21
Sep
2009

Gate, gate, paragate, parasamgate, bodhi svaha!

Du kommst mit deinem Universum zur Welt. Und wenn du stirbst, dann stirbt das Universum mit dir.

Kodo Sawaki/Zen ist die größte Lüge aller Zeiten

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17
Sep
2009

In Memorian the Sepp

Wir waren die letzten Gäste gestern abend im Kokoro - wie immer, wenn wir dort waren.
The Sepp setzte sich nach getaner Arbeit zu uns - wie immer wenn wir dort waren.
Seine Frau Sook machte irgendwo im Hintergrund die Abrechnung - wie immer wenn wir dort waren.
Das Essen war fantastisch - wie immer, wenn wir dort waren. Irgendwie lag noch ein wenig Sommer in der Luft und doch auch schon Herbst in den Gesprächen.

Heute morgen ein Anruf: The Sepp – Joseph Hausberger – ist nicht mehr. Nie wieder wird es wie immer sein.

Das erste Mal war ich mit meinem Papa in Hausbergers Global Bistro "Kokoro" im November 2005. Irgendwo hatte ich gelesen, dass ein Alpbacher mit internationaler Erfahrung ein Restaurant in Wien aufgemacht hat. Beides zog Vater und Tochter magisch an. Es war ein Erlebnis der besonderen Art. Das Kokoro - japanisch für Herz – liegt in einem hässlichen Gebäudekomplex in der Innenstadt, angesiedelt wohl in einer ehemaligen Pizzeria, wie ein obskures Venediggemälde vermuten ließ, die Möblage mehr Bistro als global. Der Koch, ein kantiger Bär mit ebenso kantiger Sprache und Spruch - the Sepp, geboren in Alpbach, gelernt in der Welt – hatte schon für die internationale Prominenz gekocht – Anna Freud, John Lennon, Yoko Ono, Sirikit von Thailand, Stars, Könige und Diktatoren etc. pp..Zuletzt im Hilton in Korea. Dort hatte er auch seine Frau, die Koreanerin Sook kennen gelernt. Heimgekehrt war er wegen der beiden Kinder und so.

Mit einem blauen Stirnband werkte er in einer winzigen offenen Küche unter einer gigantischen kupfernen Dunstabzugshaube mit der Aufschrift "Ora et labora - A History of tremendous Pride in Workmanship and Quality". Sook, betreute uns liebevoll.

Wenn Sepp kochte war das Zen – er konzentrierte sich voll Achtsamkeit auf jeden Handgriff. Eine Speisekarte war überflüssig – es gab weder Lager noch Tiefkühltruhe, nur das, was der Chef morgens am Markt erstanden hatte. Wer sich damit abfinden konnte, wurde mit wundervollen kulinarischen Erfahrungen belohnt. Wer nicht, kam einfach nicht wieder. Alle, die ich kannte, kamen immer wieder.

Ein klassischer Dialog:
Gast: Ich mag keinen Lachs.
Sepp: Falsch, du hasch no kann Lachs gessen, der da gschmeckt hat.
Und er hatte recht.

Spezialität des Hauses war die Piratensuppe – eine Symphonie aus Fischen, Meeresfrüchten und Lotus. Wir blieben Stammgäste und feierten Geburts-, Hochzeits- und Alltage dort. Und als sich irgendwann eine ganz spezielle Tafelrunde – das Sechseck – zusammenfand, wurde und blieb das Kokoro eine Art Heimat für diese Tischgesellschaft. Auch wenn wir nur einmal als komplettes Hexagon dort feierten – den Geburtstag jener Freundin, die durch eine Kette von Zufällen den letzten Abend im Kokoro mit uns verbrachte. Wann immer wir uns zu zweit, dritt oder viert dort trafen, waren die anderen, fehlenden mit am Tisch Und the Sepp auf ein Glas oder mehr. Und Sooks Lächeln.

Ich habe es stets geliebt, Menschen, die mir am Herzen lagen, ins Kokoro zu entführen und zu beobachten, wie sich ihr Verwunderung langsam in satte Glückseligkeit verwandelte. Alpbach und die Welt und Heimat. Und the Sepp.

Mein Freund, der Moser, war Sepps Cousin. Irgendwann ist auch er endlich im Kokoro angekommen. Ich weiß nicht mehr, wer von beiden mir die Geschichte ihres Wiedersehens nach mehr als 20 Jahren erzählt hat.
Der Moser kam ins Lokal.
Der Sepp, in seiner Küche, schaute auf: Griass di.
Der Moser erwiderte den Gruß.
Hasch an Hunger? fragte Sepp.
Ja.
Dann setz di hin und iss.
Und der Moser kam immer wieder.
Der Sepp hat sein Grab besucht: Eh schian.

Und damals, als wir mit dem anderen querköpfigen Koch dort Mittagessen waren und ich fast ein wenig Angst hatte, dass die Sturschädeln aneinander geraten und die beiden nach ganz kurzer Zeit erkannt haben, dass sie zusammen auf der Berufsschule waren und sich immer wieder begegnet sind - am Schiff und so - und so begeistert über ihr Handwerk ihre Kunst philosophierten – tremendous Workmanship and Pride.

Ich habe wunderbar gegessen im Kokoro, ein paar Mal ziemlich gesoffen, viel gelacht und auch um meinen Vater geweint. Herz, eben. Gestern gab es Piratensuppe, heute haben mir Tränen den Tag versalzen. Wenn ein Koch stirbt, gibt er den Löffel ab, hat dieJüngste gesagt, die gestern dabei war, es war ihr ein bisschen peinlich, the Sepp hätte wohl gelacht – ich werde ihn vermissen. Kochen, so wie Joseph Hausberger gekocht hat, ist sowohl Zen als auch eine wunderbare Form tätiger Liebe.

Er hinterlässt eine wunderbare Frau und zwei Kinder und eine Lücke im Leben einiger Menschen.

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Memento!

Vor meinem eignen Tod ist mir nicht bang,
nur vor dem Tode derer, die mir nah sind.
Wie soll ich leben, wenn sie nicht mehr da sind?

Allein im Nebel tast ich todentlang
und lass mich willig in das Dunkel treiben…
Das Gehen schmerzt nicht halb so wie das Bleiben.

Der weiß es wohl, dem Gleiches widerfuhr
- und die es trugen, mögen mir vergeben.
Bedenkt: den eignen Tod, den stirbt man nur,
doch mit dem Tod der andren muss man leben!

Mascha Kaléko
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8
Sep
2009

Zen oder die Kunst zu lieben

So möchte ich lieben können:

ohne zu hoffen
ohne zu glauben
ohne zu fragen
ohne zu sagen
ohne zu fürchten
ohne zu bangen
ohne zu stürmen
ohne zu drängen
ohne zu wollen
ohne zu wünschen
ohne zu denken
ohne zu tun
ohne zu zittern
ohne zu zagen.

So möchte ich lieben können.
Einfach nur lieben.

Doch möchte ich so geliebt werden?

Emportemoi
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7
Sep
2009

Sinnfrage

„Wozu lebe ich noch?“ fragt meine Mutter am Telefon. Sie fragt es nicht zum ersten Mal. Ich habe mein Handy zwischen Schulter und Ohr eingeklemmt, um die Hände frei zu haben. Ich bereite ein Festmahl vor für den Erstgeborenen, für Herrn A. aus B. und Teile der kostbaren, kleinen Informationsgesellschaft, die sich an echten und falschen Freitagen im Stadtsitz von Ersterem einfindet. An diesem falschen Freitag ist ein Auslandsspiel geplant. Bei uns.

Ich kann die Frage nicht beantworten. Das wissen wir beide. Hilflos und zaghaft sage ich: „Für mich? Ich weiß, das ist kein Grund der ausreicht…“ Hochmütig ist es ihr mich, die große Tochter, 500 km entfernt, als Lebenszweck anzubieten. „Weil ich dich liebe..“, ergänze ich ungeschickt. Sie weint. Ich rühre Teig für indonesische Frühlingsrollen.

“Was ist mit mir?“, fragt sie: „Was habe ich noch für mich?“ Einen Menschen würde sie sich wünschen, für den sie leben könnte. Aber woher nimmt man so einen Menschen? Nur mehr zwei Stunden dauert es, bis die Gäste kommen. Der Liebste ist noch unterwegs auf der Jagd nach den exotischen Zutaten, die zur Bali-Küche gehören. Ich schneide Gemüse. Die Mutter schluchzt.

Bald wird die Freundin des Cousins vor der Türe stehen. Sie besucht ein Seminar in der Großstadt und schläft dann bei uns. Psychologie, Traumatherapie. Ob sie heute schon kommen darf, hat sie gefragt, und wir haben ja gesagt, auch wenn ich nicht ganz sicher bin, ob sie sich in der doch recht eingeschworenen und wohl auch ein wenig seltsamen Gesellschaft wohl fühlt.

Dass sie kommt und mit kocht und Gäste da sein werden, erzähl ich der Mutter, um irgendetwas zu sagen, den Tränenfluss, die Klage über das versäumte Leben zu unterbrechen. „Wir hatten so etwas nie, der Vater und ich“, sagt sie: „Freunde.“ Das stimme so nicht, entgegne ich vorsichtig: „Damals, als ihr so alt wart wie wir jetzt…“

Ich kann mich erinnern an die Freunde, an Würfelpoker und das kinderlose Ehepaar, das eine der besten - wenn nicht die beste - Herrenschneiderei in der Stadt hatte. Sie waren so schöne Menschen, voll Lebenslust. Einen Perserkater hatten sie, einen Bungalow mit Bächlein im Garten und jenen faszinierenden Schallplattenspieler, der zehn Platten hintereinander abspielen konnte. Die Erwachsenen tranken Schnaps und Wein, viel gelacht wurde und sie mochten das kleine Mädchen. Irgendwann hatte ich sogar ein Testament der Mutter gefunden – beim verbotenen Stöbern – in dem stand, dass sie sich wünschte, dass die beiden mich im Falle ihres Todes adoptieren. Irgendwann haben wir sie dann nicht mehr getroffen. Ich bin später dann noch manchmal in ihr kleines Geschäft gegangen. Sie hatten beide glänzende Augen und es roch eigenartig. Längst ließ sich kaum mehr jemand dort Anzüge machen. Ich habe Taschentücher – handrolliert - für den Vater dort gekauft – zum Geburtstag - und ein wenig mit ihnen geplaudert. Sie mochten mich noch immer. Dann sind sie gestorben, erst er, dann sie. „Und R und G.?“, frag ich. „Die hatten wir zu der Zeit schon lange nicht mehr gesehen, die haben sich vor allem mit anderen Kinderlosen getroffen.“ Nur selten kreuzen sich unsere Erinnerungen.

Die Schwiegercousine läutet – ich darf auflegen, bin erlöst von den Fragen, auf die es keine Antworten gibt, zumindest keine, die ich geben könnte. Das Herz des Cousins hat seinen Rhythmus noch immer nicht wieder gefunden. Es ist wohl immer schon gestolpert und außer Takt geraten, vielleicht war das mit Schuld, damals als er gehen wollte, diese Stolperer des Herzens, Fehl-Schläge. „Er müsst öfter zu euch kommen“, sagt sie am Ende dieser Nacht gleich ein paar Mal zu mir: „Wegen dem Leben…“

Und dann ein Festmahl mit Menschen, die ich liebe. Große Tafel, acht Personen und exotische Genüsse. Es ist gelungen und hat geschmeckt und die Gespräche waren kostbar wie so oft. „Ich hab das von dir, die Gastfreundschaft“, sag ich der Mutter zum Trost manchmal. Doch eigentlich kann ich mich kaum daran erinnern, dass es ein großes Essen wie dieses gegeben hätte, mit Freunden, mit Familie, mit Wahlverwandten. Meist saßen wir zu dritt am Tisch, manchmal Cousinen und Cousins, manchmal, als ich größer war, gab es Partys mit Pizza. Festmahle mit gemeinsamen Kochen gab es nie.

Das habe ich nicht von ihr – keine Ahnung woher ich’s hab. Eines weiß ich – auch dazu leb ich, für solche Abende, für die Begegnung mit so vielen kostbaren Menschen und wegen dem Leben!

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731 mal erzählt

31
Aug
2009

Rezept für 13 gute Ehejahre

Man nehme:

1. Sich selbst nicht zu ernst
2. Den anderen ernst
3. Liebe
4. Freundschaft
5. Respekt
6. Vertrauen
7. Sex
8. Rausch und Extase
9. Achtung vor der Familie des anderen
10. Die schönste Hochzeit aller Zeiten
11. Einen Erstgeborenen und andere Wahlverwandte
12. Neugier aufs Leben und Spaß daran
13. Drei Fragen achtsam gestellt:
a) Was hat der Liebste für mich getan?
b) Was habe ich für den Liebsten getan?
c) Wie habe ich ihm Schwierigkeiten bereitet?

....und ihn!

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28
Aug
2009

Heimwärts



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25
Aug
2009

Wieder gelandet

Sonntag früh wieder in Europa gelandet, mit Verspätung und daher zurück in den Alltag gelaufen über die endlosen Fließbänder des Frankfurter Flughafens. Sorry – excuse me – Tschuldigung – Anschlussflug – Wo ist A 40 – Bitte – Sorry. Atemlos. Seitenstechen. Viel zu schnell wieder da. Und so ist die Mock Turtle dann doch noch einmal abgehoben und hat in Gedanken und Worten Bali nachklingen lassen, beim Erstgeborenen mit dem Liebsten und Herrn A. Ein falscher Freitag zur sanfteren Landung mit Jazz, Brasil, Serge Gainsbourgh und einem Ausflug in die kleine, feine Informationsgesellschaft.

Das mit den Göttern und Dämonen auf Bali will mich nicht loslassen. Die Opfergaben für das Böse und das Gute, die Gefahr und die Hoffnung, die jeden Tag verlässlich am Fußboden und auf den Altarsäulen deponiert werde. Tausende Blumen werden nur zu diesem Zweck angebaut, Tag für Tag neue Körbchen geflochten, mit liebevollen Arrangements aus Blüten und Reis, Zigaretten und Pfefferminzbonbons gefüllt. Faszinierend daran ist für mich, die ständige Bewusstmachung der Pole unseres Seins. Wir neigen, dazu unsere Götter und Dämonen nur anlassbezogen wahr zu nehmen und ihnen eher heimlich zu opfern. In Bali erkennt man auf spirituelle Art an, dass sie immer da sind im ständigen Widerstreit. Wenn das gute Ungeheuer Barong und die böse Hexe Rangda gegeneinander kämpfen, endet der Kampf stets unentschieden. Wie im Leben eben.

Herr A., hingegen, misstraut dem Aberglauben – und wohl auch dem Glauben. Hier in seiner Heimatstadt wie in Asien, wo er auch seit vielen Jahren zuhause ist. Seine Freundin hingegen neige selbst bei Zahnweh zur Geisterbeschwörung, erklärt er. „Wenn’s hilft“, entgegne ich, denn allzu groß ist der Unterschied zwischen einem Ritual gegen Schmerz und der Einnahme einer der üblichen Tabletten oft nicht. Da und dort wird man mit dem gebrochenen Fuß zum Arzt gehen. Gegen die Neurose, die Angst, die Sucht kann aber vielleicht auch das tägliche Opfer, die Meditation, das Gebet helfen – die Konfrontation mit den Dämonen, der Dank an die Götter. Herrn A. gefiel der Gedanke.

Später dann noch, habe ich mit dem Erstgeborenen ein paar Dämonen ausgetrieben – wir konnten sie auf der Straße davon tollen hören. Auch sie werden wieder kommen – aber dazu muss man ihnen erst die Türe öffnen. da schon besser vorbeugend opfern.

Und dann ein Gruß. Tränen. Und… das Leben meint es gut mit mir.

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747 mal erzählt

20
Aug
2009

Bali: Götterdämmerung

Es ist Mitternacht, als uns Silvana und Ketut vor unserem Hotel abholen. Den kleinen Samy haben sie mitgebracht, seine Mutter wird mit ihm im Auto beim Vulkan übernachten, während sein Vater uns hinaufführt. Jetzt dösen Vater und Sohn Brust an Brust. Ich bin aufgeregt, habe ein wenig vorgeschlafen und fürchte mich trotzdem vor dem nächtlichen Aufstieg auf den Gunung Agung. Fünf Stunden steht im Reiseführer, das will erst geschafft sein. Wir haben die Bergschuhe an, die uns bereits auf unseren ersten Vulkan, den Piton de la Fournaise begleitet haben, und die Regenjacken im Rucksack. Die Trekkinghose habe ich zu Haus vergessen. Jetzt hoffe ich, dass die Baumwollhose, die ich in Ubud gekauft habe auch gute Dienste leistet. Wir haben neue Batterien für die Taschenlampen und jede Menge Wasser in den Rucksäcken.

Fast zwei Stunden fahren wir durch die Nacht. Die Straßen sind oft schlecht und Silvana passt auf, um keines der Tiere, die unseren Weg kreuzen – Frösche, Ratten, Schlangen, Hunde – zu überfahren. Manchmal flimmert ein Fernseher durch die Nacht – auf einer Bale, einer jener offenen Plattformen, die hier zu jedem Haus gehören, die Häuser auch oft ersetzen. Irgendwann regnet es – bei Regen möchte ich nicht gehen. Aber bald zeigt der Mond wieder ein breites Grinsen. Der Tour steht nichts mehr im Weg, höchstens die Angst.

Am Parkplatz sind wir die ersten, knapp vor einem anderen Kleinbus. Die lokalen Guides kommen auf Mopeds. Neugierig nähern sie sich, unterhalten sich mit Ketut und bewundern seinen Sohn. Ketut bietet uns noch einen Schluck Jamu an – eine Art „Energy-Drink“, dessen Zubereitung aus viel Gelbwurzel, Limone und Palmzucker wir am Vortag von den Beiden gelernt haben. Dann steigen wir Stufen hinauf zum Tempel Pura Pasar Agung. Dort entzündet er Räucherwerk. In der Tempelküche brennt Licht. Hinter der Anlage beginnt der Dschungel – und unser Aufstieg.

Der schmale vom Regen ausgewaschene Weg führt fast senkrecht den Berg hinauf, der Gipfel ist dort im Dickicht nicht zu sehen. Manchmal lächelt der Mond durch die Bäume. Ich habe beileibe nicht annähernd so viel Kondition, wie ich geglaubt, erhofft habe. Meine Fußmärsche durch die Großstadt, die Wohnung im vierten Stock ohne Lift, das reicht nicht wirklich als Training für das Besteigen von Bergen. Bald schon bin ich nass vom Schweiß, ringe nach Luft und spüre mein Herz bis in die Schläfen schlagen. Ich verfluche mich, uns, diese blöde Idee. Zu stolz, um so früh schon um eine Pause zu bitten, verzögere ich, durch häufiges Trinken aus der warmen Wasserflasche. Irgendwann wird mir schlecht. Die Männer sorgen sich.

Eine Gruppe junger Franzosen – zwei Mädchen, ein ständig jammernder Bursch – zieht an uns vorbei. Am Weg hinauf werden wir sie immer wieder treffen, mal liegen wir vorne mal sie. Irgendwann geht es dann besser, ich finde einen Rhythmus und wir unterhalten uns mit Ketut. Ich erzähle, dass wir in meiner Kindheit immer auf den Berg gegangen sind und meine Tiroler Verwandtschaft das noch immer tut. Er stellt Fragen über Österreich und erzählt davon, wie er mit Silvanas Onkel in Rostock fischen war. Der hat ihm die Stirnlampe geschenkt, die uns jetzt den Weg leuchtet. Ob man die Krise bei uns spürt, will er wissen. Dass die Leute bei uns in Europa so viel arbeiten, stellt er fest: „In Bali also eight hours – but different“, grinst er. Er achtet gut auf uns.

Manchmal drehen wir uns um. Die Wolkendecke ist aufgerissen und unter uns liegt Bali. Denpasar zeigt uns Ketuk und Klunkung, die alte Königsstadt, wo einst die Holländer Männer, Frauen, Kinder hingemetzelt haben. Einmal legt er eine Zigarettenpause ein. Ich genieße den süßlichen Geruch der balinesischen Zigaretten und vor allem die Gelegenheit zu verschnaufen. Zwischendurch beschwöre ich meine Mantras. Ich denke an die Meditationsmärsche mit Josef, die meist genauso steil bergauf geführt haben, an die Familienausflüge meiner Kindheit. Ich denke: „Nie zum Gipfel schauen, immer nur an den nächsten Schritt denken.“ Und „Nami Amida Butsu“. Nur nicht aufgeben, immer weiter steigen.

Längst haben wir die Baumgrenze hinter uns gelassen und klettern über einen Lavastrom nach oben, manchmal die Taschenlampe im Mund, auf allen Vieren. Ein, zwei Mal verlier ich fast das Gleichgewicht. Andere Gruppen überholen uns. „How far is ist?“, frage ich Ketuk. „Fifteen minutes“, antwortet er – und ich weiß, dass es gelogen ist. Das hat mein Papa auch immer gesagt, wenn es ums Durchhalten ging. Der Wind singt, Ketuk weist uns darauf hin. Die Sterne sind zum Greifen nah. Und plötzlich ist die letzte Hürde überwunden.

Am Gipfel treffen wir auf eine bunte internationale Gesellschaft, ein schier babylonisches Sprachgewirr ist zu hören. Die einheimischen Guides schenken Kaffee aus. Die Menschen lachen und singen. Unter den Guides ist auch ein fröhliches einheimisches Mädchen mit Marienkäferhandschuhen. „My sister“, erläutert einer, der an diesem 15. August schon zum neunten Mal in diesem Monat auf dem Vulkan war. Beim Abstieg wird er die leeren Plastikflaschen einsammeln, die Touristen achtlos weggeworfen haben. So schöne Gesichter. Ketuk sitzt an einen Felsen gelehnt und raucht, stolz und zufrieden.

Der Himmel färbt sich rosa und die Vulkane von Lombok tauchen aus den Wolken auf. Und in mir wird es still. Tränen fließen. Ich spüre das Göttliche. Die Sonne geht auf. Mein Vater ist bei mir. Ich bin unendlich glücklich, dass ich all das erleben darf, kann. Ich küsse den Liebsten, der seit 20 Jahren bei mir ist an finsteren Tagen und in hellerleuchteten Nächten, der mit mir Vulkane besteigt und auf den Grund des Meeres taucht. Die Sonne geht auf. Im Krater wächst ein Bäumchen.

Der Weg hinunter ist fast noch härter als der Aufstieg. „It’s a hard way to the top and even harder to go down”, tönt es in meinem Kopf. Meine Füße schmerzen, ich habe wenig Kraft, kaum Trittsicherheit, mehr als einmal rutsche ich aus und falle auf meinen Hintern. Erst jetzt, am Morgen, offenbart sich die ganze Schönheit dieses Berges. Der Übergang von den Lavaströmen des letzten Ausbruchs zum Dschungel mit wunderbaren Blumen, Mimosenbäumen, Tamarinden. Eine Affenherde scheint sich über uns lustig zu machen. Und dann nach endlosen Stunden sind wir endlich wieder beim Tempel angekommen. Wir spenden dem Tempelwächter, werfen noch einen letzten Blick hinauf und steigen die Treppen zum Parkplatz hinunter. Der Liebste nimmt mich an der Hand. Jeder Schritt tut weh.

Die ersten Gläubigen kommen uns entgegen. Frauen in wunderschönen weißen Blusen, Blumen im Haar und viereckige Körbe am Kopf. Darin befindet sich alles, was sie für die Zeremonien im Tempel brauchen und Essen, das hier gemeinsam verzehrt wird und von dem ein Teil quasi geweiht nach Hause getragen wird. „Selamat pagi“, grüßen wir uns. Am Parkplatz stehen die Männer und rauchen.

Silvana hat uns erwartet. Sie ist stolz auf ihren Mann, beneidet uns um die Tour, das Erlebnis. Wir sitzen noch eine Weile auf den Stufen und reden. Ketut hat seine Zigarettenstummel wieder vom Berg herunter genommen, bemerkt sie und ist strahlt ihn an. Auf der Rückfahrt schläft er mit Samy auf der Brust im Auto, auch wir nicken immer wieder ein. Irgendwo hält Silvana und kauft uns Bakso – köstlich scharfe Suppe, wie sie hier überall auf den Straßen angeboten wird. Sie schmeckt und tut unendlich gut.

Wir sind sehr müde, als wir beim Hotel ankommen. Aber voll Glück und Dankbarkeit. Bergkameradschaft fällt mir ein, der arg strapazierte Begriff aus meiner Heimat. Wir sind Freunde geworden und werden uns wiedersehen.
Danke.

34
1588 mal erzählt
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Mock Turtle

Sit down, both of you, and don't speak a word till I've finished

Who sits there?

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Gruß nach drüben
Der Vater - der großartige Walter Deutsch ist am 13....
katiza - 18. Feb, 16:53
Wenn ich schon geahnt...
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