6
Feb
2010

Gehört sich das?

„Manche Lieder erreichen mich unweigerlich und obwohl ich es nicht will, kann ich gar nicht anders, als sie hinein zunehmen“, entschuldigt sich der Erstgeborene, als Cliff Richard ertönt – auf Deutsch. Wir hören uns die 1960er Jahre des Jahrhundertprojekts an. In einer Fiebernacht hat er sie umgeschnitten und war dem Dreijährigen begegnet, der er einmal war. In seinen Augen sehe ich den kleinen Buben, der „Man gratuliert mir“ und „The Birds & the Bees“ mitsingt und sich wohl damals schon in das Medium Schallplatte verliebt hat.

Stunden und Nächte schneidet er an den 100 Jahren, seit Jahren schon. Sie sind ihm Zwang und Therapie, Lebenswerk und Ziel. Immer wieder kurz vor dem Abschluss, erreichen ihn dann wieder Schallplatten und Tonschnipsel, die eine Neuordnung notwendig machen – manchmal aus tiefster Kindheit. „Eine Art Psychoanalyse per Revox“, mutmaße ich. Denn auch ich liebe die Bänder, die mir großes Kopfkino bescheren und immer neue Erinnerungsschichten frei legen. Die 1960er also, Zeit der Zeugung und Geburt, das kleine Mädchen entdeckt die Welt. Udo Jürgens - muss ja doch sein, auch patriotisch - und die junge Mireille Matthieu. O-Töne lassen vor meinem inneren Auge die mächtigen, alten Radiogeräte meiner Kindheit entstehen. Bei der Großmutter in Wolfsberg stand so eines und darauf ihre Glasmenagerie: Tierfamilien aus Murano-Glas, die ich nicht angreifen durfte, sollte und die doch so verlockend waren. Ich sehe sie und spüre meine Finger auf den kühlen, weißen Tasten des Radioapparats, zwischengeparkt, um sie von den begehrten Figürchen fern zu halten. Die Sonne scheint durchs Fenster herein. Wohnküchen tauchen auf, der fliegende Teppich und die Gesichter von Spielkameraden. Und dann ergreift uns Birgit Nilsson, das Fremde im Vertrauten, immer wieder Klassik in den 100 Jahren, der wir, der Erstgeborene und ich, uns ganz demütig nähern. Dazwischen Gespräche, Dialoge mit Ehrlichkeit, Witz und Sicherheit artverwandter Wesen, stets achtsam geführt, wissend um die Wunden des anderen.

Diese Stunden des gemeinsamen Hörens am gelben Sofa sind mir unendlich kostbar. Sie unterbechen sinnlose Gedankenkreisläufe und lösen Angst, Schmerz und Sehnsucht auf im Klang der 100 Jahre. Mehr als ein Leben gehört uns.

Und wieder Worte.

Buchstaben
1110 mal erzählt

4
Feb
2010

Verlustanzeige

Mir
fehlen
die Worte...

img169
855 mal erzählt

26
Jan
2010

Friseurtermin

„Die Märkte haben wieder offen und seltsamerweise die Friseure“, antwortete die ORF-Korrespondentin Nadja Bernhard heute nach Mitternacht auf die Frage ihrer Kollegin hier in Wien, ob es knapp zwei Wochen nach dem Erdbeben in Haiti Zeichen gäbe, dass die Normalität wieder einkehre. „Es ist schon sehr seltsam, wenn sich hier mitten im Chaos die Menschen die Haare machen oder rasieren lassen.“

Der Versuch sich irgendwie wieder herzustellen. So wie man nach der großen Beziehungskrise die Frisur ändert, fällt mir ein und ich denke auch daran wie banal dieser Vergleich ist und wie banal die kleinen Erdbeben, die momentan meine Seele erschüttern, sind im Vergleich zu jener Katastrophe weit weg. Dort haben die Menschen alles verloren, ich nur ein wenig die Orientierung, die Sicherheit, die Hoffnung.

Und dann schäme ich mich.

Und überlege trotzdem, ob ich nicht meinen Friseur anrufen soll.

So oder so ist das Leben.

FriedhofHall1
1592 mal erzählt

21
Jan
2010

Flügel-Los

Manchmal spüre ich schmerzhaft deutlich die Stelle, wo meine Flügel waren. Besonders nachts vor dem Einschlafen, wenn ich wie stets das rechte Bein hoch angewinkelt halb auf dem Bauch liege. Dann tun die beiden Stumpen auf meinem Rücken besonders weh.

Und dann würde ich sie so gerne weit ausbreiten, meine Schwingen, Feder für Feder spreizen, einen kleinen Sturmwind entfachen und die Flügel dann behutsam wieder zusammen falten, aber da sind nur die Stumpen … und die Erinnerung ans Fliegen. Und der Schmerz.

Ob ich einst ein Engel war? Nein, beileibe nicht. Schönes Wort eigentlich beileibe und so passend. Ich war nie ein Engel, ein komischer Vogel vielleicht, manchmal sogar ein Phönix aus der Asche, seltener eine Art Pegasus, würd ich mir wünschen, ein wenig Harpyie, vielleicht auch nur ein Elfenwesen, nicht rosa-glitzernd, sondern rotzig, frech und schelmisch, wie es noch immer in mir flattert, eingesperrt im Käfig, meinem Körper.

Phantomschmerzen plagen mich, seit ich eines Morgens erwachte, meiner Flügel beraubt. Keine Ahnung ob sie mir nur gestutzt wurden oder gar gebrochen, ob man mir Feder für Feder einzeln ausgerupft hat – Alouette, gentille Aloutte – ob sie wie bei Hunden coupiert wurden oder gar in einer Schönheitsoperation amputiert.

Vielleicht war es aber auch ganz anders, vielleicht sind sie verkümmert, weil immer seltener genutzt, abgefallen, und ich habe Feder für Feder verloren, bis sie einfach weg waren und nur die Schmerzen blieben und die Erinnerung.


Fluegerl
1410 mal erzählt

18
Jan
2010

45

Die Zahl 45 ist weder fröhlich noch glücklich und schon gar keine Antwort - und wenn dann höchsten auf die Frage: „Wie alt ist wohl eine Frau mittleren Alters?“

Denn als solche hat mich der philharmonische Freund vor gar nicht allzulanger Zeit bezeichnet. Er versteht es zwar in den Konzertsälen der Welt den richtigen Ton zu treffen, privat vergeigt er sich gerne. Zumindest habe ich ihm das und noch einiges andere an den …(oh nein, keine billigen Retourkutschen) Kopf geworfen. Gegipfelt hat mein Sermon zwische Klagelied und Strafgericht in dem Satz: „Eine Frau mittleren Alters steht höchstens im Polizeibericht.“

Nein, leider hattest du recht, mein allzu ehrlicher Freund, da sitzt eine FmA vor ihrem Computer. Jede andere Formulierung wäre kokett – und die ist es ja irgendwie auch.Die meisten meiner Idole waren in meinem Alter bereits tot. Oder angelangt im Mittelmaß.

Dann doch noch Geburtstag. Der Erstgeborene, ich und ein Fläschchen Cremant, Deep Soul, 1950er. Weihnachtsgeschenke, Florence Foster Jenkins; Bulgakow, Träume und Liebe.

Schallplatte

Und doch: Geburtstage sind Scheiße - wann begreif ich das endlich?
3084 mal erzählt

14
Jan
2010

Andere Prinzessinnen…

…mochte ich beim ersten Mal NIE!

Prinzessinen

Zwischendrin - im neuen Großraumbüro - hängen Glasperlenvorhänge, Postkarten und Betriebsausflugsfotos.
Draußen fließt das Wasser in die falsche Richtung – drinnen auch.
Von der Decke.
1466 mal erzählt

12
Jan
2010

Lieblingsfrau

Von meinem Schreibtischplatz im neuen Großraumbüro kann ich den Schiffen beim Schlafen zusehen. Sie ruhen unter weißen Daunendecken. Drüber fahren Laster.

Lieblingsfrau

Wir sind ein Reisezirkus.
799 mal erzählt

11
Jan
2010

Gott

Der Weg zum neuen Arbeitsplatz. Dann plötzlich Gott:

Gott

Und so schreibe ich nicht über mein Rendezvous mit dem Teufel.
841 mal erzählt
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Mock Turtle

Sit down, both of you, and don't speak a word till I've finished

Who sits there?

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Im Bilde

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Soundtrack

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