9
Jun
2013

Lieber Papa,

heute hättest du Geburtstag. Und Vatertag ist auch. Ich vermisse dich so sehr.

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Eben sprichst du mit mir. Ich kopiere alte Filme und mit schlechtem Gewissen blicke ich auf mein unvollendetes Portrait von dir. Edition Lebens-Wert. Du warst wahrscheinlich enttäuscht, dass ich das – wie so vieles - nicht fertig gemacht habe. Konsequent, wie du deinen Weg gegangen bist.

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Deine erste Erinnerung: Eine Nazibombe vor der elterlichen Wohnung plaziert, ein netter Polizist, der sich später als Nazi entpuppte. Du sitzt im Garten, die Sonne scheint und hinter dir ist „die Frau“.Du lachst, als du meine Worte wiederholst: „Eigentlich ein Böser.“. Viel zu spät verbringe ich heute den Vatertag mit ddir Papa. Nach Prag bist du gereist als kleiner Junge, ganz allein mit der Mutter und hast einen Riesen gesehen. 1938 seid ihr in unser Haus gezogen, du bist mit der Straßenbahn in die Volksschule gefahren. Die gute alten Vierer. Dort habt ihr euch auch kennengelernt. Als kleines Mädchen bn ich an der Mutter ihrer Hand, den Teddybären im Arm damit in die Stadt gefahren. Ein Schnaubärtiger Schaffner und drohte dem Bären ein Loch ins Ohr zu knipsen. Lachen zwischen Furcht und Erleichterung. Und später saßen wir auf den Holzbänken einen Sack mit Büchern auf den Knien, sechs Stück, mehr gab die Bibliothekarin nicht her. „Die Brüder Löwenherz“ und „Jim Knopf“, die „Geschichte des Tiroler Freiheitskampfs“ und Auguste Lechner. Aber das ist meine Geschichte und erst kam deine, Papalatschi. Erzähl weiter.

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In der Nacht der Machtübernahme durch die Nazis haben sie Opa verhaftet und weggebracht „meinen Vater“ sagst du. Und „das war ein Rieseneinschnitt“. Und dann erzählst du wie es war, als ihr verdunkeln musstet und dabei nicht an die Herzchen in den Jalousien gedacht habt. Du malst ein Herz in die Luft. „Wir haben nicht bedacht, dass durch die Herzchen ein kleiner Lichtschimmer hinausgeht. Und dann ist der Herr Blockwart von der NSDAP gekommen, ein sehr strenger Herr, und hat uns sehr gerügt, dass wir der Verdunkelung hier nicht vollkommen nachkommen.“ Ich liebe deine Sprache, Papa, die wohl gewogenen Worte, ein wenig antiquiert und doch rein und klar. „Die waren ja ungeheuer wichtig, wichtig gemacht... Das war eine unangenehme Bespitzelung.“

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Vaterlos bist du aufgewachsen, der Vater hatte Gauverbot, kam nur einmal im Monat und es gab Telefontermine beim „Altwirt“. Als der große Bruder als Praktikant in den Allgäu ging, wart ihr allein, deine Mutter und du. „Die Mutter war ja nach den Nürnberger Gesetzes... war sie ja ...Halbjüdin“, sagst du und zögerst vor dem letzten Wort. Und setzt gleich wieder an: „Obwohl sie katholisch getauft war. Auch ihr Vater katholisch getauft war. Ihre Mutter war bis zu ihrer Eheschließung mosaisch. Und nach den Nürnberger Gesetzen galt das las Volljude von der Konzession. Das ist plötzlich herausgekommen. Wir haben ja nichts gewusst davon.“ Einen Stern hätte die Großmutter tragen müssen und auf ihrem Ausweis prangte ein großes J. Mich hat sie das Vaterunser gelehrt. Die Nachbarn, die meisten, hätten sich sehr, sehr gut benommen, versicherst du.

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Du warst „natürlich“ bei der HJ in unserem Heimatdorf. „Einer, der in die Oberschule gegangen ist, der eine höhere Erziehung genossen hat.“ Die HJ-Führung hat dich daher immer wieder zu „Gedichtaufsagen, Schaukämpfen, Boxen und dergleichen herangezogen“ erzählst du. Das „Zirkuspferd“ hab ich von dir; damals – auch - Überlebensstrategie. „Die haben mich sehr gerne mögen, weil ich verwendbar war“. Ach, Papa, das kenne ich. Zwei Tage haben sie dich untersucht, gestestet, Körperlich und geistige, den Schädel vermessen, „Und sie konnten also kein jüdisches Erbgut entdecken“, lachst du.

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Später, nachdem die ersten Bomben gefallen sind, wurden schon die Buben mit Aufgaben betraut. Du warst Schriftführer bei Musterungen, erklärst du. Und dann erzählst du dein größtes „Abenteuer“, ich kenne die Geschichte, sie hat mich als Kind sehr beeindruckt. Du wurdest aus der Schule geholt, hast einen „Sonderausweis“ bekommen und wurdest mit einem Rucksack zu Messerschmitt nach Gera geschickt. Mit gerade vierzehn. Immer wieder flogen Bomben, die Fahrt war lang und wurde häufig unterbrochen. Ein Flugzeug fliegt über den Garten.Du erzählst von der Frau, die sich als aus dem Orden vertriebene Klosterschwester entpuppte. In Halle an der Saale hat sie dir ein Quartier verschafft. „In Gera hat die Stadt gebrannt, in der Nacht war ein Fliegerangriff. Ich bin dann mit meinem Rucksack in das Werk und wurde interessanterweise wie ein Held Ich bin dann mit meinem Rucksack in das Werk und wurde interessanterweise wie ein Held empfangen.Es hat geheißen, es kommt wer und holt das ab und bringt es in die Ostmark und dort wird das verwendet.“, erzählst du und ich frage mich, wem du die Geschichte erzählt hast. Wahrscheinlich auch dir selbst in schlaflosen Nächten. „Und dann hat man mich – kann ich mich erinnern – in der Betriebsküche verköstigt. Und das war nicht nach meinem Geschmack, was wir da bekommen haben Grütze und rote Beete. Aber sie waren so lieb.“ Du hast es komisch gefunden, dass die noch fest an den Endsieg geglaubt haben, während man im heimatlichen Tirol schon gesagt hat: „Das geht nimmer lang.“ Mit schweren Musterstücken im Rucksack wurdest du nach Hause geschickt. Die Reise gestaltete sich nicht viel anders als die Hinreise. „Wie durch ein Wunder“, hat der Schnellzug in Heimat letztendlich fast vor unserer Haustüre gehalten.nach siebzehn Stunden Schlaf hast du dann am nächsten Tag deinen Auftrag vollendet. Stolz lächelt mich ein Vierzehnjähriger an, eben der Hölle entronnen sieht er das wahre Wunder im Schnellzug, der in nach Hause bringt. Ja Papa, das ist schön so. Wann hast du aufgehört an Wunder zu glauben?

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Du unterbrichst, wenn ich die Kamera verstelle, ganz Profi. Du hast viele Interviews gegeben, ein öffentliches Leben geführt, automatisch nimmst du Rücksicht, auf die hinter der Kamera. Du nennst die Daten der Bombenangriffe auf Innsbruck ohne Zögern im Fluss der Erzählung und sprichst wie gedruckt. Nur an meinen Fragen ist zu erkennen, dass hier ein Vater mit der Tochter spricht.

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Ich frage nach, wie es war, als deine Mutter ins Lager Reichenau gebracht wurde. „Warst du da ganz allein hier? „Ich war dreimal ganz allein hier. Zweimal ist sie in die Reichenau gekommen und wir konnten nur mit größeter Mühe die Abschiebung in ein VernichtungsKZ vermeiden.“ Der Vater hatte einen Nachsichtakt erreicht. “Zweimal ist sie in die Reichenau gekommen und wir konnten nur mit größter Mühe die Abschiebung verhindern.“ Du hast sie besuchen können. „Das war sehr, sehr schwer. Und dann kurz vor dem Ende des Krieges, vor dem Zusammenbruch hat man uns mitgeteilt, es ist Und dann kurz vor dem Ende des Krieges, vor dem Zusammenbruch hat man uns mitgeteilt, es ist gefährlich, die Nazis nehmen all diese Personen, sei es jetzt rassisch oder politisch belastet als Geiseln oder bringen sie um – was ja auch tatsächlich so geschehen ist.“ Es gelang dir als Teenager, die Mutter über Freunde der Familie in einem Lazarett zu verstecken. Ein Nachbar, der bei der Post war und im widerstand hatte geholfen. Als du per Auto wieder zurück bist, haben dich Wehrmachtsdeserteuer mitgenommen. Zwei hast du übernachten lassen und ihnen dann alte Anzüge deines Vaters gegeben. Du schilderst nüchtern, berichtest mehr. Geschichten, die ich nicht kenne, druckreif. Mein Vater der Held.

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Als dann die Amerikaner kamen hast du für sie gedolmetscht. Bei der Übergabe von FLAK-Stellungen. „Da hat keine Mensch englisch verstanden interessanterweise“, schiebst du ein, deine eigene Rolle relativierend.Wieder übertönt ein Flugzeug deine Worte. „Dadurch habe ich dann die amerikanische Verpflegung erhalten.“ Du zeigst die Schachtelgröße mit den Händen und freust dich. Stolz erzählst du, wie du helfen konntest, vermitteln zwischen den Amerikanern und den Nachbarn. „Charly“ haben sie dich genannt, die Regenbogendivision, vier Wochen waren sie da,

Über Vermittlung von Pater Heinrich Suso Braun gabst du Englischunterricht für Kinder. Bei einem Radausflug mit dem Pater, hält ein Auto, ein Mann steigt aus „Und es war der Vati.“

Ab 1946 warst du dann bei den Franziskanern in Hall. Du lobst sie als „welterfahren durchs Exil und keineswegs das, was man sich von einer Klosterschule erwarten würde. Im Gegenteil die waren viel aufgeschlossener als die Lehrer, die wir früher gehabt haben.“. Lachend erzählst du von Pater Martin Viktor: “Wie aus dem Bilderbuch, wohl beleibt und mit einem riesigen weißen Lockenkopf, der war immer die Güte selber.“ Er war dein Physikprofessor, der immer dann böse wurde, wenn sie ihm die Haare wieder geschnitten haben und wenn er besonders gut aufgelegt war, hat er Gitarre gespielt.

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Fragen tun sich auf, neue, damals versäumte. Fragen, die du mir nicht mehr beantworten kannst. Wie auch die größte nicht. Aber längst habe ich gelernt, dass es nicht auf alles eine Antwort geben muss. Ich gehe weiter ins Leben. Und es würde dir gefallen, wie ich es lebe. Du würdest ihn mögen meinen ersten Offizier, der mit dir manches gemeinsam hat, die dünne Haut, die gewogenene Worte oder die Liebe zum "Um-die-Ecke-denken". Ich denke oft an dich, beim Rätseln, Scrabbeln, - z.B. gerade neulich Schnecken - Essen,- z.B. Champagner - Trinken, wenn ich ein neues Restaurant entdecke, wo es gute Innereien gibt, wenn ich eines besuche, in dem wir gemeinsam waren, wenn ich einem Bettler Geld gebe, wenn ich nicht schwarz fahre, wenn ich in einer Kirche eine Kerze entzünde, wenn ich hier bin, wenn ich dort bin. Ich lebe mein Leben nach dem kategorischen Imperativ, wie du es mir vorgelebt hast und voller Liebe, Mut und Kraft, wie es mich dein Tod gelehrt hat.

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Ich halte den Konjunktiv II für eine nur selten in Gedankenwirbeln gut angebrachte grammatikalische Form. Und doch: Könntest du sehen, wie gut Mama alles meistert und wie gut wir miteinander zurecht kommen; könntest du mit dem 1. Offizier sprechen; könnte ich dich umarmen, heute an deinem Geburtstag, dem Vatertag. Danke, Papalatschi, für alles.

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Ich liebe dich.
1951 mal erzählt

7
Jun
2013

ReCovered: Juni 2007

Es war ein heißer Sommer, damals im Juni 2007, glaube ich mich zu erinnern. Eine gute Zeit mit einer erlesenen Tafelgesellschaft. Liebe lag in der Luft freundschaftlich, aber auch ein Knistern. Monate lang hatte die Mock Turtle ihre Sehnsucht in Geschichten gegossen, fasziniert von jener anonymen Welt der Gleichgesinnten. Sie schrieb gegen das Schweigen an, gegen die Einsamkeit in der Zweisamkeit. Natürlich nicht ununterbrochen, natürlich nicht immer. Aber oft. Und auch, wenn die Wochenendwohngemeinschaft eine andere Geborgenheit vermittelte, die Clubnächte, die Freitage, auch das Naikan im Mai. Und später dann die Konzerte mit dem Sechseck, Mr. F. dem Füllhorn. Da hatte ich meine Anonymität schon gelüftet, sie wussten vom Blog, den Zuckermelonen, dem Huskie und dem Siamkater. Im Netz hatten wir uns gefischt und gefunden. Es war eine gute Zeit im Juni 2007 .

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Es ist eine gute Zeit im Juni 2013. Volle Fahrt voraus geht’s in den dritten Kinosommer. Toll3st werden Bühnen erobert. Der Hafen ist verlassen, Freundinnen, Freunde, Lieben segeln auf anderen, neuen oder alten Gewässern, manchmal trifft man sich, manchmal sogar mit Absicht, manchmal dockt man an, geht an Bord, feiert, teilt und tauscht, dann geht es weiter.Keine Zeit für Einsamkeit, für Alleinsein schon und auch das ist schön. Draußen bricht das Wasser übers Land herein. Der Sommer lässt sich feucht an, keine Zeit für Haustiere, aber falls Sie frieren, lege ich Ihnen den alten Siamkater ans Herz und in den Schoß.

Ich bin dann mal am Vorderdeck…

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1173 mal erzählt

22
Mai
2013

Im Hafen: Und wartet

Das Logbuch ruht. Zu sehr bin ich, sind wir beschäftigt mit Segelsetzen, Halsen, Wenden, dem Erobern und Entdecken neuer Welten, dem Kapern von Herzen und Mägen, dem Leben. Vor mehr als 750 Tagen hat der 1.Offizier hier angeheuert und wir sind in See gestochen. Was haben wir für Abenteuer erlebt, so viel in meinem Kopf und in meinen Herzen, so wenig Worte dafür, oder wenn dann oft gesprochen am Voderdeck oder in trauten Runden, bei der Salongesellschaft, den Band-WAGs oder erdacht, geschrieben und geprobt von und mit den Toll3sten.

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Ach, die Toll3sten, auf die habe ich gewartet, verzeiht mir den Beinah-Kalauer. Ich wollte immer schon meine eigene Band, bald fiel mir aber auf, dass Punk hin oder her ein Mindestansatz an musikalischem Talent dafür von Vorteil wäre. Und an dem fehlt es mir bekanntlich. Das mag auch alles dafür verantwortlich sein, dass Jonathan Richman, die Lassies oder Moe Tucker zu meinen Idolen zählen. Das Theater bot mir Bühne aber wenig Raum für Eigenes.

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Gemeinsam auf der Bühne stehen, schreiben, proben, abstimmen, checken – mit Sorgen, geteilten und getrennten, Zweifeln, Reibereien auch – aber vor allem mit inniger Liebe – auch denen zugetan, die wir geschaffen haben, unseren Figuren. Ich mag sie alle in diesem Stück, sogar den Gustl irgendwie.

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Alle Kunst ist eitel, irgendwie. Bühne und Schreiben sind Lebensträume von mir und mittlerweile gelebte Träume.Was für eine ungeheure Erfahrung war das mit den Toll3sten Weibern: Vom anonymen Bloggen zur ersten Lesung – sehen wie sich Geschichten in den Augen der Zuhörenden spiegeln, die Stimme durch den Raum gleiten lassen, atmen, mit dem ganzen Körper sprechen und lauschen – nicht allein, als buntes Trio, tolldreist. Und Applaus und Lob und Bühnenluft.

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Synonyme zu tolldreist laut Duden: draufgängerisch , dummdreist , frech, kühn, respektlos (nun ja, das eher weniger – Respekt gehört zu meinen Werten, Anm. d. Red.), schamlos , unerschrocken , ungehörig , ungeniert , unverfroren , unverschämt , verwegen. Verwegen, hach.

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Dann der Krimi: FRAUEN LIEBEN STERBEN, LaMammas Blog und Schreibe entsprungen. Erwachte Spiellust, vor und mit Profis geprobt und begeistert aufgeführt. Brecht’sch in der Verfemdung. Ich selbst vom 1. Offizier nicht nur bei der Requisite betreut, sondern tatkräftigst mit Band(en)-Erfahrung. Und Applaus und Lob und Bühnenluft.

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Davon können wir nicht genug bekommen. Also sind wir einen Schritt weiter gegangen und haben uns an „Und wartet“ gewagt, Warteszenen, Monologe, Dialoge, hin und her gemailt, langsam haben wir den Figuren Leben eingehaucht, oder besser noch, sie haben einfach zu leben begonnen, sich aus vielen anderen Leben; beobachteten, erlauschten, erlesenen, geteilten, gefühlten, gelebten erlebt. Das war nicht immer einfach, wenn unsere Figuren aus der Bahn gerieten, weil eine der beiden anderen Schicksalsgöttinnen etwas anderes mit ihr vorhatte. Da wurde die Ehre verteidigt und ein Leben gerettet.

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Seit sie Gestalt angenommen haben, begegne ich unseren Wartenden immer wieder. Da steht Rudi an der Straßenbahnhaltestelle und Hannah hört ein Lied im Radio, Moritz liest im Kaffee gegenüber den Standard und manchmal spricht Meike aus mir.

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Zwei Mal haben wir „Und wartet“ nun schon gespielt und es hat gefallen, den meisten zumindest. Sicher es gab auch Kritk und vielleicht wäre es schöner, wenn wir die Texte auswendig könnten, oder wenn wir Musik dazu spielen würden. Vielleicht kennen nur wir solche Menschen, wie wir sie schrieben, darstellen, aber in uns lebt jede einzelne, jeder einzelne von ihnen. Vielleicht machen wir auch einfach nur eine Art Episches Theater. Sowohl das Epische, als auch das Theatralische liegen uns ja in allen Lebenslagen.
In diesem Sinne: Danke meine toll3sten Freundinnen, danke liebes Hilfskommando, danke liebes Publikum, Ich freu mich schon aufs nächste Mal.

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Und Applaus und Lob und Bühnenluft. Toll3ste, ich liebe euch.


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Allzeit gute Fahrt und eine Handbreit Wasser unter dem Kiel…
1787 mal erzählt

12
Mrz
2013

Just to let you know

Sie sehen eine glückliche Frau in den Iden des März 2013....
5103 mal erzählt

28
Feb
2013

Hannah

Ich schäme mich. Ich schäme mich. Ich schäme mich. „Der Papa ist tot“, hat mir die Mama auf die Mailbox gesagt. Irgendwie hat sie erleichtert geklungen. War sie, war ich ja auch. Ich hatte den Typen gerade aus meiner Wohnung komplimentiert und als erstes mein Handy abgehört. Ja blöd von mir. Tom wird sich ja doch nicht mehr melden. Das ist vielleicht besser so.

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Der Papa ist tot. Vor einer Woche war ich das letzte Mal bei ihm. Ich habe mich so aufgeregt, wie er die Leute dort behandelt und habe ihm das auch gesagt. Dann hat er mich raus geschmissen. Und jetzt ist er tot. Irgendwie kann ich das noch gar nicht fassen. Als ich klein war, waren wir manchmal fischen, nur er, ich und Dosenbier. Ich hab es holen dürfen und mir was kaufen. Manchmal hat er von Amerika geschwärmt. Ich hab mir damals vorgenommen, dass ich meine Eltern einmal auf eine Amerikareise einlade.

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Ich mochte das Angeln. Er zeigt mir wie man die Fische tötet und ausnimmt. Ich mochte die Zeit mit ihm und wenn er pfiff, wenn wir zum Heurigen gingen. Aber irgendwann nahm er mich nicht mehr mit oder ich wollte nicht mehr mit. Da war ich am Gymnasium. Meine Volksschullehrerin hat das für mich durchgesetzt. Papa war nicht begeistert, das hat ihm viel Geld gekostet. Der Mama hat der Gedanke gefallen. Sie hat immer von den guten Partien geträumt, die ich dort machen könnte. Dass ich Wirtschaftsforscherin werde, hat sie nicht gedacht. Ein zwei Mal war ich im Fernsehen zu Wort gekommen; da war sie recht stolz.

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Sonst haben sie sich meistens geschämt, weil ich so anders war, weil sie so wenig von mir wussten, weil ich selten heim kam, weil ich eine Zeit lang Dreads trug, weil ich keine Familie habe. Und keinen Mann. Weil ich eine Flitschen bin, wie der Papa immer wieder gezischt, geflucht, gebrüllt hat. Und keiner eine Flitschn will, heiraten will.
Ich wollte niemanden heimbringen. Ich habe mich geschämt, nicht weil ich aus einer Arbeiterfamilie bin, aber weil ich aus einer solchen bin. Was hätten die den denken sollen vom Papa, der immer mehr gesoffen hat und von der Mama, dem Denkmal der Bitternis, die Hand im Chipssackerl. Beide unpolitisch und österreichisch: ein bissl rassistisch, ein bissl homophob. Das wollte ich Niemandem aus meiner linken, queeren, politisch bewegten, ausgeflippten Partie zumuten, dafür habe ich mich geschämt.

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Aus Amerika ist nie was geworden. Sie wollten, glaube ich nicht hin. Ich habe lange gebraucht, um zu begreifen, dass sie viel für mich getan haben. Vielleicht hätte ich zum Papa gerne „Danke“ gesagt und „Ich hab dich lieb“. Das habe ich zuletzt als kleines Mädchen beim Angeln. Ich hab es ihm ins Ohr geflüstert, als er dort aufgebart lag. Die nette Frau hat mich beobachtet dabei und gelächelt. „Die Toten können uns hören, lang über das Sterben hinaus“, hat sie zu mir gesagt. Ich hoffe das sagt sie nur so. Ich hoffe, er hat mich nicht gehört und nicht gesehen, was ich getan habe, während er gestorben ist.

Gut, dass sich der Tom nicht gemeldet hat, den verdiene ich einfach nicht.
Ich schäme mich.

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Ich will doch bloß glücklich sein.
1840 mal erzählt

14
Feb
2013

Rudolf

Ich frage mich, warum die Menschen immer glauben, dass Modelleisenbahnen etwas für Kinder sind. Sie hat mich auch gefragt: „Was löst das Eisenbahnspielen für Gefühle bei Ihnen aus?“

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Dabei war ich gar kein richtiges Kind mehr, als ich das erste Mal mit meines Vaters Eisenbahn „spielen“ durfte. Ich hatte gerade die erste Klasse Gymnasium geschafft, als er mich das mit ersten Aufgaben betreute. Ich durfte die Schienen gestalten, sie gebraucht aussehen lassen, ihnen Wirklichkeit geben. Lange hatte er an seiner Methode zum Einschottern und Altern der Schienen gearbeitet. Kein Gleis sieht in Wirklichkeit so aus wie nagelneue Modelbahnschienen. Ich färbte und schliff. Ich lernte Straßenbegrenzungspfoste basteln und Kopfsteinpflaster erzeugen. Das war wichtig. Unsere Welt war die Zwischenkriegszeit, Vaters Jugend. Wir schnitten Plakate aus Schulbüchern. Manche Lokomotiven musste man mit Glaceehandschuhen angreifen – das war kein Kinderspielzeug.

„Wir haben keine Kinder“, hatte Renate gesagt: „Also brauchen wir auch kein Kinderspielzimmer.“ Es ist meine „Schuld“, dass wir keine Kinder haben. Ich bin unfruchtbar, nicht impotent. Das ist ein Unterschied. Wir hätten gerne Kinder gehabt, vielleicht würde ich mich jetzt leichter tun, wenn ich einen Sohn hätte, der mir das Internet und das alles erklärt. Ich habe das Zimmer geräumt, sie hat ihr „Atelier“ dort eingerichtet.

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Ich verstehe sie. Es macht auch mich traurig, dass ich meine Gene nicht weitergeben kann. Wie gerne hätte ich mit meinem Sohn an der Anlage weiter gewerkt, ja, wohl auch mit meiner Tochter, wenn sie wie Karin gewesen wäre. Mein gütiger Engel. Wir haben uns bei der Modellbaumesse kennen gelernt. Ich mag die kleinen Geschichten, die sie in „unserer Modellwelt“ inszeniert.

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Vielleicht hätte ich Eisenbahner werden sollen, dann wäre ich jetzt schon in Pension, aber mein Vater hätte das nie geduldet. So bin ich Versicherungsjurist und ich war einmal gut. Wir hätten ein schönes Leben haben können. Reisen, die Transsibirische, der Wolkenzug. Statt dessen Kuren und Kreuzfahrten.

Ich war einmal wer, bevor sie mich in die Remise verschoben haben. Heute ist alles anders. Die Kunden sind jünger, die Partner, die Gegner und überall Frauen, jung und ehrgeizig und zickig. Jedes Kompliment wird falsch verstanden. Und ich verstehe nichts mehr.

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Ich habe damals Renate frei gestellt zu gehen, sich einen Vater für ihre Kinder zu suchen, aber sie blieb, katholisch? Aus Rache? Sie stellte die Weichen. Wir schliefen nicht mehr miteinander, wozu auch? Ich bin nicht impotent, nur unfruchtbar. Das ist nicht einfach für einen Menschen. Aber dann kam Karin.

Manchmal fühle ich mich überflüssig auf der Welt. Und dann gibt es wieder Momente, wenn ich mit meinem Engel unsere kleine Welt in Bewegung setze und während der Zug durch die Tunnel fährt, lieben wir uns. Und sie kocht und isst und trinkt und genießt. Ich mag Renates Bilder nicht.
2010 mal erzählt

12
Feb
2013

Moritz

Das kann sich nicht ausgehen, nie und nimmer haben sie gesagt. Erst einzeln, dann beide zusammen, dann noch einmal einzeln. Ich erinnere mich, als wäre es gestern gewesen. Und so ging es mir gestern, als ich die beiden Horoskope in der Schublade fand. Sie haben beide dran herumgefuhrwerkt, das ist leicht zu erkennen, aber Mama war als erstes mit der Sprache raus gerückt. Schon allein deswegen, weil sich Papa sicher war, dass nur ein Blick von mir auf die Horoskope reichen würde. Doch Mama betonte noch einmal, dass Maike “nichts für mich sei“.“Pluto im 7. Haus, Moritz“, seufzte sie. Aber ich war so verliebt in die kecke junge Journalistin. Maike hielt nicht viel von Esoterik und selten mit ihrer Meinung hintan. Kein Wunder, dass das meinen Eltern nicht passte und sie daher gar nicht zu mir passen konnte. „Löwe und Steinbock, du weißt Moritz…“ – hätte ich ihr erklärt, dass ich schwul bin, hätte sie gelassener reagiert.

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„Es gibt doch so viele nette Mädchen Moritz…“ Ja – und genau das gefiel mir an Maike, dass sie nicht so war, wie die netten Mädchen, die bewegt waren von Yoga und Tai Chi, vegetarisch bis vegan, in ihren Kleidern aus Indien und Nepal, mit den flachen Schuhen und Sandalen, eso- bis hysterisch. Mit manchen war ich aufgewachsen. Nachdem sich meine Eltern mit ihrem kleinen Lebenshilfeverlag zu einer Art Szene-Stars entwickelt hatten, trafen wir uns als Kleinkinder bei Goa-Raves und in Montessori-Kindergärten und später dann bei Aufstellungen und in Tantra-Seminaren. Das war meine Welt. Mystische Mädchen und Lonesome Bear, der alte Kiffer. Ich wurde zur Achtsamkeit mit Menschen mit Menstruationshintergrund erzogen, ich bin es: Moritz, der Frauenversteher.

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Und dann Maike, die kesse Maike, die im Lederkleid blutige Steaks aß und Wodka aus großen Gebinden trank und dann auch noch Shakespeare zitierte und mir das Hirn aus der Birne blies - wow.

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Sie werden ihre wahren Werte schon erkennen, dachte ich, natürlich stritten wir nicht über Maike. Wir redeten darüber und dann schließlich nicht mehr und ich weiß nicht mehr, was schlimmer war. Sie waren großartige Eltern, wirklich großartig. Sie sind niemals ohne präzise astrologische Berechnungen irgendwohin gefahren – ob Buchmesse oder Urlaub, alles war und wurde mit Sonne, Mond und Sternen abgeklärt. Sie wollten zur Palmblattbibliothek. Sie hatten schon einen Termin dort, den 27. Dezember 2004. Sie wurden nie mehr gefunden.

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Und dann stand ich allein da mit dem Verlag und dem Leben, da hatte ich nur Maike. Sie half mir auch im Umgang mit den Medien, für die das einfach „a Gschicht“ war und hat einen Artikel über mich geschrieben. „Du musst den Schrott nicht verlegen“, sagte sie: „Den besseren Gründen müssen gute weichen.“

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Maike war super, ich habe sie sehr geliebt. Wir hatten eine verdammt gute Zeit. Ein bisschen fürchtete ich meine Eltern könnten das sehen, ein bisschen hoffte ich. Bis sie mich plötzlich verlassen hat.
1950 mal erzählt

25
Dez
2012

Fest der Liebe

Was für ein Weihnachtsfest – allein zu zweit mit Mama; Nudelsuppe mit Würstel, ein bisschen Fernsehen, Geschenke, die angekommen sind und Friede, Liebe, Ruhe.

Kein Baum, eine Kerze vor Papas Bild. Familienfest mit glänzenden Kinderaugen und Geschenksgemurmel, italienischen Salat und Mimi wurde von den Windpocken verweht. Stattdessen Friedhofsbesuch mit der jungen äthiopischen Soulsister und der Mutter, drei Frauen Arm in Arm an einem österlichen Weihnachtstag. Dann Abenteuer Busfahrt und nach einem Kaffee bei der Nachbarin unser kleines Weihnachtsfest, Champagner für mich, Mama nippte.

Weder Streit noch Tränen, keine Gespenster vergangener Weihnachten wie sonst immer in den Raunächten, stattdessen schöne Erinnerungen. Das kleine Mädchen, das von der Treppe sieht, dass die Eltern Pakete aus dem Keller bringen und trotzdem noch Jahre so tat, als würde es ans Christkind glauben. Das erste Mal den Baum aufputzen dürfen, einen langen Nachmittag lang, bis Mamas italienische Freundin ans Fenster klopfte. Jahrelang war sie unser Weihnachtsgast und nie war sicher, ob sie kommen würde. Sie kam immer und immer überraschend. Mein erster Champagner an einem 24. vormittags mit meinem stolzen Vater in seinem Stammlokal, spendiert von einem reichen Freund der Familie, prickelnd. Weihnachten mit der französischen Gastfamilie auf Gegenbesuch in Tirol, Bach sangen sie und die kleine Sandrine hatte glänzende Kinderaugen. Shrimps im Reisrand war lange unser Weihnachstessen. Weihnachten mit dem Ex-Mann – zum ersten mal allein zu zweien. Hubert der Hummer. Weihnachten beim Lieblingscousin. Der gute Geist der Weihnacht.

Und doch glaube ich, dass ich dieses Fest noch nie so volle Friede und Liebe und Glück erlebt habe, dass ich es so lange nicht mehr so schön mit meiner Mutter hatte. Ich fühle mich frei von Ängsten und Erwartungen – meistens zumindest, manchmal flackern Schatten auf, aber rasch gelingt es mir das alte Ego zu beschwichtigen.
Lieben und geliebt zu werden, leben, teilen, geben, bekommen. Menschen wahr und anzunehmen, Freundschaften, Feste und eben die Liebe – ich hätte mir nie träumen lassen, dass ich einmal ein so glücklicher Mensch bin, so zufrieden mit meinem Leben, dass man das überhaupt sein kann. All das und mehr macht wohl die Liebe. Ich fühle mich angekommen, angenommen, zufrieden. Danke Leben und danke an all die Menschen, die mich in meinem Leben begleitet haben, mich gelehrt haben, mir begegnet sind. Und dem, der mich das liebend erkennen ließ, meinem 1. Offizier.

Frohes Fest Euch – ihr habt in den letzten Jahren auch sehr viel dazu beigetragen, allen voran meine toll3ste Band…

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Soviel Glück ist mir beschieden!
Allzeit gute Fahrt und eine Handvoll Wasser unter dem Kiel…
1522 mal erzählt
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Sit down, both of you, and don't speak a word till I've finished

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katiza - 18. Feb, 16:53
Wenn ich schon geahnt...
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