Memory
Manchmal kommt das kleine Mädchen aus den Hinterzimmern meiner Seele und klopft an mein Leben. Es möchte dann Memory spielen. Manchmal stiehlt es sich auch nur einfach herein, setzt sich auf meinen Schoß und packt die Karten aus. Und schon sitze ich wieder im heimatlichen Esszimmer, am Boden zwischen Kredenz und Sofa. Die Mutter ist im Haus. Ich soll mich mit mir selbst beschäftigen und vor allem keine Unordnung machen. Vor mir ist der Teppich, voller Fabelwesen, Prinzen, Prinzessinnen – geheimnisvolle Botschaften der Teppichknüpferinnen aus einem anderen Land, einer anderen Zeit.
Neben mir steht der Plattenspieler, ein transportables Modell, die Schallplatten im Schrank. Nur keine Unordnung machen. Vor mir kleine, bunt mit chinesischen Motiven bedruckte Mappen voller Singles – ich kenne fast alle auswendig: Alles vorbei Tom Dooley, die Mutter ist immer dabei und bist du einsam heut Nacht. Brennend heißer Wüstensand, ich bin ein Vagabund, statt weiß, trag rot, das ist die Farbe der Liebe. Meine Lieblinge sind die, bei denen der Puck, das kleine dreiarmige Plastikteil, das ihr Abspielen erst möglich macht, in ihrer Mitte zwischengeparkt ist, ein wenig zerkratzt, die Hüllen verschlissen. Und dann noch Langspielplatten: Schönherrs Erde und Kabarett, der eigensüchtige Riese von Oscar Wilde, die Augsburger Puppenkiste mit 1:0 für die Bärte und am liebsten doch immer wieder die geheimnisvollen Boten der Erwachsenenwelt: Schlager, Oskar Werner, Louise Martinis Chesterfield und Edith Piaf. Nur nicht zu laut spielen, das könnte die Mutter ärgern. Nur nicht zu leise – sonst hört man die Stille im Haus zu sehr.
So viel Angst vor dem Zorn der Mutter, der nicht mir gilt, aber mich trifft. Sonst ist niemand da. Es tut ihr immer leid nachher und so fühle ich mich doppelt schuldig, an ihrer Wut und ihrer Reue.
In meinen Händen Schnapskarten: mein Ensemble für große Dramen. Was hatte der Frühling zu erdulden, vom Winter versklavt, verraten durch den Sommer, bis sie endlich genügen konnte und mit dem Schell Ober glücklich wurde.
Ich bin nicht allein in diesen Stunden, ich habe einen für Erwachsene unsichtbaren Freund, wie es Kinder oft haben. Ihm kann ich erklären, dass es Mama nicht so meint, er sitzt erste Reihe fußfrei, wenn der Teppich sich in eine Wunderwelt verwandelte. Er kennt den Schmerz von Frau Frühling und bangt um ihr Glück. Manchmal dreht er den Plattenspieler zu laut auf oder schmeißt ein Glas um. Aber das ist unser Geheimnis.
Und plötzlich sitze ich da mit meinen alten Kinderängsten, dem Gefühl nicht zu genügen, wohl geliebt und doch allein und die Piaf singt Milord. Und mit einem Mal weiß ich wieder, dass mein unsichtbarer Freund sichtbar geworden ist, seit Ewigkeiten und für immer Teil meines Lebens, dass der Frühling ein Happy End feiern darf und dass ich noch immer mit Teppichen fliegen kann. Danke.

Neben mir steht der Plattenspieler, ein transportables Modell, die Schallplatten im Schrank. Nur keine Unordnung machen. Vor mir kleine, bunt mit chinesischen Motiven bedruckte Mappen voller Singles – ich kenne fast alle auswendig: Alles vorbei Tom Dooley, die Mutter ist immer dabei und bist du einsam heut Nacht. Brennend heißer Wüstensand, ich bin ein Vagabund, statt weiß, trag rot, das ist die Farbe der Liebe. Meine Lieblinge sind die, bei denen der Puck, das kleine dreiarmige Plastikteil, das ihr Abspielen erst möglich macht, in ihrer Mitte zwischengeparkt ist, ein wenig zerkratzt, die Hüllen verschlissen. Und dann noch Langspielplatten: Schönherrs Erde und Kabarett, der eigensüchtige Riese von Oscar Wilde, die Augsburger Puppenkiste mit 1:0 für die Bärte und am liebsten doch immer wieder die geheimnisvollen Boten der Erwachsenenwelt: Schlager, Oskar Werner, Louise Martinis Chesterfield und Edith Piaf. Nur nicht zu laut spielen, das könnte die Mutter ärgern. Nur nicht zu leise – sonst hört man die Stille im Haus zu sehr.
So viel Angst vor dem Zorn der Mutter, der nicht mir gilt, aber mich trifft. Sonst ist niemand da. Es tut ihr immer leid nachher und so fühle ich mich doppelt schuldig, an ihrer Wut und ihrer Reue.
In meinen Händen Schnapskarten: mein Ensemble für große Dramen. Was hatte der Frühling zu erdulden, vom Winter versklavt, verraten durch den Sommer, bis sie endlich genügen konnte und mit dem Schell Ober glücklich wurde.
Ich bin nicht allein in diesen Stunden, ich habe einen für Erwachsene unsichtbaren Freund, wie es Kinder oft haben. Ihm kann ich erklären, dass es Mama nicht so meint, er sitzt erste Reihe fußfrei, wenn der Teppich sich in eine Wunderwelt verwandelte. Er kennt den Schmerz von Frau Frühling und bangt um ihr Glück. Manchmal dreht er den Plattenspieler zu laut auf oder schmeißt ein Glas um. Aber das ist unser Geheimnis.
Und plötzlich sitze ich da mit meinen alten Kinderängsten, dem Gefühl nicht zu genügen, wohl geliebt und doch allein und die Piaf singt Milord. Und mit einem Mal weiß ich wieder, dass mein unsichtbarer Freund sichtbar geworden ist, seit Ewigkeiten und für immer Teil meines Lebens, dass der Frühling ein Happy End feiern darf und dass ich noch immer mit Teppichen fliegen kann. Danke.

katiza - 20. Apr, 09:27
11 Kommentare - Kommentar verfassen - 0 Trackbacks
3879 mal erzählt
nixcik - 20. Apr, 13:21
Ja.
elke66 - 20. Apr, 14:06
schön und so traurig tröstend
katiza - 20. Apr, 16:50
wie das Leben...Danke!
nanou - 20. Apr, 17:39
Oh ... das klingt so, als wären da keine Geschwister als Spielgefährten gewesen, sondern nur Sie beide, als hätten Sie oft mit dem imaginären Freund gespielt und als war da einiges, was Kinder eher nicht erleben sollten.
Ganz andere Geschichte zwar, auch die Platten waren andere, obgleich ich uns in ähnlichem Alter vermute - doch den fliegenden Teppich mit den wundersamen Mustern ... - den gab es auch bei uns daheim. Als Erwachsene dann die Vorliebe für die Märchen-Teppiche bewahrt. Warum wohl - Das Kind in uns ist noch da.
Ganz andere Geschichte zwar, auch die Platten waren andere, obgleich ich uns in ähnlichem Alter vermute - doch den fliegenden Teppich mit den wundersamen Mustern ... - den gab es auch bei uns daheim. Als Erwachsene dann die Vorliebe für die Märchen-Teppiche bewahrt. Warum wohl - Das Kind in uns ist noch da.
katiza - 20. Apr, 17:54
Stimmt, nanou, keine Geschwister, geliebte Cousins, eine Freundin und wir beide. Dann, wenn es drauf ankam, wir beide.
Aber es war eigentlich nichts außergewöhnlich Schlimmes, was ich erlebt habe, ganz normale Kinderängste, Kinderleid. Die Mutter war wohl unglücklich mit ihrem Leben, das habe ich gespürt, angenommen und mir zugelastet. Der Vater war viel weg.
Die Schallplatten gehörten meinen Eltern, obwohl ich eigentlich nie wirklich miterlebt habe, dass sie sie für sich gespielt hätten.
Ich winke Ihnen zu, von Teppich zu Teppich, nanou!
Aber es war eigentlich nichts außergewöhnlich Schlimmes, was ich erlebt habe, ganz normale Kinderängste, Kinderleid. Die Mutter war wohl unglücklich mit ihrem Leben, das habe ich gespürt, angenommen und mir zugelastet. Der Vater war viel weg.
Die Schallplatten gehörten meinen Eltern, obwohl ich eigentlich nie wirklich miterlebt habe, dass sie sie für sich gespielt hätten.
Ich winke Ihnen zu, von Teppich zu Teppich, nanou!
yonosequepasara - 21. Apr, 13:28
Berührend. Mich, so innen drinnen...
So stehenden Fußes tu' ich mir schwer, ähnlich intensive Bilder aus meiner Kindheit abzurufen - ohne sie zu sehr auszuschmücken. Ich scheine mich zu vergessen...
So stehenden Fußes tu' ich mir schwer, ähnlich intensive Bilder aus meiner Kindheit abzurufen - ohne sie zu sehr auszuschmücken. Ich scheine mich zu vergessen...
katiza - 21. Apr, 14:05
Danke, ich berühre gerne - die Intensität der Erinnerungen hängt bei mir auch mit Naikan und Jujukinkai zusammen.
yonosequepasara - 22. Apr, 09:13
Habe gestern etwas nachgelesen bei dir. Das ist gelinde gesagt "harter Stoff"...
Worin besteht für dich das Positive in dieser geballten Auseinandersetzung mit der Vergangenheit?
Ich tendiere dazu, mich mit dem Hier und Jetzt zu beschäftigen - das Aufarbeiten von Vergangenem scheint mich eher in einem alten, unerwünschten Zustand zu halten, anstatt mir wirklich neue Wege zu öffnen.
Worin besteht für dich das Positive in dieser geballten Auseinandersetzung mit der Vergangenheit?
Ich tendiere dazu, mich mit dem Hier und Jetzt zu beschäftigen - das Aufarbeiten von Vergangenem scheint mich eher in einem alten, unerwünschten Zustand zu halten, anstatt mir wirklich neue Wege zu öffnen.
katiza - 22. Apr, 17:55
Es hat mich innerlich aufgeräumter und im Allgemeinen glücklicher und zufriedener gemacht - ich persönlich kann mich seither intensiver mit dem hier und jetzt befassen. Ich habe eine Psychotherapie gemacht und hatte jede Menge Selbsterfahrungserlebnisse, Naikan hat mir den meisten Frieden gegeben.
Ich wende die drei Fragen regelmäßig auf Personen an, mit denen ich Schwierigkeiten haben, auf Tage, ja sogar auf Probleme (Was hat mein Körper/mein Beruf etc. für mich getan? etc.). Sie verhelfen mir immer zu anderen Perspektiven. Sehr tröstend haben sie sich nach dem Tod meines Vaters erwiesen, ich hatte nicht das Gefühl irgendetwas offen oder unausgesprochen zu haben, ich habe ihm immer wieder nach meinen Naikanwochen ganz konkret für bestimmte Erlebnisse danken können (und er hat sich sehr darüber gefreut).
Auch mit der Mutter konnte ich so Frieden schließen.
Ich wende die drei Fragen regelmäßig auf Personen an, mit denen ich Schwierigkeiten haben, auf Tage, ja sogar auf Probleme (Was hat mein Körper/mein Beruf etc. für mich getan? etc.). Sie verhelfen mir immer zu anderen Perspektiven. Sehr tröstend haben sie sich nach dem Tod meines Vaters erwiesen, ich hatte nicht das Gefühl irgendetwas offen oder unausgesprochen zu haben, ich habe ihm immer wieder nach meinen Naikanwochen ganz konkret für bestimmte Erlebnisse danken können (und er hat sich sehr darüber gefreut).
Auch mit der Mutter konnte ich so Frieden schließen.
yonosequepasara - 22. Apr, 18:09
Danke für deine Antwort. Dieses Überleiten, Ankommen in die Gegenwart, die neuen Perspektiven durch diese Fragen, das hat was. Interessieren tu ich mich vorallem, weil ich es für mich selbst so überhaupt nicht vorstellen kann. Die Reaktion in mir reicht von "Wofür denn?" bis hin zu "Das will ich AUF KEINEN FALL!". Und derart heftige Ablehnung hat wohl auch ihre Bedeutung...
Naikan. Mal nachlesen...
Naikan. Mal nachlesen...
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