5
Mai
2014

»Du hast mit mir gespielt!«, rief die Schwalbe empört, »ich fliege nun zu den Pyramiden, lebe wohl« -

Zeit Abschied zu nehmen – irgendwann muss ich weiter gehen, irgendwann bin ich immer weiter gegangen, fahrend Volk seit jenen ersten glücklichen Jahren in der CD-Familie und selbst da ein Satellit, frei, „vogelfrei. Und so habe ich mich ins nest der Organisation geflüchtet. Voller Hoffnungen und Sehnsucht und doch ein wenig Kuckuckskind, kein Falkenjunges, immer im Verdacht schwarze Daunen zu haben, das Kehlchen nicht rot genug. Und doch, wie schön ist es im Schwarm zu fliegen, die eine oder andere Kapriole zu segeln oder ein wenig daneben zu zwitschern. Wichtig ist es doch nur die Richtung beizubehalten und dann und wann gute Stimmung zu verbreiten, zu informieren, sich umzusehen. Die vorne zu schützen.


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Zu bunt der Vogel und doch zu wenig Papagei, Rabin, Gans, Käuzchen, Eule? Kein Star und keine diebische Elster, (Schnapsdrossel?), keine Geierin und Adlerauge war weder wachsam noch Adlerauge. Bald werdebns die Spatzen von den Dächern pfeifen und einer von ihnen fühlt sich in der Hand besser an, als die Taube auf den Dach. Einmal noch ein Rad schlagen, einmal noch zur Meise stehen, das Möwenlachen auspacken (Spottdrossel?), ein bisschen Kakapo sein. Nur nicht den Kopf in den Sand stecken und das gluckenhafte ist eh OK Ein wenig Cold Turkey ist auch dabei, Gänsehaut. Aber eine Schwalbe macht noch keinen Sommer.

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Und so segle ich weiter, Phönix ist der Vogel meiner Wahl und Kraniche falte ich, müssen wohl tausende sein. Oder einfach nur eine Schwalbe? 

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29
Apr
2014

"Wollt Ihr trinken, so trinkt allein, ich mag nicht Eure Magd sein."

„Du hast noch Leben genug“, sagt Mama und trifft ins Herz. Wir verhandeln über ein wenig Entlastung, drei Stunden in der Woche mit der Hospizfrau. Alte Verlustängste schlagen zu. Auf ihrer Seite. Auch bei mir. Eifersucht. Schreie nach Liebe. „Schrei nicht mit mir!“ Ich bin müde, überspannt, C5/6/7 schmerzen, die ganze Nacht tönt das Radio aus dem Nebenzimmer. Untertags sitze ich am Laptop, während zum zweiten Mal dieselbe Folge von „Verbotene Liebe“ wiederholt wird. Ich weine, fliehe, in die Küche, kehre zurück. Ich bettle, flehe, erzähle, was ich getan habe. „Es gab immer ein besseres Kind“ sage ich. Dass ich eifersüchtig bin, sage ich und das ich immer das Gefühl hatte nicht zu genügen und ich ihr eben jetzt beweisen will, muss, dass ich ein gutes Kind bin. Unsere letzte Chance. „Kannst du mir das Aufmachen?“, sie streckt mir den Augenbrauenstift hin.

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Dass sie den Gips nicht mehr herunterbekommen wird, sagen die Blicke des jungen Arztes, dass Pflege demnächst zu spät kommt, deutet die Hospizschwester an. Und Mama ruft den Gärtner an, der Rasen muss gemäht werden, der arme Gärtner, seine Mutter ist schwer krank…Sie tut das für mich, zumindest glaubt sie das. Sie will, dass alles ordentlich ist, wenn ich übernehme. Sie will geben, nicht nehmen. Ich halte es aus: für sie, für Papa, für mich letztendlich. Und ich bereite ihr Schwierigkeiten, zu lang der Schatten der Projektion. Zu viel Nehmen müssen und Angst zu wenig gegeben zu haben. Und Schuld und Sühne. Ich liebe sie. Ich hab noch Leben genug.

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Und doch ist da so viel Sehnsucht nach dem kleinen Alltag: Der eigene Kleiderschrank mit großer Auswahl, OE1 früh am Morgen, Milchschaumtiere für den Geliebtesten, Frühstück im Bett, mein Schreibtisch und der komfortable Sessel davor, zwei Bildschirme zum leichteren Arbeiten, Fenster auf und Seifenblasen auf die Frühlingsstraße, Filterkaffee, der schmeckt und bunte fröhliche Menschen im PoC, Post, die Öffis und der Freud-Park und das Alte AKH ganz besonders, der neue Bio-Markt im 8., die Nachbarinnen und Nachbarn, Schuhe und Hüte zur Auswahl, Wein kosten am Nachhauseweg und dann ein Bier oder ein 28er im 28, Stadtspaziergänge, Einkaufen auf Schnäppchenjagd und Bio, Kochen, Brot backen, Kräuter sammeln und verkochen, Bootspicknick auf der Alten Donau, Essen gehen, Menschen treffen, Trinken gehen, rätseln, Backgammon mit dem Geliebtesten und all das andere auch noch, kuscheln, Schallplattenhören beim Erstgeborenen, Konzert gehen, Lachen. Kommt alles wieder. Ich habe noch Leben genug.
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27
Apr
2014

„Das darf ich Euch nicht sagen und darf auch keinem Menschen mein Leid klagen“

Hallo, ist da jemand? Manchmal scheint es mir als würde ich mir verloren gehen in all den Tagen und Wochen und Monaten hier. Mein Sein – weil zumeist ungesehen – entgleitet mir zwischen der aufopfernden, Fremdsicht, und der unsichtbaren, Muttersicht, Tochter. Ungespiegelt ohne Echo verblasse ich. Social Media gibt mir ein bisschen Außenwelt, aber auch das vergeht – Gefällt mir, Daumen hoch, heißt noch lange nicht, du darfst weiter leben – und selbst das mit den Gladiatoren soll reiner Mythos sein, sagen diesselben Netzwerke, gefällt mir, egal. Was wird übrig bleiben von mir, wer wird übrig bleiben von den Meinen? Bin ich noch, werde ich wieder und wenn dann wann und wer? Während die Mutter stirbt, verliere ich mein Leben scheint mir, vielleicht sind es aber nur die bösen Spiegelsplitter, die sie mir vor so langer Zeit eingepflanzt hat, vielleicht fürchte ich nur deshalb, dass Freundschaft an ein offenes Haus und Speis und Trank gebunden ist und nicht an mich. Und wer ist das schon, dieses Ich: Nur der hübsche Rahmen wie bei jenem Lieblingsspiegel, der einst hier ums Eck, hinter einem Vorhang verborgen, hing und nun mein Schlafzimmer ziert, selten als Spiegel genutzt, nie einen Lippenstift nach-, aber dann und wann anderes gezogen, er fängt ein anderes außen ein – und wirft es zurück. Hier verhallt meine Seele meist unreflektiert, segelt gegen unsichtbare Wände, stolpert über Teppichfalten. „Jetzt red nicht immer so viel…“ und dieser Blick, in dem ich mich nicht wiederfinde…

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Verloren, ich fühl mich verloren, ich bin mir verloren gegangen und mein Leben ist mir verloren gegangen. Und auch die Menschen, eine Handvoll bleibt, blieb, der Rest ist Schweigen. Am Anfang gab es noch die eine oder andere virtuelle Umarmung, jetzt muss ein Like genügen unter den Foto, Mutter stirbt schon zu lange, es fehlen die Worte, Euch und mir. Die schreckliche Wahrheit ist: Der Tag, an dem ich meine Leben zurück bekomme, ist der Tag an dem Mama ihres verliert. Das brülle ich in dieses virtuelle Ofenrohr und der Sound des Tastendrucks hallt durch das stille Haus.

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Gestern Geburtstag, der letzte, das Etappenziel mit Friseurin und Gärtner, mit Putzfrau und Familie – keineR über 50. Habemus Tantam und ein Ständchen und der 1. Offizier an der Klarinette, am Bewirten und im Herzen der Familie. Seifenblasen und Kinderlachen und ein wenig Verotisieren erfüllen die Luft. Und Versprechen, die wohl nicht gehalten werden können und im Moment des Aussprechens sich doch erfüllen. Einmal im Leben die Hauptperson und dann stiehlt ihr das „gute Kind“ die Show – Doublebind, Doublebondage. „Wegen dir, Mama“, beteuere ich, doch sie scheut den Blick in den Rückspiegel.

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Heute früh dann öffnete die Sterbende ihre Augen und erklärt, dass wir essen gehen, zur Signora, deren Gasthaus uns durch die schwersten Zeiten begleitet hat. Tadellos gekleidet und aufrecht bricht sie zum Ausflug auf, la grande dame, Signorissima, die Piratenkönigin Mutter – nie wollte ich so sein und jetzt wünsch ich mir doch ein Quäntchen dieser Contenance und Grandezza – vielleicht gewürzt mit ein wenig mehr Liebe, einem weicheren Blick, Genuss, Exzess, und Milde. Wir sprechen wenig, meine besorgten Fragen, ihre knappen Befehle, ein Danke dann und wann – nur mein “Ich hab dich lieb, Mama“, verklingt fast jeden Abend ohne Antwort in der Stille…
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24
Apr
2014

Wenn das deine Mutter wüsste…

Ich höre Mama beim Schlafen zu - seit Stunden. Sie ist wieder zuhause, bei mir, nicht ganz bei sich. Die Zeit vergeht immer langsamer, ich sitze in Hörweite, wage mich kaum weiter weg, zwischendurch setzt sie sich auf, begehrt sich anzuziehen oder zumindest sich umzuziehen, die Hausschuhe, hinunter zu gehen. Dass ich ihr letzteres verweigere zu viel Angst vor der steilen Stiege, zu sehr bewusst ihrer Schwäche, macht sie wütend, sie schlägt nach mir, schleudert die Zeitung durchs Zimmer und schreit: „Scheiße!“ Das erleichtert mich kurz bis Mama wieder müde wird, sich hinlegt, den Kampf aufgibt, sind das Tränen in den Augen?

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Das Babyphone ist weg, abgelehnt wie der verhasste Leibstuhl, versteckt, verschenkt. Meine Kette wird dadurch kürzer, die Stille größer. Ich will und werde sie wohl nicht danach fragen…Stille im Haus nur ihr rasselnder Atem, selbst die Zeit steht still, schleicht vorsichtig über die knarrenden Böden. „Tu mi nit poppelen“, sagt sie wütend, als ich ihr sanft erkläre, dass sie heute nicht mehr aufstehen darf, kann. Sie hält die Vertauschung der Rollen nicht aus: „Ja, Mama.“ Andere Ärzte würden sie jetzt on ein Hospiz legen, sagt unserer. Und dass er unseren Willen respektiert. Ich bin ihm dankbar, ich bin dankbar, ja, Mama.

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Die Amselkücken werden langsam flügge.
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23
Apr
2014

Ach wie gut, dass niemand weiß

Die heimtückische Krankheit habe ich geschrieben, als dürfe man den Namen nicht nennen, nicht laut aussprechen. Krebs. Bauchspeicheldrüsenkrebs. BSDK, nennen sie es im Internet. Die, die ähnliches erleben. Pankreas-Karzinom. Wenn man es nicht wüsste, nichts gelesen, geflüstert gehört hätte, täte es vielleicht gar nicht so schrecklich klingen. Pankreas, ein Eisheiliger irgendwie: „Pankraz und Servaz sind zwei böse Brüder, was der Frühling gebracht, zerstören sie wieder.“

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Mehr als ein Frühling, Frühlinge, Sommer, Winter, ein langes Leben. Diphterie, Herzschrittmacher, Schlaganfall, Lungenentzündung und dann die heimtückische Krankheit. Lieber erzähle ich ihr von den Billy Rubins, die ihren Körper überschwemmen, ihre Haut gelb färben und für den Juckreiz sorgen, als vom Krebs. Selbst die Ärzte scheinen Angst vor ihm zu haben, selbst sie vermeiden es seinen Namen auszusprechen Pankreas-KA und TU sagt Doc Poldi, während er mich via Ultraschall einen Blick in Mamas Bauch werfen lässt. Karzinom, Tumor, Dämonen, Beelzebuben und der Gottseibeiuns unter den Krankheiten. Nie sollst du mich benennen.

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Ikterus klingt auch nicht schlimm, ein bisschen wie Ikarus. Aber vom Fliegen ist die gelbe Gefahr weit entfernt, näher beim Ausderhautfahren, vielleicht sieht man, sieht Mama ja doch die Sonne, später. Sonnenblumen liebt sie so. Und Margariten. Die Tumorschmerzen sind nicht zu arg, wie so oft ist das Außen schlimmer als das Innen. Verbotene Gedanken, verbotene Worte. Eine Sterbende hat der Arzt gesagt. Morgen hole ich sie nach Hause. Am Samstag feiern wir ihren Geburtstag.

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22
Apr
2014

Spieglein, Spieglein

„Was habe ich nur falsch gemacht?“ fragt Mama am Ende ihrer Kräfte. Juckreiz plagt sie, der Schleudergang, schlimmer als alle Tumorschmerzen, schlimmer als der gebrochene Arm. „Nichts hast du falsch gemacht“, versichere ich ihr in diesen Stunden und den Nächten allein zu weit mit dem Juckreiz und den Spiegelneuronen. Diese heimtückische Krankheit erwische so viele, versichere ich ihr, auch Kinder – und „Viel hast du richtig gemacht, Mama, sonst wäre ich nicht hier“, sage ich immer und immer wieder, bis ich es selbst glaube. Hat sie ja, für sich. Meine kleinen Fehler, ihre kleinen Grausamkeiten wiegen sich auf. Ausgleich, Waage, Spiegel. Ich kratze mich, nach und nach übernehme ich den Juckreiz, ich spüre ihn an den Fußsohlen, den Handflächen, am Kopf. Nachts drückt sie meine Hand ganz fest, nicht aus Liebe, im Kampf gegen das Beißen.

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Manchmal, wenn es ihr schlecht geht, verzichtet sie auf Worte mir gegenüber, ihr Blick und die Gestik müssen reichen, dann lächelt sie. Sie ist immer – selbst Nachts wenn sie ihre Beine anzieht um sich wild, fast ekstatisch zu kratzen – klar bei Sinnen. Nur kurz schaffen die in den Ausbildungen gelernten hypnotischen Formeln und beiden Erleichterung – dann bricht das misstrauische Kind wieder vor, greift Raum, währen dich verstohlen meinen Arm kratze. Wir führen keine Mutter-Tochter-Gespräche, wir bereuen nichts, zumindest nicht gemeinsam. Nur das sind wir – gemeinsam. Verschränkt in Befehl und Gehorsam, Regel und Rebellion, Ordnung und Chaos. Mama. Ständig – gequält unter Morphium und Schmerzmittel, Tag und Nacht, müde und munter – gilt es Teppichfalten zu glätten und Vorhänge in Form zu bringen. Der 1. Offizier geht zur Hand und der türkische Nachbar, Bester in der Mennschaft der Königin, der absoluten absolutistischen Herrscherin.

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„Ich bin sehr dominant“, erklärt sie der Hospiz Waldelfe: „ich musste immer dominant sein, die anderen waren es nicht“, sagt sie mit schwacher Stimme. Wir verhandeln um drei stunden Freizeit – Fremdbetreuung. Ehrenamt. Das mag sie nicht, keine Fremden, nicht reden müssen: „Es ist alles gesagt.“ Das Theatralische hätte ich vom Vater, hat sie immer gesagt, doch sie ist die echte Drama-Queen, ich war immer nur schwacher Abklatsch, Spiegelneuronen, Spiegelneurosen. Manchmal weine ich, sie wohl auch. Im Spiegel.


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17
Apr
2014

Lektionen in DeMut

„Ich habe mir nicht gedacht, dass es so schwer wird“, sagt Mama mit Blick aus dem Fenster. Wir weinen. Die starke kleine Frau drückt sich an die Schulter der zu groß geratenen Tochter. So schön ist der Frühling, der Garten, ihr Garten, als wolle er noch einmal eine letzte große Referenz vor seiner Königin erweisen. Das sage ich und weiß nicht, ob es richtig ist. Und dass ich mir auch nicht gedacht habe, dass es so schwer würde. Aber da lüge ich, denn eigentlich habe ich mir gedacht, dass es noch viel, viel schwerer würde. Ich denke sogar, dass es noch viel, viel schwerer wird.

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Wir essen Spinat mit Spiegelei und Salzkartoffeln. Es ist Gründonnerstag. Das Essen schmeckt Mama und sie genießt den frischen Spinat, weil es ja im kleinen Gemüsegeschäft in unserer Gasse keinen Tiefgekühlten gibt. Ich war gestern seit wohl 40 Jahren das erste Mal wieder dort, alle anderen Wege wären zu weit, von hier aus kann ich in zehn Minuten zuhause sein. In Volksschulzeiten haben wir immer hier eingekauft, später nie mehr. Eine dumpfe Erinnerung lässt mich vermuten, dass ein Zwist der Grund dafür war, vielleicht war es aber auch der wöchentliche Großeinkauf mit dem Vater. Aus dem Gemüseladen ist ein perfekter Nahversorger geworden, inklusive Zigaretten- und Leberkäseverkauf. Aus den pummeligen Töchtern sind runde, freundliche Frauen geworden, die Mütter zweier bunter Kinder von afrikanischen Vätern, Asylanten „Zeitungsverkäufern“. Gegenüber die ererbte Gärtnerei mit dem ewig gleiche Logo – einem fröhlichen Gärtner. Wiewohl ich mich keines solchen entsinnen könnte, der Betrieb ist und war in meinen Erinnerungen stets in zupackender Frauenhand. Jetzt spielt sich Dorfleben hier ab und ich fühle mich fremd in meiner Heimat, versuche Laune zu machen und stammelnd zu erklären. Brot für die Pferde könne ich abgehen, sagt die lyrische Nachbarin. Ich bringe auch ihr Blumen vorbei, ein schneller Kaffee und wieder ans Krankenbett. Nur die Kartoffeln waren zu hart gekocht: „Die kochst du immer zu kurz…“

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„Ja, Mama“, ich freue mich über den Widerspruch, die Kritik. Ihre Augen sind traurig wenn sie in die Bettdecke gekuschelt gegen den unerträglichen Juckreiz ankämpft. Vielleicht ist es die Müdigkeit oder die Krankheit. Immer wieder versuche ich sie davon zu überzeugen, dass sie wenigstens ein Kopfwehpulver nimmt, ein halbes. Ich will ihr keine Medikamente gegen ihren Willen verabreichen oder möglichst wenig. Es ist so gut so für mich. Ich streife Teppiche gerade, erfülle Wünsche, bereite kleine und größere Tellerchen und immer wieder einen kräftigenden Saft, dazwischen räume ich auf, verwische meine Spuren, verwalte ihr Reich. Wie sie wohl in dem Bewusstsein, dass Teppichfalten oft das Einzige sind, dass man kontrollieren kann. In vielen Kleinigkeiten merke ich, wie sehr sie die Botschaft der buddhistischen Bücher, die sie manchmal gegen die Schlaflosigkeit anlas versteht. Es ist das ganz große Naikan, das große Jujukinkai, es ist die Innenschau mit meiner Mama den Blick in die nahe Ferne zu werfen. In dieser Karwoche.

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Und draußen vor dem Erkerfenster sperren drei hungrige Amselkücken ihre Schnäbel auf. Hungrig auf das Leben.

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15
Apr
2014

Und wieder aufgesatzt.

Mama ist wieder daheim. Sie schläft tief und fest. Das gehöre dazu, sei ja auch irgendwie eine Gnade, erklärt mir Doc Poldi. Ich warte aufs mobile Hospiz. Wir werden nicht mehr allein zurecht kommen, fürchte ich, hoffe ich. Ich werde schon bald allein zurecht kommen müssen. Ich hoffe inständig, dass diese Trennung sanfter verläuft, als die vor 49 Jahren. Kein Schnitt von einem ungeduldigen Arzt, um das Kind, das nicht ans Licht will raus zu holen. Jetzt ist es da, das Kind, dein Kind, Mama. Ich wache über ihren Schlaf, erfülle ihre Wünsche und kann es doch noch immer nicht.

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„Der Milchreis ist zu hart“, sagt sie. Er ist aus dem Packerl, anleitungsgemäß zubereitet, even Margarine statt Butter. Das ist ja für mich mit das Schwierigste. Kochen ist meine brodelnde Leidenschaft, ich kenne kaum bessere Antidepressiva als die Bearbeitung von Teigen und die Zubereitung von Suppen. Am Liebsten für andere, Kochen ist tätige Liebe. Dabei achte ich auf die Qualität von Zutaten. Regional, fair, slow food, Bio. Und Bio ist auch schon das erste Reizwort. Weil meine Mutter an Bio nicht glaubt, lehnt sie es zur Gänze ab. An Heumilch glaubt sie auch nicht und so verweigert sie auch das Vanille-Eis, trotz aller Gelüste. Ich entferne Bio-Etiketten von den Bananen und als ich ihr heute Orangen zum auszuzzeln bringe – geviertelt, nein, du musst erst so und dann so schneiden – verbeißt sie sich glücklich darin und ich bin froh, dass sie nicht weiß, dass die Früchte Bio sind. Sie hat sie selbst ausgesucht, das Schild übersehen, ich lobe sie für ihre kluge Wahl.

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Ich mag die freudige Gier mit der sie isst – Henkersmahlzeiten, fällt mir ein. Ohne schlechtes Gewissen wegen all der Dinge wegen denen man eines haben könnte: Fett, Cholesterin, Kalorien…Sie isst Streichwurst vom Kaffeelöffel, Lammkoteletts, Garnelen, Kinder-Wiener, Kraut-Plattln, Artischocken, Packerl-Milchreis und Rippelen voll hungriger Gier, freut sich schon am Vorabend auf das Essen und hat schon mehr als einmal dann enttäuscht gemeint: „Das waren meine Letzten. Ich brauch mein Lebtag keine Rippelen mehr.“

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Wir, ich werden nicht allein zurecht kommen müssen, wir bekommen Unterstützung vom mobilen Hospiz. Eine Waldfee mitten im Leben mit silbernem Haar hat uns besucht, sprudelnd habe ich ihr von Naikan erzählt und allem, was mir hilft und von der Mutter und ihrem/unserem Leiden und vom Vater, dem 1. Offizier und der Zukunft. Sie ist beeindruckt, wie ich das schaffe, wie alle, die meisten. Vom Rauchen beim Kellerfenster hinaus sage ich nichts. Dass ich aufpassen muss mit dem Trinken, erwähne ich. Bei Kaffee mit Kardamon, in der Küche, während Mama wieder schläft. Nicht nur la Luna wacht über uns.

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Ich stehe neben ihrem Bett – so mag ich dich, so bist fesch – und halte den Teller. Ich sage nichts wegen der falsch geschnittenen Orangen. Zen oder die Kunst eine Mutter zu lieben, denke ich und liebe sie innig.
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Mock Turtle

Sit down, both of you, and don't speak a word till I've finished

Who sits there?

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Gruß nach drüben
Der Vater - der großartige Walter Deutsch ist am 13....
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Gruß nach drüben
Der Vater - der großartige Walter Deutsch ist am 13....
katiza - 18. Feb, 16:53
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dass ich an jenem Zuhause angekommen bin. Ich liebe...
katiza - 22. Feb, 15:42
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