Und dann war die Krise in ihrem Herzen angekommen.
Die Kurse fielen.
Es stand schlecht um den Hedge-Fonds Sehnsucht,
das Derivat Hoffnung.
Und so musste sie einige ihrer Träume entlassen
und mit ihren Gefühlen Kurzarbeit vereinbaren.
Die Insolvenz drohte.
Kaum Chancen auf einen Kredit.
Sie hatte keine Sicherheiten.
Ihr Herz war nur ein Dienstleistungsbetrieb.
"I bin a Diamant, deswegen schteah I do", ruft der kleine Bub am Rande des Weihers.
Ich bin zur Schatzsuche hergekommen. Schnell und heimlich an jenen Platz, der das Piratenschiff meiner Kindheit war, wo unsere Ritterurg stand und mein Tipi, wo mein grünes Fahrrad sich in einen schwarzen Hengst verwandelte, ich Lianen rauchte und Türken, wie die Maiskolben hier heißen, stahl. Einen kleinen Park haben sie hierher gebaut. Einen Ort um Frieden zu finden, um Frieden zu suchen und die verlorene Zeit.
"I bin a Diamant", ruft der Bub noch einmal. Ich nicht. Ich gehe.
Plus que trois minutes trois minutes à vivre
J'attends simplement la balle qui délivre
Ceux qui vont tirer je ne sais rien d'eux
On m'a lié les mains et bandé les yeux
Mon dos est collé contre un mur tout blanc
Je vois des images je suis un enfant
Je sors de l'école ma mère vient m'attendre
Je cours dans ses bras Dieu comme elle est tendre
L'image a changé j'ai dix-sept ans
On se tient la main comme deux enfants
Un soir de novembre elle n'est plus venue
Mon premier amour qu'es-tu devenu
Nur mehr drei Minuten, drei Minuten zu leben
Ich warte nur mehr auf die Kugel, die trifft
Über die, die zielen, weiß ich nichts,
Man hat mir die Hände gefesselt und die Augen verbunden
Mein Rücken lehnt gegen eine schneeweiße Wand
Ich sehe Bilder, ich bin ein Kind
Ich komm aus der Schule, meine Mutter holt mich ab
Ich stürme in ihre Arme, Gott, ist sie weich,
Das Bild wechselt: Ich bin 17 Jahre alt.
Wir halten Händchen wie zwei Kinder
Eines Abends im November kam sie nicht mehr
Meine erste Liebe, was ist aus dir geworden?
Plus que deux minutes avant de mourir
Ceux qui vont tirer n'ont qu'à obéir
Je vois une fille elle n'est pas très belle
Ce ne fut qu'un soir je me le rappelle
J'avais plus de peur que j'avais de joie
On n'oublie jamais la première fois
Maintenant défilent des visages flous
De vagues amis tout ça je m'en fous
Mais toi que j'adore mon seul vrai copain
Toi que j'ai frappé pour une putain
Dans l'aube montante du dernier matin
Cette gifle là me fait mal aux mains
Nur mehr zwei Minuten bis zum Sterben
Die, die schießen, müssen gehorchen
Ich sehe ein Mädchen, sie ist nicht sehr schön
Das machte nichts an jenem Abend, an den ich mich erinnere,
Ich hatte mehr Angst dabei als Spaß
Das erste Mal vergisst man nie.
Undeutliche Gesichter ziehen an mir vorbei
Oberflächliche Freunde, ich pfeif drauf
Aber du, den ich anbete, mein einzig echter Freund
Du, den ich wegen einer Hure verprügelt hab
Als der Morgen graute an jenem letzten Morgen
Taten mir die Hände vom Prügeln weh.
Maman... je t'embrasse... je pars en voyage
Cette fois c'est toi qui dois être sage
Tout ira si vite... je n'aurais pas mal
Ça tue d'un seul coup douze bouts de métal
Devineras-tu qu'à l'heure de mourir
J'ai pensé à toi.. et laisse moi te dire
Combien je...
Mama, ich umarme dich… ich geh jetzt auf die Reise
Dieses Mal must du vernünftig sein
Alles wird so schnell gehen … ich werde nicht leiden
Zwölf Kugeln aus Metall töten auf einen Schlag
Ahnst du, dass ich in der Stunde meines Todes
An dich denke und lass mich dir sagen
Wie sehr ich….
Ein Ölfleck am Kleid.
Nein, nicht Öl, sagt der Liebste.
Nicht einmal ein Fleck.
Und kratzt ihn weg.
Doch ich sehe ihn noch immer.
Und ich sehe das Kleid,
dort wo er nicht war,
der Fleck,
die Farben ausgebleicht,
der Stoff schon dünn geworden,
rissig und schleißig,
nicht mehr modern.
Manchmal zwickt es,
oft friert mich.
Und doch ist es
das Lieblingskleid.
Manchmal kommt das kleine Mädchen aus den Hinterzimmern meiner Seele und klopft an mein Leben. Es möchte dann Memory spielen. Manchmal stiehlt es sich auch nur einfach herein, setzt sich auf meinen Schoß und packt die Karten aus. Und schon sitze ich wieder im heimatlichen Esszimmer, am Boden zwischen Kredenz und Sofa. Die Mutter ist im Haus. Ich soll mich mit mir selbst beschäftigen und vor allem keine Unordnung machen. Vor mir ist der Teppich, voller Fabelwesen, Prinzen, Prinzessinnen – geheimnisvolle Botschaften der Teppichknüpferinnen aus einem anderen Land, einer anderen Zeit.
Neben mir steht der Plattenspieler, ein transportables Modell, die Schallplatten im Schrank. Nur keine Unordnung machen. Vor mir kleine, bunt mit chinesischen Motiven bedruckte Mappen voller Singles – ich kenne fast alle auswendig: Alles vorbei Tom Dooley, die Mutter ist immer dabei und bist du einsam heut Nacht. Brennend heißer Wüstensand, ich bin ein Vagabund, statt weiß, trag rot, das ist die Farbe der Liebe. Meine Lieblinge sind die, bei denen der Puck, das kleine dreiarmige Plastikteil, das ihr Abspielen erst möglich macht, in ihrer Mitte zwischengeparkt ist, ein wenig zerkratzt, die Hüllen verschlissen. Und dann noch Langspielplatten: Schönherrs Erde und Kabarett, der eigensüchtige Riese von Oscar Wilde, die Augsburger Puppenkiste mit 1:0 für die Bärte und am liebsten doch immer wieder die geheimnisvollen Boten der Erwachsenenwelt: Schlager, Oskar Werner, Louise Martinis Chesterfield und Edith Piaf. Nur nicht zu laut spielen, das könnte die Mutter ärgern. Nur nicht zu leise – sonst hört man die Stille im Haus zu sehr.
So viel Angst vor dem Zorn der Mutter, der nicht mir gilt, aber mich trifft. Sonst ist niemand da. Es tut ihr immer leid nachher und so fühle ich mich doppelt schuldig, an ihrer Wut und ihrer Reue.
In meinen Händen Schnapskarten: mein Ensemble für große Dramen. Was hatte der Frühling zu erdulden, vom Winter versklavt, verraten durch den Sommer, bis sie endlich genügen konnte und mit dem Schell Ober glücklich wurde.
Ich bin nicht allein in diesen Stunden, ich habe einen für Erwachsene unsichtbaren Freund, wie es Kinder oft haben. Ihm kann ich erklären, dass es Mama nicht so meint, er sitzt erste Reihe fußfrei, wenn der Teppich sich in eine Wunderwelt verwandelte. Er kennt den Schmerz von Frau Frühling und bangt um ihr Glück. Manchmal dreht er den Plattenspieler zu laut auf oder schmeißt ein Glas um. Aber das ist unser Geheimnis.
Und plötzlich sitze ich da mit meinen alten Kinderängsten, dem Gefühl nicht zu genügen, wohl geliebt und doch allein und die Piaf singt Milord. Und mit einem Mal weiß ich wieder, dass mein unsichtbarer Freund sichtbar geworden ist, seit Ewigkeiten und für immer Teil meines Lebens, dass der Frühling ein Happy End feiern darf und dass ich noch immer mit Teppichen fliegen kann. Danke.
Es sei ihr letzter großer Wunsch an ein Leben, das ihr ihrer Meinung nach kaum Wünsche erfüllt habe. Und ihr wohl auch diesen nicht erfüllen wird. In vielen einsamen Stunden träumt sie von einer letzten großen Reise. Mit einem Menschen in einem Auto möchte sie nach Süden fahren, ohne Ziel, nur fahren, fahren, fahren. Ihre Medikamente würde sie zu Hause lassen, denn eigentlich soll diese Reise mit dem Tod enden. „Die Rezepte würde ich aber mitnehmen – falls…“ sagt sie manchmal.
Dem Menschen, ein Mann sollte es sein, gerne jünger, mit Niveau würde sie dann ihr Leben erzählen.79 Jahre, da kann man eine Weile fahren. „Und er würde mir aus seinem Leben erzählen.“ Würde er wohl, die Menschen sprechen gerne mit ihr und sie mit den Menschen.
Italien vielleicht, sie spricht die Sprache, auch Portugal käme in Frage. Das Meer. „Wo es uns gefällt, bleiben wir stehen.“
„Harold und Maude“ sagt ihr Friseur. Sie kennt den Film nicht. Ich mag den Film sehr, ich werde ihn ihr wohl vorspielen.
Ich kann ihr diesen Wunsch nicht erfüllen. Ich habe ihr viele Wünsche nicht erfüllt. Ich weiß nicht einmal, wie es mir gehen würde, hätte das Schicksal ein Einsehen und würde ihr einen Reisegefährten für die große Fahrt schenken. Doch ich spüre ihre Sehnsucht und ihre Kraft zu träumen. Sie ist meine Mutter. Ich liebe sie.
„Der Herr ist auferstanden!“ stand im SMS der Freundin. Sie ist Religionslehrerin, erinnerte ich mich, kein Wunder.
Und dann draußen am Land, wurde diese Satz plötzlich so wahr. Alles schien wiederauferstanden: die knospenden Bäume, die Wiesen mit ihren Blumen, die Vögel, die Insekten und die Lebenslust.