8
Dez
2008

Tanzen und Trinken

Am Samstag hab ich mir die Seele zuckern lassen. Hab von Mitternacht bis zum Morgengrauen getanzt, getrunken, geflirtet, das Leben zelebriert bis die Füße schmerzten und ich nach Schweiß stank. Den Lebenden habe ich viel versprechende Blicke zugeworfen, an die Toten habe ich dabei gedacht. Der Erstgeborene hat den Soundtrack geliefert.

img468

Ein großes, schönes Mädchen mit Puppengesicht, eine Romy-Schneider-Riesin bewegte sich um mich herum, sie reichte mir ihr Bier, sie hieß Pia, wie friedlich. Ein mir bereits bekannter Unbekannter, versuchte seine Gunst zwischen gleich vier tanzenden Frauen geschickt zu platzieren und musste scheitern. Blicke, Lachen, Sinnlichkeit. Der Rhythmus der Seele.

Am Ende der Nacht unter dem Riesenrad war ich schönes, jünger, glücklicher und lebendiger.

img474
615 mal erzählt

4
Dez
2008

Drowned

Und kein Ende. Fast schon keine Tränen mehr. Der Moser ist tot. Ertrunken in Vietnam.

Plötzlich stand er neben mir. Ein blond gelockter, fröhlicher Bär mit blitzenden Augen. Er legte einen Stapel Schallplatten neben die Revox, Haindling, Capers, Söllner und allerlei Rares mehr und begann zu reden. Der Moser eben. Später fuhren wir gemeinsam zur Holzalm Vikt, einem heimischen Original. Ich machte eine Radioreportage fürs Tiroler Sommerradio, mein Ferialjob und Einstieg in die Branche. Die Frau hatte ihr Leben auf der Alm verbracht als Sennerin und Hüttenwirtin und erzählte jede Menge Geschichten, die mir der Moser dann im Studio übersetzen musste. Ich habe den Dialekt kaum verstanden. "Und wenns nit wohr isch, isch ös aft guat dalogen", beendete sie jede ihrer Geschichten.

Dem Moser gefiel ich und so unternahm er viel mir zu gefallen. Und so wie er mich für Tirol und Musik begeistern konnte, begeisterte er mich für sich. Der Moser war per Du mit der Welt. Er war per Du mit dem Leben. Das muss nicht immer schön sein. Aber mit Gedanken darüber hat sich der Moser nie aufgehalten. Er war kein Jammerer, manchmal war er vielleicht ein Angeber. Er wirkte vielleicht hin und wieder wie ein Dampfplauderer, aber diese heiße Luft bewegte eine Menge. "Ehrlich."

Plötzlich wohnte er in meinem Heimatort. Manchmal spazierte ich abends zu ihm und wir tranken und rauchten. Eine Freundin lebte bei ihm und seltsame Bands bevölkerten die seltsame WG. "Half Japanese" fallen mir ein. Abende im Bogen 13. Trommeln eines indischen Bergbauern. Jamaikanischer Glühwein. Die ganze Welt war für den Moser ein bissl wie die Wildschönau. Und umgekehrt. Van Morrison und Georgie Fame. Ein Abend in der Diana-Bar. Der Moser hatte "heißen Dienst" für die lokale Nachrichtensendung. Und den zweiten Whiskey. Er wurde ausgepiepst. Im Oberland sei eine Sennerin abgestürzt. Er solle ausrücken. "Und was soll i tuan? Weinende Kiah filmen?" Sein meckerndes Lachen ertönte. Wie wenn er davon erzählte, dass er verwarnt wurde, weil er einen Beitrag über Hochwasser in Innsbruck mit "Bridge over troubled water" unterlegt hatte. "Ehrlich", und er rollt die Bärenaugen. Er hat mich seiner Familie vorgestellt, in Brixlegg, der Mama und den Geschwistern mit den knuffeligen Moser-Gesichtern.

Aber verliebt war ich dann in einen anderen. Und als ich ihn küsste in Mosers Wohnung bin ich mir wie eine Betrügerin vorgekommen. Aber ich habe weiter gemacht. Ich war ja ein böses Mädchen. Der Moser ist mein Freund geblieben.

Plötzlich läutete er an meine Wiener Wohnungstür. Er wolle endlich das Beisl sehen in dem ich arbeitete, lachte er und stolperte mit einer Flasche Meisterwurz in mein Leben. Wir haben dann das G-Punkt versenkt und eine Kollegin aus dem Schlaf geklingelt. Ich schmecke Schnaps, wenn ich nur an diese Nacht denke. Ich hör den Moser meckern und sehe in seine Bärenaugen. Ich weiß bis heute nicht, ob wir miteinander geschlafen haben in meinem klapprigen Messingbett. Er hat gemeint: Ja "Ehrlich".

Plötzlich saß Mosers Schwester in der Daily Talk Show. Biobäuerin und unglücklich. Und der protzige Kollege, der sie im Luxushotel vögelte und ihr Leben ins wanken brachte. Und da war der Moser wieder da. Er und der Teufel wohnten zusammen. Bei den kostbarsten Menschen, den liebenden GrenzgängerInnen traf ich immer wieder den Moser. Und immer war er auch Tirol, im positivsten Sinn für mich. Er erschien mir wie jene Zillertaler Sänger, die im 19.Jahrhundert mit ihrer Musik die Welt bereisten.

Ich seh ihn auf meiner Hochzeit stehen, ein Sektglas in der Hand. Er sitzt mit einem Schnapsglas bei uns im Wohnzimmer. Kostbare Musik am Tisch ausgebreitet: Die Knödel, Dienz, Dancehallfieber, Texta, Attwenger, Sean Paul, begeistert und begeisternd. Immer, wenn etwas sehr gut und auch schräg war, hatte der Moser seine Finger im Spiel. Besessen von Musik und den Menschen die sie machten. Immer, wenn ich nicht damit rechnete, war der Moser plötzlich da. Fünf Stunden Speisewagen zwischen Wörgl und Wien. Kiffen am Klo zwischen Wien und Innsbruck. Konzerte, Szene, Feste. Einmal Silvester haben wir uns am Flugahfen getroffen. Er kam aus Jamaica, wir wollten irgendwo hinfliegen, egal wohin. Immer plötzlich, nie überraschend und schon gar nie erschreckend. Oft zu zweit, mit Birgit, seiner Frau. Das strahlende Erkennen, die feste Umarmung, Haare aus dem Gesicht streifen. "Ha, Du?" Meckern. "Ehrlich."

Plötzlich ist er vom Meer geholt worden. So viele Abschiede ohne Wiedersehen, ach Christoph. Moser. "Ehrlich."

img162
3277 mal erzählt

3
Dez
2008

Was zählt?

Die Liebe und Seelenzucker....

img455
590 mal erzählt

28
Nov
2008

Was wog ein Herz?

630 Gramm

img418
832 mal erzählt

27
Nov
2008

Just Friday

img442
472 mal erzählt

15
Nov
2008

Jenseits von gut und böse?

Da liegt sie nun auf meinem Schreibtisch. Seite 277 aus "Die Wohlgesinnten". Das Buch liegt neben dem Bett. Die Toccata habe ich gelesen. Und immer noch beschäftigt sie mich: die gut und böse Frage. Wer ist böse? Der Ackermann? Wer gut? Gutmenschen? Wie böse und wie gut? Und habe ich es tatsächlich geschafft, jenseits von gut und böse zu sein? Aus Liebe zu handeln? Und diese beiden Faktoren weitgehend aus meinem Wertungssystem auszuschließen? Das Wort Böse meide ich wie den Gottseibeiuns, mehr als bösartig kommt mir nicht über die Lippen.

"Aber einst warst du stolz darauf 'böse' zu sein",
erinnert mich die Mock Turtle. "Nicht wirklich", hoffe ich und weiß, dass es dennoch so war.

Und wie steht es mit Ihnen? Sind manche Menschen böse? Eine ganze Reihe meiner Landsleute bietet sich jetzt zur Aufzählung an. Sind Sie gut oder böse? Oder eben jenseits von? Und was ist das Gute daran?

img265
995 mal erzählt

11
Nov
2008

Best of Böse

Die schönsten falschen Freitage fallen oft auf einen Montag. Vielleicht ist es das Wissen um den besonderen Leichtsinn, sich gleich zu Wochenbeginn auf eine lange Rotwein getränkte Nacht einzulassen, der Reiz der Unvernunft.

Und so habe ich mit der Pfadfinderführerin über den Liberalismus philosophiert: "Der Liberalismus sagt mir zu", erklärte sie: "Weil ich glaube, dass die Menschen böse sind. Und ich bin Pfadfinderin. Der Kommunismus geht davon aus, dass die Menschen gut sind." Ich halte den (Neo)Liberalismus für böse, dienstlich und privat. Das heißt: Ich halte eigentlich nichts und niemanden für böse. Jeder ist gut, halt nur oft oder meistens in erster Linie zu sich selbst. Andere stehen dabei aber manchmal im Weg. Böse gibt es in meiner Welt nicht. Aber Werte. Die gibt es bei der Pfadfinderführerin auch. "Jeden Tag eine gute Tat" – und das ist ein Wert. Davon bin auch ich überzeugt. Bei dem stellt sich allerdings wiederum die Frage: Was ist gut?

Im Hintergrund läuft Soul. Ich hab mir vom Erstgeborenen Musik aus der Zeit gewünscht, in der mein Vater jung war. Songzeilen streicheln meine Seele, das Bild des Vaters als junger Mann am Lido in Venedig taucht auf. Oh Daddy.

Übernächtig und noch ganz in die innige Zuneigung des gestrigen Abends gehüllt, bin ich heute zur Arbeit gegangen. Am Rückweg weht der Wind Buchseiten über den Judenplatz. Kerzen am Denkmal erinnern an die Pogrom-Nacht. Ich hebe eine Seite auf. Und lese: "Ja, aber erinnere dich, dass nach Platon in dieser Hinsicht nichts absolut ist: Keine Handlung ist an sich selbstschön oder verwerflich. Später finde ich das Buch heraus: Jonathan Littell, Die Wohlgesinnten.

img431
492 mal erzählt

1
Nov
2008

Zug um Zug

An den Wochenenden pendle ich zwischen daheim und Zuhause und bleibe dabei mehr und mehr auf der Strecke. Ich komme weder hier noch dort an.

img417
982 mal erzählt
logo

Mock Turtle

Sit down, both of you, and don't speak a word till I've finished

Who sits there?

Du bist nicht angemeldet.

Im Bilde

shot_13333146851191

Soundtrack

Aktuelle Beiträge

Gruß nach drüben
Der Vater - der großartige Walter Deutsch ist am 13....
katiza - 18. Feb, 16:53
Wenn ich schon geahnt...
dass ich an jenem Zuhause angekommen bin. Ich liebe...
katiza - 22. Feb, 15:42
Nach dem Text fürn Wolf...
Nach dem Text fürn Wolf musste ich schnell diesen nochmal...
viennacat - 14. Aug, 18:30
Danke für Worte die nur...
Danke für Worte die nur von Dir sein können ...
viennacat - 14. Aug, 18:27
Soooo schön und berührend....
Soooo schön und berührend. Danke!
testsiegerin - 14. Aug, 15:07

Es war einmal…

Gezählt

Meine Kommentare

Gruß nach drüben
Der Vater - der großartige Walter Deutsch ist am 13....
katiza - 18. Feb, 16:53
Wenn ich schon geahnt...
dass ich an jenem Zuhause angekommen bin. Ich liebe...
katiza - 22. Feb, 15:42
Alle Kraft für ihn!
Alle Kraft für ihn!
froggblog - 10. Sep, 11:46
.
.
datja - 18. Jul, 18:34
Lieber Yogi, ein bisschen...
Lieber Yogi, ein bisschen frivol der Geburtstagsgruß...und...
datja - 5. Jul, 14:19

Meins

Creative Commons License
Dieser Inhalt ist unter einer Creative Commons-Lizenz lizenziert.

Augenblicke

www.flickr.com
Dies ist ein Flickr Modul mit Elementen aus dem Album Ausatmen. Ihr eigenes Modul können Sie hier erstellen.

Suche

 

Status

Online seit 7251 Tagen
Zuletzt aktualisiert: 18. Feb, 16:53

Credits

kostenloser Counter




...und wartet...
*.txt
An- und Verkündigungen
Augenblicke
Aus dem Schatzkästchen der Mock Turtle
Bilanz
Cinematograph
Der Salon der Turtle
Freitagsfrüchte
Fundstücke
Homestory
In Reaktion
Journal November 2010
La Chanson
Lebens-Wert
Logbuch
... weitere
Profil
Abmelden
Weblog abonnieren

kostenloser Counter