13
Apr
2014

Bis ich mich geflochten und geschnatzt

Arm dran – Kalauer, Zwölftonmusik aus dem Radio und welke Rosen am Esszimmertisch. Mama hat sich heute Nacht den Arm gebrochen. Um 2:22 ist sie hingefallen, ihr Schreien hat mich, uns aufgeweckt. In einer Art verdrehter Pieta ruhte sie auf den Schenkeln des 1. Offiziers, während ich die Rettung rief. Noch zu Mittag waren wir im Fischrestaurant gesessen, nachdem ich sie auf den Einkaufswagen gestützt durch den noblen Fruchthof gejagt habe. Sie sah großartig aus, mit dem weißen Leiberl, dem pinken Twinset, den grauen Hosen und der passenden Trachtenjacke, „ordentlich“, mehr als. Die Gesichtsfarbe könnte auch von einer Bräunungscreme stammen. Leider keine Hummernudeln, Garnelen aber und Tunfischspaghetti. Arztbesuch am Mittagstisch; Blumen musste ich noch besorgen, im besten Blumengeschäft in der Stadt, „Die müssen meinen Grabschmuck machen.“ Von „Contenance“ sprach Poldi, der Arzt. „Was ist das?“ fragt die Mäuseprinzessin – „Cool mit Würde“, antworten der 1. Offizier und ich. Contenance trifft es: Ich berichte Mama von all dem und wie stolz ich bin.

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„Ihr seid verdammt cool“, sagt der, den ich liebe, als wir um fünf Uhr früh aus dem Krankenhaus heim kommen. Ein Heim, das er still und diskret auch als seines angenomen hat, wie ich stets bedacht, Geräusche zu vermeiden und Ordnungen herzustellen. Befehle zu befolgen, noch ehe sie ausgesprochen und zu dulden, dass sie trotzdem immer wieder ausgesprochen werden. Contenance, nur kein Kontrollverlust, nicht einmal die Anzeichen davon. Nun, da sie endlich Herrscherin ist über all jenes, was ihrem Gefühl nach nie ihr gehört hat, aber Zeit meines Denkens von ihr beherrscht wurde – wie das Universum, ergänzt die kleine Turtle. Kein Fleck entgeht ihr, jede Sünde, jeder Verstoß werden offensichtlich. Und so räume ich im Morgengrauen den Kübel, den ich geholt habe, falls sie erbrechen müsse, noch schnell hinter die Kellertüre. Irgendwann dann liegen wir am Wasser, irgendwo dort draußen ist das Vorderdeck und mit der Lust schreie ich den Schmerz und die Angst hinaus in das Haus, das bald meines sein wird.

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Ich muss die Treppe wischen, drei Rettungsmänner in groben Schuhe kamen durch die regnerische Nacht und haben ihre Spuren hinterlassen. Aus Mamas kritischen Blick war heraus zu lesen, was sie immer wieder gerne zum Amusement des Publikums erzählte. „Ich habe diese blöde Notfalluhr nur wegen meiner Tochter, wenn ich den Knopf drücke kommen sechs Zivis mit schmutzigen Schuhen und schleppen mich ins Krankenhaus zum Röntgen und stecken mich wieder in diese blöde Röhre." Jawoll, so ist es - bis auf die Röhre und dass es nur drei waren. Morgen hole ich sei heim, weg von der alten Frau, die im Schlaf röchelt, dem Christus an der Wand und den hinten offenen Hemden heim, ich muss nur noch aufräumen.

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Und meine Haare, irgendwann morgens in der Unfallambulanz fuhr sie mir mit ihrem Blick wie mit einer harten Haarbürste durchs frisch gewaschene, lockige Haar. Wenn ich mit ihr bin, trage ich es nicht mehr offen, zu „unordentlich“. Meine Haare waren ihre Haare, gute gebürstet im schmerzlichen "Gogl" am Oberkopf zusammengesteckt mit spitzen Nadeln, bis der Friseur vor Haarausfall warnte, blond, blond liebt sie mich, die knallrote Locke hingegen führte zu ganz großem Drama, Enterbung und viele, viel schlimmer, wochenlanges Schweigen, Heimatbesuche nur mit Kopfbedeckung inklusive diverser Geburtstagsfeiern, Ächtung. Haarrevolutionen, Haarspaltereien: "Blond hast du mir am Besten gefallen". Der Arzt würde enttäuscht sein, dass ich nicht mehr so schön blond sei, fürchtet sie. Grau ist er geworden, der Schulfreund. Ich binde meine Haare zusammen. Seltsam, oder? Vorauseilender Gehorsam ist nicht so meine Sache dachte ich, aber vielleicht doch. „Überdurchschnittliche Anpassungsfähigkeit. Von der Königinnentochter bis hin zur Gänsemagd.

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Alles, was ich weiß, weiß ich schon so lange, Märchen, Mythen, Zitate, Buch-Staben, stets vor Augen, das Rätsel geht immer auf, das Spiel wird immer wieder gewonnen. Einst in einem anderen Leben vor 30 Jahren träumte mir eines Nachts, ich hätte in einem Spiel die Antwort gefunden auf alle Fragen des Lebens - 42 erfuhr ich erst später – ich hatte die Antwort aber vergessen. Auf einem knatternden Moped, brüllte ich die Geschichte damals meinem Freund ins Ohr, es war staubig und heiß. Und doch stimmt es, seit damals und länger, trage ich die Antwort mit mir herum und langsam formt die sich. Die Antwort war immer da. Schon vor 42 Jahren. Aber oder und: „Der Tod ist groß. Wir sind die Seinen, Lachenden Munds. Wenn wir uns mitten im Leben meinen. Wagt er zu weinen. Mitten in uns.“ Rainer Maria Rilke

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814 mal erzählt

11
Apr
2014

„Und laß'n sich mit jagen“

Ich arbeite um mich abzulenken, um es allen zu beweisen, um die Arbeit fertig zu bringen, um an meinem Leben fest zu halten. Ich arbeite gegen die Angst an, gegen die Stille, gegen die Gedanken, die nicht zu Ende gedacht werden können, die Fragen die ich nicht stellen werde, will, kann. Eidechsen sonnen sich am Fenster und vor dem kleinen Erker haben die Amseln ihr Nest wieder bezogen, der Weihnachtsvogel bewacht sie und glitzert in der Sonne.

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Die Zeit ist wie einer jenen besonders zähen Teige, die die Bewegung hemmen. „Wie ein Waschgang in der Waschmaschine“, erklärt Mama ihre Symptome den erstaunten Besucherinnen und Besuchern: „Und irgendwann ist fertig und dann ist aus.“ Heute würde sie gerne sterben, sagt sie. Die Bankfrau und ich schauen uns mit Tränen in den Augen an. Längst bleibt mir das „Aber nein“ im Hals stecken, weil ich ihr (und ja, auch mir) so sehr wünschen würde, dass sie an einem Tag wie heute gehen kann oder nach einem Besseren. Dass sie nicht pflegeleicht ist sondern Wolle oder Seide und der Schleudergang ihr erspart bleibt.

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Auf einem kleinen Tischchen unter einem großen Orpheusbild steht das Bild des Vaters. Er hat die Waschgänge übersprungen, nur das Schleudern nicht. Daneben Wicken, so zart und leicht wie das Leben sein sollte. Und Blumen, Blumen, Blumen – zu viele – wie ein Begräbnis fast schon. Sie will keine Blumen mehr. Dass der Garten schön ist, freut sie. Gestern hat sie Artischocken gekocht. Manchmal hat sie Hunger. Manchmal Schmerzen. Schmerzmittel lehnt sie ab: „Die kommen noch früh genug.“

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Die Augen sind müde; immer wieder drängt sich die spitze Zunge zwischen ihren Lippen und Zähnen hervor. Letzte Woche war sie bei der Friseurin, auch bei ihr – wie bei allen – verbessert sie das Ergebnis am Schluss. Großzügig entlohnt sie das „Darüber-Hinweg-Schauen“. Ich scheitere meist daran. Dann streiten wir. „Schrei mich nicht an“, sagt sie und ballt die Fäuste.

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Doch um wieviel lieber ist mir diese unendliche Wut, die sie ihr Leben lang mitgetragen hat, als das erschöpfte Schweigen jetzt, der Blick der so oft an mir vorbei geht. Ich habe mein Leben lang immer ihre Mimik beobachtet, sorgsam darauf achtend wie ich den nächsten Wutausbruch vermeiden, verhindern oder zumindest abfedern kann – zugegeben manchmal auch, um zu erkennen, ob sie die Provokation, das Herausstellen der Unterschiede zwischen uns bemerkt hat. Jetzt will ich helfen, unterstützen und Freude bereiten. „Ordentlich“ – wie es in meinen Ohren gellt – die Haare zurück gebunden. Sie kann heute kaum gehen und doch streicht sie mit dem Fuß die stets verschobenen Teppiche glatt, entsorgt welke Blüten, kehrt da, wischt dort. Hilflos beobachte ich, strecke die Hand aus, meist vergebens. So kämpfen wir beide um unsere Normalitäten…
646 mal erzählt

9
Apr
2014

Maschinendichtung - geht nicht ander, just happened

Things happen

Toi Toi (Toi) Best of Böse „Weh, weh, Windchen,
Mast- und Schootbruch!
Es lebt sich gut am Vorderdeck in der Nacht."If you close the door the night will last forever." Es war das Knofeln halb so schlimm… ...at least not at the first date ;-)!
Gretel begann mit anderen zur Premiere.
Das kleine Mädchen, das er mitgebracht hat, “Noch ein Martini und Harold Robbins.
Und Hunger auf Liebe und Fantasie.
Und vor der Pensionierung bemühte er sich nicht,
9. Apr, 21:21
982 mal erzählt

Nimm Kürdchen sein Hütchen

Wieder da – nach dreitägigem Heimaturlaub habe ich wieder meinen Dienst bei der Piratenköniginnen- Mutter angetreten. Der Wind bläst stärker, unser Schiff schwankt gefährlich.

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Und ich sitze am Lieblingsplatz des Vaters, dort, wo wir einst Grillparties feierten zu den 50ern der Eltern, wo meine Teenager-Feten ausuferten, wo der gemauerte Kamin stand und wo Papa – mit Sonntagszeitungen in Griffweite - mich so oft erwartete. Die Krankheit streckt ihre Arme mehr und mehr nach uns aus. Sie zeigt immer öfter ihr hässliches Gesicht. Plötzlich geht es auch um Scham, Scham und Scheiße: und wer will das schon.

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Die narzisstisch Begabten zeigen – wie so oft in Krisensituationen ihr wahres Gesicht : Liebe grüße richtet der Ex-Mann aus, in der U-Bahn geweint hat ein trauriger clown. Werde ich je wieder in mein Leben zurückkehren? Wohl nicht, die Welt dreht sich weiter wie die alte Uhr- Sappho – die plötzlich vorgeht. Die Zeit vergeht zu schnell, wenn man die Uhr ständig aufzieht.

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Rückkehr an einen Arbeitsplatz, der ein solcher geworden ist, überflüssig, ungegossen wie die Topfpflanze, nervend. Irgendwo im Weg. So fühlt sich Mobbing an, auch wenn es nicht Mobbing ist, sondern nur Signale sind, dass die Geschäftspartnerin nicht mehr erwünscht ist. Mobbing würde eine KollegInnenschaft voraussetzen – besteht nicht, leider, verwechselt.

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Alles fühlt sich seltsam an. Die Schmerzen werden stärker, der Juckreiz auch, plötzlich bin ich der Feind, vielleicht sogar berechtigt, weil ich tue und tue ohne Anerkennung und bitter werde oder auch nur, weil ich weiterlebe. Böse sagt sie wieder und der Raum gefriert, Schneekönigin.

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Und wieder Frieden endlich – ein Blumenkranz zeugt von meiner Reue und die Maske, des traurigen Clowns, schwarze Wimperntuschstreifen über meine Wangen, der Blick starr auf den Teppich gerichtet. Mama hat mich wieder lieb. Jegliche Anschuldigung – du bist böse – zerschellt an meinem Gut-Sein und wieder fühle ich mich böse. Ich hab meine Mama lieb. Meine Mama stirbt. Wie an jenem Faschingsdienstag auf der Couch von Freunden, der Braumeisterfamilie, wo man ihr Tee mit heißem Whisky kredenzt hatte und sie krank, fiebrig, Antibiotika und betrunken war. Ich wahr wohl zehn oder so. Sie kann nichts dafür, konnte nichts dafür, aber meine Angst – ich sterbe, ich sterbe – war unendlich. Ihr nahender Tod war teil unseres Dramas- in den letzten Jahren immer seltener. Aber damals als sie im Divenkleid auf dem Sofa lag, war er so wahr wie heute. Nicht mehr und nicht weniger. Da ist nichts was wir tun können…
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31
Mrz
2014

„Weh, weh, Windchen,

Seifenblasen, Kinderlachen, Stanitzel und Liebe. Mama ist glücklich und sagt es und ich bin es auch. Das kleine Turtle ist es auch, stolz und glücklich und manchmal schafft sie es, sich kurz zur Ruhe zu betten im Schildkrötenpanzer. Und die Frau, die Piratenkönigin, heimgekehrt aus den wilden Weltmeeren, feiert mit ihrem 1. Offizier Feste der Liebe, wie sie diese Räume wohl kaum gekannt haben. Die Augen der Toten begegnen mir manchmal abrupt. Auch an die Lebende denke ich, noch immer im Gefühl, dass sie auch allmächtig ist. Sie ist die Mutter; sie nimmt es gerade mit dem Tod auf. Im Nebenraum nehme ich, nehmen wir das Leben auf, innig und lautlos. Und so wie ich vermeine ihre Schmerzen, ihren Juckreiz, Gesten, Bewegungen, Blicke aufzunehmen, hoffe ich, dass sie mein Glück, meine Seligkeit, meinen Rausch, meine Liebe aufnimmt – symbiotisch.

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Einmal hat sie mich zum Psychiater geschickt, ich war 22 und hatte mit dem faschen Kerl geschlafen, also ihrer Meinung nach. Ich hatte mit ihm im Gartenhaus übernachtet, eine verrückte Sommerliebe, Praktikum, Radio, Sex’n’Drugs’n’Tapecollectors. Ich liebte ihn, Musiker, Leser, Geist, klug und lehrreich und liebenswert. Aber sie wollte ihn nicht, mein Vater musste ein ernstes Wort mit mir reden und ich mit ihr auf die Psych. „Ihre Mutter hat ein symbiotisches Verhältnis zu ihnen, erklärte der Mann nach kurzem Gespräch, dann redete er mit ihr. Sie zeterte noch den ganzen Heimweg und behielt ihr Misstrauen gegen jede Art therapeutischer Intervention. Auch und vor allem, wenn ich sie in Anspruch nahm. „War ich so eine schlechte Mutter? Machst du das wegen mir?“ „Nein, wegen mir.“ Und vielleicht habe ich all das doch auch wegen ihr gemacht, die Seminare, Aufstellungen, Innenschauen. Denn deswegen kann und will ich jetzt bei ihr sein und freue mich über die befreienden Momente der Liebe.

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Und doch brauche ich eine Atempause, einen Kurzurlaub in meinem Leben, abgetrotzt und abgebettelt, aberbeten und aberfleht. Wir haben beide Angst, dass uns die Zeit zu kurz wird und plötzlich friert das Leben wieder ein, die Schneekönigin kehrt zurück. Bis wir beide begreifen, wie wenig Zeit uns bleibt und uns wieder annähern…und langsam verblüht der Kirschbaum...

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629 mal erzählt

26
Mrz
2014

„O du Jungfer Königin, da du gangest“

Ach, natürlich habe ich Angst – und sie wächst jeden Tag. Mama wird immer weniger, die Krankheit zeichnet sie und sie weiß es. Der Tod zieht täglich ein wenig mehr bei uns ein. Hin und wieder stellt sie Fragen, ob sie was Falsches gegessen hat, will sie wissen, ob sie Schuld ist, etwas anders machen könnte, hätte können. Ich versuche die Fragen ehrlich zu beantworten. Ich recherchiere im Internet, die Antworten erschrecken mich selbst. Eine Zeitlang schien es, als spielte sie nur eine Rolle aus einer ihrer Nachmittagsserien, „Verbotene Liebe“ oder so. Manchmal scherzt sie, redet darüber, ob sich das Zähneputzen noch rentiert oder die teure Creme.

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Es ist keine Serie, kein Drehbuch, kein Roman. Es ist das echte Leben und das echte Sterben. Fortsetzung folgt nicht.
Mama, ich weiß, dass ich es dir nicht immer leicht gemacht habe – schon meine Geburt hat eine große Narbe hinterlassen. Nie konnte ich dir geben, was ich dir nie geben konnte. Selbst jetzt nicht, wenn ich dir täglich die Heizung aufdrehe, darauf das Nachthemd wärme und die Wärmflasche – die Herzförmige, die ich dir einmal geschenkt habe mit „Ich liebe dich, ti amo, I love you, je t’aime – ins Bett lege und dir schöne Träume wünsche. So hast du mich ins Bett gebracht, in dem anderen Zimmer, meinem ehemaligen, das einzige verschlossene, dessen Schlüssel du gar vor mir versteckst. Das verletzt mich. Du verletzt mich. Aber es muss sein, du musst dir mich aus deinem Herzen schneiden, wenn du gehen willst, musst. Und doch genüge ich nicht, bin nicht die eine, große Liebe, um die du dich geprellt fühlst. Die ich habe und nicht nur die eine. Ich durfte, darf lieben, unbeschwerter als du.

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Aber deine Last kann ich dir nicht abnehmen. Im Garten blüht der Kirschbaum trotz, unter dem schweren späten Schnee. Du liest Haikus: Abschied des Frühlings, Weiß leuchtet die Blüte Durch den Spalt im Zaun. BUDSON. Hast du das erlebt? Hast du ihn geliebt, den Schilehrer/Bauernsohn/Photographen? Mehr als meinen Vater? Hast du ihn geliebt, oder gar nicht, wie du andeutest? Den Schweizer mit der Monroe. Zu viel weiß ich und nichts. Ich frage ja auch nicht. Oder nicht direkt. Ich trau mich nicht.

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Ich schleiche durchs Haus wie der Tod, manchmal knarren die Stufen. Ich denke an nachher und auch an das Erben. Dann schäm ich mich. Wie ich mich überhaupt viel schäme. Weil ich Gutes tue, wenn ich Gutes tue. Manchmal glaube ich das noch immer, dass es stimmt, dass ich mich nur verstelle, um mich gut zu fühlen. Das ist die alte Botschaft, die kommt von dir.

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Da ist sie wieder, die kleine Mock Turtle, und windet sich aus den Schlaufen des Perserteppichs. Ja, man kann auf Teppichen fliegen, das weiß ich seit ich meine verletzte Kinderseele mit ihren Mustern verwoben habe. Ich habe auf diesen Teppichen gehen gelernt, Dostojewski gelesen und „Rosemaries Baby“ mit rettendem Blick auf die Muster gesehen. Ich habe Backgammon darauf gespielt und Frühlingserwachen in der Pubertät. Ich habe die Doors gehört und mit meiner Katze gerauft. Ich habe gevögelt auf diesem Teppich und Photoalben heimlich betrachtet. Ich habe unzählige hastig panisch entfernte Flecken erzeugt und verschwinden lassen. Mein Heimathafen in Rot-Schwarz-Weiß.
1390 mal erzählt

20
Mrz
2014

Da du hangest…

Heute war die Putzfrau da – die dritte, an die ich mich erinnere. Eine fröhlich blonde robuste Bosnierin. Im Keller tauschen wir uns flüsternd aus – „psychotisch, sadistisch, schizophren“, sagt sie, und dass ihre Mutter genauso sei, halt in Bosnien, sie war gerade bei mir. Als ich ein wenig lauter spreche, erschrecken wir beide. Dabei hört sie nicht mehr so gut – und doch glaube ich, dass sie alles hört. Sie komplementiert mich hinaus. Einkaufen soll ich gehen, ich bin im Weg. Und ich fliehe gerne. Unterwegs ruft sie mich an: Wo der Korb sei? Den habe ich in ihrem Auftrag zu Weinachten an den Nachbarn verschenkt. „Sie könne sich nicht erinnern, sie hat ihn doch Jahre aufgespart. Wir brauchen ihn nicht mehr, sage ich und trinke eine Schluck.

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Es ist Frühling am Teich und Kinder toben. Hier habe ich auch gespielt, hierher bin ich auch geflohen, als alles hier noch ganz anders aussah. Hierher ist auch der Vater geflohen. Als ich zurück komme, schrubbt die Putzfrau – Bedienerin hieß das in meiner Kindheit, Reinigungsfachkraft heißt es politisch korrekt – schrubbt Anna den Boden. Die Mutter schleicht kontrollierend um sie herum, das Gehen fällt ihr schwer und doch das Schleichen wirkt noch bedrohlicher. Gestern war sie beim Frisuer, sie ließ sich die Wimpern färben. Jetzt wirkt ihr Blick stärker. Manchmal zittere ich, wenn ich versuche, etwas für sie zu tun.

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Ich kann mich noch gut an Frau H. erinnern, die erste Bedienerin. Eine arme, kleine zähe Person, die manchmal über dem Ausguss im alten Keller die Röcke lüfte und ihr Wasser laufen ließ, während sie mir mir sprach. Ich habe viel Zeit mit ihr verbracht, ich war auch in dem winzigen Häuschen, wo sie mit ihren Kindern und dem trinkenden Mann lebte. Irgendwann kam sie nicht mehr. Als ich nachfrug, erklärte mir Mama, dass sie weg sei, weil ich immer so schlimm war und sie beim Putzen gestört hätte. Später erfuhr ich, dass sie getrunken habe, heimlich und manchmal fürchte ich, dass ich sie verraten habe damals ohne es zu wollen. Vor drei Jahren ist sie gestorben, im Bügelkeller hängt ihr Bild und ich schäme mich, wenn ich es betrachte. Auch weil ich sie aus den Augen verloren habe, weil ich mich nie mehr bei ihr gemeldet habe und auch nicht bei ihrer tochter, mit der ich aber doch wenigstens telefoniert habe.

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Es ist diese eigenartige Scham, die ich jenen gegenüber empfinde, die meine Mutter unterwegs verlassen hat, verlorene Freundinnen und Freunde. Da war das kinderlose Ehepaar, dem sie mich vererben wollte, viele Sonntage haben wir mit, bei ihnen verbracht, bei gemeinsamen Bergtouren und in dem schönen Haus mit Bächlein im Garten, Perserkater und Stapelplattenspieler. Wir haben Escalero gespielt, Würfelpoker und die Erwachsenen haben Schnaps getrunken und gelacht. Irgendwann war das vorbei. Manchmal habe ich die beiden in ihrem kleinen Schneidersalon besucht, sie haben getrunken, ich habe handrollierte Taschentücher für die Eltern gekauft, ein bisschen was aus meinem Leben erzählt und mich geschämt.

Und dann die Wanderfreunde, jahrelang wuchsen wir Kinder miteinander auf, gingen maulend miteinander auf Sonntagsausflug, trafen uns im Sommer an fixen Stammplätzen auf den ewig gleichen Badeseen und saßen abends mit den Eltern in Wirtshäusern, vertraute Onkeln und Tanten – und irgendwann verbannt aus meinem, unserem Leben. Der Lieblingsbruder fiel genauso dem Bannfluch anheim wie andere jahrelange WegbegleiterInnen. Nur den hartnäckigsten unter den Freundinnen, denen die am weitesten weg wohnen gelingt es per Telefon Kontakt zu halten. Beziehungsarbeit, die ich miterledige.

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Der Bannfluch trifft auch die Familie meines Vaters – schuld ist eine kränkende Bemerkung seines Bruders vor mehr als 20 Jahren. Längst ist der Bruder tot, der Vater ebenfalls und doch wage ich es nur heimlich meine Cousinen und deren Tochter, die letzte die den glücklichen Familiennamen trägt, zu besuchen. Auch mein Vater hat es nur heimlich gewagt. Manchmal verbietet sie mir „diese Weiber“ nach ihrem Tod ins Haus zu lassen, geschweige denn, ihnen etwas zu geben. Sie werde als Geist darüber wachen, droht sie im vollen Ernst. Sie glaubt an ihre Macht: Den Chirurgen, der den Herzschrittmacher nicht ordentlich angeschlossen und damit den Schlaganfall verursacht hat, hat sie auch verflucht. Ihn hat der Schlag getroffen.

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Das Kind in mir ist sich diese Macht bewusst. Die Schneekönigin war nicht umsonst eines meiner Lieblingsmärchen. Die Splitter des Teufelsspiegels machten die Menschen böse, sie konnten nichts dafür, die Liebe kann alles heilen. Das war nicht die Mutter, das musste jemand sein, der sich als die Mutter verkleidet hatte. Ich wollte all die Hässlichkeiten, die sie über die anderen, Verwandte, Freundinnen, Freund, meine Freundinnen, Freunde, alle Menschen, die ich mochte, sagte, nicht hören. Wenn ihre Worte mich nicht mehr verletzen konnten, richtete sie sie gegen die, die ich liebte. Richtet sie sie gegen die, die ich liebe. Sie trifft nicht mehr, ihre Macht schwindet wie ihr Leben.
655 mal erzählt

18
Mrz
2014

Ach Fallada

Eine Woche leben wir nun hier schon zusammen, meine Mutter und ich. Seit Vaters Tod haben wir nicht so viel Zeit miteinander verbracht und die Zeit damals scheint in weiten Teilen ausgelöscht. Dafür holen mich andere Zeiten ein; die Zeit an und für sich ist eine andere, vergeht anders als sonst in meinem Leben. Jeden Morgen um 7 stehen wir auf. Mama macht ihr Bett, das Bad, Ordnung, ich mache uns ein Frühstück. Sie isst wenig. Dann kehre ich die Küche, wische die verschiedenen Stiegen, versuche ihr ihre Ordnungen aufrecht zu erhalten. Das macht sie glücklich. „Du bist halt doch meine Tochter“, sagt sie und ich bestätige. Nur manchmal versuche ich Grenzen zu setzen. Ich lebe ihr Leben hier, nicht meines. Meines erhalte ich per Smartphone und Social Media, in gestohlenen Momenten aufrecht. „Ist das alles Arbeit“, fragt sie, während sie hinter mir vorbei schleicht. Wenn sie fertig gegessen hat, erwartet sie, dass auch ich aufhöre und räumt meinen Teller weg. Wenn sie abends um 8 schlafen geht, schaltet sie den Fernseher aus, vergessend, dass ich noch drunten im Wohnzimmer bleibe. Symbiotisch.

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Lange hatte das Kind auf sich warten lassen, damals vor 50 Jahren, bis es schließlich postolympisch gezeugt wurde. Und dann ließ es noch einmal auf sich warten, im Jänner 1965. Die Schisaison hatte wieder begonnen, mein Vater war unterwegs, das Kind schon Tage zu spät. So einsam war sie, erzählt die Mutter, damals bei den Ordensschwestern. Der Mann der Cousine war ihr Frauenarzt und hat dann entschieden, dass sie einen Kaiserschnitt machen. „Zuhause hat die Trude mit dem Essen auf ihn gewartet“, sagt die Mutter bitter. Schrecklich waren die Stunden damals, so allein war sie, erinnert sie sich und der Vater unterwegs. Und eifersüchtig auf das Kind, das da nicht kommen wollte.

An das Naikan muss ich denken, als ich glaubte meine Geburt wieder zu erleben, oder als ich sie wieder erlebt hat, je nachdem, wie man es sehen will. Ich wollte nicht raus aus diesem Bauch, ich wollte bleiben und habe mich nicht bewegt und dann haben sie mich herausgeschnitten. Ich habe meiner Mutter Schwierigkeiten bereitet, eine große Narbe 20 cm, am Nabel vorbei, Jahre hat sie keine Bikinis getragen. Es ist nicht Schuld, nur Erkenntnis, wie schwierig es für das verletzte, einsame Kind, das meine Mutter war, ist, gewesen sein muss, als man ihr ihr Kind aus dem Bauch schnitt. Und wie gerne hätte sie einen Sohn gehabt. Oh sie hat sich bemüht, das kleine Wesen zu lieben und manchmal ist es ihr gelungen.

Sie hat mich offenbar erst später das erste Mal gesehen, es ist jener Teil meiner Geburtsgeschichte, den ich schon als Kind gerne zur Erheiterung erzählt habe. Die Schwestern hatten mich, das dicht schwarz behaarte Baby, mit der Neugeborenen-Hepatitis in ein Dirndl gesteckt. Wie ein Schimpanse in der Eisrevue hätte ich ausgesehen, hat sie mir erzählt und dass sie geweint hat. Vielleicht nicht nur deswegen, mutmaße ich heute.

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Weil der Vater mit dem Kleinkind nichts anfangen konnte, brachte sie mich stets rechtzeitig ins Bett. Sie habe mich sehr umsorgt, täglich pünktlich gefüttert und Berge von Windeln gewaschen, ich war ein braves Kind. Allein gelassen fühlte sie sich auch, als ich mit neune Monaten einen Darmverschluss bekommen habe. Weil schnell operiert und genäht werden musste, ziert eine Narbe meinen Bauch, der ihren nicht unähnlich. Erst als ich gehen konnte, interessierte sich der Vater für mich, erzählt sie dem Wissenschaftercousin und seiner amerikanischen Frau, die uns besuchen.

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Meine erste Erinnerung, wie ich sie in verschiedenen Therapien, berichtet habe, war eine Angsterfahrung. Meine Mutter hatte mich aus dem Gitterbett gehoben und trug mich nachts in Richtung Elternschlafzimmer. Ich muss ein Kleinkind gewesen sein. Irgendwie dachte ich, dass das nicht meine Mutter sein kann, die mich hier am Arm hat, ich spürte keine Liebe. Ich erinnere mich an viel Stunden, die ich traut an ihrer Seite verbracht habe, auf der Küchenbank oder einem Hockerl im Keller beim Bügeln. Sie hat mit mir gesprochen und ich habe ihr zugehört. Ich sehe sie vor mir stehen, wirbelnd kehren, wischen, kochen. Ich beobachte sie.

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Ich erinnere mich auch an Wutanfälle, wenn ich wieder einmal zu patschert war, zu laut, was umschmiss, Unordnung schaffte, an Ohrfeigen, an Dinge, die durch den Raum geschleudert wurden. Und an meine Eltern streitend: „Entschuldige, dass ich auf der Welt bin“, der Satz hallt in meinen Ohren. Einmal floh ich, weil das Shampoo in den Augen brannte, aus der Badewanne, Mama mit der Brause hinterher, durchs ganze Bad soweit sie reichte, ich hatte Angst. Dann hörte ich sie aus dem Wohnzimmer den Vater anrufen, er möge sofort kommen, das Kind sei verrückt, es müsse in eine Anstalt. Scheinheilig sei ich gewesen, als der Vater dann kurz darauf aus dem Büro nach Hause kam, ein Luder, das ihn täuschte, weil ich ganz brav getan hätte.

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Lange habe ich ihr hoch angerechnet, das sie sich nach ihren Wutausbrüchen abends vor dem Einschlafen immer entschuldigte: Ich hätte sie einfach gereizt, aber sie hätte nicht zuschlagen sollen, sie habe mich lieb und ich sie doch auch? Ich verzieh. Ich war zu schlampig, sogar meine Haare wehrten sich, indem sie sich aus dem festgesteckten Gogl befreiten. Die Frisur tat weh, straff gezogen und fest gesteckt. Der Friseur entdeckt einmal eine kleine sich bildende Glatze unter dem Gesteck.
Ich habe Buchteln gemacht heute, die waren leider nicht so, wie sie sich sie vorgestellt hat. Zu knusprige Oberfläche, zu wenig flaumig. Notlügen sind nicht ihres, kalt leuchten die Augen der Schneekönigin. Es wird ihr schon zu viel, spüre ich. Es wird mir schon zu viel. Und doch – nachdem ich Einkäufe vorschützend geflohen war, um Raum zwischen uns zu legen – kaufe ich ihr Blumen. Das alte Muster, wann immer sie mich verletzt hat, hatte ich das Bedürfnis sie zu beschenken, ein wenig Reue, dass ich sie so weit gebracht habe, mich zu verletzen.
683 mal erzählt

15
Mrz
2014

Es war einmal....

Im Jänner wird sie entlassen, entlässt sich selbst an meinem Geburtstag, also nicht essen gehen, nach Hause fahren und das Ohr am Babyphone die Nacht durchbangen. Sie testet mich und ist zufrieden, dass ich beim kleinsten Räuspern hilfsbereit im Zimmer auftauche. Ich verwöhne sie und so hat die 24-Stunden-Betreuerin, die drei Tage später kommt eigentlich keine Chance zu bestehen. Auch weil sie „zu groß und zu dick ist“, das „Balkanweib“ wie auch ihre Nachfolgerin. Mein hektischer Arbeitsalltag mit Nebenkriegsschauplatz wird zerrissen von (an)klagenden Anrufen. Die nahe und ferne Familie gibt gute Ratschläge, aber auch die dritte Pflegerin – eine liebenswerte tüchtige Slowakin, „alt“, also in meinem Alter – kann nicht bestehen.

Ich schäme mich für sie. „Sie ist verrückt“, sagt mir die Pflegerin, als sie mich kurz ins Elternschlafzimmer – wo jetzt sie schläft, wie ich ohne Schlüssel, ohne Privatsphäre – entführt. „Ich weiß“, stammle ich und entschuldige mich: „Ihr bleibt nicht mehr viel Zeit, da kann man nichts machen.“ Heimlich bringe ich ihr wie gewünscht Desinfektionsmittel und Handschuhe – die Mutter merkt es, die Mutter merkt alles: „ich habe doch kein AIDS…“ Ich habe sie verraten, lässt sie mich spüren.
Und dann wieder ins Krankenhaus. Sie will keine Weiber mehr, nicht mehr zuhause sein, in kein Heim, ein bissl aufgebaut werden. Sie organisiert sich alles selbst, sie ist stark, ich bewundere sie. Wir telefonieren mehrmals täglich. Mein „Verehrer“ erklärt mir ihre Krankheit, die sich in ihrem Bauch manifestiert hat. Nie konnte sie loslassen. Schon als Kind, wenn sie sich fürchtete durch den kalten finsteren Gang aufs Klo zu gehen. Zur Narbe, die meine Geburt – Kaiserschnitt – verursacht hat ist jetzt eine zweite gekommen. Es schmerzt sie, sie ist noch immer eitel.

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Palliativmedizin sagen die Ärzte und Schulkollegen – ich weiß, was das ist, ich bin Journalistin, ich spiele Quizduell. Am Wochenende fahren wir sie besuchen. Angezogen, geschminkt, leicht gelb im Gesicht, empfängt sie uns. Ich sehe gleich, dass ihr meine Kleidung nicht passt. Ich sehe das immer gleich, die letzten Jahre habe ich mich oft umgezogen, um Ärger zu vermeiden. Jetzt geht es nicht. Die Haare sind auch nicht mehr blond, schon lange nicht mehr und mit kritischem Blick auf meine Leibesmitte, erwähnt sie, wie viel sie abgenommen hat. Und Modeschmuck. Dann will sie mich, uns los werden: mein „Verehrer“, der zur Visite kommt, soll mich so nicht sehen, mutmaße ich im Abgang. Am nächsten Tag bestätigt sie mir das. Wir gehen essen, alles ist gut. Eine Operation wird angedacht, die Mutter wieder verlegt und in der Röhre beschließt sie, dass sie nicht mehr will. Und ich beschließe, diese letzte Zeit mit ihr in ihrem Haus zu verbringen. Sie ist der letzte Mensch, den ich habe von meinem Blute. Der Vater ist tot, Geschwister habe ich keine, Kinder wollte ich nie.

In diesen Tagen, zufällig ausgelöst durch ein Gespräch mit einem Herzensmenschen, stolpere ich über die Antwort, des Rätsels Lösung, den Weg für diese Zeit, den Trost, die Krücke. Dass die Mutter krank ist, nicht nur körperlich in den letzten Jahren auch seelisch, habe ich stets vermutet und nie innerlich laut zu denken gewagt. Stattdessen habe ich in Therapien und Ausbildungen – stets von ihr misstrauisch beobachtet – versucht meinen Irrsinn, mein „Grundgefühl Angst“ in den Griff zu bekommen. Mit Erfolg würde ich sagen und ich habe dieser Reise zu mir so manches wert-volle Werkzeug mitbekommen.

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Die Wut, die Leere, die fast verbrennende Nähe, die unendliche Ferne der Eiswüste, die Angst – Borderline, lese ich, während ich mich schneller und schneller durchs Internet klicke; 400 km von ihr entfernt und doch voll Scham und Angs ertappt zu werden. Ich bestelle Bücher, die üblichen Klassiker zum Thema: Christine Anne Lawsons „Borderline Mütter und ihre Kinder“ und „Übersehene Kinder“ . Heimlich lese ich sie, verschlinge sie, während die Mutter im Nebenzimmer schläft, ganz ruhig und tief. Eben habe ich sie noch liebevoll zu Bett gebracht, ihr Nachthemd vorgewärmt, eine Wärmeflasche zu den Füßen gelegt, den Boiler wieder kleiner gedreht, damit er nicht durchbrennt. „Mei bist du ein braves Kind“, sagt sei und ich freue mich aufrichtig, aber das Beben in mir bleibt.

Ihre Mutter war eine schöne Frau als junges Mädchen, erzählt sie, die schönste Frau für sie, stundenlang kann sie von der großen Lieb zu ihrer Mama erzählen, an meine Kindheit, unsere Zeit erinnerst sie sich nur sehr selten. Versuche ich mich in Nostalgie, antworte sie allzu oft: „Geh, lüg doch nicht.“ Die schöne Mutter durfte bei ihrer Schwester und deren Mann, dem Abgeordneten im Alpenbad servieren. Schlechte Zeiten waren das zwischen den Kriegen. Irgendwann hat sie den Spengler dort kennen gelernt, der mein Großvater war. „auch ein schöner Mensch“, sagt die Mutter. Und das er Lehrer werden wollte nicht Handwerker und eine böse Stiefmutter hatte und einen strengen Vater. Im Jänner haben sie geheirate, im April kam meine Mutter auf die Welt; 1930. Wegen der Mitgift war es, sagt Mama, die ihre Mutter sich selbst erarbeitet hat. Und dass ihre Mutter eigentlich nie wirklich um ihre Eltern getrauert habe: „Sie konnte nicht, da war zu viel zu tun.“

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Bald kam ein weiteres Kind zur Welt, ein Bub. Beide Kinder hatten Diphterie, schwere Zeiten, der kleine Bub starb im Krankenhaus, meine Mama überlebte, eine Zeitlang blind, aufopfernd gepflegt von ihrer Mutter, die hochschwanger war und auch noch ein Geschäft führte. Ein weiterer Sohn wurde geboren, er erhielt den Namen des Verstorbenen. Später folgten noch zwei Kinder – die jüngste Tochter sehr spät, zu Kriegsende erst. Das kleine Mädchen, das meine Mutter war, arbeitet Früh im Haushalt mit, begleitete den hochneurotischen Vater, der Angst im Dunkeln, vor Plätzen, vor dem Leben hatte, bei seinen Wirtshaustouren. Immer wieder war sie auch im Alpenbad, wo sich ihre Eltern kennen gelernt hatten.

Manchmal kam der Onkel zu ihr ins Bett, auch zu ihrer Cousine seiner Tochter. Lange dachte sie, das sei der Preis für alles, das Opfer, das sie bringen musste. Erst im Alter hat sie erfahren, dass ihr Vater dem Onkel Geld geliehen hatte, damit dieser sich ein Pferd kaufen konnte. Ich glaube mich an ein Foto des Onkels zu erinnern, schnauzbärtig auf einem Schimmel sitzend, Herr und Wirt und Kinderschänder. Irgendwie hat er sie geliebt, glaubt meine Mutter, nur sie verbrachte anscheinend Zeit im Alpenbad, ihre Geschwister nicht. Der Missbrauch über Jahre hinweg hat ihre Kinderseele zerstört. Dazu kamen Gewalterfahrungen. Immer wieder erzählt sie mir die Geschichte, als ihr Vater sie so geschlagen hat, dass sie Sterne sah – ihre Mutter war mit einem Soldaten – er musste am nächsten tag an die Front – ins Kino gegangen. Mein Großvater sah offenbar keine andere Möglichkeit seine starke Frau zu bestrafen, als das Kind zu verprügeln.

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Was für ein armes kleines Mädchen meine Mutter war – und auch wenn sie ihre Eltern stets verteidigt, muss so vieles in ihr zerbrochen sein in jenen Jahren. Die Brüder wurden bevorzugt, sie musste die Schule abbrechen, um für sie da zu sei. Bis heute verteidigt sie ihre Eltern, ihre Brüder sprechen von Kälte, Lieblosigkeit und Zwang. Ein fesches elegantes Mädchen muss sie gewesen sein in jenen Nachkriegsjahren, da gab es Verehrer, aber die Erlebnisse mit dem Onkel waren wohl auch ein Tugendschutz. Sie ging als Kindermädchen nach Italien, kümmerte sich in einem reichen Haushalt um drei Buben. Gerne wäre sie dort geblieben, sagt sie. Und dass niemand sie zurück wollte. „Mein Vater?“ ergänze ich – seine Familie, um sie auszunutzen, behauptet sie.

Meinen Vater hat sie in der Straßenbahn kennen gelernt. Auch er hatte harte Zeiten hinter sich, wie wohl alle, die 1930 geboren sind. Dass sie ihn geliebt hätte, hat sie nie gesagt, dass sie irgendwann heiraten wollte ja, sie war eine späte Braut und eine noch spätere Mutter. Sehnsuchtsvoll habe sie auf ein Kind gewartet, ihre Schwägerin, die Frau des Bruders meines Vaters hatte schon zwei „scheene Kinder“ zur Welt gebracht bevor ich endlich unterwegs war.

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Vielleicht hat sie gehofft, dass endlich alles gut wird, dass sie endlich belohnt wird, wenn sie ein Kind bekommt. Ein Sohn hätte es sein sollen, um die Töchter des Schwagers zu übertreffen. Von der Schwangeren gibt es keine Bilder, auch keine Erzählungen, nur diese eine Geschichte, als sie ein, zwei Monate vor meiner Geburt fast zehn Kilometer über die Felder zu einer Wallfahrtskirche gerannt war – sie, die nicht gläubig ist, nur an die Kraft des Gehens glaubt, als Medizin gegen jedes seelische Unbill. Es schneite heftig, mein Vater suchte sie verzweifelt. Ich habe mich oft gewundert, warum sie das angeblich so sehnsüchtig erwartet Kind solchen Gefahren aussetzte.
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2015-07-05-19-27-02

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