7
Sep
2010

Herbst-Blues

Jetzt kam der Herbst, jene unglückliche Zeit, in der er wieder rasch zum Mittelpunkt jeder Party wurde.

„Hast du bitte die Eva gesehen? Das gibt es doch nicht!“

Wie er es hasste, wenn sich diese widerlichen Menschen um ihn scharten.

„Geh hast a Feuer?“

Der Kopf surrte ihm von ihren hohlen Gesprächen.

„Und dann sagt er doch glatt zu mir, dass der Job schon vergeben ist.“

Ob er auf sie herabblickte?

„Ich brauch noch ein paar Tage Urlaub im Herbst, sonst halt ich das nicht aus…“

Selbstverständlich, blickte er auf sie herab.

„Du schaust übrigens ganz toll aus, das muss ich dir einfach sagen.“

Sie wollten von ihm beschirmt werden, sie suchten seine Wärme, waren die Nutznießer seiner Energie.

„Ich mach ja jetzt Bikram-Yoga, heiße Sache.“


Und zum Dank nebelten sie ihn ein, bliesen ihren Rauch wie ihre leeren Worthülsen aus.

„Ich liebe diesen Mann, sagte ich das bereits.“

Er schwieg, er lachte auch nicht über ihre Witze.

„Bist du auf facebook?“

Manchmal fühlte er sich ebenso hohl wie sie.

„Wenn ich dir sage: Nagelneu!“


Und doch unter Strom.

„Du, 120 Euro, vier Gänge – schreckt mich gar nicht.“


Fast immer hatte er den Eindruck auf bleiernen Füßen zu stehen.

„Und dann erklärt er mir, dass er das längst gewusst hat.“

Vielleicht war es ja sein Fehler.

„Ich lass vor der Kuh doch nicht so weit die Hosen runter.“

Weil er an all das nie geglaubt hatte.

„Ich weiß nicht, was die Leut haben…“

Aber wer konnte schon ahnen, dass man als Heizpilz wiedergeboren werden kann…
verdammt schlechtes Karma.

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1011 mal erzählt

31
Aug
2010

14 Jahre

Mit 14 Jahren wusste ich Bescheid; über alles; das Gute und das Schlechte; Wahrheit und Lüge; lieben und leben; schwarz und weiß.

Mit 14 Jahren war ich voll Sehnsucht; nach Liebe und Sex; Freiheit und Gerechtigkeit, Leben und Freundschaft; wissen und verstehen.

Mit 14 Jahren schrieb über die Leere, die Einsamkeit, den Krieg, Männer, Frauen, Kinder, meine Mutter, meinen Vater, die Zukunft und den Tod.

Gestern vor 14 Jahren habe ich geheiratet – kein Wunder, dass sich unsere Ehe manchmal lebt wie ein Teenager.

Mit 14 schrieb ich in mein Tagebuch: „Wir leben in einer Welt, die die Vernunft anbetet und predigt und eines Tages gliedern sie uns ein und wir werden endlich, endlich vernünftig. Warum gibt’s da kein Gesetz jeder der bei der Vollendung seines 14 Lebensjahres ist, hat bis auf Widerruf (durch Vernunftspersonen) vernünftig zu sein.“

Und misstraue immer noch der Vernunft!

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1687 mal erzählt

25
Aug
2010

Carmen-Story

Sacromonte mittags im August ist mindestens so heiß, wie ich mir Sacramento vorstelle. Zugegeben der Kalauer ist irgendwie billig, begleitet aber um 14 Uhr in glühender Hitze jeden meiner Schritte. Immer bergauf durch verwinkelte Gassen vorbei an Flamenco-Bars, Häusern und Höhlen, weit und breit kein Mensch, nicht einmal Touris wie wir.

Und dann dieses wunderbare Stilleben: Am Ende einer Steigung sitzt eine alte Frau auf einem Schattenbankerl, zu ihren Füßen Katzen. „Fotografier das“, weise ich den Liebsten an, der den Fotoapparat schussbereit um den Hals hängen hat. Später merke ich, dass die Frau in der lila Kittelschürze wahrscheinlich so alt wie ich ist und mit dem Handy telefoniert.

Wort für Wort dringt das Gift über ihr Ohr in ihre Seele ein. Carmen hatte sich vor die Türe geflüchtet als der Anruf kam, Jose zelebriert seine Siesta lang ausgestreckt im gemeinsamen Ehebett. Er war spät nach Hause gekommen. Drei bis vier Mal die Woche spielt er Gitarre in einer der Flamenco-Zambras. Früher hatte sie dazu getanzt aber das war lange her, fünf Kinder und ein Leben. Heute zieht er allein los und sie weiß, dass er nicht allein bleibt. Carmen fühlt sich alt und müde. Und jedes Wort, das ihre Freundin Ana ins Telefon zischte, machte sie noch älter und müder. Wut, Verzweiflung, Einsamkeit treiben ihr die Tränen in die Augen.

Ausgerechnet jetzt schwitzten Touristen den Hügel herauf, ein langhaariger Typ mit Fotoapparat, eine Frau, wie blöd musste man sein, um in der Mittagshitze durch die Gegend zu spazieren? Carmen hofft, dass sie vorbeigehen, aber die fremde Frau mit dem roten Rucksack nimmt auf der Bank neben dem Brunnen in der prallen Sonne Platz und der Langhaarige fotografiert sie. Carmen will weg.

Kurz begegnen sich unsere Augen – die Frau in der Kittelschürze weint. „Setz dich dahin“, sagt der Liebste und leicht genervt leiste ich seiner Aufforderung Folge, hatte ich mich doch so oft beklagt, dass er mich so selten fotografiere. So halte ich also still, schau schön, während die Frau ins Haus gegenüber eilt. Warum sie wohl weint? Die Katzen weinen auch. Ein junger Mann mit nacktem Oberkörper kommt mit der Schubkarre vorbei, er lächelt mich an. Der Liebste steigt weiter nach oben in Richtung Kirche. Die Hitze ist unerträglich. Auf dem kleinene Brunnen steht ein Satz, den ich nicht verstehe, von dem ich aber weiß, dass er schön ist.

Fremd fühl ich mich, als Eindringling. Auch dort oben gebe es Höhlen, neuere, frisch gegrabene, berichtet der Liebste, Aussteiger wohnten dort. Ich soll sie mir ansehen. Ich will nicht weiter stören, dränge darauf weiter zu gehen, das Museum zu suchen. Wir gehen an dem Haus vorbei, in dem Carmen verschwunden ist. „Esta mujer, esta mujer, esta mujer..“, höre ich sie drinnen schreien, Jose wird wohl jetzt wach sein.

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1931 mal erzählt

16
Aug
2010

Villa Verdi(e)n(t)

Es ist schon seltsam mit den kleinen elektronischen Freunden, die uns Leben und Kommunikation erleichtern, manchmal scheinen sie lebendig, wie mein neues Handy dessen Rechtschreibprogramm den Namen meines derzeitigen Aufenthalts elegant in Villa Verdient umgewandelt hat. Und verdient hab ich sie mir die drei Tage Sommerfrische am Millstätter See, noch Sommer, schon frisch. Dabei hatte ich gerade Urlaub, hab mit dem Mann Andalusien erfahren mit allem Drum und Dran, Sevilla, Cordoba, Granada, Alhambra, Landschaft, Moscheen, Kirchen und gutes Essen, feine Weine, verloren geglaubte Nähe beim gemeinsamen Reisen. So scheint es mir fast unverschämt, dass wir uns jetzt noch Urlaub vom Urlaub nehmen, hier in dem feinen, kleinen Hotel.

Es schüttet, als wir ankommen und das türkise Zimmer beziehen, Seeblick haben Gianni und Tom für uns reserviert. Wir haben hier einmal Silvester gefeiert, vor keine Ahnung wie vielen Jahren, mit Freunden und Bekannten, auch solchen, die nicht nur uns bekannt sind, Medienmenschen, Szeneleuten. Und doch war es fein und besonders und hat den Wunsch keimen lassen, wiederzukommen.

Das erste Bier hole ich unten an der Bar, direkt bei Gianni, dem zarteren der beiden Hausherren und melde uns gleich fürs Abendessen an. Das Auge freut sich über all die vertrauten Bilder, die kitschig schön gestalteten Winkel und Ecken der alten Villa. Hier ein Buddhagesicht, dort eine Kleiderpuppe mit Pelzjäckchen. Eine Diskokugel zaubert bunte Lichter in den Vorraum, Kerzen erhellen die Tische. Schöne Menschen sieht man hier. Kein Fernseher weit und breit, nur Bücher und Zeitschriften überall, stapelweise in den Gängen auf den Zimmern. Als wir oben mit dem Bier anstoßen klingt von unten „Somewhere over the rainbow“ durchs geöffnete Fenster. Passt.

Die Bobos machen Urlaub hier, die schönen, jungen, hetero- und homosexuell, paarweise, mit Kindern und Hunden. Zwei alte Damen aus Ungarn ebenfalls. Den großen Tisch teilen wir mit Einheimischen, vertrauten Kärntner Singsang im Ohr, Vorurteile im Kopf. Nordslowenien.

Im kühlen klaren See schwimmend denke ich an meinen Vater. Er hat Wasser geliebt, ist so gerne geschwommen. Das Wasser hat ihn wohl leicht gemacht, die dünne Haut sanft umspült und das Schwimmen hat ihm das Atmen erleichtert. „Er hätte so gerne noch einmal ein Vollbad genommen“, hat die Mutter irgendwann erzählt.

Heute dann Massage. Evas wissende Hände erreichen schnell den Schmerzpunkt - „zwischen Herz und Kopf ist ein Knoten“, sagt sie und spricht von Liebe und Loslassen. „Ich lasse los“, sage ich, stoße die Worte aus, wie die Atemzüge und merke doch, wie ich etwas zurückhalte im Gewirr der Gedanken Eva arbeitet es aus meine Körper, manchmal hält sie inne und atmet für mich aus, lässt für mich los, ich spüre, wie sie spürt. Es ist gut, tut gut.

Auf dem Kleid, das ich trage steht: Danke mir geht’s gut!
In meinen Augen auch.

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1715 mal erzählt

5
Aug
2010

Ehrenwerte Besucherinnen, geschätzte Besucher,

Jetzt spielt's Granada:



In spätestens 12 Stunden wird mir so manches spanisch vorkommen - ich verabschiede mich in Richtung Siesta,

stets Ihre Mock Turtle

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1217 mal erzählt

Mutter:Liebe

„Und dann hat mich deine Mama rausgeworfen.“ Sie war die beste Freundin der ersten zehn Lebensjahre. Wir waren unzertrennlich und haben uns geliebt, zwei kleine Mädchen, die zusammen spielten, Geheimnisse teilten, ja sogar gemeinsam auf dem Klo saßen. Jetzt ist sie eine schöne Frau, hat selbst drei Kinder, die mich begrüßen, als wäre ich ihnen schon längst vertraut. Sie wissen, dass ich eine Bücherratte war und dass mir ihre Mutter von meiner Mutter immer als leuchtendes Vorbild hingestellt wurde, weil sie so sauber war und ordentlich, nicht verträumt, wild, chaotisch, mit stets schmutzigen Fingern wie ich. Das mit dem Rauswurf wissen sie hoffentlich nicht. Ich wusste es nicht – all die Jahre, die ich die Vertraute so vermisst habe, all die Jahre bis sie mich wiedergefunden hat. Ich schaue sie mit großen Augen an, wir sitzen uns gegenüber im Fischrestaurant. Eigentlich wollte die Mutter mitgehen an diesem Abend, aber dann war sie doch zu müde und ließ mich mit der Freundin alleine ziehen.

Sie brauche nicht mehr zu kommen und anzurufen auch nicht, habe sie der Zehnjährigen erklärt. Die kleine Turtle ginge jetzt aufs Gymnasium und habe andere Freundinnen, besser passende. „Und das war nicht der erste Rauswurf, aber an den habe ich mich gehalten“, sagt die Freundin, deren Hand ich drücke. Wir weinen. Ich bin fassungslos. Ich schäme mich, für meine Mutter und auch ein wenig für mich, weil ich nicht um diese Freundschaft gekämpft habe, weil ich nicht weiter den Kontakt gesucht habe. Ich versuche mich zu erinnern, wie es war die Freundin zu verlieren.

In der Arbeitersiedlung nebenan habe ich als Kind viele schöne Stunden verbracht, wohl ein paar der schönsten. Ich fühlte mich wohl in den kleinen Wohnungen mit den Kohleöfen und den Klappbetten, mit Zeichen des erarbeiteten Wohlstands der späten Sechziger Jahre: Großen Puppen in gehäkelten Kleidern, venezianischen Gondeln, Souvenir vom Jesolo-Urlaub, aus Bibione, vom Brennermarkt. Kelomats und Fädenlampen. Ich habe als Kind dort Kekse gebacken mit Kochmütze und Schürze. Ich mochte das Leben und die Menschen in diesen Wohnungen, Männer, die mit flüssigem Eisen an Hochöfen arbeiten, weiche Frauen in Kittelschürzen. Ich mochte es durch Stiegenhäuser zu tollen und sich an den Knien von Teppichstangen hängen zu lassen. Ich war dort glücklich, vielleicht sogar glücklicher als im Haus nebenan. Dann zog die Freundin weg in eine andere, neue Siedlung in den neuen Ortsteil. Auch dort besuchte ich sie gerne, ihre Mutter briet uns „Arme Ritter“, wir hörten Schallplatten wie „Ein Abend auf der Heidi“ und kicherten. Und irgendwann war das nicht mehr.

In dem Fotoalbum, das ich mitgebracht hatte, um ihren Kindern Bilder aus der gemeinsamen Zeit zu zeigen, rutschen Fotos der anderen Freundin, der besser passenden, Anwaltstochter wie ich. Viel Bemühen steckte in dieser Freundschaft, wirklich innig wurde sie nie und es blieb schwierig mit den Mädchenfreundschaften. Die beste Freundin ein Laben lang hätte ich mir manchmal gewünscht. Mit der anderen Anwaltstochter bin ich auf Facebook befreundet. Kein weiterer Kontakt. Und noch eine Freundin war da in den Jugendjahren. Hallerin wie die Mutter und von dieser zwischen geduldet und vereinnahmt. Weit weg, so oder so. Unachtsam habe ich viel Menschen verloren.

Auch die vielen Freunde der Eltern fallen mir ein, die eine Zeit lang mein Leben intensiv begleitet haben und dann verschwunden sind. Weil sie dem strengen Urteil der mutter nicht mehr genehm waren? Nicht passend? Ich fühle mich bestohlen. Und auch da das alte Gefühl von Scham. Und Vermissen. Und Sehnsucht. Und Haß.

Spät nachts ruft die Mutter am Handy an, weil ich noch immer nicht zu Hause bin. Sie meldet sich nicht. Der stumme Anruf ist ihr Zeichen genug. Ist auch mir Zeichen genug. Ich dränge die Freundin zum Aufbruch. Wir trinken aus. Ich versuche ungeschickt die Mutter zu entschuldigen. Ich weiß schon jetzt, dass ich sie nicht zur Rede stellen werde. Ich versuche auch das zu erklären, zu entschuldigen. Die Freundin versteht es. Sie versteht alles, ist einfach wieder da und in ihren Augen komme ich heim.

Ich stelle sie nicht zu Rede. Weil es keinen Sinn hätte. Weil sie wahrscheinlich lügen würde, oder sich nicht erinnern könnte. Weil es bloß die wiedergefundene Freundschaft gefährden würde, Treffen mit der Freundin bei zukünftigen Heimatbesuchen erschweren würde, weil ich Angst habe, Angst vor ihr, vor ihrem Haß, den Worten, der Bosheit, den Nadelstichen, vor ihrem Tod, vor ihrem Schmerz, vor meinem Zorn. Weil ich sie liebe, schmerzhaft, qualvoll liebe, wie sie mir von klein auf geboten hat, sie zu lieben.
Weil sie meine Mutter ist.

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1984 mal erzählt

27
Jul
2010

Gefunden

"Ich habe einen kleinen Schlüssel von dir gefunden", grinst der Erstgeborene: "Zuerst dachte ich, der wär vielleicht zu deinem Tagebuch - aber das steht ja im Internet."

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1698 mal erzählt

25
Jul
2010

Adieu, Herr Walter

„Wenn so was passiert, dann immer im vierten Stock“, meinen die Feuerwehr- und Rettungsmänner als sie bei uns oben ankommen. Wir lachen, der Gatte, die ehemalige Fahrschulbesitzerin und ihr Enkerl Maurice. Sieben, acht Jahre ist er, ein hübsches Lausbubengesicht, eine zu große Uhr am Handgelenk, Brasiliendress. Vor einer Stunde sind stand er mit ebenso neugierigen Augen hinter der Großmutter, die bei uns angeläutet hatte. Man kennt sich schon lange, vom Verschnaufen beim Stiegen steigen, Eier ausleihen, auf die Hausverwaltung schimpfen und lachen und auch weinen schon. Ich war gerade beim Frühstück machen, Brot schneiden, musste mir schnell ein Kleid überwerfen, den Gatten warnen, der im Bett mit angerichtetem Brunch wartete. Lazy Sunday eben, nicht easy, auch ein paar Tränen, wie’s halt so ist manchmal an einem regnerischen Sonntagmorgen.

Und da waren die Beiden. Die Frau mit dem schönen Namen entschuldigte sich: „Ich hab den Walter schon eine Woche nicht gesehen.“ „Die ganze Woche“ hält sie in Händen und ein Bezirksblatt. Beweisstücke, die sie ihm mittwochs vor die Tür gelegt hatte. Und dass er sie immer anrufe, wenn er am Licht erkenne, dass sie – einen Stock unter ihm – auf der Toilette wäre. Den Hof habe er ihr gemacht, lässt sie durchscheinen. Schon früher hatte er bei ihr übernachtet, wenn ihn Püppi vor die Türe gesetzt hatte. Und angerufen habe sie auch regelmäßig und ihm gesagt, dass er anrufen soll, falls er ins Burgenland fährt.

Das Licht brennt hinter der Türe. Als ich am Mittwoch spät heimgekommen bin, hab ich es brennen gesehen. „Der W ist noch wach“, hab ich zum Gatten gesagt. Wird wohl saufen, hat er geantwortet. Seit Püppis Tod haben wir ihn nicht mehr nüchtern gesehen. Unsere Essenslieferungen haben wir eingestellt, weil er sich jedes Mal bemüßigt fühlte, sie mit einer Flasche Wein zu bezahlen. „Den soll er selbst trinken“, haben wir uns gesagt: „Er kann ihn brauchen.“ Auch das Fenster stand seit Tagen offen. Wir klopften und klingelten noch einmal, der Gatte und ich. Dann hab ich die Polizei angerufen. „Der Trottel, wenn der jetzt nur besoffen in der Gegend herum liegt“, sagte die Fahrschulbesitzerin. Wir sahen uns in die Augen. Wahrscheinlich glaubte das nicht einmal Maurice.

„Überall steht Wien drauf“, bemerkt der Bub angesichts der acht Uniformierten die sich an der Türe des Nachbarn zu schaffen machen. Als allererstes haben sie das Aquarium weggeräumt, den obskuren Türschmuck der Ws. Ich fühle mich bemüßigt dem Kind etwas über Berufsrettung und -feuerwehr zu erklären, um es, mich abzulenken vondem hinter dieser Türe. „Lebte er allein?“ will der hübsche Rettungsmann wissen. „Die Frau ist vor sechs Wochen gestorben“, antworte ich. „Vielleicht hat er sich erhängt“, mutmaßt der Retter mit illustrierender Geste: „Dann müssen wir ihn runter schneiden.“ Barfuß am Gang frage ich mich, ob er mit mir flirtet.

Ein dicker Polizist kommt nun die Treppen herauf geschnauft. „Immer im vierten Stock“, keucht er oben angekommen. Die anderen lachen. Wir auch. „Dabei müssen wir des täglich gehen“, sagt die Fahrschulbesitzerin. Maurice schaut. Die Türe ist noch immer nicht offen, als eine Polizistin folgt. „Immer im vierten Stock passiert so was.“ Alle lachen und ich frage mich, was so was ist, sein könnte. Den Revolver hätten wir wohl gehört. „Das müsste er hören“, sagt die Nachbarin aus dem dritten Stock, als der Türstock kracht. Ich nicke. „War‘s doch gut“, dass Sie angerufen haben“, ergänzt sie. Angst und Trauer liegen in der Luft. Das Kind beobachtet. Ob er einen Hund hatte, will einer wissen. „Der hätt sich schon längst gerührt“, erklärt die Polizistin. Als die Türe offen ist, lässt sie sich von ihrem Kollegen Tigerbalsam geben und streicht ihn unter die Nase. „Schaut‘s auch im Bad, sagt die Fahrschulbesitzerin: „Da hat er jetzt geschlafen.“ „Wir schauen überall“, antwortet ihr ein Feuerwehrmann, der neben der Bassena lehnen bleibt.

Im Bad haben sie ihn gefunden. Kein schöner Anblick, sagt die Polizistin, als sie meine Personalien aufnimmt. Im Rausch verstorben wahrscheinlich. Ich will nicht fragen, keine Einzelheiten. Die Frau mit dem schönen Namen und ihr Enkerl gehen wieder nach unten. Ich brauch kein Frühstück mehr. Ich werde heute noch auf Herrn Walter trinken. Sein Lächeln wird mir fehlen und sein „Gnädige Frau.“ Die Scherze, die er mir hinter vorgehaltener rechter Hand erzählt hat in der Linken die braune Aktentasche, deren Inhalt mir für immer ein Rätsel bleiben wird. Bald wird sein Auto weg sein, das Aquarium, der Holzblumenstrauß, der Tischkalender, die Bärchen, die Mickeymouse-Ohren..

Ich bin nie dazu gekommen, ihn zu fragen, wo seine Püppi begraben ist. Dort wird wohl er auch liegen. Vielleicht frage ich die ehemalige Fahrschulbesitzerin mit dem schönen Namen. Vielleicht. Jetzt trink ich ein Glas Wein, auf den Herrn Walter und seine Püppi, Nachbarn im vierten Stock

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1364 mal erzählt

23
Jul
2010

Zu Kreuze kriechen

Da kehre ich nun also zurück in den Schoß der Mutter Kirche. Vor mehr als zehn Jahren bin ich ausgetreten, Anlass war dafür keiner mehr nötig, Gründe gab es mehr als genug. Eher war es vielleicht verwunderlich, warum ich so lange bei diesem Verein geblieben war. Der Glaube war mir schon 20 Jahre vorher abhanden gekommen.

Dabei wäre die kleine Turtle ein dankbares Schäfchen gewesen. Die halbjüdische Großmutter hatte mich das Beten gelehrt, die Bibel las ich mit Begeisterung und in den masochistisch angehauchten Fantasien meiner Kindheit erschien mir Märtyrerin ein erstrebenswertes Berufsziel. Ja, das konnte ich mir gut vorstellen: Für meinen Glauben leiden, für meinen Glauben sterben. Der Herr Pfarrer, ein hagerer, verbissener Mann, der für den Religionsunterricht in der Volksschule zuständig war, verstärkte meine SchuldundSühneLeidensGlaubensannäherung noch durch Schreckensvisionen vom Fegefeuer und strenge Strafen wie Eckenstehen, Schranzhocke und Scheitelknien. Selten musste ein Mädchen so Buße tun,die kleine Turtle hat es geschafft. Was sie nicht geschafft hat, war Ministrantin zu werden, das blieb ihr damals Anfangs der 1970er in Tirol versagt. Der Kirche nahm sie das ein wenig übel und bewegte sich den ersten Schritt weg vom Glauben.

Mit dem Gymnasium, Bergen von Büchern und der Pubertät folgten weitere Schritte, jeder schneller und größer als der vorige und irgendwann zwischen Böll und Sartre hörte die Turtle auf, an Gott zu glauben. Den Religionsunterricht beim kleinen Prof im weißen Mäntelchen, das sonst nur den Biologie, Physik und Chemie unterrichtenden Kollegen vorbehalten war, besuchte ich weiter. Dort lernten wir vor allem über den Kirchenausbau samt Lichtorgel unseres Professors und über die Höhlen von Qumran. Um den Lageort letzterer zu illustrieren mussten immer wieder Landkarten aus dem Geographiekammerl geholt werden. Stets wurde ein Bub dafür ausgewählt den kleinen nach viel zu viel Rasierwasser duftenden Mann im weißen Mäntelchen zu begleiten. Jahre später hörte ich, die Buben, die Ministranten und das Kammerl seien ihm zum Verhängnis geworden. Es überraschte mich kaum.

Während der Studienjahre übernahmen die Eltern die Kirchensteuer, damit ich ein christliches Begräbnis bekäme, erklärte die Mutter. Der Vater sagte nichts und zahlte. Erst jetzt nach seinem Tod erkenne ich langsam, dass er wohl sein sehr gläubiger Mensch gewesen ist. Auf unseren Reisen und Ausflügen konnte er an keiner Kirche vorbeigehen, ohne sie zu betreten, eine Kerze anzuzünden und sich auf ein paar Minuten in die hölzernen Sitzreihen zu quetschen – versunken sah er aus, wohl in ein Gebet. Ich sehe ihn auch einen Laib Brot anschneiden und vorher mit dem Messer das Kreuzzeichen an die Unterseite malen und ich spüre noch immer jenes Kreuz, das er mir so oft mit dem Daumen zärtlich zum Abschied auf die Stirn gemalt hat. Unser letzter gemeinsamer Spaziergang durch das fremd gewordene Heimatdorf führte uns erstmals gemeinsam – bei meiner Erstkommunion war er wie oft verhindert - in die Dorfkirche und schließlich auch zum Kugeltoni, einem Bild des heiligen Antonius, 1809 durchlöchert von den Kugeln der Franzosen, in einer kleinen Kapelle.

Mir aber blieben Gott und Kirche fern. Geheiratet haben wir dann aber doch auch kirchlich. „Die haben Jahrhunderte Erfahrung und bieten daher die beste Show“, rechtfertigte ich die Inkonsequenz – und erst das Hohe Lied der Liebe. Getraut hat uns ein lebenslustiger Abt, der vor Eintritt ins Kloster als der schnellste Saustecher Niederösterreichs war und uns zum Eheunterricht ein feines Weinchen kredenzte.Fünf Jahre später bin ich dann endlich ausgetreten. Ohne Anlass, mit vielen Gründen.

Und doch, auch wenn mir Gott und Kirche fern sind, habe ich dem Neffen letztes Jahr gar eine Bibel weil er sich für Gott interessiert und weil ich das Buch mag und es untrennbar mit unserer Kultur verbunden ist. Ich hab gefragt vorher, ob ich das darf. Und ich hab nachgeschaut nachher, er hat darin gelesen, ein wenig zumindest.

Und jetzt Mimi und die große Ehre ihre Taufpatin sein zu dürfen, als Ausgetretene geht das aber nicht und im heil’gen Land schon gar nicht. Und so beschloss ich das Comeback. Mit offenen Armen wurde ich aufgenommen im Haus gegenüber von einem Priester, der dieselbe Hautfarbe hat wie mein Patenkind. Morgens wenn ich meditiere schau ich immer auf das Kirchendach. „Glaube, Hoffnung und Liebe“ hat Schubert zur Glockenweihe dieser Kirche geschrieben. Der schwarze Pfarrer hat eine kleine Zeremonie mit mir abgehalten, zwei Pfarrsekretärinnen standen mir als Zeuginnen zur Seite – in meinem Freundeskreis hätte ich niemanden gefunden, der noch dabei ist.

Zu viert standen wir in der Antoniuskapelle und das half ein wenig. Beim Glaubensbekenntnis stieg aber der alte Widerspruch in mir auf, vor langer Zeit hatte ich aufgehört es bei den seltenen Gottesdiensten mitzumurmeln, jetzt musste ich laut und deutlich vom Blatt lesen. Und so log ich, log für Mimi, log beim Vater Unser und bei der Kommunion. Und ließ mich doch ein wenig von der Vetrautheit der Worte auffangen – wie auch wir vergeben unsern Schuldi gern. Geld wollten sie keines, ich hab gespendet und im Kreuzgang mit Fürbitten-Tafeln noch eine Kerze für Papa angezündet. Über mir hängt Jesus: Gloria.

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1613 mal erzählt
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Mock Turtle

Sit down, both of you, and don't speak a word till I've finished

Who sits there?

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katiza - 18. Feb, 16:53
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katiza - 22. Feb, 15:42
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