und ich?“, will ich wissen. Am Abend hätten wir immer alles ausgeredet, auch wenn sie zornig gewesen sei, sie hätte es schwer gehabt, wäre allein gewesen, der Vater nie da, eifersüchtig auf das kleine Mädchen. „Ihr wart gut für mich“, sag ich ihr und „Danke“ – das tröstet uns beide.

Wenn sie mich fragen würde, ob es jemanden gibt in meinem Leben, den ich liebe, würde ich ihr vom Einen erzählen, weil ich sie nicht anlügen will, darf. Doch sie fragt nicht und so kann ich ihn in meinem Herzen schützen vor ihrer bösen Zunge und den spitzen Worten, mit denen sie jeden Menschen durchbohrt hat, den ich je geliebt habe, wie die Spiegelsplitter der Schneekönigin.

Und dann bricht wieder der Schmerz aus ihr hervor, das verpatzte, verpasste Leben, all das, was ihr die Vaterfamilie angetan hat, deren Namen ich mit Stolz trage und sie mit Verachtung ausspricht. Längst habe ich aufgehört die geliebteren Papa-Großeltern zu verteidigen; ich spreche nicht mehr über die Cousinen, die weder das Haus betreten dürfen, noch zu ihrem Begräbnis kommen, wenn sie dann – bald , wie sie versichert – stirbt. Manchmal bitte ich sie die Litanei zu stoppen, Frieden zu schließen mit denen die 40 oder auch nur 10 Jahre tot sind. Dass sie den Vater nicht geliebt sondern geachtet hat, kommt zwischendurch und tut auch weh, ich wäre so gerne ein Kind der Liebe gewesen.

Abends sagt sie einmal: „Wenn ich jetzt einfach hinüber schlaf, bin ich selbst im Tod ein Schnäppchen.“ Der Tod, ihr Tod, begleitet uns in diesen Tagen, schon seit Jahren, seit viel zu vielen, ich habe mich dran gewöhnt und fürchte ihn doch wie den Tod des Vaters, der hinterrücks in mein Leben eingedrungen ist und alles verändert hat. Dass sie gerade heute besonders viel von ihrem Tod spricht, muss an Allerheiligen liegen und weil ich abreise und informiert sein soll, was zu tun und zu unterlassen.

„Ach, Mama“, sag ich und nehm sie in den Arm; versuche mit ihr zu scherzen, die von sich selbst sagt, dass sie nicht lachen kann, höre die Geschichten, die uralten und ein paar neue alte, die manches erklären. Dann bin ich froh im Zug zu sitzen, am Weg zurück in mein Leben, ich werde anrufen, wenn ich anrufe. Und dann ruft der Nachbar an, die Mutter ist im Krankenhaus, Blaulicht, ein Schwächeanfall. „Siehst du“, sagt das kleine Mädchen: „Sie hat immer recht, sie weiß alles, sie ist deine Mama…“ und krallt sich in mein Herz. Ich habe solche Angst, sie zu verlieren.

Mama, bitte bleib noch bei mir, bitte!
Heute ist Allerseelen.

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1056 mal erzählt

28
Okt
2011

Was katzt mich das?

Es lässt sich so possierlich an, mein kleines Leben momentan; Alltag spielen, Bücher und Buch halten in den Galaxien der Staben. Genauso muss sich die Unendlichkeit anfühlen, nur noch ein bisschen enger. Tagsüber tue ich meine Arbeit, begegne so vielen faszinierenden Menschen, von, mit denen ich lernen, die ich lehren darf.

Ich durchquere die Stadt im öffentlichen Verkehr, meist den Soundtrack der Liebe im Ohr, die Augen offen für die kleinen Miniaturen: Das junge Mädchen neben mir im legendären 13 A, das ein Buch von Zen-Meister Suzuki liest, das auch bei mir zuhause liegt; so hübsch ist sie mit dunklen Locken, einer bunten Mütze und Hexenstiefelchen und ganz gefangen von den Worten. Dann klappt sie das Büchlein zu und sucht in ihrer Tasche ein anderes: „Das Kapital“ zieht sie hervor und mein Lächeln verwandelt sich in ein breites Grinsen. „Ich mag Ihre Lektüre“, sag ich und dann steige ich aus. Treffe Menschen aus meinem neuen Leben und mitten drinnen einen, aus der Zeit, als ich wohl so alt war wie die junge Leserin. Oft sind wir nebeneinander an einer Bar gesessen, jetzt prosten wir uns auf Sesseln zu und das Bier schmeckt wie früher. Wie ich hierher komme, will er irgendwann wissen und freut sich dann, als ich es ihm erkläre. „Ihr passt“, strahlt er.

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Andere Begegnungen mit der Vergangenheit verlaufen anders. Ein wenig Abschied nehmen nach zwanzig Jahren; gemeinsamer Jahre des Feierns, Fressens und Reisens, wir haben immer seltener gelacht und geweint miteinander in den letzten davon, als Paar hatten wir unseren Platz, doch dieses Paar gibt es nicht mehr. „Frisch verliebt“, will der Trauzeuge wissen. Verliebt, bestätige ich. Später stellt er mir noch eine Frage, er will wissen, was ich esse am Würstelstand. Wir gehen auseinander. Wir lesen uns auf Facebook. Unten an der Bar komme ich wieder in meinem Leben an.

Unten an der Bar trinke ich oft ein letztes Glas oder zwei oder drei. Die beiden Betreiber sind mir an Herz gewachsen, der Blondschopf und der Dunkle. 28. Mein Lieblingsalter, früher bevor ich 28 wurde und noch zehn Jahre danach. Jetzt ist mein Alter mein Lieblingsalter. „Du bist also ein Cougar“, vermutet der betrunkene Knabe. 25 ist er und nicht zum Stich gekommen. Eine Stunde hat er investiert und dann sagt sie ihm, dass sie einen Freund hat. Jetzt sei es spät und er wisse nicht, ob er es bei noch einer versuchen solle. Er flirtet ein wenig, ich spiele ein wenig, beiße auch und zeige Krallen und bleibe ehrlich, sage ihm, dass ich auf den Geliebten warte, der noch am Theater auftrete. Ein Puma sei ich, meint er und seine Mutter ist zwei Jahre älter als ich, Der Katze in mir ist nicht nach jagen zumute, er scheint das zu bedauern. Als der Eine kommt, schnurre ich.

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Und doch, ganz geht mir die Geschichte mit der alten Katze nicht aus dem Kopf. Und spät des Nachts, während wir den Geburtstag des Einen feiern, rumort es wieder unter Bord zwischen den Rumfässern und dem Schießpulver. Der Eine erschrickt, als das Gespenst aus meinem Dunkel, unseren rosaroten Wolken bricht und als das kleine Mädchen plötzlich da steht und bittere Tränen vergießt aus Angst nicht genug zu sein, nur zweitbeste Möglichkeit, nur praktisch, ein Schnäppchen, Substitute.

Doch dann am nächsten Tag haben wir die Segel wieder gesetzt, die Piratenkönigin kam wieder an Bord, hat einen Schweinsbraten mit feinstem Krusterl am Vorderdeck kredenzt und mit ihrem Ritter ein Fest der Liebe gefeiert, dass das kleine Mädchen nur so gestaunt hat…

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1019 mal erzählt

9
Okt
2011

Radio Night

Von der Brettern, die eine Welt bedeuten direkt aufs Vorderdeck: Schnell noch die alte Angst verjagt, die sich kurz von ihrem Lager zwischen den Rumfässern unter Deck erhoben hatte und Nächtens über die Balken taumelte. Frischer Wind ist aufgekommen, wir haben wieder Fahrt aufgenommen und Koordinaten fest gelegt. Jetzt ruhen wir uns ineinander verschlungen aus, gute Aussichten inmitten der sieben Weltmeere. Wir gönnen uns ein Piratenfrühstück, Hirschsteak mit Granatapfel und Chilli, denken um die Ecke und trinken kalten Kaffee.

Und dann kehren wir zurück auf unsere Positionen, er auf die Bretter unter den Bögen, ich auf mein Musenpodest. Endlich ist wieder Freitag. Der Erstgeborene vervollkommnet die "Hundert Jahre", finale Schnitte, sagt er, und doch höre ich wieder neues. Die 1950er dringen aus den Lautsprechern – Wirtschaftswunder mit Werbung und Schlager. So viel von ihm wiederentdecktes und lieb gewonnenes. Und wieder sitze ich auf dem Esszimmerteppich meiner Kindheit. Neben mir der Kofferplattenspieler und die Singlebücher meiner Eltern. Es war einer der wenigen Räume meiner Kindheit ohne Bücher, fällt mir auf, während Chris Howland für Bertelsmann Schallplatten wirbt. Was für eine Gnade, in einem Haus voller Bücher aufzuwachsen, Reader’s Digest am Klo und Zeitungen in der Küche. Bücherregale im Wohnzimmer und in allen Zimmern des Obergeschosse, aufgewachsen, geborgen in Buchstaben. Auch in meiner Wohnung findet sich Gedrucktes in allen Räumen. Ob er sich erst in die Bücher oder erst in mich verliebt habe, wollte eine vom Einen wissen. Oder in die „Hundert Jahre“, de aus dem Küchenradio tönten an diesen ersten Morgen, wie seither stets.

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Alle meine Klassiker höre ich an diesem Abend. „Tom Dooley“. Und wieder fällt mir die alte Geschichte ein, als wir dem Schulinspektor unser Lieblingslied vorsingen sollten und ich begeistert loslegte: „Das ist die Geschichte von Tom Dooley aus Tennessee und seinem Ende, er liebte die Frau eines anderen und weil sie nichts von ihm wissen wollte, da erdolchte er sie…“ Ich glaube, ich kam noch bis zu „Morgen da bist du tot.“ Das Lachen der Erwachsenen war mir süßer Beifall. Und „Mylord“, auch ursprünglich auf Deutsch gehört, und nur wenige Jahre später dann im Original, als mich die Piaf neben den Doors und The Clash durch meine Pubertät trug.

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Und Brecht, Mackie Messer vom Stückeschreiber selbst gesungen. Und in etlichen anderen Varianten. „Ich liebe dieses Stück“, sage ich zum x-ten Mal an diesem Abend. Das Steve Jobs 1955 geboren ist fällt mir ein, als Oppenheimer über das Atom spricht. „Das war eine Zeit des Umbruchs“, sagt der Erstgeborene: „Da ist so viel passiert, entstanden.“ Ich stimme ihm zu, während mir bewusst wird, dass unsere Zeit, jetzt, mindestens ebenso geschichtsträchtig ist, wie alle Zeiten, nur das Rad scheint sich noch schneller zu drehen. Und während wir darüber sprechen holen uns die Siebziger Jahre des letzten Jahrtausends ein. Die Zeit, in der wir als Idee, Traum, Vision unserer Eltern bereits vorhanden waren, angelegt. Die Radioklänge unserer frühen Kindheit.

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Und dann legt er ein anderes Band auf. Eine alte Radiosendung hat er digitalisiert, im Studio die junge Turtle vor zwanzig Jahren, gepresste Stimme und ultracool, fast ein bisschen asthmatisch beim Versuch sexy zu klingen. Und plötzlich bin ich wieder dort, in dem Wiener Studio, am Drehstuhl auf Rädern zwischen Revox-Bandmaschinen,CD-Playern und Plattenspielern. Und das Mischpult mit den vielen Reglern und das Mikrophon. Wir tranken Bier in der Musikredaktion und rauchten im Lager. Irgendwo stand ein Apple herum, meine Moderationen hatte ich mit der Hand notiert und eh im Kopf.

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Der Erstgeborene war damals schon dabei, hat mir geholfen, das Mikrophon einzustellen auf extra erotisch-cooles Timbre und die Übergänge zurecht zu schnipseln und andere waren auch dabei…wir erinnern uns, erzählen Geschichten, nennen Namen … sind alle was geworden, sagen wir uns, wir auch – weit haben wir es gebracht. Und noch immer hilft er mir beim Regler schieben und ich moderiere sein Leben.

Ach ja, hört sich gar nicht so schlecht an, die alte "Intensivstation", ein wildes Ding war ich damals, bin ich heute noch, wieder....
1829 mal erzählt

3
Okt
2011

Die Kunst des Lebens

Die Bühne war das Element der jungen Turtle. Schauspielerin wollte sie werden von klein auf und wäre bereit gewesen, fast jeden Preis dafür zu zahlen. Glaubte sie zumindestens, betonte sie wenigstens. Schon als ganz kleine Turtle mit sieben Jahren war sie die Müllerstochter im Rumpelstilzchen. Und auch wenn der noch jüngere Darsteller des trotzigen Zwerges die Bühne wütend stampfend zu früh verließ, die Turtle hatte bereits das Publikum mit einem ergreifend improvisierten Monolog ganz für sich gewonnen. Schriftstellerin war nämlich die andere Option, die sich zur etwa selben Zeit in ersten – und äußerst tragischen – acht bis zehnseitigen Romanversuchen äußerte, unvollendet wie so vieles, damals schon. Aber Schauspielerin. Der Versuch in der der Tiroler Dorfvolksschule die Odysee zu inszenieren scheiterte leider. Doch es folgten Jahre erfolgreicher Krippenspielauftritte, unvergessen der Monolog des Mohrenkönigs über die Diskriminierung aufgrund seiner Hautfarbe.

Und dann schließlich Kellertheater, dort wurde die Turtle erwachsen, das war die Bühne ihrer Frauwerdung, dort waren die Menschen, die sie geprägt, gelehrt haben. Theatervolk, Bühnentiere mit großen Gefühlen in steter Verwandlung. Ach, war es schön zu spielen, ach waren die Feste schön, ein Maskenball mit lauter Volksschauspielern, voll auf der Rolle, Premieren, Dernieren; Applaus, Applaus.

Ich habe meinen Stanislawski gelesen und meinen Max Reinhardt, verstecktes Theater gemacht und von Lee Strassberg geträumt, ich hab sprechen gelernt, gehen gelernt, sogar ein paar Schritte tanzen. Nur das mit dem Singen hat nicht geklappt und mit den Aufnahmsprüfungen an den Schauspielschulen. Also was ganz anderes: Theaterwissenschaft studieren, Regie vielleicht oder so. Als Peymann kam, war ich am Stehplatz mit dabei, die Festwochen waren mir solche, was habe ich Aufführungen gesehen, Strehler und Zadek und Lindsay Kemp und so viele und vieles – ganz großes Theater.

Und dann ist es mir unterwegs verloren gegangen, die Publizistik hat gesiegt, die Medien waren meine neue Bühne, die Spiellust einfach umdirigiert, von Zeit zu Zeit private Dramen. Jetzt darf das alte Zirkuspferd immer öfter wieder auftreten als Moderatorin oder als toll3stes Weib beim Interpretieren eigener und anderer Texte, die Bühne hat mich wieder. Ich fühle die elektrisierende Vorfreude, ich genieße es den Blick durchs Publikum schweifen zu lassen. Schön ist es am Mittwoch bei unserer Lesung in der Buchhandlung. Und ein neues Programm ist schon on Planung

Und zwei Tage später, konnte ich dem Einen applaudieren - schauen Sie sich das an, falls Sie in Wien sind – noch den ganzen Oktober jeden Freitag und Samstag und auch den Rest von MiMaMusch kann ich Ihnen nur ans Herz legen. Weil wir beide Bühnentiere sind, brauchen wir einander nichts vorzuspielen. Wir lieben unser Publikum und nehmen Platz im Publikum des jeweils anderen. Wir lieben den Applaus und spenden ihn auch einander so gerne. Wir lieben die Verwandlung und können uns einander ohne Masken präsentieren. „Wir sind Künstler“, sagt er irgendwann in der Nacht nach der Premiere und ich glaube es ihm. Sehr gerne.

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Am nächsten Morgen in der Küche Max Reinhardts Rede über den Schauspieler von 1928: "In jedem Menschen lebt, mehr oder weniger bewusst, die Sehnsucht nach Verwandlung. Wir alle tragen die Möglichkeiten zu allen Leidenschaften, zu allen Schicksalen, zu allen Lebensformen in uns.“Die Stimme des Theatermachers in den 100 Jahren des Erstgeborenen. Ja.

Und abends dann andere auf einer Bühne, ein fulminantes Festkonzert
– lauter Lebens-KünstlerInnen. Ganz großes Theater. Das Leben - und Ihr alle, sein wundervolles Ensemble - hat sich einen kräftigen Applaus verdient.

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1988 mal erzählt

22
Sep
2011

Am Wasser

Ich sitze dort und spreche mit dir. Du wusstest immer Antwort auf alle Fragen, die das kleine Mädchen gestellt hat und es hat leider nicht alle gestellt; immer weniger mit den Jahren und immer seltener die brennenden, die wichtigen, die richtigen. Zuviel Angst hatte sie vor deinem Schmerz, deiner Verlegenheit, wenn dich etwas zu sehr berührte. Dass du immer Antwort wusstest, hat auch die Mutter später gerne erzählt: "Und wenn er keine wusste hat er einfach eine erfunden. Aber lange habe ich gedacht, der weiß alles, so naiv war ich..“ Nicht erfunden, darüber nachgedacht, gefunden, erdacht. Ich liebte es wie du zuhörtest und ich liebte es dir beim Nachdenken zuzusehen, den Kopf, den Gedanken wiegend, die grünen Augen suchend und ich mochte deine wohl erwogenen Antworten.

Während ich diese Worte auf den Stufen sitzend in mein kleines rotes Bücherl schreibe, spricht mich eine fremde Frau unvermutet an, blond, ein wenig verweht, betrunken? Ob ich bei dem Licht noch lesen könne, ob ich mich nicht fürchte so alleine, will sie wissen. Und ich verneine, sie wirkt verzweifelt, sehr einsam, weint immer wieder und so lasse ich mich in ein Gespräch verwickeln über die harten rauen Menschen hier und Brustkrebs und die Kraft, die ihr ausgeht.

Oberösterreicherin ist sie und lebt seit mehr als 40 Jahren unter diesen Menschen, mit denen sie sich so schwer tut. Das Fußballmatch am Sportplatz nebenan endet 2:1, wie jemand brüllt. Ich versuche Worte zu finden, spreche von der Kraft, die sie die böse Krankheit besiegen hat lassen, sag ihr, dass sie stolz auf sich sein kann und überlege, wie ich es anstelle, dass ich wieder alleine mit dir und meinen Gedanken sein kann. Ein Auto bleibt stehen. Karma Chameleon tönt laut aus den offenen Fenstern. Irgendwann sage ich ihr dann doch, dass ich gerne wieder alleine sein möchte und sie dankt mir, verabschiedet sich und geht.

Du hättest auch mit ihr geredet, das habe ich von dir. Ich suche auch immer Antworten, auch das habe ich von dir. Und so viel Fragen hätte ich noch an dich. Und manchmal scheint mir du antwortest, dort am Wasser.

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1127 mal erzählt

21
Sep
2011

Weinseminar

Sie waren mein erster Kurs, zumindest einer der ersten: Kommunikation für BetriebsrätInnen aus dem Reinigungsgewerbe, später dann das Nähkästchen. Weinseminare haben sie diese Seminare damals genannt, weil immer mindestens eine, meist mehrere und oft auch ich, dabei weinen mussten. Starke Frauen sind sie allesamt, jede auf ihre Art, lauter und leiser, immer im Kampf für Gerechtigkeit und gegen die paar Kilos zu viel auf den Hüften. Mütter, Großmütter, mittlerweile sogar eine Urgroßmutter, wir sind alle älter geworden…und wirken jünger, wenn wir gemeinsam schallend lachen. „Lachseminar“, sag ich und sie meinen, dass sie doch gern auch weinen; umnd das tun und taten wir auch in diesen drei Tagen in den Bergen. Gründe dafür haben sie in ihrem Leben wohl viele gehabt, die alleinerziehenden Schwestern, die Betrogenen, Verlassenen, Unterschätzten, Verletzten, aber nur selten haben sie sich die Tränen genehmigt, Tränen der Wut vielleicht, dann und wann, aber die kosten ihren Preis und das sofort. Am Anfang kam ich mir jünger vor als die meisten von ihnen, oft wie eine Art Tochter, heute fühle ich mich wie eine Schwester. Sie haben sich mich gewünscht für dieses Seminar. Ich hätte mir sie gewünscht und hab sie bekommen; sie und so viel Liebe.

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Ich vermisse meinen Vater, der heute vor drei Jahren gegangen ist. Mein Leben, Denken, Sein hat sich seitdem verändert und ich weiß nicht, ob er glücklich darüber wäre. Ich bin glücklich und das würde ihn freuen; das wenigstens weiß ich. Er fehlt mir, sehr.

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1305 mal erzählt

17
Sep
2011

Alle guten Dinge sind toll3st

Wir tun es wieder, wir lesen wieder, das dritte und letzte Mal mit diesem Programm in Wien in der Buchhandlung Alles Buch, Heimspiel also wieder, mitten im 8. Und eine Buchhandlung geborgen in Buschstaben. Wir freuen uns darauf und auf euch…

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1329 mal erzählt

15
Sep
2011

Die Mädchen

Wie orientalische Prinzessinen sehen sie aus mit ihren farblich perfekt auf die Kleidung abgestimmten Kopftüchern und den wunderschön geschminkten Augen, die an den Lippen des Geschichtenerzählers hängen, des Korrespondenten aus ihrer Welt. Karim El-Gawhary präsentiert sein „Tagebuch der arabischen Revolution“ in der Buchhandlung meines Vertrauens. Der Sohn einer deutschen Mutter und eines ägyptischen Vaters im Krankenhaus rechts der Isar geboren ist durch seine Berichte und Live-Einstiege vom arabischen Frühling vom Journalisten zu einer Art Medienstar geworden. Er ist Mittler zwischen den Welten Orient und Okzident, er erzählt von Völkern die Plätze besetzen und sich friedlich ihr Land wieder zu eigen machen, die Diktatoren überwinden und für Brot und Würde kämpfen.

Mit neuen Mitteln in einer neuen Welt, so wie die Jugend während der arabischen Revolutionen nutzt er Blog, Facebook und Twitter. Das spiegelt sich auch in seinem Buch und es leist sich wie eine Zeitreise in die ersten Monate dieses Jahres. „Nach dem Raumschiff Enterprise Motto: Scotty beame mich zum Tahrir- Platz“ steht im ersten Kapitel. Und die bildschönene Gesichter der Mädchen in der ersten Reihe, die immer wieder mit ihren Handy filmen und photographieren verwandeln sich in die Gesichter der 16jährigen Ägypterinnen, die aufgebrochen sind. um ihren Platz zu verteidigen und letztendlich ihre Eltern mitgerissen haben. Und er erzählt von dem jungen Muslim, den er gefragt hat, was sich an ihm verändert habe in den Tagen am großen Platz. Und wie dieser wirklich ernsthaft darüber nachgedacht habe und dann erklärt hat: „Früher dachte ich Frauen sind nur für bestimmte Berufe geeignet, jetzt weiß ich, Frauen können alles.“ Da steht ein feuchter Glanz in den Augen der Mädchen.

Es ist nicht die einzige Geschichte, die die vielen, die gekommen sind, um dem Autor nahezu zwei Stunden lang stehend zu lauschen, bewegt. Oft könnte man eine Stecknadel fallen hören, während El-Gawhary von Mut und Freiheit und immer wieder Menschen spricht. Von der jungen Scharfschützin Ghaddafis im Krankenhaus in Tripolis, kaum 19 Jahre und zart und klein, von ihren Tränen und der Frage wie viele Menschen sie wohl getötet hat aus dem Hinterhalt von einem Hausdach, von dem sie sprang, um den Rebellen zu entkommen. Augen begegnen sich, Blicke, wortloses Verstehn, lächeln, nicken, Fremde, Vertraute. Und die diffuse Hoffnung auf eine bessere Welt.

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Später dann, nachdem er geduldig Bücher signiert hat, stürmt eine andere Gruppe junger Mädchen den Raum. Sie haben Karim El-Gawhary durch die Auslage erkannt und schon vorher getroffen. „Wie erreiche ich euch, will er von ihnen wissen, die Facebook verwiegern.“ Starke junge Frauen, lauter direkter als ihr Altersgenossinen mit den Kopftüchern, aber genauso neugierig, so interessiert. Nur zwei Burschen haben sie im Schlepptau, eine Mädchengruppe wie die andere, wie so oft. Neugierig, am Weg ins Leben, uralt mit Mitte 20. All die Mädchen und jungen Frauen mit ihrem feuer, ihre Wärme, ihrer Neugier, mit ihren Freundinnen. War ich je eine von ihnen?

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1536 mal erzählt
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Mock Turtle

Sit down, both of you, and don't speak a word till I've finished

Who sits there?

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Im Bilde

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Soundtrack

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Gruß nach drüben
Der Vater - der großartige Walter Deutsch ist am 13....
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Wenn ich schon geahnt...
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Gruß nach drüben
Der Vater - der großartige Walter Deutsch ist am 13....
katiza - 18. Feb, 16:53
Wenn ich schon geahnt...
dass ich an jenem Zuhause angekommen bin. Ich liebe...
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