3
Nov
2013

Alle Heiligen, alle Seelen

Friedhöfe mochte ich, so glaube ich zumindest, schon immer. Die Ruhe hat mich fasziniert und seit ich lesen kann, die Buchstaben auf den Grabsteinen, die Namen, Lebensalter und frommen Wünsche, die Bilder auf manchen von ihnen. Unser Friedhof liegt in der Geburtsstadt der Mutter, ihre Eltern liegen dort und jener viel zu früh verstorbene Bruder, dessen Namen derjenige geerbt hat, der schon im Leib der Großmutter heranwuchs, als sie ihren ersten Sohn zu Grabe trug. Oft habe ich sie gehört, die Geschichte vom Heinerle und immer hat es mich gegruselt, dass Onkel Heini neben mir stand, geboren im Sterbejahr des anderen.

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Immer schon war dieses Grab mit Efeu überwachsen. Dahinter ragt der Bettelwurf hervor, ein Familienhausberg, den die Mutter nie bestiegen hat, auch nicht der Exmann, wie jahrelang versprochen, geplant. Ich mag Allerheiligen, irgendwie auch schon immer mit Ausnahme von ein paar Jahren der Rebellion, aber auch da waren es vor allem die Heuchelei in Pelzmäntel gekleidet, die ich ablehnte, nicht den Friedhofsbesuch an und für sich. Denn der bedeutete neben Kerzen, Gräbern und dem fast gespenstigen Mantra des Rosenkranzes auch noch Familienzeit. Nachdem uns das Friedhofstor zwischen Pelzen und dunklem Loden ausgespuckt hatte, fuhren wir alle zusammen – auch wenn wir vorher an verschiedenen Gräbern gestanden waren, gemeinsam ins Wirtshaus. Nicht ohne vorher beim Süßigkeitenstand am Friedhofsvorplatz Kastanien, Schaumrollen und türkischen Honig erbeutet zu haben.

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Ein Eisenofen stand in der alten Holzveranda und es gab Köstlichkeiten, wie Schinkenkäsetoast, Pommes Frites und Saftl. – Gasthausessen mit viel Ketchup, das erst gegen Väter und Onkel verteidigt werden musste und ihnen später gnädig überlassen wurde. Dann nämlich, wenn es draußen dunkel wurde und wir mit Taschenlampen bewaffnet durch Felder und Obstgärten jagten, trotz des guten Feiertagsgewandes. Morgens mussten wir es anziehen, sorgsam ausgewählt von den Müttern, schön und ordentlich und doch auch ein wenig praktisch. Abends, wenn Schuhe verdreckt, Strumpfhosen schmutzig, Mützen verloren und die Ordnung aus den Fugen geraten war, wurde meist nicht mehr geschimpft, auch weil alle froh waren, wenn wir endlich im Auto einschliefen.

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An all das erinnere ich mich, während ich am Grab des Vater stehe, Mama aufrecht an meiner Seite, den eleganten Stock in der Hand, stolz und ein bisschen bitter.. Nie würde sie sich an einem Grabstein anlehnen oder sich gar setzen. Vielleicht kommt es mir nur so vor, aber die Zeremonie scheint kürzer geworden, der Pfarrer zitiert Kafka. Die Geschichte von der Maus. Seit fünf Jahren stehe ich an Papas Grab und gedenke meiner Toten, heute ist auch Eugenie bei mir und die, die um sie trauern. Weniger Menschen sind am Friedhof, weniger Gräber auch, kaum Pelzmäntel. Kurz flüstert mir die Mutter Anweisungen für ihr Begräbnis zu.

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Den Süßwarenstand gibt es nicht mehr und auch den Eisenofen, das Wirtshaus schon noch, die Holzveranda, diskret renoviert. Wir Erwachsenen essen Kiechl, die Kinder Toast und Pommes, bevor sie in den Feldern und Obstgärten verschwinden. Am Tisch bleiben wir, die verwandten Bergmenschen und ich und ich fühle mich fremd zwischen all den raschen Urteilen, den Prinzipien der Überzeugung genau zu wissen, was richtig oder falsch, wer gut oder böse. Ich stehle ein Stück Toast von einem Teller, trinke zu viel, verteidige mich und werde von Granatsplittern der Bosheit getroffen, verletzt. Mein Vater fehlt. Nicht nur mir, sondern den meisten hier am Tisch, habe ich den Eindruck. Mit ruhiger Stimme brachte er stets humrovolle Milde in die Strenge. Und sie lauschten ihm und ich war stolz.

Am Friedhof habe ich auf sein Grab gestarrt, die Rosen, die sich durchkämpfen, das fehlende Kreuz, wiewohl er der Gläubigste von uns Dreien war, . Erst am nächsten Tag treffe ich ihn, dort wo wir uns immer begegnen.

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Und dann daheim – am Vorderdeck, wissend, dass ich geliebt werde. So viel Glück ist mir beschieden. Allzeit gute Fahrt und eine Handbreit Wasser unter dem Kiel…
1400 mal erzählt

24
Okt
2013

The Return of the Mock Turtle

Ich hab Rücken; Rückgrat auch, hoffe ich. Und das tut weh. In der Röhre haben sie Bilder davon gemacht. C5/6/7 grenzwertig und irgendwas. „Nicht grenzwertig grenzwertig?“ frag ich die Ärztin. Doch meint sie und dass ich die Wände hoch gehen müsste vor Schmerzen. Ich hab eine hohe Schmerzschwelle, nicht immer, wenn es um mein Rückgrat geht, aber wenn es um den Rücken geht. Beim Halswirbel da, sitzt der Schmerz. Schief bin ich vom Taschen tragen und da ist da auch noch diese Anspannung im Unterkiefer, die die Schauspiellehrerin schon vor 30 Jahren bemerkt hat. „Warum verkrampfst du den Hals so, das Kiefer? Was willst du zurückhalten? Wogegen wehrst du dich?“ Worte wahrscheinlich. Dabei finde ich der Worte genug, Worte sind mein Leben. Aber es sind nicht immer die richtigen, die da an die Oberfläche drängen. Worte für Werte.

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Worte als Namen. Der Schmerz z.B. C5/6/7 nenne ich ihn, bläulich rot ist er in der Nacht, wenn er sich zu Wort meldet. Dumpf zischelnd ruft er zur Versammlung. Wo Schmerz ist, geht Schmerz zu. Da trifft dann der abgenutzte Körper die abgenutzte Seele. Alle sind sie da, das magere Selbstwertgefühl, die kränkelnde Eitelkeit, der verletzte Stolz und da hinten schleicht die alte Angst rum, Rädelsführerin im Schmerzensrudel. Und sie besprechen sich, erzählen sich Geschichten von früher, als sie hier viel mehr Platz hatten, von Tränenorgien und Selbstverletzung. Manchmal kommt ein neuer Schmerz dazu. Der eine drückt sich still und ein wenig schüchtern in der Ecke, der andere wird als alter Bekannter entdeckt und gleich mitaufgenommen. Da tauschen sie Bilder, Töne Worte, während ich versuche sie zu verjagen.

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Und dann erinnere ich mich wieder an die Wertschätzung, um die sich alles dreht. Weil ich glaube, dass sie mir verweigert wird, verweigere ich sie meinem Körper. He, C5/6/7, du machst einen guten Job, du hältst mich gerade und das kann ich gerade sehr gut brauchen. Zu oft habe ich das Schwere auf die leichte Schulter genommen,die Liebe in Einkaufssäcken heimgeschleppt, um sie dann in die Menschen zu stopfen, sie damit abzufüllen. Ich sollte seltener nicken und öfter den Kopf schütteln, um dich zu entlasten, gerade nach vorne schauen statt zu Boden starren. Mich öfter beugen, aber auch öfter strecken.

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Irgendwann schicken sie wieder die Mock Turtle raus, ihr Klagelied zu singen und versammeln sich alle zur Lobster-Quadrille. Ich kann sie hören, ihr hämen: „Narzissenkönigin“ nennen sich mich: „Sugar-Mami“, dumm und eitel. Der Alkohol tut sein Übriges, anstatt die Worte hinunter zu spülen, kotzt man sie aus – in einem mächtigen Schwall, der alles versaut, Unschuldige bekleckert und übel riecht, Halbverdautes, Wortbrocken, Herzeblut und Tränenspuren. „Aber“, sagt, das kleine Mädchen und „Ich wollte doch nur.“

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Ein Danke wollte ich, nicht Dankbarkeit, fürs Tun, nicht fürs Geben, einen kurzen Scheinwerfer, der zeigt, dass ich dabei war, ein gut gemacht, ein Hebammenlob, ein Lob. Enttäuscht wird nur, wer sich täuscht, predige ich. Und wer von Narzissten Lob erwartet, ein Danke, der täuscht sich gewaltig Das ist wohl überhaupt so mit erwartetem Dank. Und so hülle ich mich in das Danke des 1. Offiziers, sein Lob, seine Wertschätzung und Anerkennung, steh auf, wisch die Tränen ab, richt mir die Krone, schau gerade aus und gehe weiter. Und dann sehe ich es wieder: Es ist eine gute Welt.

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Ich höre das Spottgelächter der Schmerzen tief in mir drinnen und weiß, dass ich vielleicht morgen, wenn mich C5/6/7 weckt, in ihre dreckigen Witze miteinstimme. Und dem kleinen Mädchen flüstere ich zu: „Gut hast du das gemacht, damals und auch heute, ich weiß es, ich war dabei.“

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Und doch: So viel Glück ist mir beschieden. Allzeit gute Fahrt und eine Handbreit Wasser unter dem Kiel…
1865 mal erzählt

4
Okt
2013

Groupie forever

Das ewige Groupie in mir feiert fröhliche Urstände . Zwar sind seit dem Satz: „Wir haben in der Band beschlossen, dass sich das mit Freundinnen jetzt mal nicht ausgeht“ mehr als 30 Jahre vergangen, doch kann ich mich noch immer nicht aus dem Dunstkreis der Musikanten und auch –innen nicht lösen. Vielleicht liegt es auch an dem alten Witz: „gehen zwei Musiker an einer Bar vorbei….“Ich liebe Proberäume, immer ein wenig versifft, nach Rauch und Bier stinkend, schließlich lebte ich in einem eine wundervolle Wochenend-Wohngemeinschaft. Ich schreie und tanze mir bei Konzerten leidenschaftlich gerne die Seele aus dem Leib.

Zu einer Marianne Faithfull werde ich es wohl nie bringen und ob ich mich zur inneren Yoko Ono oder Milica bekennen will, weiß ich noch nicht. Aber ich mag es, ein wenig am Rock’n’Roll Ruhm mitzunaschen, ein bisschen Muse zu sein. Das hat sich nicht geändert seit ich den Punk-Sänger-Geliebten nach München chauffierte, um billige Musikkassetten für die 1. Tonträgerveröffentlichung zu kaufen. Ich koche gerne für MusikerInnen. Ich bin gerne Backstage – übrigens auch im wirklichen Leben, im politischen, im Kommunikativen. Vorausgesetzt, ich finde auch meine Bühne, das gebe ich zu.

Für des 1. Offiziers Band „Soushop“ www.soupshop.at darf ich mit Rat und Tat und Speis und Trank zur Seite stehen und sie am „Weg zu Weltherrschaft des Skunk-Rock begleiten – z.B. hinter den Kulissen dieses Videos – bitte anschauen und vielleicht sogar mögen und weiterverbreiten – mit Cameo-Auftritten von Bierpapst Conrad Seidl und Komiker Alf Pojer & Sex&Drugs&Rock’n‘Roll

Prost!

1549 mal erzählt

21
Sep
2013

Papa

Fünf Jahre sind es schon und auch wenn mir jener Morgen, an dem sich alles verändert hat wie gerade gestern vorkommt, scheint er gleichzeitig ein Leben weit weg. Mein Leben, das sich so verändert hat. Manche dieser Änderungen hätten dich wahrscheinlich belastet, Änderungen waren nicht so deines, du bist deinen Weg lieber gerade gegangen. Ich weiß nicht, ob ich mein Leben verändert hätte, wenn alles gleich geblieben wäre. Ich weiß nur: so wie es ist, ist es gut und es fühlt sich richtig an.

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Und auch wenn ich mir gerne einrede, dass du all das siehst und weißt, dass du mich wie eine Art Schutzengel begleitest, glaube ich nicht wirklich daran, nur daran, dass du in mir lebst, so lange ich lebe, dass ich versuche so zu leben, wie du mir das Leben vorgelebt hast, kategorischer Imperativ und so. Und so wünsche ich mir – wohl wissend wie absurd diese Wünsche sind – manchmal, dass du bei uns am Tisch sitzt oder hier im Wohnzimmer auf dem Sofa. Ich würde dir gerne den 1. Offizier vorstellen und kann mir gut vorstellen, dass und wie ihr miteinander auskommt, zwei ruhige große Männer, vorsichtig, zurückhaltend, nachdenklich, beide sanft, beide Zuhörer, vielleicht hättet ihr, hätten wir gemeinsam gerätselt. Du würdest ihn mögen.

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Und dass Mama und ich so friedlich und behutsam miteinander umgehen, hättest du wohl gerne erlebt. Unsere großen Dramen haben dich noch mehr gequält als uns. Welche Freude hättest du mit Mimi und wie stolz wärst du auf deine Frau. Ich bin stolz und glücklich deine Tochter zu sein, ich danke dir für alles, was du mir mitgegeben hast, am allermeisten für die Werte, die du mich zu leben gelehrt hast, für deinen Gerechtigkeitssinn, deine Aufrichtigkeit und deine Liebe und deinen Respekt für die Menschen. Ach, Papsch - ich könnte mir keinen großartigeren Vater vorstellen.

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1296 mal erzählt

30
Aug
2013

Logbuch – Auf hoher See

Was für ein fahrtenreicher Sommer. Reisend waren der 1. Offizier und ich unterwegs und nahezu alle Arten von Fortbewegungsmitteln haben wir auf unseren Wegen benutzt. In erster Linie war es ein Sommer auf Schienen - Züge führten uns durch Österreich und bis hinauf zu einer Hochzeit am Rhein. Viele Stunden verbrachten wir, in Gesellschaft oder allein, rätselnd oder Backgammon spielend, essend, trinkend, schlafend. Und manchmal sogar stehend. Aber nicht einmal das bringt den 1. Offizier und mich aus der Ruhe, schmunzelnd betrachten wir das Schauspiel vor unseren Augen. Immer mit viel Gepäck, immer zu viel. Und doch so wichtig: Instrumente, Seifenblasenset, Bücher, Piratenfahne, Getränke, Speisen, leer und voll, Zeitschriften, alles, um auf alles gefasst zu sein und mehr. Mittlerweile sogar ein Drachen.

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Manchmal sind wir im Auto unterwegs. Meist mit den kleinen blauweißen Smarts der Auto2-Gehen-Firma. Sie sind unsere Beiboote im Stadtverkehr, sie geleiten uns zu Zug- und Flug- und E-Boot-Häfen. Hin nutzten wir den Ferienhaus-Fuhrpark und einmal fuhren wir im Soupshopmobil, gezeichnet von den Tourneen der Band und längst in den Händen einer Fan-Freundin., hinauf in die Heimatberge des Rockstars meines Vertrauens. Zu viert gondeln wir los im gelben Bandbus. Gitarrist und Schlagzeuger wechseln sich beim Fahren ab, bei der Burger-Kette wird halt gemacht, höchstens Radler getrunken. Schön ist die Landschaft dort draußen; die Jungs so angenehme Menschen. Im Aufbruch, Väter wollen sie werden, alle beide und ihre Mädchen wollen den Nestbau auch. Männer und Frauen und doch auch einsame Kinder scheinen sie mir. In den Bergen streut man uns Rosen aufs Bett im Nobelhotel und die Bande spielte beim Charity auf.
Ich mache Bubbles am Rand des Teichs, des Geliebtestens Mutter an meiner Seite und auch ihr lacht das kleine Mädchen, das sie einmal war aus den Augen. Und Schulter an Schulter himmeln wir später mit Teenager-Gesichtern die Band an.

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Wenn wir vom Bahnhof zu Unterkunft zu Spielstätte zu Unterkunft zu Einkäufen zum Baden zum Zeitvertreib zu Spielstätte zu Bahnhof zum Bahnhof pendeln, verwandelt sich die brave Familienkarosse in einen Zirkuswagen. Wir Mädchen sitzen fast immer auf der Rückbank. Der grandiose Geräuschemacher mit den langen Beinen vorne neben dem Fahrer, dem Kapitän, Regisseur, Autor. Gepäck, Requisiten, Getränke für die kleine Bar, geschenkte Schuhe und unsere Rucksäcke Koffer, Taschen füllten die hintere Hälfte des Kombis, Gelächter, Gesang, Geblödel, Gequatsche, Gedenken die vordere. Mal obszönes Gegröle, mal Nachhaltigkeits-Gestus mit der berühmtesten Flasche der Welt, in Plastik gegossen. Nicht immer alles eitel Wonne, aber immer Theater. Und all die Dramen, abseits der Bühne. Große Eifersucht im Burghof, kleine Eitelkeiten im Schulhof. Schmerzen im Rücken und in der Seele. Und vor und nach der Komödie finden die wirklich großen Tragödien im Foyer statt, oft geprobt und erschreckend, ergreifend. Katharsis.

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Und Schiff fahren, natürlich fahren wir Schiff, schließlich sind wir die Piratenkönigin und ihr 1. Offizier. Wann immer es dieser unser dritter Kinosommer erlaubt, stechen wir versehen mit „Jolly Roger“ und feinsten Spezereien auf der Alten Donau in See. Meist im Elektroboot. Und dann packt der 1. Offizier seine rote Bubble-Pfeife aus und ich strecke meine Hand in den Fahrtwind. „Hearst Oida, is des uargeil, pack I des, hearst. Gimme five.“ Was uns auch nach mehreren Anläufen mit der Horde betrunkener Teenager gelang.

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Am Rhein sind wir gefahren in einem, frühmorgens nach einer Hochzeit in Bad Honnef. Wir trafen auf Rentner, die unsere Heimat gut kennen und uns war die ihre doch so fremd, das Nachbarland.Ja und ann die große Fähre, die uns nach Chios brachte, trunken vor Urlaubsfreude und Ouzo. Herrliche Tage auf einer Insel, deren Schutzheilige Markela ein Inzestopfer ist und wo die Bäume kostbares Mastix weinen. Reisegefährten sind wir, nicht Urlauber. Volle Fahrt voraus.

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Soviel Glück ist mir beschieden! Und so viel Liebe!
Allzeit gute Fahrt und eine Handbreit Wasser unter dem Kiel…
1380 mal erzählt

5
Jul
2013

Terra Euphorica oder Hommage an Anousch O.

„Prototypen können so rührend sein“, schrieb Anousch Mueller einst und regte mich damit zu einem meiner Lieblingstexte an. In jenen Tagen hatten wir im Netz Freundschaft geschlossen, anonyme Bloggerinnenfreundschaft – ich kommentiere bei dir, du bei mir und das per Sie. Wir waren wohl alle verliebt in die Zeppelinkapitänin, Herr Schneck, Dr. Schein und all die anderen oder viele von uns oder zumindest ich…Begeistert las ich die Texte der geheimnisvollen Herrin von Terra Euphorica. „100 Tage online. Die auf Widerruf gebloggete Zeit.“ etwa unter dem Titel: „Gemeinsam einsam“. Ingeborg Bachmann wird sichtbar am Horizont.

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Und dann der Prototypensatz und das Zeppelinbild und die Erinnerungsschätze, die dadurch gehoben wurden, gelesen, entdeckt, erst zwei Monate nach ihrem Posting. Das musste ich berichten, ihr berichten, der fremden schönen Bloggerin, der Apfelpflückerin. „Und schreiben Sie die Geschichte! Darauf freut sich: Ihre Lieblingsleserin, Anousch“ Das tat ich. Und sie mochte den Text. Anousch war immer ein wenig Francoise Hardy für mich, ob ihr die Chansons und Schlager der Französin, mit denen ich meine an sie gerichteten Worte nur allzu gerne untermalte, wirklich je gefielen, weiß ich nicht.

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Wir wurden bleiben Freundinnen und Silvester 2009/2010 war Anousch die erste Bloggerin, der ich im wirklichen Leben begegnet bin, unsere Hände verschränkten sich und wir haben nie mehr ganz losgelassen. Vieles hat sich verändert, das ist geblieben.

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Großartig hat sie gelesen, die Nicht-Schauspielerin unter so vielen Schreibenden, Spielenden nur Lesende, gestern beim Bachmannpreis, den Tagen der deutschsprachigen Literatur 2013 in Klagenfurt: Bilder der ersterbenden Liebe gemalt in Falunrot und Schmerztönen. Die Frauen am Tisch im Garten des ORF-Zentrums – in dem ich vor vielen Jahren als Studentin angeekelt war von der Arroganz des Intendanten – die Büchermenschen waren hingerissen und Blicke bestätigten die Worte der Autorin: „Vorsicht war seine Zärtlichkeit.“ Die Männer in der Jury reagierten verletzt, unmutig und ein wenig ungeduldig wie der Mann in der Erzählung. Sie machten sich an Details fest vom Segeln. „Wie immer, wenn er sprach, war es, als zitierte er Wörter und Wendungen, die er irgendwann in einem langen Repetitorium auswendig gelernt haben musste. Doch mir wurden seine Worte fremd.“ Männer wie Leo.

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Anders die Männer der Autorin, der geliebte Nerd, der bezaubernde Sohn, der mit dem ersten Roman in ihr herangewachsen und gereift ist. Gemeinsam warteten wir auf sie. Die Worte hatten ihr weh getan, das sollten sie wohl auch. Doch sie betrafen nicht die Geschichte – den „souveränsten Text bisher“ – sondern anderes, persönliches, mir schien als hätte ihr Text bei ihnen Altes wach werden lassen. „Es hatte sich eingeschlichen, zunächst nur als leichtes Kribbeln, das allmählich in ein Jucken und schließlich in ein Brennen überging.“ Wie ein Herpesvirus liegen manche Schmerzen in unseren Seelen und können allein durch die Beschreibung wieder erweckt werden.

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„Ich aber hatte ihn besiegt, indem ich ihn niederschwieg.“
Und sich, indem sie las. Anousch Muellers Roman Brandstatt erscheint am 15. Juli. Sie ist immer hin. Und ja, ich weiß es, glaube es, „die Wahrheit ist dem Menschen zumutbar“ und Fontane hätte sie erfunden.Ich bin immer (noch) hin (und weg).
1819 mal erzählt

1
Jul
2013

Logbuch: Jungfernfahrt mit der Hurricane Katrina

Wie sich das Leben doch gleicht. Der 1. Offizier spielt wieder Theater. Zur Jungfernfahrt ging es in den Süden, eine eine Welt voll Trachtenmoden, Möbelgeschäften, BZÖ-Plakten, seltsamen Regional-Nationalstolz und Kunst, die tapfer dagegen ankämpft. Ich habe als Smutje angeheuert, eine Foccachia im Gepäck, als Groupie mit werbendem Begleitlärm und Fotoapparat und bin doch wieder als „Mutter der Nation“ erkannt worden.

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Maria Stewart, ich grüße dich, im Herzen der Burg warst du plötzlich, endlich wieder da Ich war ein bisschen du, als das junge Mädchen an meiner Schulter weinte, weil der Freund ein Eifersuchtsdrama abseits des Stücks inszenierte. Und immer wieder Theaterwelt, voll Dramenpotential und großer Gefühle. An die schöne Clownin Geza mit dem Mondgesicht muss ich denken, während ich der Veganerin mit bühnentauglichem Namen beim Predigen lausche. Wie sie da saß und dem Tod ins Auge sah – Tschernobyl.

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.
Ich erinnere mich an einen Abend, an dem wir darüber sprachen, welche Opfer wir für eine Rolle bringen würden: Zur Not auch die Liebe und gerne die Scham. An das Ausloten großer Gefühle in betrunkenen Nächten. Ganz große Liebe. Der Erste. An der Kassa sitzen, Bühne schrubben, Scheinwerfer aufhängen und Bretter, die die Welt bedeuten. Jedes Stück, jede Aufführung birgt so viele andere Dramen, Tragödien, Komödien, wie gegenüberliegende Spiegel die Unendlichkeit. Das stimmt schon mit dem Kaleidoskop

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Sieben Todsünden und alle großen Mythen vor und hinter der Bühne: das war das ist mir Theater. Schließe ich die Augen kann ich sogar den Geruch meiner ersten „richtigen“ Bühne wahrnehmen. Das Innsbrucker Kellertheater. Ich fühle den Raum, spüre das Licht der stilechten mit Glühbirnen umrandeten Spiegel. Die liebevollen Geschenke der anderen zur Premiere. Das kleine Paar Schuhe meiner Choreografin, der Elfe Ann. Ich sehe bekannte Gesichter im Publikum, spiele – lebe. Und dann Applaus. Das fällt mir in dem Keller ein, in dem die Hurricane Katrina zu ihrer Jungfernfahrt in See sticht. Es ist ein anderes Theater, nicht so wild und trunken wie damals. Aber das bin ich ja auch, eine andere, nicht mehr so wild und trunken.

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Wann ich aufgehört habe, den großen Bühnentraum zu träumen, weiß ich nicht. Vielleicht nachdem ich mir neue Bühnen geschaffen hatte; vielleicht auch nie. Aber irgendwann wollte ich nicht mehr Schauspielerin werden, nicht mehr Regisseurin. Nichts Dramatisches war passiert, es war nur vorbei mit Drama. Nicht im Leben, doch im Traum. Und es ist gut so.

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Und doch – mit Max Reinhard: „Ich glaube an die Unsterblichkeit des Theaters. Es ist der seligste Schlupfwinkel für diejenigen, die ihre Kindheit heimlich in die Tasche gesteckt und sich damit auf und davon gemacht haben, um bis an ihr Lebensende weiterzuspielen.“ Solchen Menschen darf ich immer wieder begegnen: fröhlichen, traurigen, lustigen, zornigen, liebenden, einsamen, staunenden, zweifelnden, wissenden Kindern. Und für manche von ihnen darf ich meinen Bauchladen an Erfahrungen öffnen.

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Und dann stehe ich ja selbst auf der Bühne, leidenschaftlich gerne und bald wieder in ganz besonderem Rahmen: bei Nono auf Yppe

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Der wunderbaren Truppe von Sandy Shoeshine Rhapsody und mir ans Herz gelegt: Vorspiel auf dem Theater:

Laßt uns auch so ein Schauspiel geben!
Greift nur hinein ins volle Menschenleben!
Ein jeder lebt's, nicht vielen ist's bekannt,
Und wo ihr's packt, da ist's interessant.
In bunten Bildern wenig Klarheit,
Viel Irrtum und ein Fünkchen Wahrheit,
So wird der beste Trank gebraut,
Der alle Welt erquickt und auferbaut.

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Soviel Glück ist mir beschieden!
Allzeit gute Fahrt und eine Handbreit Wasser unter dem Kiel…
1344 mal erzählt

12
Jun
2013

Logbuch: No one here get’s out alive

Es ist Sommer am Vorderdech, doch der Wind pfeift uns um die Ohren. Kein feindseliger Wind, sondern einer, der unsere Segel füllt und uns da und dorthin treibt. Der 1. Offizier hat wieder auf der „Hurricane Katrina“ angeheuert und ich mache Zeitungen fertig und lass das Zirkuspferd raus – bei toll3sten Auftritten und Podiumsdiskussionen zwischen klugen Ökonomen – die Ökonomin war erkrankt. Ich hätte sie gerne dabei gehabt – auch des Feminismus wegen. Da und dort gibt es Scharmützel zu schlagen aber daran merkt man, dass man lebt und doch segle ich so glücklich dahin, nehme mir Zeit, mein Schiff auf den Doc(k)s durchchecken zu lassen und bin mit den Ergebnissen ganz zufrieden. Sicher die alten Taue und Masten ächzen da und dort, aber ich habe ihnen doch einiges zugemutet. Wichtig ist, dass ich fröhlich auf den Wellen schaukle wie nie zuvor.

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Älter werden wir alle und manche gehen. Ray Manzarek z.B.. Aber wie sagte schon der so heiß verehrte Jimmy „No one here get’s out alive“. Sicher, ich hab es zur Kenntnis genommen, seufzend, another one gone. Und dann bin ich bei der Elfenhäuslerin und bei Herrn Glumm wieder und wieder darüber gestolpert.

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Es war ein Sommer wie heute, als ich das Buch, gekauft am Flug nach Calgary -, dem ersten nach Übersee, allein, den Vater begleitend, auf den Knien zu ihren Füßen saß. Hinten außen, wie wir den Bungalow in unserem Garten nennen. Sie lag auf der Liege und ich übersetzte, begeistert, verliebt. Ich erzählte ihr von dem Genie, meinem Idol. Auf dem Plattenspieler lag American Prayer; wie eben, dieselbe Platte.

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Später in diesem Jahr verblüffte sie einen jungen Inder auf einer Zugreise mit ihrem Wissen über den Mythos des Rockstars. Er wollte ihr nicht mehr von der Seite weichen, erzählte sie stolz. Ja, es war Jim Morrison, der für mich alles überstrahlte, weil ich das Wort stets über die Musik stellte. Wohl, weil ich mit Wörtern besser umgehen, sie besser hören kann. So war Ray Manzarek für mich eine biographische Figur. Ich glaube, ich habe ihn sogar einmal in Wien spielen gesehen, oder auf einem Festival, oder auch nicht. Schade, dass ich das nicht mehr weiß, Schön, dass es diese Musik noch immer fertig bringt, mich durch Zeit und Raum zu katapultieren, dass sie Erinnerungen und Gedanken freisetzt. RIP Ray Manzarek u&thank you for the music.

Soulkitchen ist auch mein Lieblingssong.

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Ja, zum Bloggen finde ich wieder Zeit undLust, vielleicht, weil ich bemerke, wie viele unverdrossen dran bleiben, vielleicht weil auch Neue dazugekommen sind. Doch das Leben hat Vorrang mit seinem Füllhorn voll reichhaltiger Geschenke, Beute der Liebe, die wir unter Deck verstauen und mit vollem Herzen weitergeben. Und immer wieder sterneneklare Nacht am Voderdeck.

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Soviel Glück ist mir beschieden!
Allzeit gute Fahrt und eine Handbreit Wasser unter dem Kiel…
1510 mal erzählt
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Mock Turtle

Sit down, both of you, and don't speak a word till I've finished

Who sits there?

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Gruß nach drüben
Der Vater - der großartige Walter Deutsch ist am 13....
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Gruß nach drüben
Der Vater - der großartige Walter Deutsch ist am 13....
katiza - 18. Feb, 16:53
Wenn ich schon geahnt...
dass ich an jenem Zuhause angekommen bin. Ich liebe...
katiza - 22. Feb, 15:42
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Alle Kraft für ihn!
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Lieber Yogi, ein bisschen frivol der Geburtstagsgruß...und...
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