21
Okt
2008

Kleine Informationsgesellschaft

"Abends teile ich gerne ein Glas Wein mit meinem Perser", berichtet der Erstgeborene aus dem südlichen Kinderzimmer: "Selbst den Roten absorbiert er aber besser als ich."

Später dann an diesem falschen Freitag tauscht eine kleine feine Gesellschaft Informationen aus über Bücher und Filme wie andere Drogen. Suhrkamprot blitzt ein Taschenbuch auf, abgenutzt und gelesen, Bilder werden gezeigt, blättern im Kinderbuch. Frauenleben – Gina Kaus und Dare Wright – wie wohl ich die einzige Frau im Raum bin, die nicht zwischen Buchdeckeln gefangen oder auf Tonträger gepresst ist – und Männerleben. Brecht und Bronnen. Und dann wieder Kino: Über "Die Erben" reden wir, über Hedy Lamarr, über "Die Berührte". "So viel Information", freut sich der Erstgeborene.

Zum Ausklang. Hindemith statt Soul.

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672 mal erzählt

18
Okt
2008

Herbst-Zeit-Los

Und plötzlich findet sich die Mock Turtle auf der Mad Tea Party. Die Zeit, meine alte Vertraute, scheint mir fremd geworden. Dabei verstanden wir uns gut, seit mir mein Vater als Kind meine erste Armbanduhr geschenkt hatte. Die Zeit war immer auf meiner Seite. Und ich respektierte sie. Bemühte mich, sie niemandem zu stehlen und sie auch nicht totzuschlagen. Manchmal ließ ich sie ungenutzt verstreichen, manchmal sogar verfliegen. Aber nie hatte ich den Eindruck, dass sie das stören könnte. Ich ging mit ihr. Und ich mochte ihre Töchter. Gerne spielte ich mit der Vergangenheit und der Zukunft, verkleiden meist und manchmal verstecken. Seltener mit der stillen Gegenwart, die oft blass um mich herumstrich. Doch ich mochte auch sie. Die vierte Tochter, die berühmte Wahrheit, kam nur selten zu Besuch, so dass ich sie nicht immer gleich erkannte. Ich mochte die Zeit, auch wenn sie manchmal verrückt schien. Ich lebte durch die Zeit.

Mit der Zeit aber geriet ich immer mehr in die Zeit. Die Armbanduhr legte ich ab, denn die Zeit war elektronisch geworden und allgegenwärtig – sie war digitalisiert und so vertraut und fremd zugleich. Vergangenheit und Zukunft erschienen mir plötzlich als eitel, oberflächlich und manchmal gar geschwätzig. Und so lernte ich die Gegenwart mit ihrer ruhigen Schönheit mehr und mehr zu schätzen. Sie brachte mir auch ihre Schwester Wahrheit näher, die ich jetzt viel öfter sah – wenn sie es war. Ich nahm mir Zeit für mich. Vielleicht hat sie mir ja das übel genommen.

Denn seit jenem Anruf spielt sie verrückt. Sie und ihre Töchter tanzen um mich. Manchmal schreien sie durcheinander, manchmal verstecken sie sich. Sie stoßen zusammen und laufen davon. Und doch bräuchte ich sie gerade jetzt so sehr – um alle Wunden zu heilen, um mit Rat zu kommen, um mich mit ihrem engen Korsett vor dem auseinander fallen zu beschützen. Wo sind die Zeiten hin?

Ich trage die letzte Armbanduhr meines Vaters. Ich habe Zeit.

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1299 mal erzählt

15
Okt
2008

Und dann

ist doch wieder Freitag an einem Montag und ich lache und bin glücklich, weil ich bin.

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480 mal erzählt

21
Sep
2008

An einem Sonntag im September

Er war ich
Ich bin er.
Er war.
Ich bin.

Worte können die Lücke niemals schließen,
die mein Vater hinterlassen hat.

Seine Stimme fehlt mir, mich zu fragen.
Seine Augen, mich zu spiegeln.
Sein Lachen, mich zu wärmen.
Seine Tränen, mich zu berühren.
Seine Hände, mich zu halten.
Der Daumen, der mir ein Kreuz auf die Stirn malt.

Er war Ich bin Er.
Ich bin.

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1340 mal erzählt

13
Sep
2008

Papierene Freunde

Jetzt stehen sie wieder da, Rücken an Rücken, an ihrem alten, neuen Platz. Manche waren schon vorher Nachbarn, andere haben erst jetzt einen Platz gefunden. Jahrelang waren sie Lückenbüßer. Dieses Schicksal hat gar nicht selten die besten von ihnen getroffen, denn nur sie habe ich immer wieder zu mir geholt, um sie dann, nachdem ich sie anderen vorgestellt hatte oder nachdem sie meine Frage beantwortet hatten, wieder irgendwo hin zu räumen.

Einige sind mir gestern völlig neu begegnet. Wiederum andere waren mir fast völlig entfallen und gaben doch schon im flüchtigen Durchblättern Erinnerungen an vergessen Geglaubtes Raum. Manche sind Stellvertreter, für die aus deren Händen ich sie bekommen oder deren Worte das Verlangen nach ihnen genährt haben. Wenige enthalten Widmungen von Menschen, die mir komplett entfallen sind. Fast zwei Meter stehen für eine Epoche, ich werd sie wohl nur mehr selten öffnen, aber weggeben kann ich sie nicht. Das hieße irgendwie, Jahre verlieren.

Und doch wanderte das eine oder andere auf einen Stapel im Vorraum – ausgemustert, weggelegt, um den Platz für die geliebten zu erhalten. Nicht nur die, die doppelt vorhanden waren, auch manch attraktive und heitere Urlaubsbegleitung oder Zeugen einer anderen Epoche, die mir von ihren Autoren persönlich ans Herz gelegt wurden, Zeugnisse von Reisen mit Außerirdischen oder Geschichten einer tragischen Kindheit, besonders schweren Herzens auch ein, zwei Bücher, die ich bei dem netten exiljugoslawischen Buchhändler, der bis vor drei Jahren einen Laden in unserer Gasse hatte, abgekauft und doch nie gelesen habe und das eine oder andere, das ich selbst einst aus einem Leihbüchereiverkauf oder einem Altpapiercontainer gerettet habe. Sie müssen gehen damit die anderen bleiben können.

Bei der morgendlichen Lektüre steigt Angst in mir hoch, weil kaum mehr Platz für neue Bücher ist, wenn ich nicht bereit bin, mich von weiteren alten zu trennen. Vielleicht fühl ich mich auch deswegen hier so wohl, in der Welt frei gelassener Buchstaben, nicht eingesperrt zwischen Buchdeckeln und doch immer greifbar. Aber Bücher riechen.

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"Was du alles weißt! Du hast schon viel gelesen."
"Ja, ich lese immer. Der Vater nimmt mir die Bücher weg. Ich möchte in eine chinesische Schule. Da lernt man vierzigtausend Buchstaben. Die gehen gar nicht in ein Buch."


Elias Canetti "Die Blendung" Auflage 181. – 187. Tausend: Oktober 1985, wiederentdeckt gestern
1045 mal erzählt

10
Sep
2008

Fröhlicher falscher Freitag

Erkenntnis beim Erstgeborenen: Soul ist für Zimmerpflanzen, was Klassik für Kühe ist.

Außerdem führten wir eine Diskussion über den Altweibersommer. Das Wort wird ja gerne als diskriminierend betrachtet und das obwohl die damit beschriebene Jahreszeit doch wunderschön ist, mit heißen Tagen und manchmal wildem Wetter, meist ausgewogen, das Licht ist golden, der bunte Herbst kündigt sich an. Es gibt Kürbisse, Äpfel, Birnen. Es ist meine Lieblingsjahreszeit, die nach den alten Weibern benannt ist ..."Und", sagte die junge Frau, mit der ich darüber sprach: "So ein schönes Sprachbild gibt es für alte Männer nicht...nach denen ist nichts benannt."

Ein kleiner visueller Trost für alte (und nicht so) alte Männer:

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oder auch:

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ein betrunkenes Telefonat
und dann hab ich noch ein wenig getanzt und an Anousch und nanou gedacht....
652 mal erzählt

8
Sep
2008

Save our Soul

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Gemeinsam mit dem Liebsten habe ich den Erstgeborenen am Arbeitsplatz besucht. Zwischen schwarzem Hut und rot gepunkteten Schuhen habe ich mir die Seele aus dem Leib getanzt. Nunmehr seelenlos habe ich herumwirbelnd den einen oder anderen Kopf verdreht. Die Beute habe ich dann dem Liebsten geopfert, der mich mit Küssen und Begierde für mein Spiel belohnt hat.

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725 mal erzählt

2
Sep
2008

Sechs Jahre und ein dutzend

18 Jahre liebe ich den Mann, 12 sind wir verheiratet.

Nachtrag zum Hochzeitstag am 30. August:

Du bist mein bester Freund am Tag
Mehr noch brauch ich dich in der Nacht
Wo ich schon so oft neben dir lag
Eben erst verwirrt erwacht

Verloren aber nicht alleine
In deiner Wärme wohl geborgen
Mir selbst gehörend, ganz die Deine
Von dir geleitet in das Morgen…

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1731 mal erzählt
logo

Mock Turtle

Sit down, both of you, and don't speak a word till I've finished

Who sits there?

Du bist nicht angemeldet.

Im Bilde

2016-01-19-09-53-53

Soundtrack

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Der Vater - der großartige Walter Deutsch ist am 13....
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katiza - 18. Feb, 16:53
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